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Der Zeitungsombudsmann, seine Möglichkeiten und Beschränkungen

Erfahrungen aus den Niederlanden

Huub Evers

(Februar 1999)

"Wenn die Zeitung auch künftig ihre Glaubwürdigkeit behalten will, dan muß sie an erster Stelle ein Produkt einer guten Qualität liefern. (...) Die Erfahrung zeigt, daß die Zeitung mehr Zuverlässigkeit und Solidität gewinnt, wenn Leser einfach Zugang haben zu den Leuten die miteinander das Produkt herstellen. (...) Kritische Journalisten müssen sich bei der Ausübung ihres Berufes ständig bewußt sein, daß sie täglich über ihr Produkt in den Kolumnen der Zeitung von kritischen Lesern aufmerksam verfolgt werden. Das ist gesund. Ein offener gegenseitiger Blick kann dafür sorgen, daß die Qualität der Zeitung ständig unter Druck steht; aber auch daß Leute nicht mit unbeantworteten Rückfragen zurückbleiben. Der Ombudsmann steht künftig als Ansprechpunkt zur Verfügung für Leser, die das Bedürfnis nach mehr Wechselwirkung mit ihrer Zeitung haben". So schrieb einer der niederländischen Ombudsleute in seiner ersten Kolumne (PZC, 6.3.1995) unmittelbar nach seinem Amtsanfang. Er wolle in der täglichen Praxis ein Verbindungsglied sein zwischen Leser und seiner Regionalzeitung "PZC" (Provinciale Zeeuwse Courant).
Weshalb beschließen immermehr Zeitungen, sich einen Ombudsmann zu bestellen? Welche sind seine wichtigsten Aufgaben? Welche Vorteile bietet ein Ombudsmann? Was sagen die Kritiker? Erfahrungen aus den Niederlanden.

Das Thema Presse-Ombudsmann ist nicht neu in den Niederlanden. Seit Anfang der achziger Jahre wurde das Erwünschtsein eines Ombudsmannes immer wieder zur Sprache gebracht. Der Presserat (Raad voor de Journalistiek) und der Journalistenverband haben sich seit langen Jahre bemüht, einen Ombudsmann auf Nationalebene zu ernennen, so wie z.B. in Schweden. Alle Versuche scheiterten, weil Regierung und Medien sich über die Finanzen nicht einigen konnten. Seit Anfang der neunziger Jahre haben einige Zeitungen ihren eigenen Ombudsmann.
Auch in den Niederlanden ist in steigendem Maße Kritik an den Medien spürbar wegen mangelnder Offenheit und Transparenz und weil es im Medienbereich noch zu wenig Selbstkritik gibt. Diese Zeitungen sind zu der Schlußfolgerung gekommen, daß sie ihre Leser und deren Beschwerden mehr ernst nehmen müssen und daß sie moralisch verpflichtet sind, gegenüber dem Publikum Rechenschaft abzulegen über ihre redaktionelle Überlegungen. Deswegen haben oder hatten diese fünf Zeitungen einen Ombudsmann oder Leserredakteur. Ein großes Interesse in der Öffentlichkeit gab es aber erst, als "De Volkskrant", eine überregionale Qualitätszeitung, im September 1997 einen Ombudsmann ernannte.

Wie aus dem Vorhergehenden schon einigermaßen deutlich geworden ist, gibt es verschiedene Sorten Ombudsleute. Nach dem schwedischen Modell gibt es den nationalen Presse-Ombudsmann (Jigenius, 1997). Weiter kommt auch das amerikanische Modell des Zeitungsombudsmanns aus eigenem Hause vor. In Großbritanien haben die überregionalen Zeitungen (The Guardian z.B.) einen Ombudsmann, der nicht zur eigenen Redaktion gehört oder daraus hervorgegangen ist. Zum Schluß gibt es noch die Ombudsstelle, die verbunden ist mit dem Leserschaftsrat, wie sie z.B.in der Schweiz bei der Neuen Luzerner Zeitung besteht.

Der Presse-Ombudsmann in Schweden

In Schweden wurde 1969 das Amt eines Presse-Ombudsmanns eingerichtet. Es waren Bedenken laut geworden, weil der schwedische Presserat (Pressens Opinionsnämd) eigentlich Staatsanwalt und Richter zugleich war. Deshalb wurde dem Pressens Ombudsman eine schlichtende Rolle zugewiesen; er sollte als Schiedsrichter und Vermittler auftreten zwischen Presse und Publikum. Das Amt wird versehen von einem Richter oder Redakteur, der jedesmal für eine Periode von drei Jahren ernannt wird. Der Ombudsmann und sein Büro werden von den Zeitungsverlegern bezahlt.
Man kann sich beim Ombudsmann nur über Veröffentlichungen oder Vorgänge in der Presse beschweren, nicht über Hörfunk und Fernsehen. Nimmt dieser eine Beschwerde an, so versucht er zuerst zwischen Klager und Zeitung zu vermitteln. In zehn Prozent der Fälle gelingt dies und bekommt der Beschwerdeführer Genugtuung durch Veröffentlichung einer Richtigstellung oder Gegendarstellung. In der übergroßen Mehrheit der Fälle gelingt es ihm nicht, weil die Zeitung jede Mitarbeit verweigert oder weil es sich um eine derartig ernste Beschwerde handelt, daß die Sache mit einer Richtigstellung nicht erledigt werden kann. Dann überprüft der Ombudsmann die Beschwerde und kontrolliert er ob es sich hier um eine Verletzung der journalistisch-ethischen Regeln handelt. Kann der Zeitung nach seinem Ermessen nichts vorgeworfen werden, so weist er die Beschwerde zurück. Gibt es schon einen Vorwurf, aber nicht in ernsthaftem Maße, so bleibt es bei einer Rüge. Die Zeitung muß diese Rüge veröffentlichen oder diese Entscheidung anfechten beim Presserat. Übrigens steht auch dem Klager in diesen beiden Fällen bei diesem Presserat die Beschwerde zu.
Handelt es sich um einen ernsthaften Fall, dann leitet der Ombudsmann die Beschwerde weiter an den Presserat. Die Zeitung, die in einem Verfahren beim Presserat unterliegt, muß die Entscheidung veröffentlichen. Nur in den wenigsten Fällen wird dies verweigert. Weiterhin kann der Zeitung vom Presserat eine Geldstrafe auferlegt werden. Aber auch dem Ombudsmann steht dies zu.
Die Beschwerden, die zum Presse-Ombudsmann geführt werden, können im großen und ganzen in zwei Kategorien eingeteilt werden. Die Mehrzahl der Beschwerden bezieht sich auf Verletzung der Fairneßregel durch Veröffentlichung einer falschen, einseitigen, parteiischen oder verletzenden Berichterstattung. Es handelt sich hier um die Richtigstellung falscher oder ungerechter Information mittels einer Rektifizierung oder Gegendarstellung, die, übrigens ohne gesetzliche Grundlage, dem in Deutschland gültigen Gegendarstellungsrecht ähnlich ist.
Im übrigen beziehen sich die Beschwerden auf Verletzung der Privatsphäre. Hier handelt es sich um Klatschgeschichten oder um Namensnennung Verdächtiger oder Verurteilter in Gerichtsberichterstattung ohne solide Argumente, wie z.B. das Interesse des öffentlichen Wohls.
Die Schwelle beim Ombudsmann ist niedrig, weil das Verfahren schnell abläuft, nicht förmlich ist und außerdem kostenlos ist. Jedermann kann eine Beschwerde einreichen, man braucht nicht, wie z.B. beim niederländischen Presserat, unmittelbar Beteiligter zu sein. Der schwedische Presse-Ombudsmann hat sich im Laufe der Jahre in dieser Weise eine moralische Autorität erworben, was dazu führt, daß seine Entscheidungen unverkennbar eine bestimmte normierende Wirkung haben.

Der zeitungsinterne Ombudsmann

Das Phänomen eines zeitungsinternen Presse-Ombudsmanns stammt aus den Vereinigten Staaten, wo in den sechziger Jahren die ersten Zeitungen (unter denen die Washington Post) einen solchen Amtswalter als Gegenmaßnahme zur festgestellten Vertrauenskrise zwischen der Presse und der amerikanischen Öffentlichkeit anstellten. Es handelt sich deshalb um eine Funktion in einem einzigen Presseorgan. Der Ombudsmann hat hier die Aufgabe, Leserbeschwerden zu behandeln und die hauseigenen Journalisten zur Einhaltung allgemeiner journalistischer Standards und interner Redaktionsrichtlinien anzuhalten.
Unterdessen haben knappe zehn Prozent der vier- bis fünfhundert größeren amerikanischen Zeitungen einen eigenen Ombudsmann. Sie sind Mitglied der ONO, der Organisation of Newspaper Ombudsman. Auf der Website dieser Organisation (http://www5.infi.net/ono) findet sich viel Interessantes über und von den Ombudsleuten.
Übrigens war es bei weitem nicht immer so, daß ein Ombudsmann wegen der Sorge um die Interessen der Leser ernannt wurde; in vielen Fällen handelte es sich vielmehr um das Bemühen der Zeitungen, eine Alternative zum National News Council zu entwickeln. Eigentlich gab es mithin zwei Motive: erstens erhofften die Zeitungen sich Glaubwürdigkeit gegenüber der Öffentlichkeit zu gewinnen, außerdem konnten sie sich so, unter Berufung auf den eigenen Ombudsmann, leichter der Mitwirkung bei Verfahren vor dem National News Council entziehen.
Meistens handelt es sich beim Zeitungsombudsmann um einen zur eigenen Redaktion gehörenden erfahrenen Journalisten, der vom Verleger, Herausgeber und Chefredakteur der Zeitung berufen wird und der ganztäglich für diese Tätigkeit freigestellt wird. Dann und wann hat er daneben noch andere Aufgaben. Der Berliner Journalistikprofessor Ruß-Mohl (1996, 68) erwähnt z.B., daß bei der Südwestpresse in Ulm ein Ombudsmann ernannt wurde der aber zugleich hauptberuflich der oberste Öffentlichkeitsarbeiter des Verlagshauses ist!
Ein Ombudsmann, der selber einen Hintergrund im Journalismus hat und eine langjährige Erfahrung in einer Redaktion, dürfte von den Redakteuren und Berichterstatter mehr ernst genommen werden. Einem Außenseiter dürfte eher den Vorwurf gemacht werden, daß er "nicht weiß worüber er spricht".

Der Außenseiter als Ombudsmann

Gewisse Zeitungen (z.B. die Washington Post in den Vereinigten Staaten und die Guardian in Großbritanien) haben an einem bestimmten Moment angefangen, einen Journalisten außerhalb der eigenen Redaktion zu Ombudsmann zu bestellen. Dies geschah vor allem deswegen, um in der Öffentlichkeit den Eindruk einer zu starken Identifikation des Zeitungs-Ombudsmanns mit der eigenen Redaktion und somit den der Parteilichkeit zu vermeiden. Außerdem wollte man so seine unabhängige Stellung als Kritiker der Redaktion stärken.

Die Washington Post hat die Gewohnheit, seinem Ombudsmann einen schriftlichen, zeitlich befristeten Arbeitsvertrag zu gewähren, der dessen Stellung für die Vertragsdauer absichert und zugleich seine Aufgaben festlegt. Eine Verlängerung der Frist ist nicht möglich. In dieser Weise versucht man zuvorzukommen, daß sich der Ombudsmann mittels einer wohlwollenden Haltung der Redaktion gegenüber einer mehr ständigen redaktionellen Aufenthaltsgenehmigung zu bemächtigen versucht. In seinem Vertrag steht in allgemeinem Wortlaut, daß der Ombudsmann unabhängig ist. In der alltäglichen Praxis befindet er sich was sein Verhältnis zur Redaktion anbelangt, meistens in einer heiklen und undankbaren Position. Bestellt von Chefredakteur und Verleger, steht er einer argwöhnischen Redaktion, die er kritisieren und ermahnen muß, gegenüber.
Ein Redakteur einer Zeitung mit einem Ombudsmann außerhalb der Redaktion schrieb mal in einem Leserbrief: "der Umgang mit einem Ombudsmann ähnelt weitgehend einer Selbstgeißelung. Einigen wenigen bedeutet er ein religiöses Erlebnis, aber der zurechnungsfähigen, vernunftbegabten Mehrheit bereitet er nichts als Schmerz." (Wiedemann 1992, 224)
Der Ombudsmann befindet sich nicht nur dann und wann in einer heiklen Lage der Redaktion, sondern auch dem Verleger gegenüber. Dies kann leicht zu einem Konflikt führen, weil von ihm Loyalität gegenüber der Zeitung gefordert wird, wo er selber in erster Instanz den Lesern gegenüber loyal sein will. Deshalb schließt Wiedemann (1992, 224), daß ein Ombudsmann nicht nur über Fachkompetenz, sondern auch über Charakterstärke und ein zähes Durchhaltevermögen verfügen muß.
Seine Hauptaufgabe ist die Behandlung von schriftlichen und telefonischen Leserbeschwerden. Er kann aber auch aus eigener Initiative Nachforschungen über die Korrektheit einer Berichterstattung und der Seriosität der Informationsquellen anstellen. Meistens veröffentlicht er wöchentlich eine Kolumne, in der er öffentlich Kritik an der eigenen Zeitung üben kann.
Wird eine Klage eingereicht, die ein Gerichtsverfahren nach sich ziehen könnte, so muß der Ombudsmann die Beschwerde sogleich an den Justitiar der Zeitung weiterreichen und jedwede Behandlung der Angelegenheit vermeiden, um im Falle eines anschließenden Prozesses jede Verschlechterung der Beweislage zu Lasten der Zeitung zu verhinderen.

Die Ombudstelle in der Schweiz

Eine Variante des Ombudsmanns außerhalb der Zeitung findet sich in der Schweiz, wo nach einer Zusammenschmelzung bei der Neue Luzerner Zeitung seit Anfang 1996 ein Leserschaftsrat tätig ist, der als Ombudsstelle Beschwerden entgegennimmt und auch von sich aus tätig werden kann als kritischer Beobachter. Redaktion und Chefredakteur baten einen Medienexperten außerhalb der Zeitung das Amt des Ombudsmanns zu versehen, aber dieser wollte das nur als Teil eines Kollektivs. Sein Argument um einen derartigen Leserschaftsrat zu befürworten war die Eigenheit der Kantone, die ein bestimmter Grad von Ortskenntnis voraussetze. Das könne er ganz allein nicht, meinte er. Mit Zustimmung der Zeitung bildete er um sich herum einen ehrenambtlichen siebenköpfigen Leserschaftsrat von Lesern statt Medienprofis, Männer und Frauen aus verschiedene Altersgruppen und aus den sechs Kantone. Weiter sollten die Bereichen Politik, Kultur, Sport und Wirtschaft vertreten sein. Der Rat wird jedesmal für eine Periode von zwei Jahren ernannt.
Die meisten Rückfragen und Beschwerden der Leser werden vom Presidenten des Leserschaftsrates selber behandelt, wohl oder nicht nach Rückfragen in der Redaktion. Zweimonatlich werden heikle Themen im Plenum diskutiert. Jede Monat erscheint eine Kolumne in der ein Ratsmitglied Stellung nimmt. Inzwischen hat der Inhalt einer dieser Kolumnen dazu geführt, daß ein Ratsmitglied gekündigt hat weil der Chefredakteur ihre kritische Anmerkungen öffentlich durch die Hechel zog.

Weshalb ein Ombudsmann?

Zurück zu den Niederlanden. Wie schon erwähnt haben einige Zeitungen ihren Ombudsmann oder Leserredakteur. Ein Ombudsmann hat ein Statut zur Gewährleistung seiner Unabhängigkeit, ein Leserredakteur meistens nicht. Trotzdem gibt es kaum einen Unterschied wenn man ihre Aufgaben betrachtet. Welche sind die Hauptaufgaben eines Ombudsmanns? Und weshalb entschließen sich die Zeitungen zu der Anstellung eines Ombudsmanns?
Ein wichtiges Argument war ohne Zweifel der Wunsch die Kommunikation zwischen Zeitung und Leser und somit zugleich die Qualität und Sorgfalt der Zeitung zu verbessern. Außerdem möchte man ein tieferes Verständnis bekommen in den Beschwerden und Fragen der Leser. Man will die Leser ernst nehmen. Was halten sie von ihre Zeitung? Welche Bemerkungen haben sie? Dieses Motiv spielte eine wichtige Rolle bei einigen Zeitungen nach einem durchgreifenden Verschmelzungsproßes. Hier ist die Funktion des Ombudsmanns in hohem Maße die eines Blitzableiters. Der Unfriede der Leser, die das Gefühl haben, daß sie ihre vertraute Zeitung verloren haben, kann kanalisiert werden mittels der Telephonsprechstunde des Ombudsmanns.
Nächstes und zusammenhängendes Argument ist die Einsicht, daß im Medienbereich wie in anderen Wirtschaftszweigen ein gutes Beschwerdeverfahren beiträgt zur Qualitätsverbesserung. Die Redaktion einer Zeitung wird von vielen Lesern betrachtet als eine undurchdringliche Bastion. Kritik einstecken und Bemerkungen der Leser ernst nehmen ist nicht die starke Seite der Journalisten. "Zeitungsleute reagieren sehr, sehr empfindlich gegenüber interne Kritik, und diese Abwehrhaltung steigert sich nochmals, wenn solche Analysen im eigenen Blatt gedruckt werden", meinte der Ombudsmann der Washington Post. (zitiert von Ruß-Mohl, 1994, 172). So bekommt der Leser einen leicht heranzutretenden und gut erreichbaren Ansprechpunkt.
Zudem erhofft man sich, daß die Berichterstatter mehr aufmerksam werden, wenn sie wissen, daß es jemanden gibt der Fehler an den Pranger stellt.
Außerdem erhofft man sich, daß ein Ombudsmann, der die Leserbeschwerden ernst nimmt und adäquat reagiert auf Kritik, somit den Leser zurückhält vom Einreichen einer Klage beim Presserat oder Gericht. Seinerzeit liefen wenige Rechtssachen und die Verlagsspitze meinte, daß diese vielleicht vorzubeugen gewesen wären wenn man auf Klagen der Leser besser reagiert hätte.

Hauptaufgaben

Welche sind seine Hauptaufgaben? Wie schon erwähnt, ist gute Beziehungen pflegen mit den Lesern seine erste Aufgabe. Er beantwortet Rückfragen, reagiert telephonisch oder brieflich, erklärt den Lesern wie und weshalb es schiefgehen konnte und leistet Abbitte im Namen der Zeitung.
Weiter ist er der Kritiker im eigenen Hause. Er leitet Bemerkungen und Beschwerden weiter zu den Redaktion und untersucht die Frage indem er sich mit den Beteiligten unterhält. Er berichtet über seinen Befunden in hausinternen Memoranden. Es dürfte klar sein, daß der Inhalt seiner Memoranden zum größten Teil Feststellungen und Schlußfolgerungen enthält die sich die Journalisten zu Herzen nehmen können.
Eine dritte Aufgabe ist das Schreiben einer wöchentlichen Kolumne (z.B. http://www.volkskrant.nl/service/155011767.html). Darin kommentiert der Ombudsmann wichtige Beschwerden oder Bemerkungen die von vielen Lesern gemacht wurden. Was offensichtlich vielen beschäftigt hat, wird von ihm erörtert. Er kann diese Gelegenheit benutzen um seinen Lesern zu erklären welche Regel und Gesetzmäßigkeiten eine Rolle spielen bei der Anfertigung einer tagesfrische Zeitung. Er kann sich richten nach aktuellen Debatten im Medienbereich, besonders im Bereich der Ethik des Journalismus.
Ruß-Mohl (1994, 170) faßt wie folgt zusammen: Ombudsleute "fungieren als Mittler und Schlichter zwischen tatsächligen oder vermeinten 'Opfern' der Berichterstattung und der Redaktion; mitunter betätigen sie sich aber auch von sich aus als Mahner und Zuchtmeister, die journalistische Fehlleistungen aufgreifen und korrigieren."

Worüber beschweren sich die Leser und welche ist die Art ihrer Bemerkungen?
Der Volkskrant-Ombudsmann bekam im ersten Jahr seiner Tätigkeit ungefehr tausend Berichte. Der PZC-Ombudsmann bekam im Durchschnitt fast vierzig Berichte pro Woche.
Viel Beschwerden haben Bezug auf tatsächlige oder vermeinte Einseitigkeit der Berichterstattung. Die Leser meinen, daß Journalisten sich manchmal zu viel auf einer Quelle verlassen und daß sie sich wenigstens scheinbar nicht bemühen nachzuprüfen ob was gesagt worden ist, auch tatsächlich stimmt. Dies trift um so mehr zu wo eine anonyme Quelle benutzt worden ist. Auch wird den Redakteuren oft vorgeworfen sie seien voreingenommen oder nicht sachverständig. Bisweilen läßt sich der Vorwurf hören, es fehle die Redaktion an Momenten der Reflektion; es werde zu wenig nagedacht, es werde zu schnell und mit zu wenig Tiefgang vorgegangen, was führe zu Oberflächlichkeit und Vorhersagbarkeit in den Texten. Viel Leser sind der Meinung, die Bereitschaft der Redaktion Fehler richtigzustellen könnte großzügiger.

Außerdem wird viel geklagt über Sprachgebrauch und Schreibstil, Sprachfehler und falsch buchstabierte Namen sowie über beleidigende oder falsche Schlagzeilen die die Ladung nicht decken. Das alles heißt man zweifelt an der Qualität der journalistischen Arbeit.
Dann gibt es auch Leute die meinen sie seien nach einem Pressegespräch falsch zitiert worden oder der Journalist sei seine Versprechen nicht nachgekommen.
Leser beschweren sich regelmäßig weil sie veröffentlichte Bilder, besonders an der Titelseite, für geschmacklos halten
Wie schon erwähnt, bekommt der Ombudsmann auch Rückfragen zu Richtlinien der Redaktion, z.B. über die Grenzen in der Berichterstattung über Gewalttaten oder über die Frage ob der Journalist in einem Pressegespräch jemanden in Schutz nehmen muß falls er gefährliche Aussagen macht.

Unabhängigkeit

Sehr wichtig in einer Betrachtung über das Amt eines Zeitungsombudsmanns ist die Frage der Unabhängigkeit; wieviel Spielraum hat er um seinen eigenen Weg gehen zu können? Meistens wird ein Ombudsmann ernannt von der Verlagsspitze und ist er auch nur dort Verantwortung schuldig. Seine Handlungsfreiheit und Unabhängigkeit sind angeordnet in einem mündlichen Versprechen oder in einem Statut.
In solchem Statut steht unter anderem, daß die Zeitungsredakteuren dem Ombudsmann jede Auskunft erteilen müssen, die er braucht um seine Aufgaben gut erledigen zu können. Keiner hat die Befugnis dem Ombudsmann Aufträge zu geben und keiner kann etwas ändern in seiner Kolumne. Der Direktor und der Chefredakteur brauchen den Empfehlungen des Ombudsmanns zwar nicht Folge zu leisten, sie müssen aber falls Ablehnung motivieren weshalb sie den Ombudsmann in seinem Kritik nicht zustimmen.

Das Statut des Ombudsmanns kann zu merkwürdigen Konsequenzen führen. Ein Beispiel gab es 1995 als sich ein Leser an den niederländischen Presserat wandte mit einer Beschwerde gegen den Ombudsmann der Regionalzeitung PZC. Der Leser hatte einen Brief an die Zeitung geschickt, bestimmt für die Rubrik der Leserbriefe, aber die Zeitung hatte sich geweigert den Brief zu veröffentlichen. Darauf hatte er sich an den Ombudsmann der Zeitung gewandt. Der hatte ihn erklärt wie die Zeitung vorgeht mit Leserbriefen. In seiner wöchentlichen Kolumne war der Ombudsmann auf die Sache eingegangen und hatte den Vorgang mit Leserbriefe nochmal erklärt.
Der Leser aber meinte, daß er zum zweiten Mal nicht ernst genommen wurde und wandte sich an den Presserat. Die Zeitung erklärte der Ombudsmann habe keinen journalistischen Status. Er arbeite nicht unter der Verantwortung der Redaktion denn er habe ein eigenes Statut.
Der Rat war der gleichen Auffassung: der Chefredakteur hat keine Verantwortung für die Kolumne des Ombudsmanns und deshalb sei der Presserat hier nicht urteilsfähig (http://www.anp.nl/rvj/zoekfr.html/1995).

Im Statut gibt es meistens auch die Vereinbarung, daß der Ombudsmann sich in bestimmten Sachen nicht hineinmischen darf. Im Sommer 1998 veröffentlichte de Volkskrant eine Kolumne anläßlich den Gay Games in Amsterdam. Der Kolumnist schrieb wie er sich zu Tode geärgert habe über das provokative und aufsehenerregende Benehmen der Homosexuellen und Travestiten. Er schrieb es sei merkwürdig, daß nur wenigen einen Zusammenhang sahen zwischen den Aufschwung einer dekadenten hedonistischen Kultur wo das schamlos seinem Geschlechtsorgan nachlaufen das höchste Gut sei, und die Kinderporno-Affäre die seinerzeit in den Niederlanden lief.
Die Zeitung bekam hunderte empörte Anrufe und Leserbriefe. Die Leser sagten sie seien verletzt und schokiert. Die Kolumne sei eine Beleidigung und Diskriminierung.
In seiner wöchentlichen Kolumne (22.8.1998, http://www.volkskrant.nl/service/235002417.html?history=) schrieb der Ombudsmann, daß bei Anfang seiner Arbeit vereinbart worden sei, daß er kein Urteil abgeben würde über den Inhalt der Kolumnen und Kommentaren in der Zeitung, daß er aber schon kommentieren dürfe über die Art und Weise wie die Redaktion nach der Veröffentlichung einer Kolumne reagiert hatte. Er meinte die Zeitung hätte sich früher nach die entstandene Aufregung richten müssen. Die Redaktion hätte den Nachrichtenwert der Kolumne nicht rechtzeitig genug gespürt und nich hinreichend reagiert wo es eine Meldung wurde. Sie habe außerdem keinen Blick gehabt für die große Empörung bei sehr viele Leser.
Was geschieht wenn es in der wöchentlichen Kolumne des Ombudsmanns eine Stellungname gibt die nicht übereinstimmt mit der Stellung der Chefredaktion über die Handlungsweise der Zeitung oder einen bestimmten Artikel? Ein Beratungsausschuß gab mal ein Urteil ab der Ombudsmann der Regionalzeitung "Haarlems Dagblad" hatte seinen Kritik "besser im eigenen Hause zur Sprache bringen können".
Ein zweites und sehr aufsehenerregendes Beispiel gab es im Februar 1998. Willem Alexander, der älteste Sohn der Königin Beatrix und beabsigtigt Thronfolger in den Niederlanden, wurde "Judas, Saboteur und Feigling" genannt in einer Story an der Titelseite der Volkskrant (10.2.1998). Samaranch, der President des Internationalen Olympischen Kommitees, wollte einen zweiten Niederländer in seinem Kommitee. Der Kronprinz wurde empfohlen, aber es gab auch anderen Kandidaten, z. B. der Vorsitzende des Niederländischen Olympischen Kommitees. Seine Kandidatur wurde von den Sportverbänden unterstützt, aber er hatte das Nachsehen. Der Kronprinz aber ist Schirmherr des Niederländischen Olympischen Kommitees und hatte seinerzeit bestätigt er werde daher nicht mehr kandidieren für das Internationale Olympische Kommitee.
In einem Telephongespräch mit einem Volkskrantjournalisten äußerte der Vorsitzende seine Enttäuschung. Seine Aussagen führten zu diese aufsehenerregende Story.
In dieser Geschichte gibt es mehrere Aspekten. Der Journalist und der Vorsitzender waren gute Bekannten. Der Vorsitzender behauptete er habe nicht gewußt das es sich hier um ein Interview handelte. Außerdem habe der Journalist ihm Worte in den Mund gelegt.
Der Volkskrant-Ombudsmann meinte die Zeitung sei in einem unbewachten Augenblick doch zu weit gegangen in der Veröffentlichung einigen Aussagen. Der Journalist war dem Vorsitzenden zusehr nahegestanden und außerdem war von den Beiden bekannt, daß sie die Idee des Kronprinzen im Internationalen Olympischen Kommitees lächerlich fanden (http://www.volkskrant.nl/service/frame/205002053.html).
Später gab es zu dieser Geschichte ein Prozeß. Der Rechtsanwalt der Zeitung war überhaupt nich einverstanden mit der Meinung des Ombudsmanns, daß die Zeitung doch zu weit gegangen sei. Vor Gericht erledigte er den Ombudsmann und seine Kolumne!

Kritische Bemerkungen

Führt das Ernennen eines Ombudsmanns zu einen besseren Kontakt zwischen Zeitung und Lesern, zu eine wachsende Offenheit im Redaktionsbüro und zu einen erhöhten Grad von Selbstkritik der Journalisten?
Gewisse Leute meinen, daß das Phänomen eines Ombudsmanns wohl eine entgegengesetzte Wirkung haben könnte: nicht die sosehr erhoffte Offenheit und Transparenz in der Redaktion und ein mehr verantwortliches Benehmen der Journalisten, aber dagegen gerade eine größere Isolierung, weil der Ombudsmann die Redakteuren abschirmt gegen die Außenwelt.
Der Ombudsmann wird so zu Alibi und Blitzableiter: der Journalist und Redakteur braucht nicht mehr selber einem Leser Rede und Antwort zu stehen und seine Beschwerde einzunehmen. Künftig können sie schwierige Fragen am Telefon einfach weiterleiten "zu unserem Ombudsmann, der ja da ist für diese Sachen".
Auch Ruß-Mohl (1994, 173) nennt diese prinzipiell-kritische Haupteinwände gegen Ombudsleute: sie verneblen die hierarchischen Zuordnungen in der Redaktion und sie schneiden die Redakteure und Reporter vom direkten kontakt mit ihren Publika ab.
Kritiker meinen weiter, daß man das Ernennen eines Ombudsmanns auch sehen könnte als eine Public Relationsakt des Verlagshauses und als reiner Eigennutz der Zeitung, nämlich eine Aktion um die Zahl der Prozeßverfahren bei Gericht und Presserat auf ein Minimum zu beschränken.
Weitverbreitete Kritik ist auch die Frage, ob ein Ombudsmann mehr tun kann als immerwieder Fehlschläge bedauern und erklären wie es soweit kommen konnte, daß heißt versprechen, insofern möglich, daß es nie wieder passieren wird. Wie verwirklicht eine Zeitung, daß die bedauerte Ereignisse künftig wirklich nie wieder passieren? Leser schrieben dem Volkskrant-Ombudsmann: "In ihre Kolumne stellen sie immer wieder Fehler fest, aber sie schlagen keine strukturelle Wanderungen vor damit es keine Wiederholungen geben werden. Man kann vieles behaupten, aber man spürt nicht an der Zeitung, daß die Redaktion sich etwas zu Herzen nimmt. Die Redakteuren sind sehr zufrieden mit der Situation, denn der Ombudsmann fängt die Schläge ab!"

Zum Schluß

Trotz diesen kritischen Bemerkungen meine ich dennoch das Fazit ziehen zu können, daß das Phänomen des Ombudsmanns einen günstigen Einfluß hat auf die Bereitschaft der Zeitungen und der Journalisten auf Rückfragen und Bemerkungen der Leser zu hören und Beschwerden ernst zu nehmen. Die Zeitung hat für dem Publikum eine Adresse bekommen wo man täglich zurechtkommt und wo man sich ernst genommen fühlt.
Die wöchentliche Kolumne besorgt dem Publikum mehr Verständnis wie eine Zeitung gemacht wird und was dazu täglich abzuwägen ist. Das heißt mehr Einsicht und mehr Debatte zum Thema Ethik im Journalismus.
In der Welt des Hörfunk und Fernsehen ist kaum die Rede von Ombudsleute. Nur bei NBC in New York gibt es einen Ombudsmann. Auch in den Niederlanden überlegt mann sich schon einigen Jahre, ob es hier nicht etwas wie eine Ombudsstelle oder "Ombudsaktivitäten" geben müßte, aber bisher bleibt es bei schönen Absichten. Trotzdem dürfte auch hier von den Redakteuren und Redaktionsleiter ernsthafter auf das Publikum gehört werden. Beschwerden und ethische Fragen im Medienbereich beschränken sich nicht zu der Zeitung. Auch in den Rundfunk- und Fernsehhäuser bräuchte man einen Ombudsmann als hauseigene Kritiker.

Literaturverzeichnis

Evers, H. (1994). Media-ethiek, morele dilemma's in journalistiek, voorlichting en reclame (Medienethik, moralische Dilemmas im Journalismus, Öffentlichkeitsarbeit und Werbung). Groningen: Wolters-Noordhoff
Jigenius, P.-A. (1997). Media accountability in Sweden: the Swedish press ombudsman and press council. In: Organising Media Accountability. Maastricht: European Journalism Center, www.ejc.nl/hp/mas/jigenius.html
Jimenez, R. (1997). Media accountability in Spain: the Spanish press ombudsman. In: Organising Media Accountability. Maastricht: European Journalism Center, www.ejc.nl/hp/mas/jimenez.html
Ruß-Mohl, S. (1994). Der I-Faktor. Qualitätssicherung im amerikanischen Journalismus - Modell für Europa? Zürich: Edition Interfrom, S. 170-174.
Ruß-Mohl, S. (1996). Kritisches Gewissen. In: Journalist 5/96, S. 68-69
Voorhoof, D. und Baert, J. (1983-1984). De ombudsman van de Zweedse pers. In Communicatie 12 (1983-1984) 4, S. 12-16.
Wiedemann, V. (1992). Freiwillige Selbstkontrolle der Presse: eine Länderübergreifende Untersuchung. Gütersloh: Verlag Bertelsmann Stiftung, S. 221-231

Dr. Huub Evers ist Medienethiker, Publizist und Dozent an der Fontys Hochschule für Journalistik in Tilburg, den Niederlanden

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letzte Änderung: 30.09.2005 | © Netzwerk Medienethik 2003 | Impressum | Webmaster | Home