Nicht nur Worte

Zwei Mal Alberto Giacometti :

Der Traum, die Sphinx und der Tod

Gestern, Flugsand

Verlag Scheidegger & Spiess – bibliographische Daten am Ende der Rezension

»Im Grunde genommen gibt es für mich keine Kluft zwischen Schreiben und Malen«, sagte der Künstler Alberto Giacometti, dessen bildnerische Arbeiten, im Unterschied zu seinen Texten, bekannt sind. Die Möglichkeit, den schreibenden Giacometti zu entdecken, gibt es jetzt durch zwei neue Publikationen.

Der Künstler Louis Aragon machte sich, begleitet von Michel Leiris, André Gide, Yves Bonnefoy und Beat Wyss, auf, Wege zum Werk von Alberto Giacometti (1901 – 1966) zu erkunden. Er hinterlegte einen umfänglichen Band, der 1987 beim schätzenswerten Verlag Matthes & Seitz erschien. Die Zeit ging weiter, neues Material tauchte aus Giacomettis Erbe auf, und so entstanden zwei Bücher, die Texte aus dem alten Band sowie neue versammeln. All dies wurde neu übersetzt und mit Abbildungen und Faksimiles der Originalveröffentlichungen versehen.

»Ich weiss, dass ich etwas zu sagen habe«, schrieb Giacometti 1945 seiner Mutter. Da hatte er bereits viel gesagt zu Themen, die ihn bedrängten, und wird noch viel sagen in der Folgezeit. Ganz persönlich gab er Auskunft über Freundschaft, Liebe, Traum, Landschaft, Herkunft, Kunst und Künstler und spricht gelegentlich auch über sein eigenes Werk. Für dieses Unternehmen, einen Querschnitt von Giacomettis Texten vorzulegen, konnten sich die Herausgeber, Mary Lisa Palmer und François Chaussende, auf Michel Leiris und Jacques Dupin, die Giacometti persönlich kannten, stützen. Von Dupin stammt denn auch der erste Text im Band »Gestern, Flugsand« unter dem Titel »Ein endloses Schreiben«. Giacometti gilt als ein großer Schweiger, das betont auch Dupin, bemerkt aber gleichzeitig, dass sein Freund auch ein großer Lebenskünstler war, der die Worte brauchte, um sein Leben, »ein wunderbares Abenteuer«, auszudrücken. Es handelt sich bei den Texten, so Dupin, mehrheitlich um Gelegenheitstexte, Arbeiten zu bestimmten Ereignissen und Auftragsarbeiten. Von diesen Texten hebt Leiris Giacomettis Notate aus den Notizbüchern ab, zersplitterte Gedanken, eilig, flüchtig, fragmentarisch aufgeschrieben.

Auf einen Nenner lassen sich die Texte, in die gelegentlich Zeichnungen eingestreut wurden, nicht bringen. Aus der Abteilung Kunst kommen Schriften zu dem Bildhauer Henri Laurens (1885 – 1945), dem Giacometti sich nah fühlte. Er behandelt an anderer Stelle die Kunst von Jacques Callot (1592 – 1635), spricht über Francisco Goya (1746 – 1828) oder Théodore Géricault (1791 – 1824), sämtlich Maler, die in ihren Sujets menschliches Leid und Schrecken, sei es durch Krieg oder Naturgewalten ausgelöst, darstellen und die, das schätzt Giacometti an ihnen, große Könner in der Besetzung des Bildraums, der Leere und der Volumina, waren. Dies Problem beschäftigt Giacometti in zwei weiteren Texten: »Ich sehe nicht mehr viel weiter« und in »Jede Skulptur«, beide aus dem Jahr 1949.

Der Raum, so die zentrale Aussage, »existiert nicht«, es gäbe nur eine Illusion davon, also müsse man ihn schaffen. Um 1952 kommt er in »Landschaft!« auf deren große Künder, Paul Cezanne, Vincent van Gogh, Tintoretto, Jan van Ruisdael und Jan van Eyck zu sprechen. Die Texte umfassen den Zeitraum von 1931 bis 1963, und sie zeugen auch von einer lang andauernden Suche nach der passenden Form im bildnerischen Werk. Um 1934 möchte der Künstler »Schluß mit den ganzen früheren Plastiken« machen, für die er bekannt wird, sieht dann im Text »Nichts zu schreiben« kurzfristig im Sagen mit den Buchstaben keine adäquate Ausdrucksmöglichkeit, bis er sich um 1947 in »Seiten über Seiten« wieder der Schrift zuzuwendet. Neben Politischem, so in »Eurasien«, ein Text zur Zukunft des geteilten Europas (auf den man viel später im Werk von Joseph Beuys berühmte Anspielungen finden kann), finden sich ganz Privates, Notizen zum Stand seiner Gesundheit, Zukunftsplänen, Reiseerinnerungen und vor allem eines: die ständige Reflektion auf sich und seine Kunst.

Die kommt aufs schönste im zweiten Band zum Ausdruck, der einen der zentralen Texte Giacomettis, der auch in »Gestern, Flugsand« abgedruckt ist, auskoppelt und sich dessen Tiefendimension widmet. Für dessen Entschlüsselung wurde der Romanist Donat Rütimann gewonnen. Er ist dazu mehr als prädestiniert, hat er doch über Giacomettis literarisches Werk promoviert. Noch stärker als im »Flugsand« fliegen in diesem Band »Der Traum, die Sphinx und der Tod von T.« Zeichnungen und Text einander zu. Unter diesem Aspekt betrachtet Rütimann den vorliegenden Text, er nennt es ein »Gefüge von Korrespondenzen«, und in ihm wird Giacomettis Ringen um den richtigen Ausdruck exemplarisch sichtbar. Damit beschäftigt sich der Kunsthistoriker Gottfried Boehm, der ausführt, Giacomettis Formzweifel müßten auch vor dem Hintergrund von dessen Sprachzweifeln gesehen werden. Rütimann arbeitet denn auch in seinem langen Beitrag das Fragmentarische und Brüchige in Giacomettis Kunst, sei es in Text oder Bild, heraus, hebt ausführlich die Erkenntnis hervor, der Bruch sei eines der Hauptelemente moderner Kunst und Befindlichkeit, was indes bei Giacometti insofern weiterentwickelt sei, als er diese Widersprüche nicht aufhebe, sondern den Konflikt in sein Werk als dessen Gegenstand integriere. (Und vielleicht ist dies die Stelle, an der sich anfügen läßt, daß der Verlag bereits einmal wesentlich den Blick auf Giacomettis Kunst erweiterte, indem er mit Ernst Scheideggers Band »Alberto Giacometti – Skulpturen in Gips« die spezielle Bedeutung des weißen Materials und Mediums herausarbeitete!)

Wege zu Giacometti suchten viele Künstler. Manchen ging es leicht dabei, anderen schwer, und das gilt auch ein wenig für die Schweiz in den Nachkriegsjahren. Sie tat sich schwer ihn zu ehren und es ist nicht verwunderlich, dass der 1946 geschriebene Text, im Original »Le Rêve, le Sphinx et la mort de T.« erst 2002 den Weg in die Zürcher Alberto Giacometti Stiftung fand. Es handelt sich um ein Notizheft Giacomettis von 1946 mit Zeichnungen und Text, das zunächst in der Zeitschrift »Labyrinthe« erschien, die Albert Skira herausgab, der Giacometti auch animierte, den Traum, den der Künstler nach dem Tod seines Zimmernachbarn Tonio Potosching und der drohenden Schließung eines Bordells, »Sphinx« hatte, aufzuschreiben. Im Mittelpunkt steht eine riesige Spinne mit elfenbeingelbem Panzer. Der Text ist zweigeteilt, denn, nach der Schilderung des Entstehungszusammenhangs, den Tod von T. und seiner Erzählung darüber, reflektiert Giacometti über das Problem des Schreibens selbst und setzt zu einer nochmaligen Textbearbeitung an: »Wie soll ich diese / Geschichte aufschreiben? Ich wusste es nicht. / Ein Durcheinander von Zeit, von Ereignissen, / von Orten und / Empfindungen.« In der Ausgabe von Matthes & Seitz fehlte damals entschieden der geniale Zusammenhang von Text und Bild. Dies ist deshalb wichtig, weil Giacometti die erste Darstellung des Traums nicht zufriedenstellt. Er sieht die Simultanität von Ereignissen an verschiedenen Orten – ein Text kann aber immer nur nacheinander erzählen. Giacometti setzte also zu einer nochmaligen Bearbeitung des Ursprungstraumtextes an und zeichnet eine Scheibe, die er in verschiedene Segmente, darin die einzelnen Erzählmotive, zerlegte. Und Giacometti faßte dieses Darstellungsproblem sprachlich: »Die ganze Geschichte gleichzeitig, / auf der Seite. Die Zeit – der Raum. / Eine horizontale Scheibe.« Diese betrachtet Giacometti eine Seite weiter, und er ist nun »mittendrin«.  

Die neue Übersetzung des Traumbuches – für die auch Donat Rütimann verantwortlich zeichnet, die alte stammt von Reinhard Tiffert – ist gut, weil sie genauer und eleganter ist und sie ist durch Gegenüberstellung mit dem französischen Original überprüfbar. Bei Tiffert heißt es zum Beispiel, »es ist ein Traum«, bei Rütimann »es war ein Traum« (c'était un rêve), eleganter als Tifferts »unwillkürlich mit den Augen suchend« klingt es bei Rütimann, »unwillkürlich nach ihr umschaute«. Als Glanzlicht liegt dieser Ausgabe noch ein Faksimile des Originaltextes aus der Zeitschrift »Labyrinthe« bei, der ebenfalls einige Zeichnungen enthielt. Damit enthält die Ausgabe, beigegeben sind ihr noch Erläuterungen zum Notizheft, alles zu diesem bedeutenden Text Giacomettis, der mit dem Traum, das ist bekannt, auf einen surrealistischen Topos zurückgriff, eine écriture automatique, die Rütimann gekonnt in den geistesgeschichtlichen Kontext, so zu Georges Bataille, Jean-Paul Sartre und Samuel Beckett, setzt, von denen sich Giacomettis »Traum« abhob, denn da hatte er seine »surrealistische Phase« zu diesem Zeitpunkt bereits hinter sich gelassen.

In der Wortkunst sucht Giacometti, ganz ähnlich wie in der bildnerischen Kunst, nach neuen Zeit-Raum-Konzepten. Der Anspruch der Bände war es, Giacomettis Werk in ein »Gefüge von Korrespondenzen« einzubinden, und das gelang doppelt. Sowohl das Text-Bild-Zusammenspiel entschlüsselte Rütimann, als auch Giacomettis Bezüge zu Kunst und Literatur seiner Zeit. Für beide Ausgaben ein Wort von Giacometti zum guten Ende: »alles kehrt wieder«, wesentlich erweitert und verbessert, und ein wenig wird die Persönlichkeit Giacomettis, von der er sagte, sie sei ein »bißchen verschwommen«, durch Gespräche am Ende von »Flugsand« deutlicher, die der große Künstler mit Georges Charbonnier, Gotthard Jedlicka, Isaku Yanaihara, Pierre Schneider, André Parinaud, Pierre Dumayet und David Sylvester führte.

Sigrid Gaisreiter

Alberto Giacometti (2006) Le Rêve, le Sphinx et la mort de T.. Der Traum, die Sphinx und der Tod von T. Faksimileausgabe des Manuskripts. Herausgegeben und übersetzt von Donat Rütimann. Broschur, 128 S., 53 einfarbige Abb., Zürich. Verlag Scheidegger & Spiess. € 30,00

Alberto Giacometti (2006) Gestern, Flugsand. Schriften. Herausgegeben von Mary Lisa Palmer und François Chaussende. Übersetzung aus dem Französischen von Maria Hoffmann-Dartevelle, aus dem Italienischen von Aylie Lonmon. geb., 304 S., 15 s/w Abb. und 38 s/w Faksimiles der Originalveröffentlichung. Zürich. Verlag Scheidegger & Spiess. € 30,00

 

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