Klaudios Ptolemaios (Claudius Ptolemaeus; Claudius Ptolemäus; Ptolemy)

Geographie (Geographia; Cosmographia; Geography; Geographike hyphegesis)


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Martin Schaffner (1478-1549): Ptolomeus. 'Tischplatte des Asymus Stedelin' (1533). Detail. Gemäldegalerie Alte Meister. Kassel.

Martin Schaffner (1478-1549): Ptolomeus. 'Tischplatte des Asymus Stedelin' (1533).
Detail. Gemäldegalerie Alte Meister. Kassel. (Foto: F. Haselein)



VORWORT

Die meisten anderen Internetseiten, wie auch der überwiegende Teil der umfangreichen Sekundärliteratur zur Geographike hyphegesis des Ptolemaeus, beinhalten vorwiegend textkritische Analysen im historisch-philologischen Kontext. Die Zielsetzung hier ist die Darstellung und Diskussion einiger ausgewählter Probleme -überwiegend aber nicht ausschließlich zur ptolemaischen Geographie Asiens, die an anderen Stellen nicht diskutiert oder abweichend interpretiert werden- aus der Sicht des Geographen. Dies ist mithin keine Einführung in das Werk des Ptolemaios, Grundkenntnisse über Aufbau und Inhalt der Geographike hyphegesis werden vielmehr vorausgesetzt. Für allgemeinere und grundlegende Informationen verweise ich auf die LINKS und die LITERATUR. Diese Seiten sind zur Zeit noch im Aufbau. Kritische Anmerkungen, Fragen und Anregungen sind stets willkommen....(Frank Haselein 05.2005)



FOREWORD

Since there is many information about Ptolemy's Geographie available via the Internet in English, this page is currently in German language only. And it's under construction too. When I finished all the stuff in German, English translation will follow- sorry for that. You may have a look at the LINKS and LITERATURE pages to find other sources.

Most of that You can read about Ptolemy's Geography focuses on critical text analysis in a philological-historical context. The aim of this site is to focus on some selected problems- predominately, but not exclusively concerning Ptolemy's Geography of Asia, which are not or different discussed elsewhere- from the Geographer's point of view. So, this pages are not an introduction in Ptolemy's "Geography", and they have to be studied in conjunction with other sources available. Critical comments, questions and suggestions are allways welcome.....(Frank Haselein 2005.05)



EINLEITUNG

Obwohl noch immer davon gesprochen und viel darüber geschrieben wird, gibt es die GEOGRAPHIE des Ptolemaios nicht! Schon die Bezeichnung des Werkes als "Geographie", oder nach den Inkunabeln in lateinischer Übersetzung als "Cosmographia", ist nach heutiger Auffassung irreführend. Im Verständnis des Ptolemaios ist zwar die Geographie: "die Nachbildung des gesammten bekannten Teiles der Erde mittels Zeichnung" (Ptol. I.1, MZIK 1938: 13). Wie aber bereits MZIK 1938 im Vorwort zu "Des Klaudios Ptolemaios Einführung in die darstellende Erdkunde" trefflich bemerkte, handelt es bei dem Werk nicht um eine "beschreibende Erdkunde" nach moderner Auffassung, -erst recht nicht um eine "erklärende Beschreibung", wie man hinzufügen möchte- sondern vielmehr um eine Anleitung den bekannten Teil der Erde -die Oikumene- in Kartenform darzustellen -oder, wie HÖVERMANN 1980 es formulierte: ein "Geographisches Praktikum".

Die vielfach anzutreffende Behauptung, Ptolemaios wollte ("nur") eine Weltkarte (recte: Karte der Oikumene) zeichnen, bzw. eine Anleitung zum Zeichnen einer Weltkarte geben, ist, nicht nur auf Grund der Diskussion um die umstrittene Urheberschaft (vgl. FISCHER 1916) der uns überlieferten Weltkarten, mit Skepsis zu betrachten. Mir ist keine auf Ptolemaios zurückgehende Karte der Oikumene bekannt, die alle im Text Ptol. II - VII erfassten Objekte darstellt. Dies wäre auch aus Gründen der Praktikabilität sowohl bei der Herstellung, als auch bei der Benutzung einer solchen Karte wenig sinnvoll. Dessen war sich auch Ptolemaios bewußt, was sich aus Ptol. I.1 erschliesst, wo er den Unterschied zwischen Geographie und Chorographie erläutert, und dabei die Notwendigkeit der Generalisierung bei der Herstellung einer Oikumenenkarte (einer "geographischen" Darstellung) betont. Ptolemaios würde sich also kaum die Mühe machen nahezu 8.000 Objekte nach Länge und Breite zu erfassen, um eine Weltkarte zu zeichnen, die letztlich nur einen Bruchteil dieser Objekte darstellt. Die Anleitung zum Zeichnen einer Welt- oder Oikumenenkarte war nur ein Teilaspekt seiner Bemühungen.

Die Originale der Geographike hyphegesis des Ptolemaios (ca. 90 - 168 A.D.) sind verloren gegangen, mutmaßlich auch auf Grund des Brandes der Bibliothek von Alexandria, Ptolemaios Wirkungsstätte. Unsere ältesten Quellen sind byzantinische Kopien aus dem 13. Jhd. A.D. Mithin klafft zwischen der Abfassung des Werkes und den ältesten uns bekannten Abschriften etwa ein Millenium, und zwischen den Abschriften und heute nochmals etwa 900 Jahre! Man muß schon sehr optimistisch sein um zu glauben, daß Text und Karten allein diese ersten 1000 Jahre unbeschadet jedweder Veränderungen -sei es wissentlich oder fahrlässig- überstanden haben, und wir heute ein ursprüngliches und konsistentes Werk vor uns liegen haben (vgl. SCHNABEL 1938: 3). Allein formal lassen sich die sog. Redaktion A mit 26 Regional- und einer Weltkarte und die sog. Redaktion B mit 64 Regional- und einer Weltkarte unterscheiden. Die überlieferten Manuskripte (vgl. u.a. SCHNABEL 1938, NEUGEBAUER 1965, MARSHALL 1972) liegen in griechisch und in lateinischer Übersetzung vor, teils mit Karten, teils ohne, teils fragmentarisch. Hinzu kommen die Inkunabeln seit dem Ende des 15. Jh. A.D. (vgl. SKELTON 1963-1969.), spätere Ausgaben teilweise erweitert um sog. TABULAE MODERNA, die ptolemaischen Inhalte um den aktuellen Wissensstand (oder das, was man dafür halten sollte), z.B. die "Neue Welt", ergänzend. Unnötig zu erwähnen, daß die weitaus überwiegende Zahl der Überlieferungen sowohl bezüglich des Textes - sei es in der unterschiedlichen Schreibweise von Ortsangaben, topographischen Objekten, etc. oder den Koordinatenangaben - als auch in der Kartendarstellung voneinander abweichende, z.T widersprechende Inhalte aufweisen. Problematisch ist auch die Interpretation derjenigen Stellen, die in anderen Manuskripten/Inkunabeln fehlen. Sind sie auf Grund der Schludrigkeit des Kopisten vergessen worden, oder sind es spätere Ergänzungen? Hinzu kommt, das sich innerhalb einzelner Manuskripte und Inkunabeln Widersprüche oder Abweichungen zwischen Text und Karten ergeben. Übrigens war sich Ptolemaios selbst darüber im klaren, wie aus Buch I.18.3 (MZIK 1938: 60) hervorgeht: "Denn das beständige Kopieren früherer Vorlagen pflegt die Abweichungen infolge der nach und nach sich einschleichenden Veränderungen bis zu einem hohen Maß der Unähnlichkeit der Kopie gegenüber dem Original zu steigern." Zwar wollte Ptolemaios dies auf das Kopieren von Karten bezogen wissen und glaubte, durch die Anwendung seines Verfahrens dem entgegen wirken zu können, aber er ist wohl kaum davon ausgegangen, daß sein Werk fast zweitausend Jahre überstehen würde!

Die häufig anzutreffende Aussage, Ptolemaios hätte die etwa 8.000 Objekte aus Buch II - VII als Tabellen veröffentlicht ist formal zwar richtig, beschreibt seine wahren Intentionen aber nur unvollständig. Ptolemaios Visionen gingen weiter, als nur den status quo der geographischen Kenntnisse seiner Zeit zu fixieren. Wie aus Ptol. I.5 und dem Vorwort Buch II.2 eindeutig hervorgeht, hatte Ptolemaios schon bei der Konzeption seines Werkes Anweisungen bzw. Vorkehrungen, z.T. ganz praktischer Art, getroffen, die eine Aktualisierung oder Ergänzung seiner Daten nicht nur zuliesen, sondern ausdrücklich forderten. Modern formuliert hatte er eine "Pflege" seines Datenbestandes im Sinne, und seine "Tabellen" muß man als Datenbank interpretieren.

Zusammenfassend läßt sich feststellen, daß der "Geographie" des Ptolemaios, wie sie uns heute überliefert ist, eine sehr komplexe Problematik innewohnt, zu deren Lösung es einen einheitlichen Schlüssel nicht gibt. Man kann wohl guten Gewissens davon ausgehen, daß die meisten, die in den Prozess des Kopierens involviert waren, sich nicht inhaltlich mit dem Werk des Ptolemaios auseinandergesetzt haben. Sehr wahrscheinlich waren auch mehrere Bearbeiter gleichzeitig an einer Kopie beschäftigt. Auch dürfte in den überwiegenden Fällen eine redaktionelle Bearbeitung nicht, oder nur sehr oberflächlich, stattgefunden haben, wie aus mehreren Textstellen, aber auch den Karten, gerade bei den Ikunabeln, ohne weiteres ersichtlich ist. Bei Generationen von Kopisten haben sich also über die Jahrhunderte Ungenauigkeiten eingeschlichen, die in Ihrer Summe zu einer Verfälschung des urspünglichen Werkes beigetragen haben. Diese "Änderungen" geschahen nicht absichtlich. Es ist aber nicht auszuschließen, ja es ist sogar sehr wahrscheinlich, das einige Bearbeiter im Laufe der Jahrhunderte den ptolemaischen Forderungen nach Aktualisierung und Ergänzung des Werkes nachgekommen sind und damit wissentliche Änderungen an Text und Karten vornahmen. Dies leitet zu der Frage über, welchen Stellenwert die ptolemaische "Geographie" für die Nachwelt hatte. Ist seine Konzeption letztendlich aufgegangen? Spätestens mit dem Aufkommen der frühen gedruckten Ausgaben gegen Ende des 15. nachchristlichen Jahrhunderts spricht man oft von einer "Renaissance" der ptolemaischen Geographie und einer die Jahrhunderte überdauernde, wiederentdeckte Autorität des antiken "Geographen". Neben den für die Öffentlichkeit bestimmten Inkunabeln, die zumindest ein breiteres Interesse an der ptolemaischen "Geographie" belegen, zeugen auch esoterische Überlieferungen, wie die Skizzen (ca. zwischen 1503 und 1522; vgl. NEBENZAHL 1990: 38-39) von Bartolomeo Kolumbus (1460-1514) und Alessandro Zorzi von deren Aktualität. Auch die Weltkarten jener Zeit zeigen, zumindest teilweise, auch inhaltlich noch ptolemaische Züge. Stellvertretend sei hier Johannes Ruyschs: "Vergrößerte Karte der bekannten Welt, gezeichnet nach den neuesten Entdeckungen" (Rom, 1507) erwähnt, die auch vom Design an die gedruckten frühen römischen Ausgaben der Cosmographia von 1478 und 1490 erinnern. 1508 wurde sie der römischen Ausgabe der "Cosmographia" beigegeben. Aus dieser bereits oben erwähnten Verfahrensweise, dem auf handschriftlichen Quellen beruhenden Nachdrucken des ptolemaischen Werkes, nunmehr erweitert im Sinne eines Anhanges - nicht einer Ergänzung - um moderne Karten (TABULAE MODERNA) und Textkommentare ('Enarrationis', z.B. Basel 1540), erschließt sich die Stellung der ptolemaischen "Geographie" zu jener Zeit. Das ptolemaische Konzept wurde, sei es aus mangelndem Verständnis oder Ablehnung, nur von wenigen weiter verfolgt. So bemerkt Donnus Nicolaus Germanus in seiner "Dedication To the Most Illustrious Prince and Lord LORD BORSO, Duke of Mondena" STEVENSON 1991: 19-21) zwar, daß er in seiner Ausgabe (Codex Ebnerianus) alle ptolemaischen Inhalte wiedergegeben hat, aber einige, wenn auch nicht alle bekannten, neue hinzufügte. Also hier offensichtlich im Sinne einer Ergänzung, aber nicht, modern ausgedrückt, eines Updates der ptolemaeischen Inhalte. Auf Nicolaus Germanus geht auch die Einführung des sog. "DONIS-Entwurf" zurück eine, wenn auch etwas fragwürdige, Innovation bezüglich der Darstellung von Teilgebieten der Oikumene. Insgesamt wurde die "Geographie" m. E. wohl bereits nur noch als - obwohl in einigen Teilen offenkundlich immer noch aktuell verwertbare - historische Quelle interpretiert!



{Letzte Änderung: 01.05.05}


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