Zur Startseite von www.einseitig.info
blindgif blindgif
 
blackline
Gute Wochen dagegen waren die mit der holländischen Band „Middle of the Road“, deren Sängerin ich trotz des musikalisch erbärmlichen Mainstreams zum ersten richtigen Schwarm erwählte. Leider hatte ich wohl den dazugehörigen Starschnitt versäumt und Suzi Quatro kam erst später.
Gute Wochen dagegen waren die mit der holländischen Band „Middle of the Road“, deren Sängerin ich trotz des musikalisch erbärmlichen Mainstreams zum ersten richtigen Schwarm erwählte. Leider hatte ich wohl den dazugehörigen Starschnitt versäumt und Suzi Quatro kam erst später.
blackline
 
blackline
Mehr Einseitiges zum Thema 
Reisebilder aus Wirtschaftswunderzeiten 
blackline
 
blackline
Was andere denken 
Wilhelm-Fabry-Museum Hilden 
Berliner Archiv der Jugendkulturen e.V 
FAZ 
blackline
 
blackline
Mehr zum Topic 
Mediensalat 
blackline
 
blackline
Archiv 
zum kompletten Archiv Hier finden Sie alle Artikel
oder nur die
zum Archiv der Autorin/des Autors  'Dirk Jürgensen'  der Autorin/des Autors Dirk Jürgensen
zum Archiv der Rubrik 'Platzanweiser'  der Rubrik Platzanweiser
blackline
 
blackline
Suche 

     
blackline
 
blackline
RSS abonnieren
Informieren Sie sich schnell und komfortabel über neue Artikel bei einseitig.info.

RSS-Feed Neue Artikel als RSS-Feed

Zusätzliche Informationen und weitere RSS Formate finden Sie hier.
blackline
rubriktitel
blackline



Zeitreise in eine persönliche PhaseBlindgif

Von Dirk Jürgensen

usikalische Prägung
Wichtig für die menschliche – zumindest für die männliche – Geschmacksprägung ist die Musik, die man mit zwölf Jahren und kurz danach hört. Diese Theorie stammt von keinem Wissenschaftler, die habe ich selbst entwickelt. Sie hat vielfache Bestätigung in den unterschiedlichsten Plattenregalen gefunden. Beim Besuch des Wilhelm-Fabry-Museums in Hilden wollte ich unter anderem zur Untermauerung dieser Theorie meine Spur zurückverfolgen. War ich damals vielleicht doch eher 13? Oder schon 14? Bestimmt nicht 15, oder?

Zur meiner eigenen, zeitlich gesicherten Einordnung: Ich bin Jahrgang 1958. Meine erste von eigenem Taschengeld und ohne von mir bemerkten äußeren Einfluß gekaufte Single war 1970 „Lookin´ Out My Back Door“ von Creedence Clearwater Revival (das irgendwann eingeführte Kürzel CCR lehne ich als modernistisch ab) und die zweite war dann „Apeman“ von den Kinks, obwohl ich „Lola“ besser fand. Eine LP konnte ich mir erst 1972 leisten. Es war dann aber sogar das Doppelalbum „Made In Japan“ von Deep Purple. Ja, ich habe trotzdem BRAVO gelesen.

Politik, Pop und Pubertät
Warum sollte ich leugnen, was mit mir damals ungefähr eine Millionen junger Menschen gleichzeitig am Kiosk bewiesen? Die Zahl der Zweitverwerter – Geschwister, Freunde und Eltern nicht einmal mitgerechnet.

Damals, das waren bei mir maximal zwei Jahre der frühen Siebziger. Irgendwo zwischen 1971 und 1973. Es war die Zeit, in der die Alt-Achtundsechziger noch jung waren und als Referendare in unsere Schulen kamen, mal als langweiliger Spielball unserer Schüler-Willkür, mal als bewunderte Aufrührer, die den Unterricht endlich gehörig in Richtung Spaß umkrempelten. Politische Diskussionen fanden damals sogar in der Hauptschule statt. Nicht nur im Kollegium, sondern auch in der Klasse und auf dem Schulhof. Wie sich die Zeiten ändern.

Außerhalb der politisierten Welt des Vietnamkriegs, der Studentenbewegung, der Großen Koalition, der latent vorhandenen alten Nazis in Schuldienst und Parlament und des mit Willy Brandt erhofften und erlebten Aufbruchs, gab es auch die BRAVO.

Denn mit Politik allein war kein Mädchen zu ergattern, die im gleichen Alter immer schon viel erwachsener, größer, reifer als ich waren und leider viel ältere, reifere Freunde hatten. Hoffnung auf Informationen, wie es denn doch gelingen könnte, versprach meinem pubertären Geist, der aufgrund der Mißachtung durch die Weiblichkeit, voller Zweifel – werde ich ewig nur onanieren müssen? – bin ich womöglich sogar schwul? – warum rieche ich so unangenehm unter den Achseln? – die qualitative Eignung seines eigenen Geschlechtes beurteilte: Dr. Korff.

Dieser Name ist mir stärker haften geblieben, als der viel häufiger zitierte Dr. Sommer, den arme, aber ganz sicher fingierte Seelen mit brieflichen Anfragen überhäuften, in denen immer wieder die dämliche Frage durchgekaut wurde, ob denn Küssen schwanger mache. Da war ich mir damals schon sicher, wenn auch der experimentelle Nachweis leider, leider noch nicht von mir beigebracht werden konnte. Ach ja – und dann war ich mir wie alle meine damaligen Freunde auch noch sicher, daß diese Doktoren nur die Erfindung einer anonymen Redaktion waren. Hilfe konnte nun wirklich nicht von Personen ohne Existenz kommen.

Sicherer, weniger Selbstzweifel erzeugend, war dagegen die Musik. Die Musik, besser die Artikel über die Vertreterinnen und Vertreter dieser Kunstrichtung, die unsereiner hören mochte, noch mehr deren Bilder und in der Steigerungsform die Poster waren ungemein wichtig, um das Kinderzimmer endlich in ein Jugendzimmer zu verwandeln.

Da tat es keinen Abbruch, wenn sich auch einmal Stars und Sternchen aus der Film- und Fernsehwelt auf das Centerfold verirrten. Man kannte noch keine Alternative zur BRAVO. An meine Wand schafften es der ewige Winnetou Pierre Brice, der lustige Terence Hill, der Aushilfstarzan Ron Ely und die deutschen Pseudorebellen Hansi Kraus, Claus Wilcke, Horst Janson und Fritz Wepper nie. „School´s Out“ Alice Cooper, „Die Zwei“ Tony Curtiz und Roger Moor durften hängen (alles Männer?!). Andere waren vielleicht nicht ganz so wählerisch, aber für mich und meine Trophäensammlung waren es immer wieder verlorene Wochen, wenn die zuerst Genannten und dann auch noch peinliche Schlagerstars von Manuela über Roy Black, Chris Roberts, Daliah Lavi, bis hin zu den Schauspielerinnen Romy Schneider oder Uschi Glas den Platz in der BRAVO vergeudeten.

Gute Wochen dagegen waren die mit der holländischen Band „Middle of the Road“, deren Sängerin ich trotz des musikalisch erbärmlichen Mainstreams zum ersten richtigen Schwarm erwählte. Leider hatte ich wohl den dazugehörigen Starschnitt versäumt und Suzi Quatro kam erst später. So mußt ich dann die Einzelteile von France Gall sammeln und auf die Tapete kleben, obwohl ich – ganz ansehnlich sah sie ja aus – mit ihrer Musik und Sprache rein gar nichts anfangen konnte. Als ich endlich die fünfzehn oder zwanzig Teile des Starschnitts beisammen hatte, war meine BRAVO-Zeit so gut wie beendet. Jedenfalls hatte es sich für mich später nicht mehr gelohnt, einen neuen anzufangen. Erschwerend kam hinzu, daß sich BRAVO immer mehr in eine reine Mädchenzeitschrift verwandelte. Zuerst T.Rex. Musikalisch waren sie durchaus zu ertragen und sehr fetengeeignet, in späteren Jahren konnte ich sie sogar richtig gut finden, doch war es mir unerträglich und unerfindlich, daß alle Mädchen nur noch den androgynen Marc Bolan liebten. Dabei war er noch angenehm gegen den danach angehimmelten David Cassidy aus der Fernsehserie „Partridge Family“ und aalglatten Bands wie die der Osmonds, mit unzähligen mindestens so aalglatten Brüdern. Wer wollte die Frauen verstehen?

Schon zuende – die BRAVO-Phase
Wir Jungens hörten, wenn wir Bekanntes hörten, so ziemlich alles von Deep Purple, Led Zeppelin, Jethro Tull und Pink Floyd, „Paranoid“ von Black Sabbath, „Eight Miles High“ und „Radar Love“ von Golden Earring. Die Reihe läßt sich endlos fortführen und so langsam setzte sich bei uns die Meinung durch, es sei Verrat, wenn unsere Helden in der BRAVO auftauchten. Zumal es auf dem Markt eine hervorragende Zeitschrift gab, die man nicht regelmäßig kaufen mußte. Eine Zeitschrift, die nur aus Postern ohne störenden und erlogenen Text bestand, die herrlich auseinander zu nehmen und deren Bestandteile herrlich zu tauschen war. Sie hieß Popfoto und genügte einige Monate lang auch meinem Bedürfnis nach Wandschmuck, bis mein Interesse über Mad – ohne Bikerambition begleitet von Motorrad – zu Pardon und gleichzeitig hin und wieder zur intellektuellen Sounds abdriftete. Die Episode BRAVO war spätestens 1974 endgültig beendet. Für mich. BRAVO war für meine Freunde und mich nur noch die Bildzeitung für Jugendliche und sie geriet nach und nach in Vergessenheit. Bis ich die Ankündigung für die Ausstellung sah.

BRAVO und Generation
Derzeit findet in Hilden bei Düsseldorf eine Ausstellung statt, die mich mit dem schlichten Titel „BRAVO wird 50!“ daran erinnert, dass das Blatt eine nur unwesentlich längere Lebensgeschichte aufweist, als ich selbst. Bin ich so alt oder ist das Stammorgan der Popkultur so jung? Inzwischen gibt meine Tochter (fast 23) an, eine eigene BRAVO-Zeit von ungefähr zwei bis drei Jahren gehabt zu haben, während mein Sohn (17) von ihr verschont geblieben scheint. Er behauptet es. Beweist er nur Geschick im Verheimlichen? Nein, ich glaube es ihm, denn sehr deutlich hat die bereits zu meiner Zeit beklagte einseitige Mädchenausrichtung bis heute angehalten.

Die Ausgaben seit den Achtzigern fallen da besonders auf. Das Layout wirkt billiger als früher, das Logo ist oftmals barbiepuppenhaft bunt gestaltet, wie es die Logos der gefälschten Marken-T-Shirts der ersten Trabbi-Beifahrerinnen beim Durchfahren der ersten Maueröffnung waren. So wird BRAVO niemals wieder an die Auflagenerfolge der Vergangenheit anknüpfen.

Die Ausstellung soll im Laufe des nächsten Jahres in zahleichen Städten Deutschlands und sogar im Ausland gezeigt werden und wird dabei von einem prächtig ausgestatteten Band begleitet, der vom Berliner Archiv der Jugendkulturen e.V. herausgegeben wurde. Wer ihn für stolze 28,00 Euro kauft, spart wenigstens den Eintritt ins Museum. Maßgeblich an dem Buch und der Präsentation beteiligt ist übrigens der Gründer des Archivs, Klaus Farin, der, das ist die eigentliche Überraschung, sein eigenes Outing leider (noch) nicht hinbekommen hat, wie ein Beitrag aus der WAZ belegt: „Damals, sagt Klaus Farin (47), habe er "BRAVO" nie gelesen. Zu schlicht gestrickt fand er in den 70er und 80er Jahren Texte und Poster zu Popstars und Sternchen, Fotoromane um Herz, Schmerz und Intrige.“

Lücken aufgrund eines fehlenden Outings?
Manchmal verlaufen Lebensgeschichten ungewöhnlich. Doch seltsam ist es für mich schon, wenn ein Mann meines Alters die 80er als Möglichkeit seiner BRAVO-Zeit einbringt. Da waren wir nun wirklich schon zu alt!

Verdächtig gar ist in diesem Zusammenhang, daß genau „unser beider“ Zeit der Zielgruppenzugehörigkeit in Ausstellung und Begleitbuch nahezu ausgespart wird. Zwar wird ausgiebig davon berichtet, dass BRAVO 1972, damals sicher zu unserer Begeisterung, von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften aufgenommen wurde. Aber musikalisch und starschnitttechnisch scheint die erste Hälfte der Siebziger gar nicht stattgefunden zu haben. Die Zeit der Auflösung der Drei-Minuten-Songgrenze, die Blütezeit der Supergruppen zwischen Deep Purple, Yes, Emerson Lake & Palmer oder Genesis (nur eine Auswahl), das, was nach und nach auch die BRAVO erreichte, wurde von den Ausstellungsmachern und Buchautoren schlicht übersehen, vergessen, vernachlässigt.

So kann ich meinen Altersgenossen nur empfehlen, nicht allzu enttäuscht zu sein, wenn sie ihre nicht mehr genau nachzurechnenden Jahre in der Ausstellung nicht entdecken - so wie ich kein einziges Titelbild aus meiner Zeit entdecken konnte. Meine Berechnungen zur genauen Eingrenzung meiner „Phase“ wurden also nicht erleichtert.

Die Beatles, mit denen uns unsere Musiklehrer in der Vorstellung ihrer eigenen Fortschrittlichkeit langweilten, gibt es reichlich zu sehen. Zugegeben, sie haben ihren verdienten Platz in der Pop-Geschichte, doch war auch nach den Beatles – und sogar vor der unsäglichen Nena – eine ganze Menge los.

Deshalb sollte man die Sammlung vor ihrer Tournee durch die Städte unbedingt ein bißchen ausbauen, so dass wenigstens die einzelnen 50 Jahre von jeweils einem Titelbild dokumentiert werden. Die Ausstellung lebt größtenteils vom Wiedererkennen der eigenen Jugend. Und da sieht es für heute 47jährige – für viele andere sicher auch – ganz mies aus. Zwölfjährige Kinder – besonders Mädchen – können wir dagegen gern dort hinschicken. Sie werden sich daran ergötzen, wie komisch Robbie Williams in grauer Vorzeit einmal ausgesehen hat. – Schade, daß ihre musikalische Prägung ausgerechnet heute stattfindet. Oder wie läuft das bei den Mädchen, Dr. Korff?

Dirk Jürgensen  09.11.2005blindgif zurück zur Startseite Diesen Artikel lesen Diesen Artikel ausdrucken Möchten Sie den Artikel ''BRAVO wird 50!'' weiterempfehlen?
 
Blindgif
blindgif
Editorial | Kontakt | Impressum
zurück zur Startseite