Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.

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I. Theologische Rückbesinnung

In der Orientierungshilfe "Schritte auf dem Weg des Friedens" hat der Rat der EKD "die in Jesus Christus erschienene Feindesliebe Gottes (Matth 5, 43-45; Röm 5,10)", die "alle Menschen untereinander zu Kindern Gottes verbindet", als die Mitte der Botschaft der christlichen Kirche bezeichnet, an der sich alles friedensethische und friedenspolitische Handeln der Kirche auszurichten hat (EKD-Texte 48, S 6 f.).

Unter Berufung auf die Bergpredigt Jesu haben sich von Anfang an die traditionellen Friedenskirchen und viele einzelne Christen gegen den Einsatz, den Besitz und die Herstellung von Nuklearwaffen gewandt. Sie blieben bei dieser Haltung, auch nachdem die Sowjetunion im Besitz der Bombe war. Dieses grundsätzliche Nein konnten die meisten christlichen Kirchen jedoch nicht mitsprechen. Zwar wollten auch sie diese apokalyptischen Massenvernichtungsmittel moralisch nicht rechtfertigen, doch zur Abschreckung eines nuklearen Angriffs hielten sie deren Besitz für erlaubt. Vor allem aber sahen fast alle Kirchen in dem über beiden Machtblöcken hängenden Damoklesschwert der Mutual Assured Destruction (MAD) eine gewisse Sicherheitsgarantie gegen den Ausbruch eines Dritten Weltkrieges.

Diesen nahezu allgemein akzeptierten Versuch einer Friedenssicherung durch atomare Abschreckung stellte 1981 die Niederländische Reformierte Kirche in ihrer Denkschrift "Kirche und Kernbewaffnung" grundsätzlich in Frage. Noch entschiedener bezog danach der Bund der Ev. Kirchen in der DDR (BEK) durch die Synode in Halle im September 1982 Stellung. Dort kam man gemeinsam zu der Auffassung, daß "eine Absage an Geist und Logik der Abschreckung unumgänglich ist" (JK 10/82, S 521 f.). Im selben Jahr, also auf dem Höhepunkt der Nachrüstungsdebatte, formulierte das Moderamen des Reformierten Bundes in der BRD ein klares "Nein ohne jedes Ja" zur nuklearen Bewaffnung. Diese Anstöße wurden von der im Sommer 1983 in Vancouver zusammengetretenen Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen aufgenommen.

Mit großer Mehrheit verabschiedete die Vollversammlung in Vancouver eine "Erklärung zu Frieden und Gerechtigkeit", die sich eingehend mit den Atomwaffen befaßt. Zahlreiche Konsultationen und Konferenzen waren dieser Entschließung vorausgegangen, die zu folgenden Schlußfolgerungen kam:

"Wir glauben, daß für die Kirchen die Zeit gekommen ist, klar und eindeutig zu erklären, daß sowohl die Herstellung und Stationierung als auch der Einsatz von Atomwaffen ein Verbrechen gegen die Menschheit darstellen und daß ein solches Vorgehen aus ethischer und theologischer Sicht verurteilt werden muß. Die Frage der Atomwaffen ist aufgrund ihrer Tragweite und der drohenden Gefahren, die sie für die Menschheit mit sich bringt, eine Frage christlichen Gehorsams und christlicher Treue zum Evangelium. Wir sind uns bewußt, daß eine solche Erklärung der Kirchen allein nicht zur Abschaffung von Atomwaffen führen wird. Aber sie wird die Kirchen und ihre Mitglieder zu einer grundlegenden Prüfung ihrer eigenen stillschweigenden oder offenen Unterstützung politischer Positionen veranlassen, die indirekt auf den Besitz und den Einsatz dieser Waffen aufbauen" (JK 9/83, S 498).

Das Konzept der nuklearen Abschreckung wird durch die Erklärung von Vancouver grundsätzlich in Frage gestellt, weil "dessen Glaubwürdigkeit von der Notwendigkeit des Einsatzes von Atomwaffen abhängt" und "aus moralischen Gründen" abzulehnen ist. Durch den bedingungslosen Verzicht auf die First-Use-Option sollten alle faktischen und potentiellen Atomwaffenstaaten "einen ersten Schritt zur Vertrauensbildung" leisten. Überdies sollten die Kirchen in diesen Ländern ihre Regierungen nachdrücklich auffordern, "ein völkerrechtliches Instrument auszuarbeiten und zu ratifizieren, mit dem sowohl der Besitz als auch der Einsatz von Atomwaffen als Verbrechen gegen die Menschheit geächtet wird" (JK 9/83, aa0).
Beigefügt ist diesen Beschlüssen der Vollversammlung von Vancouver der Bericht der zuständigen Arbeitsgruppe, in dem die theologischen Gründe für die zitierten Forderungen aufgeführt sind. Dort heißt es:

"Die nukleare Abschreckung muß als strategische Doktrin, die im Namen der Sicherheit und Kriegsverhütung Atomwaffen gerechtfertigt hat, grundsätzlich verworfen werden, da sie im Widerspruch steht zum Glauben an Jesus Christus, der unser Leben und Friede ist. Atomare Abschreckung ist moralisch unvertretbar, weil ihre Glaubwürdigkeit darauf beruht, daß der Einsatz von Atomwaffen tatsächlich beabsichtigt ist. Wir sind der Überzeugung, daß jedwede Absicht, Massenvernichtungsmittel einzusetzen, eine zutiefst unmenschliche Verletzung des Sinnes und Geistes Christi ist, der in uns sein sollte... Atomare Abschreckung ist die Antithese des letztgültigen Glaubens an jene Liebe, die die Angst vertreibt. Sie kann niemals Grundlage eines echten Friedens sein."

Die Vancouver-Texte beschreiben den breiten theologischen, ethischen und friedenspolitischen Konsens in der weltweiten Ökumene. Sie machen aber zugleich deutlich, wo die Diskussion innerhalb der EKD weitergeführt werden muß, wenn unsere Kirche ihrem Friedensauftrag gegenüber den neuen Entwicklungen auf dem Feld der Nuklearstrategien gerecht werden soll.

 

Kirchliche Initiative für eine Friedenssicherung ohne Nuklearwaffen
Argumentationspapier des Arbeitskreises "Friedensauftrag der Kirche" der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Stuttgart 1999

Verantwortlich: Gernot Erler, , Sören Widmann, Uli Jäger (Mitglieder des Arbeitskreises)

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