Kein Grund zum Anstoßen

von Michael Prellberg

Thomas Veszelits tut sich schwer damit, Versandhauskönig Josef Neckermann als skrupellosen Opportunisten zu entzaubern. Auf der Strecke bleibt die Wahrheit.

Manche Gräben klaffen unerwartet weit, etwa der Graben zwischen "Wahrheit" und "Fairness". Thomas Veszelits will fair sein gegenüber Josef Neckermann. Fair heißt, das Vertrauen von Neckermann-Sohn Johannes nicht zu missbrauchen und die Freundschaft mit dem "lieben Dieter" Heisig, dem Gatten der Neckermann-Nichte Marlene, nicht aufs Spiel zu setzen. Fair heißt für Veszelits: das Positive sehen und betonen.

Auf der Strecke bleibt die Wahrheit. Mit "Wahrheit" ist gemeint, für eine Biografie nach gründlicher Recherche alles nach bestem Wissen aufzuschreiben. Das ist Veszelits nicht gelungen: Negatives über den Versandhauskönig aus der Wirtschaftswunderzeit schiebt er weg. Darin liegt eine beachtliche Verdrängungsarbeit, denn Josef Neckermann war ein tyrannischer Despot, als junger Erwachsener ein widerwärtig eitler Fatzke, später ein skrupelloser Opportunist.

Es verbürgt Veszelits' Anspruch auf Fairness, dass er diese Charakterschwächen nicht verschweigt. Aber er müht sich, sie in den Hintergrund zu drängen. Veszelits entsagt der Rolle des Biografen und schlüpft in die Robe des Verteidigers.

Einen Verteidiger hat der 1992 verstorbene Josef Neckermann durchaus nötig. Hinter der Fassade des Versandhauskönigs, Dressurreiters und Sporthilfechefs lugt das hässliche Antlitz eines Geschäftemachers, dem es egal ist, mit wem er sich einlässt. Hauptsache, es ist lukrativ.

Kohlenhändler im väterlichen Unternehmen war Josef Neckermann, als die Nationalsozialisten die jüdischen Geschäftsleute enteigneten und "arische" Deutsche billig zuschlagen konnten. So kam Neckermann 1935 für die läppische Summe von 50.000 Reichsmark an zwei Kaufhäuser in seiner Heimatstadt Würzburg. Drei Jahre später übernahm er in Berlin den Versandhandel von Karl Amson Joel, das viertgrößte Fachunternehmen Deutschlands.

Widerspruch der NS-Bonzen brauchte der damals erst 26-jährige Neckermann nicht zu fürchten, schließlich war der seit 1933 bei den SA-Reitern. Da war mehr im Spiel als die Begeisterung für die Reiterei: Im Mai 1937 befand ihn die NSDAP "nach eingehender Prüfung für würdig, der Partei beizutreten", schreibt Neckermann in seinen Erinnerungen.

Diese Quelle zapft Veszelits am häufigsten an. Ein Fehler, denn Josef Neckermann war erkennbar interessiert an Legendenbildung in eigener Sache. Da seine Kinder diese Legende nicht zerstören wollen und Veszelits keine Lust auf aufwändige Recherche hatte, käut er mangels besseren Wissens die Legende wieder und hilft so dabei, Behauptungen in Fakten zu verwandeln. Den Parteigenossen 4.516.510 würde es freuen.

Der machte Karriere als Leiter der Reichsstelle Kleidung, meldete sich zur SS, pflegte enge Freundschaften zu NS-Bonzen, dinierte am 53. Geburtstag Adolf Hitlers am Tisch des "Führers", erhielt das Kriegsverdienstkreuz Erster Klasse und lieferte Uniformen für Hitlers Krieg - und dachte sich nichts dabei. "Ich hatte nicht das geringste Bedürfnis, in Schwierigkeiten zu geraten", schreibt Neckermann in seinem Lebensrückblick und erteilt sich gleich die Absolution: "In politischen Dingen liegt mir keine tätige Opposition. Ich tauge nicht zum Märtyrer." Es ist eine imponierende Leistung von Teflon-Josef, sich mit verbrecherischen Machthabern einzulassen, ohne dass allzu viel Schmutz an der eigenen, gern weiß gehaltenen Weste haften bleibt.

Aber taugt ein gescheiterter Märtyrer zum Kaufhaus- oder Versandhandelschef? Ja, schreibt Veszelits, weil Neckermann ständig neue Einfälle hatte - etwa Gardinen auf Maß nähen und bei den Kunden zu Hause aufhängen zu lassen. Weil er täglich mehrmals seine Kaufhäuser inspizierte und dabei erspürte, was Kunden und Angestellte beschäftigte.

Klingt toll, muss aber nicht stimmen. Schließlich gibt Neckermann in seinen Memoiren zu, dass er abkupferte, was amerikanische Kaufhäuser vorgemacht hatten. So kam beispielsweise der Wühltisch nach Würzburg. Was an Innovationen "dem Kopf Neckermanns entsprang und was er nur kopierte, war schwer zu unterscheiden", schreibt Veszelits. Ließe sich aber sicherlich herausfinden, etwa durch Recherchieren.

Mit der Recherche nahmen es auch die Alliierten nicht so genau, als es darum ging, Männer für den Neuaufbau zu finden. Wenige Monate nach Kriegsende warfen die Amerikaner Neckermann noch seine "skrupellose Zielstrebigkeit" vor und verurteilten ihn zu zwölf Monaten Arbeitslager. Zwei Jahre später war der Ingrimm der Sieger erloschen: Das Entnazifizierungsverfahren sah Josef Neckermann als "Mitläufer".

Im September 1948 gründete der Doch-kein-Nazi die Textilgesellschaft Neckermann KG. Das Startkapital schoss ihm seine Mutter vor, seine wichtigsten Mitstreiter kannte er aus der NS-Bürokratie. Der erste Neckermann-Katalog erschien am 15. März 1950, zwölf Seiten dünn.

Vom Flüchtlingsamt hatte Neckermann Tausende Adressen erhalten. Dorthin gingen die Heftchen. "Für viele Vertriebene war es überhaupt die erste Post, die sie in der Bundesrepublik bekamen. Fast mit Tränen in den Augen holten sie die ersten Kataloge aus den Briefkästen. Endlich war man wieder Mensch." So schreibt Veszelits. Zum Mitschluchzen.

Zum Glück liefert Veszelits nicht nur Kitsch, sondern auch Gründe für den Aufstieg von Neckermann zum größten Versandhändler Deutschlands. Es war nicht nur das Faible für die knapp kalkulierten Preise, es war vor allem der Tabubruch. 1953 bot Neckermann ein Radio an, "das sich jeder leisten kann". Die Fachhändler tobten, das Volk kaufte. Dasselbe Spiel wiederholte sich später bei Kühlschränken und Waschmaschinen. Trotz dieser Erfolge: Die Finanzdecke des Versandhändlers war immer zu dünn, Anfang der 60er Jahre türmte sich eine Schuldenlast in dreistelliger Millionenhöhe auf.

Damals begann Josef Neckermann, sich aus dem operativen Geschäft zurückzuziehen und einen Wunschtraum zu verwirklichen: als Dressurreiter an den Olympischen Spielen teilzunehmen. 1968 holte er in Mexiko Gold mit der Dressur-Equipe. Acht Jahre später war das Unternehmen des Herrenreiters am Ende, es wurde an Karstadt verkauft. Neckermann hielt sich als Chef der Deutschen Sporthilfe beschäftigt.

Erste Fragen, was dieser Wohltäter des Sports eigentlich während der Nazi-Zeit getrieben hat, tauchten erst in den 80er Jahren auf. Neckermanns damals entstandener Lebensrückblick darf deshalb als Rechtfertigung gelesen werden - und als Nebelkerze. Sie wirkt: Biograf Veszelits jedenfalls wird von diesem Nebel verschluckt.


Die Neckermanns Thomas Veszelits Campus 2005, 454 S., 24,90 Euro, ISBN 3593374064.

Aus der FTD vom 21.09.2005
© 2005 Financial Times Deutschland

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