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INTOLERANCE
INTOLERANZ
USA 1916 - Regie: David Wark Griffith - Drehbuch: David Wark Griffith - Kamera: Billy Bitzer, Karl Brown - Darsteller: Robert Harron, Mae Marsh, Miriam Cooper, Lillian Gish, Erich von Stroheim, Sam de Grasse, Max Davidson, Howard Gay, Bessie Love, Constance Talmadge, Alfred Paget, Seena Owen - Produktion: Wark Producing Company - Produzent: David Wark Griffith - Premiere: 5.9.1916 (New York) - Farbe: mehrfarbig viragiert - Archiv: Filmmuseum München - 3.426 Meter, 188 Minuten (16 B/s) - Zwischentitel: englisch
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INTOLERANZ ist nicht nur der weltgrößte Film. In Anlage und Umfang ist er das seit Jahrzehnten größte Kunstwerk gleich welcher Art überhaupt. Es ist das unglaublichste Experiment im Geschichtenerzählen, das je unternommen wurde. Seine Einzigartigkeit liegt nicht in den einzelnen Strängen der Erzählung, sondern darin, wie das Geflecht der Fäden miteinander verwoben ist. Keine der vier Geschichten wird durchgängig erzählt. Wir stehen im mittelalterlichen Frankreich und rutschen im nächsten Moment auf der Bananenschale der Zeit nach Babylon. Man glaubt, Amerika habe einen fest im Griff - im Handumdrehen trägt es einen zurück nach Palästina. Es ist, als höre man einem Quartett ausgezeichneter Sprecher zu, die gleichzeitig vier völlig verschiedene Romane vorlesen.
(Julian Johnson, in: Photoplay, Dezember 1916)

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Jede Episode wurde in einem anderen Stil gefilmt. Die Passion Christi ist eine Folge simpler, idealisierter lebender Bilder, die an die Passions-Filme der Firma Pathé erinnern. In der ausführlicheren Bartholomäus-Nacht-Episode überwiegen die Totalen im Stil von DIE ERMORDUNG DES DUC DE GUISE. "Der Untergang von Babylon" orientiert sich an der italienischen Schule und kommt dem mächtigen Stil von CABIRIA nahe. Die einfache und sehr realistische Geschichte "Die Mutter und das Gesetz" ist durch ihre Länge und ihre Vollkommenheit das Zentrum des Werkes, um das herum sich die übrigen Episoden ranken.
(Georges Sadoul: Histoire du cinéma mondial; Flammarion, Paris 1972)

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INTOLERANZ ist der unerreichte Höhepunkt des frühen spektakulären Kinos. In der Tat kommt die in Griffiths vorherigem Film entwickelte Parallelmontage hier noch perfekter zum Einsatz und das Ende der modernen Geschichte stellt das vollkommenste Beispiel von Griffiths "Rettung in letzter Minute" dar. Zwar erlitt der Film eine herbe Niederlage an der Kinokasse, doch tut das seinem Status als großem humanistischem Epos und als wahrem Almanach der Möglichkeiten des Kinos keinen Abbruch.
(Adam Garbicz/Jacek Klinowski: Cinema, the magic vehicle; The Scarecrow Press, Metuchen, N.J. 1975)

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Unter dem Eindruck der Vorwürfe des Rassismus in THE BIRTH OF A NATION (1915) versuchte Griffith, das Thema der Intoleranz als universale und von alters her überkommene Erscheinung darzustellen. Zu diesem Zweck kontrastierte er einen bereits abgedrehten Film THE MOTHER AND THE LAW, der sich mit den Ungerechtigkeiten des kapitalistischen Justizsystems auseinandersetzt, mit drei historischen Geschichten: "The Nazarene" schildert den Weg Christi zur Kreuzigung, "The Medieval Story in France" dramatisiert die Ereignisse, die zu dem Massaker der Bartholomäusnacht im Jahre 1572 führten, und "The Fall of Babylon" den Verrat eines Priesters, der Belsazar den Persern preisgab. Das symbolische Bild der eine Wiege schaukelnden Frau, das den Film interpunktiert, ist dazu gedacht, die einzelnen Episoden miteinander zu verknüpfen. Diese komplexe Struktur, die ihren Höhepunkt in einem rasanten, beinahe einstündigen Finale von immer hektischeren Gegenschnitten in der für Griffith typischen Manier erreicht, und die auch heute noch nicht leicht zu verdauen ist, verwirrte das damalige Publikum, und die überdimensionierte Grandiosität der babylonischen Episode überschattete den ganzen Film, so daß er aus der Balance geriet.

Zu alledem kam der Film zu einer ungünstigen Zeit heraus, da sein pazifistischer Ton in einer Zeit, in der die Mehrzahl der Amerikaner für den Kriegseintritt war, nicht gut ankam. Später brachte Griffith den immens kostspieligen THE FALL OF BABYLON und THE MOTHER AND THE LAW als eigenständige Filme heraus, um wenigstens einen Teil der ungeheuren Verluste wieder einzuspielen, hatte jedoch nur geringen Erfolg damit.

Trotz seines Fehlschlags beim Publikum übte der Film einen großen Einfluß vor allem in der Sowjetunion aus, wohin 1919 eine Kopie durch die deutsche Blockade geschmuggelt werden konnte. Zusammen mit THE BIRTH OF A NATION gilt der Film, schon wegen seiner Ausstattung, seiner Behandlung von Volksmassen und seiner kühnen Konzeption, vor allem aber wegen seines Einfallsreichtums und seiner ungeheuer beweglichen Kameraarbeit als Griffiths bester Film.
(Liz-Anne Bawden/Wolfram Tichy (Hg.): rororo Filmlexikon; Reinbek 1984)


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Im Prolog erläutert der "Autor" in einer Reihe von Zwischentiteln dem Zuschauer die formale Anlage des Werks und gibt Aufschluß über das Thema - Haß und Intoleranz im Kampf gegen Liebe und Güte. Dem Zyklus "Grashalme" von Walt Whitman ist die Gedichtzeile "Aus der ewig schaukelnden Wiege" entnommen. Bereits die nächste Einstellung wiederholt diesen Gedanken als "Sinnbild": Im Mittelgrund eine Mutter, die ihr Kind in einer Wiege in den Schlaf schaukelt, und im Hintergrund drei alte Frauen, die Parzen. Diese Einstellung hat ebenso wie die folgende, ein Buch namens "Intolerance" eine unmittelbare Bedeutung als Symbol. Kennzeichnet die Wiege einerseits die ewige Wiederkehr der Geburt und des Todes, so soll das imaginäre Buch andererseits den Zuschauer glauben machen, er würde in einem wirklichen blättern und lesen und jene auf der Leinwand erscheinenden Bilder wären die seines inneren Auges. Hinzu kommt aber noch eine übergeordnete strategische Bedeutung. Beide gliedern den Ablauf der sich immer schneller verschränkenden Geschichten.
(Gottfried Schlemmer: Das frühe Filmepos, in: Fischer Filmgeschichte I: 1895-1924; Frankfurt/M. 1994)

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Many of the men who worked on the film as Griffith's assistants - W.S. Van Dyke, Erich von Stroheim, and others - went on to become top directors, while almost all of its players subsequently became top-ranking stars. Mae Marsh's performance in it, beautifully and sensitively underplayed, remains one of the supreme performances of the silent screen. Everybody in it, from Walter Long and Miriam Cooper, to Lillian Gish, was just right, but, next to Mae Marsh, the biggest hit was Constance Talmadge. As the rowdy mountain girl in the Babylonian sequence, she displayed the wonderful, almost Fairbanksian, sense of fun that was soon to make her one of the screen's top comediennes. In fact, everybody benefited from INTOLERANCE but its creator, Griffith. The enormous production costs ate up all his profits from BIRTH OF A NATION, and most of his other resources as well. And it was such a resounding box office flop that he spent years paying off every nickel of debts it incurred.
(Joe Franklin: Classics of the silent screen; The Citadel Press, 1959)


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