Die Weltwoche   Ausgabe 43/07  


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Interaktiv

Die Radio-Revolution

Von Dirk Asendorpf

Das unterschätzte Medium Radio kommt jetzt digital daher - bisher mit wenig Erfolg. Das wird sich ändern, sobald die Autoindustrie mitzieht

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Die Zukunft des Radios hat in Afrika begonnen. 36 000 Kilometer über dem Kongo steht seit Ende 1998 der AfriStar, ein Satellit für die Ausstrahlung der digitalen Radioprogramme von Worldspace. Damit hat sich der charismatische Äthiopier Noah Samara seinen Traum erfüllt: "Unser digitales Satelliten-Radio bringt das Licht des Wissens nach Afrika." Fast eine Milliarde Dollar hat der unermüdliche Samara gesammelt, um mit insgesamt drei Satelliten bis zu achtzig Radioprogramme nach Afrika, Asien und Lateinamerika zu bringen. Alles, was man zum Empfang benötigt, ist ein spe-zielles Kofferradio mit einer kleinen, aufklappbaren Satellitenantenne. Bei freier Sicht nach Süden funktioniert der Empfang sogar in der Schweiz.


Glasklar hörbar sind dann zum Beispiel Radio Sud, ein Privatradio aus dem Senegal, der staatliche Rundfunk aus Kongo Brazaville, mehrere Musikprogramme oder auch die Afrika-Dienste von BBC und Bloomberg. Wer will, kann zusätzlich seinen PC direkt an das Radio anschliessen und so auch bestimmte Internet-Angebote gebührenfrei empfangen.


"Die Letzten werden die Ersten sein", sagt Noah Samara über sein Projekt. Ausgerechnet auf dem technologisch rückständigsten Kontinent hat mit Worldspace das Zeitalter des digitalen Radios begonnen. 400 000 Empfangsgeräte sollen bis Ende des Jahres verkauft werden - zu Preisen, die heute noch zwischen 300 und tausend Franken liegen, bei grösserer Verbreitung aber schnell sinken werden. Das Marktpotenzial schätzt Worldspace auf rund 200 Millionen Haushalte in Afrika, Asien und Lateinamerika. Schliesslich bietet das digitale Satellitenradio überall dort, wo UKW bisher nicht verbreitet ist, erstmals den Empfang einer breiten Palette nationaler und internationaler Bildungs-, Informations- und Musikprogramme in erstklassiger Tonqualität.


Die Zukunft des Radios hat auch Dolldorf erreicht, ein winziges Dorf im norddeutschen Flachland. Mit weitem Blick über ein Weizenfeld bis hin zu den äsenden Rehen am Waldrand arbeitet hier der Radiojournalist Klaus Jürgen Schmidt. Er ist Gründer von Radio Bridge Overseas. Dieser unabhängige Zusammenschluss von Hörfunk-Journalisten im südlichen Afrika hat seine Zentrale eigentlich in Harare, der Hauptstadt von Simbabwe. Doch seit dort der Bürgerkrieg droht, hat Klaus Jürgen Schmidt seinen Arbeitsplatz nach Dolldorf verlegt. Mit einer Standleitung ins Internet kann er seine Arbeit hier genauso gut erledigen wie im Studio in Harare.


Die Journalisten von Radio Bridge Overseas übermitteln ihm die Manuskripte und O-Töne aus Afrika jetzt per Datentransfer via Internet nach Dolldorf. Dort mischt Schmidt sie auf seinem PC zusammen. Falls Musikeinblendungen gewünscht sind, holt er sich diese ebenfalls aus dem Internet. Die fertigen Sendungen stehen für interessierte Sendeanstalten in Afrika, Europa und den Vereinigten Staaten dann auf der Website der Radio-Brücke zum Abruf bereit. Für Länder, in denen der Internetzugang für die Übertragung von Audiodateien noch nicht gut genug ist, lässt Radio Bridge Overseas die Programme auch über den Worldspace-Satelliten ausstrahlen. Interessierte Radioanstalten können sie dann mitschneiden und in ihre ei-genen Programme auf UKW, Kurz- oder Mittelwelle übernehmen.


"Hier an meinem kleinen PC kann ich inzwischen besser und schneller arbeiten als in einem Studio, für das man vor ein paar Jahren noch 200 000 Mark ausgeben musste", sagt Schmidt. So wie er gehen inzwischen immer mehr freie Radiojournalisten dazu über, ihre Beiträge zu Hause zu produzieren. Die MP3-Technik ermöglicht es, die fertigen Sendungen ohne Qualitätsverlust vollelektronisch in die Sendeanstalten zu schicken - oder sogar direkt über das Internet zu verbreiten.


Mit einem PC, einer Soundkarte und etwas technischem Geschick kann heute jeder sein eigenes Radioprogramm anbieten. Das Interessante an der Sache ist, dass das Internet die Trennung zwischen Sender und Empfänger verwischt. Über 300 deutschsprachige Internet-Sender tummeln sich schon heute im Netz, und wöchentlich werden es mehr. Neben allerhand Newcomern sind inzwischen auch viele traditionelle Radioprogramme im Internet verfügbar, aus der Schweiz zum Beispiel Schweizer Radio International.


Anders als das klassische Radio bieten die meisten Internet-Radios zusätzlich interaktive Elemente. Der Hörer ist damit nicht mehr gezwungen, dem Programmablauf so zu folgen, wie er ausgestrahlt wird, sondern kann sich aus allen Angeboten sein persönliches Radioprogramm zusammenstellen. Pop, Jazz, Weltmusik oder Klassik - für jeden Musikwunsch gibt es ein eigenes Spartenangebot. Und neben dem reinen Ton werden auch Hintergrundinformationen übermittelt: zum Beispiel der Titel des Musikstücks, ein Foto des CD-Covers, die Besetzung des Orchesters und so weiter. Hat ein Musikstück besonders gut gefallen, kann sich der Hörer dieses per Mausklick nachträglich noch auf die Festplatte laden und anschliessend auf CD brennen.


Digitales Radio wird sich in Zukunft nicht mehr deutlich von Fernsehen und Zeitung unterscheiden. Beim Radio wird zwar das Hören im Vordergrund stehen, auf Text und Bild muss man dabei aber nicht grundsätzlich verzichten. Bisher war Radio das schnellste, aber auch das flüchtigste Medium. "Das versendet sich sowieso", heisst es gerne unter Radiojournalisten, wenn eine ungenaue Formulierung oder eine falsche Zahl in einen Beitrag gerutscht ist. In Zukunft wird das so nicht mehr gelten, denn digitales Radio kann im Internet genauso archiviert und überprüft werden wie gedruckte Inhalte. Das wird die Arbeit von Radiojournalisten verändern. Sie werden auch Texte und Bilder in ihre Beiträge integrieren und sich von der Vorstellung trennen müssen, dass sie nur fürs Ohr arbeiten. Mobile Internetzugänge ermöglichen dies schon heute von fast jedem Ort der Welt aus.


Zurzeit lässt allerdings die Klangqualität des Internet-Radios noch deutlich zu wünschen übrig. Wer keine schnelle Leitung hat und nur per Modem mit dem Netz verbunden ist, bekommt kaum mehr als Mittelwellenqualität zu hören. Mit zunehmenden Bandbreiten wird sich dies allerdings rasch ändern, und die Bedeutung des Internets als Vertriebskanal für den Hörfunk wird stark zunehmen. Bis es so weit ist, sind auch noch zahlreiche rechtliche Probleme (vor allem Urheberrechte) rund um die Internet-Verbreitung von Radioprogrammen zu lösen.


Ersetzen wird das Internet den klassischen Empfang per Antenne allerdings nicht. Schliesslich befinden sich die meisten Radioempfangsgeräte nicht in der Nähe eines Internet-Anschlusses. Wer Radio hört, tut das fast immer im Auto oder an einem tragbaren Gerät in der Küche, im Hobbykeller oder Schlafzimmer. Und ausgerechnet für diesen klassischen UKW-Empfang ist trotz allen technischen Fortschritts keine Ernst zu nehmende digitale Alternative in Sicht.


Zwar haben sich die meisten europäischen Länder schon Ende der achtziger Jahre auf einen neuen digi-talen Hörfunk-Standard verständigt. Der heisst DAB (Digital Audio Broadcasting) und wird auch in der Schweiz seit Ende 1999 genutzt. Rund hundert deutschsprachige DAB-Sender sind bereits auf Sendung, darunter auch alle DRS-Programme. Zwei Drittel aller Schweizer könnten sie theoretisch empfangen; tatsächlich sind hierzulande bisher jedoch noch nicht einmal 2000 DAB-Empfangsgeräte im Einsatz. Schliesslich sind sie kaum unter tausend Franken zu haben, bieten gegenüber dem traditionellen UKW-Empfang aber eigentlich keinen Vorteil.


Die etwas bessere Tonqualität macht sich beim Nebenbeihören im Auto kaum bemerkbar, und die technisch möglichen Zusatzangebote wie zum Beispiel detaillierte Verkehrsnachrichten oder Angaben zur gesendeten Musik werden von den Sendern bisher nicht zur Verfügung gestellt. Denn der Aufwand stünde zu der verschwindend kleinen Hörerschaft in keinem Verhältnis. "Das ist wie mit dem Huhn und dem Ei", sagt René Dufour, in der SRG-Generaldirektion für die Technik-Entwicklung zuständig, "solange keine DAB-Geräte verkauft werden, lohnen sich die Zusatzangebote nicht; doch ohne diese Zusatzangebote gibt es keinen Grund, ein DAB-Gerät zu kaufen."


Trotz des bisherigen Misserfolgs wird DAB kommen. Und zwar vor allem deshalb, weil die digitale Übertragung auf den überfüllten europäischen Frequenzbändern Platz für mehr Programme schafft. Ab 2004, so hat es die Automobilindustrie angekündigt, will sie Digitalradios serienmässig in Neufahrzeuge einbauen. Damit wird sich DAB endgültig etablieren. An eine Abschaltung von UKW, die in manchen Strategiepapieren bereits für 2010 angekündigt worden war, denkt heute jedoch niemand mehr. Auf absehbare Zeit wird das alte analoge Radio neben dem neuen digitalen weiterleben. Daneben wird Platz für immer mehr interaktive Hörfunkangebote im Internet sein. Auch wird man weiterhin digitalen Hörfunk parallel zum Fernsehen aus dem Kabelnetz und mit einer Satellitenschüssel empfangen können. Und selbst die Digitalisierung von Mittel- und Kurzwelle wird sich einen - wenn auch kleinen - Marktanteil erkämpfen. Die Zukunft des Radios gibt es nicht; das Radio hat viele Zukünfte.

Dirk Asendorpf ist IT-Journalist und lebt in Bremen

Radio im Internet

Links


Worldspace:

http://www.worldspace.com

Radio Bridge Overseas:

http://www.radiobridge.org

Schweizer Radio International (SRI):

http://www.srg-ssr.ch/de/radio/sri/de_sri.html oder http://www.swissinfo.org

DAB in der Schweiz:

http://www.srg-ssr.ch/de/dab/index.html

Liste der DAB-Sender:

http://homepage.swissonline.ch/bruelhart/dab.html

Modellversuch DVB-T:

http://www.dvb-t-nord.de

Marketinginitiative für DAB in Deutschland:

http://www.digitalradio-info.de/

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