Wie geht's weiter, Frau Rauch?

Sibylle Rauch, 42, war der erfolgreichste deutsche Pornostar der 80er Jahre. Heute lebt sie hochverschuldet in einem Wohnwagen bei München.

Das Interview führte Mareen Linnartz.

Frau Rauch, Sie waren mal sehr berühmt.

Ja, ich war die Pornoqueen. Lange, blonde Haare, wie bei einem Engel, dazu der schöne, große Busen. Wenn auf den Erotikmessen mein Name angekündigt wurde, da war die Hütte voll. Ich war Sibylle Rauch. Ein Markenzeichen.

Erinnern Sie sich noch gerne an diese Zeit?

Es ist, als ob ich mich an eine fremde Person erinnere. Das war ein anderes Leben. Damals gab es kaum jemanden, der mir das Wasser reichen konnte. Ich war begehrt, ich konnte die Forderungen diktieren, ich habe sechsstellig verdient. Ich fuhr ein teures Auto, trug teure Klamotten, ich hatte allen erdenklichen Luxus. Ich komme aus sehr ärmlichen Verhältnissen, bin im Münchner Schlachthofviertel aufgewachsen. Von so einem Leben hatte ich immer geträumt. Und plötzlich war es da.

Und Sie haben es genossen.

Vor allem am Anfang meiner Karriere dachte ich: Mir gehört die Welt. Im Sugar Shack, einer Schwabinger In-Disko, habe ich Hof gehalten. Ich habe Filme gedreht, bin nach Australien, nach Japan, habe Pelzstola getragen, auch im Sommer. Ich wollte die göttliche Greta Garbo sein. Und ich habe viel gefeiert.

Irgendwann sind Sie abgestürzt.

Von oben nach unten, das kann sehr schnell gehen. Ich bin heute ein armer Mensch und ich wünsche mir nichts mehr, als ein normales Leben zu führen. Ich bin hochverschuldet. Ich hause seit drei Monaten auf einem Campingplatz. Ich weiß am 20. oft nicht mehr, von was ich mich ernähren soll. Gerade jetzt ist es oft arschkalt. Ich war eine Zeit lang total erkältet. Ich bin einsam, es gibt kaum jemanden, der mich besucht. Man darf nicht vergessen, woher ich komme. Ich habe Millionen verdient. Ich hatte sie wirklich.

Frau Rauch, wo sind die Millionen hin?

Ich weiß nicht, wie ich das ganze Geld durchgebracht habe, ich weiß es wirklich nicht. Gut, ich habe einen 8er BMW gehabt, den teuersten überhaupt. Nur der BMW-Chef höchstpersönlich hat ihn sonst gefahren. Damit habe ich geprotzt. Dieser verdammte Protz, hier noch eine Zweitwohnung auf Lanzarote, da noch eine teure Uhr, das hat mir wahrscheinlich das Genick gebrochen. Gebt mir eine Platinkreditkarte, ich verprasse alles. Und dann habe ich mich eben total verstrickt und verirrt und den rechten Weg verloren. Schon steckst du im Strudel und die Zwangsvollstreckung ist nicht mehr weit. Und dann kam natürlich noch die Medizin hinzu...

Welche Medizin?

Das Kokain. Ich habe immer mehr davon genommen und das ist teuer, sehr, sehr teuer, das wissen Sie. Jetzt ist das aber nicht mehr mein Fall. Das ist vorbei. Zu koksen ist Usus in der Pornobranche, aber das wird totgeschwiegen. Irgendwann hat man mir den Konsum angesehen. Ich bin immer magerer geworden, fast hager. Scheußlich sah das aus. Vor fünf Jahren habe ich mir in meiner Verzweiflung die Pulsadern aufgeschnitten. Manchmal bin ich mir nicht sicher, ob es eine glückliche Fügung war, überlebt zu haben.

Das meinen Sie nicht ernst.

Das meine ich sehr ernst. Spätestens seit Mitte der 90er Jahre ging es rapide bergab. Mir ist die Zeit davongelaufen. Man darf nicht alt werden in der Branche, und das hatte ich vergessen. Und dann tauchte auch noch Dolly Buster auf. Kam aus dem Nichts, hatte ein unverbrauchtes Gesicht. Dolly brachte in ihren Videos wirklich geile Aktionen, die ansprechender waren als meine. Und darum geht es ja im Porno. Ich war immer mehr wie eine Puppe. Ich dachte, es reicht, gut auszuschauen, die Allerschönste zu sein. Kein Schweißtropfen im Gesicht. Aber den Männern hat es nicht gereicht. Plötzlich war ich nicht mehr die deutsche Pornoqueen. Und das habe ich zu spüren bekommen.

Wie haben Sie darauf reagiert?

Ich habe versucht, gegenzuhalten. Habe, auch auf Druck meines Produzenten, meinen Busen immer weiter vergrößert. Dann, bei meiner letzten Operation, ist etwas schiefgelaufen. Ich habe furchtbare Schmerzen bekommen. Kein Wunder, nach neun Operationen. Ich bin für den Monsterbusen viel zu dünn, da stimmt es anatomisch nicht mehr. Der wiegt ja allein schon drei Kilo bei 48 Kilo, die ich jetzt bei meiner Größe von 1,74 insgesamt wiege. Alles hat sich entzündet. Und zwischen den Eingriffen war vielleicht auch der Abstand zu klein. In der Branche ist ein Monsterbusen Must, und da wird operiert bis zum Gehtnichtmehr. Das wird unter den Teppich gekehrt, was die Darstellerinnen zu erleiden haben. Nur die haben eine Chance, eine wirkliche Pornoqueen zu werden, die diese Dinger haben.

Sie haben sich neunmal Ihre Brüste vergrößern lassen?

Exakt. Und hätte ich einen Wunsch frei, dann wäre es dieser: Meinen Monsterbusen wegzuzaubern. Es ist eine solche Last, damit zu leben. Ich habe aber noch andere Eingriffe, im Gesicht. Eigenfettunterspritzungen. Bei mir sind die aber dezenter als bei Dolly. Bei der ist das fast schon zombiehaft. Aber die Dolly hat alles richtig gemacht. Sie hat einen klaren Kopf, sie hat einen Geschäftssinn, sie ist auf dem Teppich geblieben. Und sie hat Dino, ihren Produzenten, geheiratet, während ich lauter Hallodris hatte. Ich wünsche mir so sehr einen Bär, der solide ist, einen gutsituierten Bär eben. Keinen, der arbeitslos ist. Das ist so deprimierend. Bei mir melden sich nur Männer, die ich absolut nicht will. Was soll ich mit einem Koloss? Den brauche ich nicht, außer er ist ein Verwandter von Rockefeller.


Frau Rauch, von was leben Sie heute?
Ich habe kein festes Einkommen und hangele mich so durch. Mein Exfreund gibt mir ab und zu etwas. Aber ich brauche Cash, und da sind eben auch Termine dabei, die ich in meiner Not annehmen muss.

Was für Termine?

Ich gehe in Swingerclubs zum Beispiel und präsentiere mich da. Körperlich ist das kein Problem... aber die Seele. Wenn ich in diese Clubs gehe, dann weiß ich: Die Hütte ist voll, nicht weil ich so toll bin, da gibt es 20-jährige Gogo-Girls, die sind viel toller, sondern weil ich den großen Namen habe und mir alles kaputt gemacht habe und die neugierig sind, wie ich jetzt wohl aussehe. Ich schätze das schon richtig ein. Die zahlen für meinen Namen und meinen Niedergang. Sensationsgier, so kann man das nennen. Aber ich brauche die 1500 Euro, die ich dafür kriege. Es hilft mir nichts, wenn man mir Wahnsinnsprojekte mit einem Mörderbriefkopf unterbreitet und dann ist das nur Luftikus. Da stehen dann vielleicht die Millionen auf dem Papier, aber das ist dann nur Klopapier. Und dann kriege ich noch Honorare von manchen Fernsehsendern, RTL, SAT1 und so weiter, die über mich berichten. Der Vati lässt mich jetzt auch kostenlos wohnen.

Wer ist denn der Vati?

Der Betreiber vom Campingplatz. Der hat jetzt durch die Fernsehbeiträge so viel Werbung bekommen, der braucht meine Miete nicht mehr. Das ist so ein lieber Mensch. Und die anderen auf dem Platz, die sind auch alle sehr nett zu mir. Die haben damit kein Problem. Die freuen sich sogar, dass sie jetzt manchmal im Fernsehen sind.

Frau Rauch, in wenigen Tagen ist Weihnachten. Wie werden Sie feiern?

Ich weiß es nicht, an Weihnachten habe ich noch nicht gedacht. Ich hätte so gerne jemanden, der sich um mich kümmert. Die seelischen Verletzungen, die ich erdulde, die kann man sich nicht vorstellen. Es ist kaum jemand bei mir geblieben. Die vielen vermeintlichen Freunde, die zu meiner Glanzzeit um mich schwirrten, die haben sich ganz schnell verflüchtigt. Nach meinem Selbstmordversuch kamen nur meine Agentin und ein paar Fernsehsender ins Krankenhaus. Manchmal denke ich, mein Leben im Wohnwagen, das ist die Endstation. Aber dann baue ich mich auf, rede auf mich ein: Es muss doch aufwärts gehen! Jemand muss mir doch eine Chance geben! Gerade habe ich in einem Horrorfilm, Cross Club, die Hauptrolle gespielt. Und im Januar starte ich eine eigene Internetseite. Vielleicht ist das ein Anfang. Aber ich habe auch gelernt: An Wunder soll man nicht glauben.

Haben Sie keine Familie?

Ich habe eine Schwester, aber zu der ist der Kontakt nur sporadisch. Die ist eben steinherzig geworden und wenn man sich nicht mehr verträgt, dann soll man das auch nicht erzwingen. Mit meiner Mutti verstehe ich mich gut. Sie weiß, wie es ist, verzweifelt zu sein.

Weiß Ihre Mutter, wie es Ihnen geht?

Meine Mutti lebt in einer anderen Welt. Sie ist nervenkrank. Die ahnt bis heute nicht, was ich genau mache. Und ich sage es ihr auch nicht. Sie weiß, dass ich Eis am Stil gedreht habe, und manchmal fragt sie mich: Erika, wann läuft das denn wieder? Warum drehst du das nicht mehr?

Sie heißen eigentlich Erika?

Ja, Erika Roswitha. Sibylle hat der Playboy kreiert. Denen klang Erika oder Roswitha zu sehr nach Landpomeranze. 19 war ich, als ich Miss Juni wurde. Da fing meine Karriere an. Da habe ich das erste Mal gemerkt, was ich mit meinem Körper erreichen kann. Davor war ich Anwaltsgehilfin, hatte so einen aschblonden Haferlschnitt und trug eine Brille. Der Playboy hat mich zur Traumfrau getrimmt. Viele sagen noch immer, ich wäre eines der schönsten Playmates überhaupt gewesen... Damals war ich unverbraucht, gierig auf das Leben. Jetzt habe ich immer noch einen schönen Körper. Aber meine Seele, die ist abgetakelt.

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Copyright © Frankfurter Rundschau 2002
Dokument erstellt am 19.12.2002 um 18:24:18 Uhr
Erscheinungsdatum 21.12.2002