20.04.2002

Schranz

Schranz lass nach

"Herr, die Not ist groß! Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los."
Johann Wolfgang von Goethe


Chris Liebing kann sich rühmen, einem eigenen Musikstil einen Namen gegeben zu haben. Das gelingt nicht vielen Musikern und er reiht sich damit in eine illustre Runde ein, zu der man z.B. auch Juan Atkins ("Techno"), Gilles Peterson ("Acid Jazz") oder auch Fatboy Slim ("Big Beat") zählen darf. Wie so oft war die neue Bezeichnung zur Abgrenzung und Unterscheidung vom Bestehenden (Techno – House, Acid Jazz – Jazz, Big Beat – Drum&Bass) ersonnen worden. Und so besagt die inzwischen schon legendenhafte Anekdote, dass Chris Liebing 1995 im Frankfurter Boy Record Store dem Plattendealer begreiflich machen wollte, welche Art Techno er suche: etwas "das brettert, das schreddert, das schranzt". Der Rest ist Geschichte. Bei Boy Records gab es künftig ein Plattenfach mit dem Namen "Schranz", aber bis sich der Begriff auch über Frankfurt hinaus verbreitete, sollten noch ein paar Jahre ins Land ziehen. Doch Chris Liebing gefiel dieser Begriff – brachte er in seiner lautmalerischen Art zum Ausdruck, was diesen Sound, der vor allem aus monotonen, perkussiven, verzerrten Loops besteht, vom weiträumigen Begriff 'Techno' unterschied.

Und das ist es auch, was viele Techno-Fans zu diesem Terminus, an dem sich die Geister scheiden, stehen lässt. Der Begriff "Techno" ist mehr und mehr zur allgemeinen Bezeichnung für schnelle, elektronische Tanzmusik geworden. Richie Hawtin und Wassermann gelten genauso als Techno wie die Produktionen von DJ Rush, Luke Slater, Westbam, Sven Väth, Monolake, Kai Tracid und Warmduscher. Und die öffentliche Meinung packt Scooter, Blümchen und Darude gleich noch mit in den Sack. Gegen diese Vereinnahmung wollen sich die Schranzer wehren. Ihr Techno klingt so, wie er heißt: schranzig, rauh und eckig.
Und auch wenn Namensgeber Chris Liebing heute "die Krise kriegt", wie er in einem Online-Interview von Xact kund tat, hat er jahrelang an der Etablierung und Verbreitung dieses Wortes gearbeitet. Leider wollte er sich Raveline gegenüber zu diesem Thema nicht äußern; statt eines Interviews flog er lieber in den Ski-Urlaub. Aber die Fakten sind ja auch bekannt und werden nicht bestritten: Erstmals größeres Interesse erzeugte Chris Liebings '97er Geburtstagsparty im Omen, die er "Birthday Schranz" nannte. Die musikalische Definition dazu lieferte er auf seinem Audio-Label, das genau diesen Sound propagierte. Noch heute produziert er alle Platten gemeinsam mit seinem Studiopartner André Walter; musikalisch ist dieser also wohl der wahre Vater des Schranz. Nachdem sich Liebing mit seiner Mutterfirma, der Under Cover Music Group, über die weitere Entwicklung von Fine Audio Recordings verkracht hatte, gründete der Frankfurter DJ die beiden eigenen Labels CLR und CLAU. Und die ersten drei CLAU-Releases hatten sinnigerweise die Bezeichnungen "The Real Schranz Pt. 1-3". Seitdem war es quasi amtlich. Schwarz auf weiß (oder weiß auf blau, wenn man so will).

The World of Schranz

Aber Chris Liebing ist im harten Techno-Game nicht der einzige Player auf dem Platz. In der zweiten Hälfte der Neunziger steuerten viele Produzenten ihren Teil zum Geschreddere bei. Ganz vorne die wieder erstarkten Schweden: Adam Beyer, Thomas Chrome, Joel Mull und der alte Recke Cari Lekebusch – seit über zehn Jahren eine zentrale Figur im Stockholmer Techno-Geflecht. Nach anfänglichen Gehversuchen mit funkigem Technohouse (Loop Records etc.) waren es vor allem die Labels Drumcode (Beyer) und Hybrid (Lekebusch) die eine neue Härte definierten. Heute haben nahezu alle schwedischen Technoproduzenten jedoch ihre weiche, funkige Seite entdeckt und lassen es nur noch ab und zu so richtig krachen, veröffentlichen daneben aber auch House, Techhouse und sogar ambiente Geschichten.
Wahrscheinlich am ehesten historisch geprägt ist der harte Techno-Sound, der aus dem alten Jugoslawien zu jener Zeit kam. Auch wenn Slowenien den Krieg schon ein paar Jahre hinter sich hatte, war es vor allem Uros Umek, der hier als treibende Kraft viel bewegt hat und mit seinen Labels (Zet, Consumer Recreation) reihenweise rohe, kraftstrotzende Technotools veröffentlicht hat, bevor er quasi von jedem bedeutenden Technolabel der Welt um ein Gastrelease gebeten wurde: z.B. Black Nation, Tresor, Primate, Spiel-Zeug, Jericho, Planet Rhythm etc.
In England war es vor allem Ben Sims, der mit seinen Hardgrooves und KillaBites den Loop-Techno-Sound bediente, aber gleichzeitig (zumindest anfangs) um eine funkige House-Komponente bereicherte. Die Soundeskapaden eines Luke Slater als Planetary Assault System passten ebenfalls schon immer hervorragend in die "Schneller&Härter"-Abteilung. Ebenso wie ein Großteil des Komplexes um den englischen Prime-Vertrieb (Primate, Primevil etc.). Auch der Kreis um Lost-Veranstalter Steve Bicknell und The Advent sowie die Produzenten der User-Tracks und Pounding Grooves haben zahlreiche Beiträge zum Schranz-Kosmos beigesteuert.
In Deutschland ist es zum einen Chris Liebings Audio-Vermächtnis, das heute von Michael Burkat alias Monotone betreut wird: Richley & Rivera, Lars Klein, Basic Implant und auch Gayle San. Aber auch Toni Rios, Frank Lorber, WJ Henze, Monika Kruse und so manche TPH-Platte findet man in einem Schranz-Set. Dazu kommt die Italien-Connection um Marco Lenzi und Marco Carola, die inzwischen aber auch gern den subtileren Weg einschlagen. Eine Sonderrolle spielt der Wahlberliner DJ Rush. Das Lieblings-Adoptivkind der deutschen Techno-Szene (schließlich hat "der Major" in Chicago unter Cajmere aka Green Velvet auf dessen legendärem Relief-Label seine ersten musikalischen Gehversuche gemacht) ist als Produzent und DJ abonniert auf den Freaksound (was er mit seinem damaligen Gönner gemein hat). Rush-Platten definieren jedesmal Techno komplett neu; kaum einer schafft es, Sounds so dreckig zu verzerren und dabei auch noch so witzig und spontan zu klingen wie er. Gleichzeitig würde er sich wohl nie als Schranzer bezeichnen, wie eigentlich jeder der genannten Akteure...

Das Unwort

So gern sich die Clubber-Basis mit diesem neuen Wort identifiziert (während natürlich andere Fraktionen entsetzt aufschreien), so distanziert sehen die eigentlichen Protagonisten diese Genre-Bezeichnung. Es ist natürlich der Standardsatz in jedem Musikerinterview, dass man sich gegen dieses "sinnlose Schubladendenken" verwehre, man mache einfach nur Musik. Mag ja sein, aber wenn man die Chemical Brothers im WOM neben die Kastelruther Spatzen einsortieren würde, würd's halt keiner finden! Und wie gesagt, dann ist da noch die Sache mit der Abgrenzung...
Viele DJs stoßen sich vor allem an dem Wort, das – na sagen wir mal – ein wenig "unintellektuell" klingt. Die Bezeichnung "Schranz" klingt einfach nicht sonderlich angenehm, sondern irgendwie nach Golf-GTI-Fanclub. Vielleicht ist es bei manchem alten Recken aber auch die leise Befürchtung, musikalisch nicht mehr ganz dem Sound der Zeit zu entsprechen (oder entsprechen zu wollen). Dass viele Produzenten mit fortschreitendem Alter die leisen und entspannten Töne für sich (wieder) entdecken, ist ja nichts Neues. Da kann es schnell vorbei sein mit der lukrativen Aufleger-Karriere, wenn die Kids mit den Trompetenhosen und den Stachelfrisuren nur den ganz harten Sound hören wollen, den man mit Ende 30 vielleicht doch nicht mehr jedes Wochenende ertragen kann. DJing ist nach wie vor ein sehr lukratives Geschäft. Gerade in letzter Zeit sind die Gagen wieder enorm in die Höhe geschnellt. Eine Entwicklung, wie man sie in der ersten Techno-Hochphase Mitte der Neunziger schon einmal beobachten konnte. So kassiert Chris Liebing für einen Gig zwischen fünf- und siebentausend Euro! Und jeder Monat hat vier Wochenenden... Da können Plattenverkäufe im Technobereich generell als Einnahmequelle nicht mithalten. Auch erfolgreiche CD-Compilations wie die "U60311 Compilation" (V2), "Schranz" (Global Ambition), der "Schranzwerk"-Reihe auf ZYX oder auch "Schranz und Schredder" (Various) dürften nur Peanuts im Vergleich dazu sein.

Letztlich ist die Diskussion um Techno und Schranz ebenso geistreich wie die frühere Namensschlacht im Breakbeat-Bereich. Man erinnere sich: Hardcore, Jungle, Breakbeat, Drum&Bass, Techstep, Hardstep, blablablubb. Neue Musik braucht neue Etiketten. Und manchmal muss man alter Musik halt auch mal einen neuen Namen verpassen, um sie wieder ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken. "So funktioniert's Business", wie der Kaiser sagt. Und aus Prinzip jetzt statt "Schranz" nur "dieser harte Techno da" zu sagen, kann doch auch nicht die Lösung sein oder?

Zum Abschluss noch ein Zitat von assoziations-blaster.de:
"Schranz ist wie ein ständiges Klopfen gegen die Himmel- und Höllentür... und was gibt's Nervigeres als diese Musik? Aber wenn man sich erstmal dran gewöhnt hat, dann ist Schranz mehr als jede Musik!"
In diesem Sinne...
Dirk Waltmann