www.bonn.de/stadtmuseum

Homepage

|

Über uns

|

Index

|

Sitemap

|

Kontakt

 

StadtMuseum Bonn online


Süddeutsche Zeitung, Feuilleton, 17.01.2004, S. 15


Unsterblichkeit der Frühe

Eine Ausstellung in Bonn beschäftigt sich mit dem Phänomen "Wunderkinder"


Ein "frühkluges Wunderkind von ephemerischer Existenz" nannte Immanuel Kant das wohl verblüffendste Exempel, den in Lübeck 1721 geborenen Christian Heinrich Heineken, der zweijährig schon Lateinisch und Französisch beherrschte, mit drei Jahren eine Geschichte Dänemarks verfasste und natürlich in Mathematik brillierte. Doch schon mit viereinhalb Jahren starb dieses Mirakel, das Kant zu den "Abschweifungen der Natur von ihrer Regel" rechnete.

In der kurzen Biographie dieses Sonderfalles erscheinen alle Ingredienzen, die die Diskussion um Früh- und Hochbegabte, Extremtalente und frühvollendete Genies seit Jahrhunderten bestimmen. Einerseits herrscht totale Bewunderung für das Unbegreifliche, andererseits löst es Sorge um die Dauer der Begabung und die Entwicklung zum Erwachsenen aus. Was Kant als Abscheifung bezeichnete, heißt bei anderen daher Abnormität von widernatürlichen Ausmaßen. Ein solches Kind ist ja zugleich Nichtkind durch das Talent für geistige oder physische Leistungen Erwachsener, die allerdings in kindlicher Gestalt wundersam leicht hingespielt sind, wie es in Wolfgang Amadeus Mozart genial und glücklich Wirklichkeit wurde.

Auch wenn wieder von unglaublich sprachbegabten Kindern berichtet wird, von Mathematikgenies in kruzen Hosen, von sensationell jungen Schachtalenten, und Schulen für Hyperbegabte eingerichtet werden, sind im allgemeinen Bewusstsein doch vor allem die musikalischen Superbegabungen präsent. Nirgendwo sonst gehört der öffentliche Auftritt, das Vorführen so zum Wesen der Begabung. Der manchmal geradezu Hysterie auslösende Wahrnehmungseffekt, hier sei ein Engel vom Himmel gefallen, der die reine Seele der Musik verklörpere, unbeschädigt von den sündigen Erfahrungen Erwachsener, erweist sich immer auch als geschicktes Marketing.

Schon das Beispiel Mozarts zeigt die wirtschaftlichen Aspekte, die im Phänomen stecken, wenn man es zu nutzen weiß. In der Realität bedeutete das häufig schonungsloses Ausschlachten, bei dem das Kind zum tragischen Opfer seiner eigentlich unheimlichen Gabe werden konnte. Es gibt genug Exempel für Prügel, Quälereien derjenigen, die mit und an dem Wunderkind verdienen wollten. Grausig jener Knabencellist Zygmontofsky, der vom Vater mit Hunger und Schlägen gefügig gemacht, ausgelaugt und verbraucht schon mit elf Jahren starb. Ein Kinderstar, den der einstige Wunderknabe Mozart 1778 in Paris erlebte; er schrieb seinem Vater: "der kleine violoncellist zygmontofscky und sein schlechter vatter ist hier". Es war kein Wunder, dass die Entdeckung einer Hochbegabung den Aufstieg aus Armut und Elend für die ganze Familie sichern konnte. Artur Rubinstein hat erzählt, dass in den Gettos Polens und Russlands nahezu jede jüdische Familie ihrer Kinder mit Klavier- oder Geigenspiel traktierte in der Hoffnung, dabei auf Rubinsteine, Hubermänner und Heifetze zu treffen, die dann auf ihrem Komentenflug über die Podien der Welt die ganze Sippe mit aus dem Morast ziehen würden.

Wie dressierte Affen

Die Sucht nach immer neuen Kinderstars und ihr Verschleiß nahmen im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert ständig zu. Thomas Mann hat jenes Publikum, das sich an den Samthosen- und Spitzenkragenlieblingen ergötzte, weil sich im Kind das Göttliche der Musik oder des Geistes in totaler Unschuld manifestiere, in seiner Skizze "Das Wunderkind" böse erfasst. Viele der manchmal wie Zirkusattraktionen vorgeführten Kindgenies, - der berühmte Cellist Janos Starker nennt sie "dressierte Affen" - vermochten als Erwachsene allerdings keine verbleichbare Karriere entwickeln. Was sie während der Pubertät an kreativer Unbefangenheit und instintiv-physischer Reaktionsfähigkeit verloren, konnten sie im Prozess der Bewusstwerdung und körperlichen Veränderung nicht wieder erlangen.

Wenn auch der Begriff Wunderkind seine Werbewirkung eher verloren hat, machen musikalische Frühbegabungen dennoch weiter Sensation: Man denke nur an Anne Sophie Mutter, Frank Peter Zimmermann, Sarah Chang, Hilary Hahn oder Maxim Vengerow, Jewgenij Kissin oder die erst 13-jährige französische Pianistin iese de la Salle. Seinen Widerwillen gegenüber dem elfjährigen Yehudi Menuhin, dem Wunderkind des 20. jahrhunderts, wegen eines gemeinsamen Auftritts mit dem Beethoven-Konzert in der New Yorker Carnegie Hall spitzte der Dirigent Fritz Busch sarkastisch zu: "Man lässt ja auch Jackie Coogan nicht den Hamlet spielen!" Als er den Kleinen aber spielen hörte, schmolz alle Reserviertheit dahin, Busch war so begeistert wie später auch Bruno Walte.r Doch zeigt sich gerade an Menuhins weiterer Entwicklung, dass sich kindlicher Genius nicht ohne Krisen und Beschädigungen ins Erwachsenensein überführen liess. Es ehrt Menuhin, dass er lebenslang um den ungeheuren Anspruch an das Gelingen kämfpte, das dem Kind so wunderbar widerstandslos in den Schoß fiel und seinen Weltruhm begründete.

Heute scheint die Gefahr bodenlosen Scheiterns einigermaßen gebannt. Nicht, dass sich solche Kinder ungefährdet und quasi automatisch zu gefestigten Künstlern für eine lange Musikerkarriere mauserten, aber eine exzeptionelle Begabung kann heute professionell und Einseitigkeiten vermeidend ausgebildet werden. Ausserdem sind Kunststücke wie das Spiel mit verbundenen Augen, die Imitation von Tierstimmen auf dem Instrument und andere Kuriositäten längst verpönt, mit denen früher Impressarios, Eltern oder Veranstalter lockten und die Kinder sozusagen als Hundenummern vorführten.

Eines der letzten klassischen Wunderkinder m it weltweiter Wirkung war Ruggiero Ricci. Er lebt und unterrichtet heute, hoch in den Achtzigern, in Salzburg. Dieser begnadete Geigenheld, der als Knabe bei Louis Persinger, dem Lehrer auch Menuhins, lernte und gegen den Rummel um Yehudi anspielen musste, knurrte heute, wenn man nach Wunderkindern und seinen eigenen Erfahrungen fragt: "Zuerst sollte man die Eltern aller Wunderkinder erschießen und dann das Kind an die Wand stellen und Schluss machen!"

Harald Eggebrecht

RUBRIKEN

 

Service

Öffnungszeiten, Lageplan, Eintrittspreise

mehr [...]

 

Führungen

Termine, Kinderführungen, Informationen

mehr [...]

 

Rundgang

Erleben Sie die Räume des StadtMuseums auf einem virtuellen Rundgang.

mehr [...]

 

Ausstellungskalender

Alle laufenden und kommenden Ausstellungen auf einen Blick

mehr [...]

 

Publikationen

Unsere Veröffentlichungen

mehr [...]

 

Galerie

Alle Abbildungen dieser WebSite auf einen Blick

mehr [...]

 

Bonner Köpfe

Portraits berühmter Bonner Persönlichkeiten

mehr [...]

 

Jubiläen

Wichtige Daten bekannter und berühmter Persönlichkeiten

mehr [...]

 

Arndt-Haus

Die Dependance des StadtMuseums

mehr [...]

 

Kinderführungen

Kinder entdecken das Museum

mehr [...]

 

Highlights

der vergangenen Jahre

mehr [...]

 

Vermietung

Anmietung der Sonderausstellungsräume im Museum und des Ernst-Moritz-Arndt-Hauses

mehr [...]

 

Depot

Besondere "Schätze" aus unserem Depot

mehr [...]mehr [...]

 

Linktipps

Ausstellungen und Museen in Bonn und Umgebung, nationale Museumslinks

mehr [...]

 

Förderverein und Stifter

Förderverein und Förderer

 

City-Museen

mehr [...]

IMPRESSUM

StadtMuseum Bonn

   

Homepage

 | 

Über uns

 | 

Index

 | 

Sitemap

 | 

Kontakt

|


© 1999 StadtMuseum Bonn

Postanschrift: StadtMuseum Bonn Altes Rathaus/Markt 53103 Bonn

Tel: 0228/772094 Fax: 0228/774298