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Universität - Seminar für Sprache und Kultur Japans - NOAG

Wolfgang FRANKE: Im Banne Chinas. Autobiographie eines Sinologen 1912-1950.
Dortmund: Projekt-Verlag 1995. iv, 248 S. (Edition Cathay, Bd. 11). Index, Glossar chinesischer Zeichen, 14 Fotos und Abbildungen, Vorbemerkung "Der Graben und die Einebnungsbestrebungen" von Helmut Martin.

Dies ist der erste Band einer auf zwei Bände angelegten Autobiographie eines herausragenden deutschen Sinologen. Wolfgang Franke hat als Chef des Seminars für Sprache und Kultur Chinas der Universität Hamburg von 1950 bis 1977 in Fortführung der Arbeit von Alfred Forke, Otto Franke und Fritz Jaeger wesentlich zum Neuaufbau der Nachkriegssinologie in der Bundesrepublik beigetragen. Entscheidend für das Gelingen dieser Arbeit waren die Voraussetzungen, die er mitbrachte, als er 1950 aus China zurückkam. Er hatte nach seinem Studium der Sinologie mehr als 13 Jahre in China gelebt, am Deutschland-Institut in Peking gearbeitet und war nach Kriegsende als Sinologe so ausgewiesen, daß ihm von chinesischer Seite eine Professur zunächst in Chengdu (Provinz Sichuan) und dann an der Universität Peking angetragen worden war. Darüber hinaus hatte er im Laufe seines Chinaaufenthaltes persönliche Verbindungen zu einem weiten Kreis von chinesischen und internationalen Fachkollegen aufgebaut, die dann in der Nachkriegszeit zum Rückgrat der internationalen Chinaforschung wurden. Das grenzüberschreitende Ansehen, das ihm zuteil wurde, brachte er in seine Lehrtätigkeit ein, so daß es sich in dem Fortgang der heimischen Sinologie niederschlagen konnte.

Die Entwicklung seiner Person in der entscheidenden Phase seines Lebens bis zur Rückkehr aus China bildet den Inhalt des vorliegenden Bandes seiner Autobiographie. Anlaß für die Abfassung dieses Lebensberichtes war zunächst ein historisches Bedürfnis. Es ging dem Autor um eine Ergänzung und zum Teil Richtigstellung von Darstellungen des Deutschland-Instituts in Peking. Die Beschreibung der Arbeit dieses Instituts während der acht Jahre seiner eigenen Tätigkeit dort nimmt infolgedessen einen beträchtlichen Raum des Buches ein und bildet in sich schon einen wichtigen Quellenbeitrag zu einer noch ausstehenden tiefergehenden Erforschung der chinesisch-deutschen Kulturbeziehungen in diesem Jahrhundert.

Doch wie der Autor in seinem Vorwort zu erkennen gibt, ist "in Anbetracht der zentralen Bedeutung, welche die Tätigkeit im Deutschland-Institut für mein Leben ... hat, ... aus dieser Ergänzung eine Autobiographie geworden". Diese umfaßt die Kapitel "Kindheit", "Studienzeit" und "China-Aufenthalt 1937-1950", wobei naturgemäß der letzte Teil mehr als zwei Drittel des Gesamtumfangs ausmacht. Gestützt auf die eigene Erinnerung, Tagebuchaufzeichnungen seiner Mutter und sein eigenes Tagebuch gibt Wolfgang Franke in großer Eindringlichkeit und unaufdringlicher Offenheit - bis hin zu sehr privaten und familiären Einzelheiten - ohne jeden Anflug von Prätention einen Bericht seines Lebens. Vor dem Leser entfaltet sich der Aufbau einer Persönlichkeit von den Anfängen als Kind in einem Hamburger Haus des gehobenen Bürgertums über die Gymnasial- und Studienzeit in Berlin und Hamburg bis hin zum eigenverantwortlichen Leben im Umfeld einer fremden Kultur, eindrucksvoll unterstrichen durch Zitate aus zeitgenössischen Briefen des Autors an seine Eltern.

Zwei Dinge treten dabei besonders hervor. Da ist in erster Linie die Beziehung des Autors zu China. Der Titel "Im Banne Chinas" deutet bereits hin auf einen prägenden Einfluß dieser Kultur auf seine Person. Natürlich war er von Hause aus vorbelastet: sein Vater, Otto Franke, war als Diplomat und Wissenschaftler in und mit China beschäftigt. So hat sich offensichtlich eine Neigung herausgebildet, die nach seiner Ankunft im Lande selbst zu einer echten Wahlverwandtschaft wurde. Das zeigt sich nicht nur in den Äußerungen des Textes sondern auch in anderen Hinweisen, so z. B. ist Franke auf einem Foto der Mitarbeiter des Instituts der einzige Europäer, der ein langes chinesisches Gewand trägt. In einem Brief an seine Eltern schreibt er von sich selbst: "Ich bin nun in gewisser Weise besonders ,sinisiert', weil ich [...] auch meiner Wesensart nach hier sehr gut herpasse. [Es ist ein Bestandteil meines Wesens], der mich befähigte, mich hier in China [...] so einzuleben und zuhause zu fühlen, wie es nur ziemlich wenigen Europäern möglich ist." Die daran anschließende Reflexion auf die Ursachen dieser Wesensverwandtschaft ist eine sehr anrührende Stelle in seinem Buch.

Das andere, was eindrucksvoll in Erscheinung tritt, ist das weitreichende Netz seines Bekanntenkreises. Das Buch liest sich abschnittsweise wie ein Who-is-who der Sinologie, und zwar der westlichen wie auch der chinesischen. Wolfang Franke läßt niemanden unerwähnt, mit dem er auf irgendeine Weise zu tun hatte, und in vielen Fällen sind das nicht nur flüchtige Begegnungen, sondern echte Beziehungen. So ist es sehr schön zu lesen, wie die Freundschaft mit den - damals noch jungen - amerikanischen Sinologen vom Kriegseintritt der USA und der Niederlage Deutschlands völlig unberührt bleibt. Wer in den späteren Jahren bei Wolfgang Franke studiert hat, ist selbst noch in den Genuß dieses persönlichen Kapitals gekommen, wenn jeweils im Sommersemester - mittlerweile berühmte - ausländische Sinologen zu einer Gastprofessur nach Hamburg kamen.

In einer Hinsicht jedoch mag das Buch Wünsche offen lassen, die ein zeitgeschichtlich interessierter Leser an die Autobiographie eines Zeitzeugen richten könnte. Wolfgang Franke spricht zwar selbst im Vorwort die unpolitische Seite seines Wesens an, um von vorne herein die Erwartungen an politische Analysen zu dämpfen. Doch er weilte in einer Zeit in China, die sicher die dramatischste Phase der neueren Geschichte dieses Reiches darstellt durch den Überfall der japanischen Armee, den anschließenden Krieg bis hin zum Bürgerkrieg und dem Sieg der Kommunisten. Wer das bedenkt, fragt sich, wie Wolfgang Franke und seine Freunde - wenn auch nicht unmittelbar betroffen, so doch in gewisser Weise an Ort und Stelle - alle diese Vorgänge erlebt haben und vor allem wie sie das Erleben auf Seiten der Chinesen selbst wahrgenommen haben. Davon ist jedoch, abgesehen von kleinen Streiflichtern, keine Rede. Das überrascht besonders, wenn man in Franke den Historiker sieht, der in der Sinologie gerade die Beschäftigung mit der Zeitgeschichte und Gegenwart Chinas besonders gefördert hat. Und der durch seine eigenen Veröffentlichungen wie "Das Jahrhundert der chinesischen Revolution" gezeigt hat, daß der Blick dafür durchaus vorhanden ist.

Vielleicht zeigt das Buch gerade darin auch einen Teil seiner Wahrhaftigkeit, indem nämlich, wie Françoise Kreissler in ihrem Buch über L'action culturelle allemande en Chine vermutet, das Deutschland-Institut in dieser Zeit für die Mitarbeiter ein Elfenbeinturm war, der ihnen ein Leben weitgehend im Windschatten der Weltgeschichte ermöglichte. Das war es für den Autor in gewisser Weise auch trotz aller Wechselfälle der Zeitläufte. Und es bot ihm in dieser relativen Ruhe die Möglichkeit, das zu vollziehen, was für ihn in dieser Lebensphase anstand: die Metamorphose vom wohlbehüteten Sohn aus gutem Hause in Hamburg-Uhlenhorst zu einem abendländischen Shen-shi. Den Weg durch diesen Prozeß führt den Leser dieses ansprechende Buch.

Ernstjoachim Vierheller, Hamburg


Der Geschäftsführende Direktor des Seminars für Sprache und Kultur Japans, 20. August 1996. Impressum.

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