Le Monde
14.04.2000

SENEGAL NACH DEM ENDE DES STAATSSOZIALISMUS

Jetzt sind Mut und Einfallsreichtum gefragt

Anfang April hat Senegals neuer Präsident Abdoulaye Wade sein Amt übernommen. Nachdem die sozialistische "Staatspartei" in dem Schlüsselland des einstigen "Französisch-Afrika" vierzig Jahre lang an der Macht gewesen ist, ging nun ein Wechsel vonstatten, ohne daß die Armee und die mächtigen religiösen Bruderschaften auf den Plan getreten sind. Der neu gewählte Präsident will den Senat abschaffen, das Parlament auflösen und einen "bescheidenen Staat" durchsetzen, der den Gegebenheiten des Landes entspricht. Auch strebt er eine baldige Lösung für die Casamance an, wo ein sezessionistischer Guerillakrieg schwelt. Doch seine Zeit ist knapp bemessen, denn die Erwartungen der Öffentlichkeit sind hoch und wurden in der Vergangenheit vielfach enttäuscht. Wider alle Erwartung sind in Senegal die beiden Durchgänge der Präsidentschaftswahl ohne Zwischenfälle verlaufen, und so kam es in den letzten Wochen zum ersten Mal in der Geschichte des Landes seit der Unabhängigkeit zu einem Machtwechsel. Abdoulaye Wade hat Abdou Diouf abgelöst.

Dabei wird das Land von schlimmen Krisen geschüttelt. Die seit 1960 herrschende sozialistische Partei (der PS), deren Führer zum Teil mehr die persönliche Bereicherung als das Allgemeinwohl im Auge hatten, und eine internationale "Hilfe", die eher auf Abhängigkeit als auf Entwicklung abzielte, haben eine regelrechte Auflösung der Gesellschaft bewirkt. Die vom PS durchgepaukte Verfassungsänderung, die ihrem Chef Abdou Diouf unbegrenzte Mandatsverlängerungen ermöglichte, und die Gefahr von Unregelmäßigkeiten, wie sie der Opposition zufolge bei früheren Wahlgängen vorkamen, ließen das Schlimmste befürchten. Manipulationen und Verfälschungen der demokratischen Mechanismen hätten bei den Massen, für die der Wechsel gleichbedeutend mit Hoffnung war, unberechenbare Reaktionen ausgelöst. Vor dieser Hauptsorge traten grundsätzliche Fragen in den Hintergrund, alles drehte sich nur noch darum, wie zuverlässig die Maßnahmen waren, die einen fairen Wahlgang sichern sollten. Um die Tragweite des Wahlsiegs von Abdoulaye Wade zu beurteilen, muß man sich die Ergebnisse des ersten Wahlgangs ansehen, bei dem der damals amtierende Präsident 41,33 Prozent erhielt, die Oppositionskoalition jedoch nur 30,97 Prozent. Anders gesagt, daß Abdou Diouf sich einer Stichwahl gegen Abdoulaye Wade stellen musste, hatte er vor allem der Uneinigkeit seiner eigenen Partei zu verdanken. Die beiden PS-Abweichler Moustapha Niasse (16,76 Prozent) und Djibo Ka (7,09 Prozent) entzogen ihm zusammen fast ein Viertel der Stimmen. Im Übrigen zeigt die Wahl klar, dass die Bevölkerung einerseits Diouf weg haben wollte, andererseits aber auch nicht ganz überzeugt ist von Wades Koalition, deren Glaubwürdigkeit darunter leidet, dass drei ihrer Mitglieder mit dem alten Regime kollaborierten. Deutlich wird auch die Desillusion gegenüber den Marabut-Dynastien, die sich für ihren Geldgeber Abdou Diouf ausgesprochen hatten. Die Niederlage des Präsidenten fällt auf sie zurück.

Konsequenterweise müsste nun Abdoulaye Wade die vom PS dominierte Nationalversammlung auflösen. Eine baldige Neuwahl des Parlaments böte die Gelegenheit, über die Probleme des Landes und entsprechende Lösungsmöglichkeiten zu debattieren. Dies könnte für Senegal eine Übergangsphase einleiten. Dasß der neue Präsident Moustapha Niasse zum Ministerpräsidenten bestellt hat, lässt hoffen, denn dieser einflussreiche Mann genießt den Respekt aller politischen Lager. Eine Exekutive à la française, gebildet aus einem liberalen Präsidenten und einem sozialistischen Ministerpräsidenten, stellt die politische Konstellation dar, mit der sich die Mehrheit der Senegalesen identifizieren könnte. Die Bevölkerung hat sich deutlich für den Wechsel ausgesprochen.

Nun gilt es, die Bilanz der fast zwanzigjährigen Diouf-Ära zu bereinigen. Ein Jahr nach seinem Regierungsantritt (1981) hatte er als Antwort auf den Staatsstreich von Kukoi Samba Sagna ein "Senegambia" improvisiert und die senegalesische Armee in Gambia einmarschieren lassen, um Dawda Jawara wieder an die Macht zu bringen. Dieser verschob allerdings die geplante Vereinigung der beiden Staaten auf den Sankt-Nimmerleins-Tag, nachdem er wieder fest im Sattel saß. Die Erinnerung an die Toten ist immer noch wach. Schmerzhaft in Erinnerung bleiben auch die Massaker, die 1989 in Mauretanien an Senegalesen verübt wurden. Die Senegalesen antworteten mit Repressalien gegenüber den im Lande lebenden Mauretaniern. Der Konflikt ist bis heute ungelöst.

Eine weitere offene Wunde ist der Bürgerkrieg in der Provinz Casamance, in den auch das angrenzende Guinea-Bissau hineingezogen wird. Die senegalesische Wirtschaft war zu lange abhängig vom Erdnussanbau, der die Ackerflächen auslaugt. Auf der Suche nach neuen, nährstoffreicheren Böden wanderten die Wolof-Bauern in die fruchtbare Casamance aus, wo sie den Rhythmus der traditionellen Anbauweisen durcheinander brachten und schwere politische Probleme und Spannungen verursachten. Die alteingesessene Bevölkerung fühlt sich ungerecht behandelt.

Der privatwirtschaftliche Sektor befindet sich praktisch ganz in der Hand französischer Firmen (Bolloré, Bouygues, Mimran, France Télécom u.a.). Einige von ihnen nutzten die Abwertung des CFA-Franc um 50 Prozent im Januar 1994, um sich für wenig Geld öffentlichen Besitz in wirtschaftlichen Schlüsselbereichen anzueignen (Wasser, Telekommunikation, Hotellerie). Der Zucker-Monopolist Mimran, der den Zuckeranbau und Zuckerhandel landesweit kontrolliert, erhielt zusätzlich die örtliche Niederlassung der ehemaligen westafrikanischen Bank BIAO (Banque internationale pour l'Afrique occidentale) angeboten. Diese Bank hätte man auch so sanieren können, dass man die Sparguthaben im Lande mobilisiert und im Ausland befindliches Kapital von Landsleuten angelockt hätte.
Zusätzlich zum Verlust ihres Besitzes mussten die Opfer der Abwertung eine Verteuerung der Lebenshaltungskosten hinnehmen. Die schon vorher abschreckenden Darlehenszinsen kletterten in Schwindel erregende Höhen, um dem Preisanstieg entgegenzuwirken, der bei Lebensmitteln und Importwaren um die 60 Prozent lag. Die mit Spekulationsgeldern überschwemmten Niederlassungen der französischen Banken dachten nicht etwa daran, Arbeitskräfte einzustellen. Sie finanzierten lieber mit kurzfristigen Krediten den Import von Verbrauchsgütern.

Seit den Ländern nach der Unabhängigkeit der CFA-Franc als Einheitswährung aufgezwungen wurde, obwohl sie gar nicht mehr in das von Frankreich begründete gemeinsame Marktbündnis eingebunden waren, sitzen die betroffenen Länder in einer tödlichen Falle. Durch den massiven Kapitalabfluss ins ehemalige Mutterland blutet ihre Wirtschaft völlig aus, und die Handelsbeziehungen zwischen den einstigen Kolonien verkümmern.
Die zwischen Frankreich und den Ländern der Franc-Zone ausgehandelten Verträge, mit denen die Westafrikanische Wirtschafts- und Währungsunion (Ecomac) sowie die Zentralafrikanische Wirtschafts- und Währungsgemeinschaft (Cemac) begründet wurden, sind lediglich ein Notbehelf. Eine Wirtschaftsunion mit einer Währungsunion zu beginnen ist das Verkehrteste, was man tun kann. Die fehlende Konvertierbarkeit der CFA-Währungen der beiden Wirtschaftsräume beweist dies überdeutlich. Unter den gegebenen Verhältnissen ist nicht auszuschließen, dass die Entwicklung von Parallelmärkten zu immer neuen Abwertungen des CFA-Franc und irgendwann zu seiner Auflösung führt.

Für die wirtschaftliche Entwicklung ist dieses Klima der Unsicherheit alles andere als günstig, dafür gedeihen Schattenwirtschaft und Spekulation um so prächtiger. Ein wahrer Albtraum ist auch die Verschuldung. Schon 1994 betrug sie 3 678 Milliarden Dollar und entsprach 272,7 Prozent der Exporte und 99,1 Prozent des Bruttosozialprodukts. Die Fischgründe des Landes wurden an die Mitgliedsländer der EU verschachert, die sie ausplünderten, was die Bevölkerung noch mehr verelenden ließ. Hinzu kommt der Skandal einer zum Regierungssystem erhobenen Korruption.

Wird die neue Regierungsmannschaft genug Mut und Einfallsreichtum aufbringen, um diese verfahrene, die Gesellschaft völlig lähmende Situation anzugehen? Für die Problembereiche Casamance, Gambia und Guinea-Bissau gilt gleichermaßen: Die Unsummen, die dieser lange, kostspielige Krieg verschlingt, könnten dazu genutzt werden, die in der Casamance begangenen Ungerechtigkeiten wieder gutzumachen. Zusätzlich könnte der Regierungssitz nach Ziguinchor (Casamance) verlegt werden, wobei Dakar wirtschaftlich die Hauptstadt bliebe. Dies hätte außerdem den Vorteil, dass große Bauvorhaben eine Dynamik der Entwicklung und der wirtschaftlichen Integration erzeugen. Man könnte eine Brücke über den Gambia-Fluss, Straßen, eine Universität bauen. Dieselbe Strategie der Nachfrage-Ankurbelung keynesianischen Typs könnte auch in den übrigen Landesteilen angewandt werden, indem die Pläne für den Cayor-Kanal, die Urwelt-Täler, die "grünen Lungen" usw. reaktiviert werden.

Was die Privatisierungen betrifft, auf die eher der Begriff Liquidation zuträfe, müsste der Staat mit entsprechenden Gesetzen für die Kapitalaufstockung der betroffenen Unternehmen sorgen. Nur Inlands- oder Auslands-Senegalesen sollten als Anteilseigner zeichnen dürfen. Eine solche Maßnahme würde einen Teil des ins Ausland transferierten Kapitals zurückfließen lassen und den Landsleuten eine gewisse Kontrolle der fraglichen Gesellschaften verschaffen. Und von der Westafrikanischen Zentralbank (BCEAO) müsste verlangt werden, dass sie die Handelsbanken durch Direktiven dazu verpflichtet, den kleinen und mittleren Unternehmen mittel- und langfristige Kredite zu gewähren.

Senegal hat sich den Programmen zur Liberalisierung der Wirtschaft gebeugt. Da die Länder des Westens sich nicht an die Vereinbarungen von 1993 zur Öffnung ihrer Märkte für afrikanische Exporte gehalten haben, müsste Senegal gemeinsam mit den anderen Ländern des Kontinents bei der Welthandelsorganisation WTO ein Moratorium aushandeln, das den afrikanischen Markt vor jenen Importen schützt, die seine landwirtschaftliche Lebensmittelproduktion und die Ansätze eigener Industrialisierung zerstören. Vorrangiges Ziel einer energischen Politik und aktiven Diplomatie müssten die wirtschaftliche Integration der Subregion und die Belebung des Handels innerhalb der Wirtschaftsgemeinschaft Westafrikanischer Staaten (Ecowas) sein.

Heutzutage spricht man vielfach vornehm von Schuldenerlaß, womit Afrika wieder einmal in der Rolle des Bittstellers ist. Man vergisst dabei, dass Schwarzafrika, da es keinen Zugang zu den Kapitalmärkten hat, wie ein Subunternehmer seine Entwicklung an die Institutionen von Bretton Woods ankoppeln musste. Dies wurde nicht honoriert. Bewertungsberichte über die von den multinationalen Banken finanzierten Projekte bestätigen es. Die meisten dieser Projekte erfüllten ihre Zielsetzung nicht. Kredite beruhen auf einer Geldtransaktion zwischen zwei oder mehreren Parteien. Wenn diese Transaktion einer der Parteien zum Nachteil gereicht, kann und soll die geschädigte Partei ein Schiedsgericht anrufen, um Schadenersatz zu erhalten. Senegal ist es sich schuldig, sich zum Anwalt und Protagonisten eines solchen Vorstoßes zu machen, um eine Lösung für das Schuldenproblem zu finden.

Und was ist eigentlich mit der Entschädigung, die der schwarzen Bevölkerung wegen der Sklaverei zusteht? Portugal, Spanien, Frankreich, Holland, England, die USA und Dänemark haben von der Zwangsarbeit der Schwarzen profitiert, und Unternehmen wie Lloyds, NatWest usw. haben dabei riesige Gewinne erzielt. Senegal ist es sich schuldig, an vorderster Stelle den juristischen Entschädigungskampf zu führen, damit die Kinder Afrikas in derselben Weise entschädigt werden wie die Kinder Israels. Mit den einzutreibenden Summen könnte ein panafrikanischer Entwicklungsfonds gegründet werden, dessen vordringliches Ziel darin bestünde, die Armut der schwarzen Gemeinschaft in der Welt auszurotten.

Das zwischen der Europäischen Gemeinschaft und Senegal 1997 vereinbarte Fischerei-Abkommen muß neu ausgehandelt werden. Es bedarf einer Schonzeit, damit sich die Fischbestände wieder regenerieren können. Fangquoten, zu fischende Arten, Kontrollmaßnahmen und die Menge der in Senegal selbst zu verarbeitenden Fänge müssen neu ausgehandelt werden.

Auch die politischen, wirtschaftlichen und militärischen Beziehungen zu Frankreich müssen einer Revision unterzogen werden. Es ist im Prinzip sinnvoll, dass ein Land seine Währung an die seines wichtigsten Handelspartners koppelt, doch die Konstruktion des CFA-Franc widerspricht den Interessen der ehemaligen französischen Kolonien in Afrika. Differenzierte Umtauschkurse müssen die Regel sein. Die Einbehaltung von 65 Prozent der Wechselkursreserven auf Konten der französischen Zentralbank ist ungerechtfertigt. Die Kapitalflucht muß eingedämmt werden. Die französischen Investitionen im Lande müssen den Interessen beider Seiten dienen, und nicht nur den französischen. Im militärischen Bereich muß Frankreich eine Pacht für die Militärbasis in Dakar bezahlen. Die strategische Bedeutung der Basis rechtfertigt dies. Wenn Paris nicht bereit ist, diese Notwendigkeit anzuerkennen, muß Senegal mit anderen Militärmächten der Welt verhandeln, um deren Angebote zu prüfen, und sich danach für das entscheiden, was im Interesse des Landes ist.

Was die Außenpolitik betrifft, so muß Senegal die geschlossenen Botschaften in Südafrika, Brasilien und Moskau wieder öffnen und die zugunsten von Taiwan vernachlässigten Beziehungen zu China reaktivieren.

Das senegalesische Volk ist von Natur aus unternehmerisch, kreativ, innovativ, risikofreudig und geschäftstüchtig. Es sind genau die Eigenschaften, die im Zeitalter der Globalisierung den Nationen zum Wohlstand verhelfen. Doch die Sitten, Machenschaften und Praktiken der vergangenen dreißig Jahre haben diese Qualitäten verdorben. Nötig ist nun ein radikaler Wandel der Politik und der Mentalitäten, damit Senegal der Gefahr der Implosion entgeht und sich regenerieren kann.
Von SANOU M'BAYE (dt. Josef Winiger)


taz
13.10.2001

EU-Afrika-Gipfel

Abdoulaye Wade in Brüssel

Abdoulaye Wade (75) ist seit 2000 demokratisch gewählter Präsident von Senegal. Zusammen mit den Präsidenten von Algerien, Nigeria und Südafrika erarbeitete er dieses Jahr die sogenannte "Neue Afrikanische Initiative" (NAI), eine gemeinsame Plattform für Afrikas politische Diskussionen mit dem Rest der Welt. Er präsentierte die NAI jetzt in Brüssel auf einem EU-Afrika Gipfeltreffen. Die EU erklärte, sie unterstütze die Initiative sehr, afrikanische Staaten forderten darüberhinaus einen Schuldenerlass. Zum Abschluss erklärten sich alle Teilnehmer "solidarisch mit den USA" im Kampf gegen den Terrorismus.
D.J.

"Wir Afrikaner müssen uns organisieren"

Senegals Präsident Abdoulaye Wade über Afrika und die Globalisierung: Afrika muss gegen den Terror sein, Europa muss seine Märkte öffnen.

taz: Wie finden Sie als Präsident eines muslimischen Landes die US-Reaktion auf die Terrorangriffe vom 11. September?
Abdoulaye Wade: Die Reaktion hat auf sich warten lassen, aber sie hat mich nicht überrascht. Ich finde sie völlig normal. Senegal ist zu 95 Prozent muslimisch. Aber zwanzig Jahre lang hatten wir einen christlichen Präsidenten, und keiner seiner Gegner hat je behauptet, er könne als Christ keine Muslime regieren. Unsere Kultur ist sehr tolerant. Unser Islam ist ein Islam der Brüderschaften. Die Bruderschaft der Muriden, der ich angehöre, stammt aus dem 19. Jahrhundert, ihr Gründer Cheikh Amadou Bamba wurde sieben Jahre, sieben Monate und sieben Tage lang von den Franzosen deportiert. Er überlebte die Deportation als Einziger, und als er zurückkehrte, sagte er: Ich vergebe denen, die mich deportiert haben. Für mich sind diejenigen, die Gewalt anwenden, keine Muslime. Wenn ich an das Mittelalter erinnern wollte, würde ich sie Häretiker nennen.

Was sollte man gegen sie tun?
Wir Afrikaner müssen uns gegen den Terrorismus organisieren. Wir sind nicht davor geschützt, denn das Handlungsfeld der Terroristen ist global. Man darf nicht vergessen, dass die beiden großen Anschläge auf US-Botschaften 1998 in Afrika stattfanden. Also sollte sich Afrika der globalen Koalition gegen den Terror anschließen. Welches Volk der Welt hat am meisten unter Angriffen gelitten? Es sind nicht die Juden - die ich respektiere. Wir wurden drei Jahrhunderte lang versklavt, man hat uns ausgebeutet und kolonisiert. Wir haben nie dagegen zu Gewalt gegriffen.

Sie haben in Brüssel der EU die "Neue Afrikanische Initiative" vorgestellt, ein neuer Entwicklungsplan für Afrika. Worum geht es dabei?
Zum ersten Mal haben wir Afrikaner einen Plan erstellt, der nicht von außen inspiriert wurde. Die G-8 waren darüber bei ihrem Gipfel in Genua im Juli enthusiastisch. Es geht darum, nicht mehr auf nationaler Ebene zu arbeiten, sondern auf regionaler. Wir wollen Investitionen auf regionalem Niveau. Es geht nicht um eine Schule hier und ein Krankenhaus dort. Wenn sich Afrika der Globalisierung anschließen soll, müssen wir unsere Infrastruktur und unser Bildungssystem entwickeln, auch das Gesundheitswesen, die Landwirtschaft und die neuen Informationstechnologien. Dann gibt es das Problem des Zugangs zu den Märkten der entwickelten Ländern. Europa muss aufhören, seine Produkte zu subventionieren, oder man muss uns erlauben, diese Subventionen zu besteuern, wenn Güter bei uns eingeführt werden. Wenn ich das mache, sagt man mir, ich würde die Regeln der Marktwirtschaft nicht respektieren, während es Europa ist, das sie nicht respektiert! Zum Glück werden wir bei der nächsten Welthandelsrunde in Katar in November darüber reden. Ich verlange keinen Protektionismus, keine Subventionen. Ich bin ein Liberaler. Ich verlange, daß die Spielregeln eingehalten werden.

Glauben Sie, daß die Europäer darauf reagieren werden?
Ich habe das schon beim G-8-Gipfel gesagt, und alle taten so, als hätten sie das eben erst gemerkt. Präsident Bush sagte mir: Ich bin gegen Subventionen. Ich sagte: Ja, aber Sie subventionieren Ihre Landwirtschaft! Er sagte: Da bin ich dagegen! Ich antwortete: Ich auch! Aber Sie tun es und ich darf es nicht.

Was erwarten Sie von Europa?
Europa ist Afrikas wichtigster Partner, daher sind die europäischen Antworten auf unsere Probleme die wichtigsten. Ich komme nicht als Bittsteller. Ich rede von Ökonomie! Ich bin nicht gegen Entwicklungshilfe. Aber die kommt später. Erst müssen die Spielregeln eingehalten werden.
Von FRANÇOIS MISSER


pte
02.04.2002

EU-Fischflotten dezimieren Fischbestände in Afrika

Bis zu 90 Prozent des Fangs wandert tot wieder ins Meer

EU-Fischereiflotten, die vor der Küste des westafrikanischen Staates Senegal fischen, werfen bis zu 90 Prozent des Fanges wieder ins Meer, weil die Größe der gefangenen Tiere zu klein ist. Nach Angaben des Television Trust for the Environment (TVE) http://www.tve.org verkommen die Gewässer vor Senegal zu einer Abfallhalde für tote Fische. Für die lokale Bevölkerung bedeutet dies eine wirtschaftliche Katastrophe. Der EU-Generaldirektor für Fischereiwesen Steffan Smidt weist die Anschuldigungen zurück. Belastend ist aber eine Filmdokumentation, die das Gegenteil zeigt.

Insbesondere Shrimps, Thunfisch und Sardinen sind in den Gewässern der westafrikanischen Republik häufig. "Aber die Methoden der EU-Flotte sind nicht wirklich nachhaltig und frei für alle", meint BBC-online. Die modernen Fischfangmethoden zerstören eine der wertvollsten Ressourcen von Senegal. "Das Ökosystem in tropischen Gewässern ist fragil und die Reaktion auf industrielle Fangmethoden wie sie in der EU praktiziert werden, hat schreckliche Folgen", so Brian O´Riordan, Sprecher des internationalen Kollektivs zum Schutz von Fischereiarbeitern. Die Zerstörung entspreche in etwa der eines Kahlschlages in einem Wald. "Die EU-Fangflotten jagen alles, können aber nur einen Bruchteil, zwischen 10 und 20 Prozent, verwerten. Der Rest wandert tot wieder in den Ozean zurück", so der Experte. Genau jene Fische seien es jedoch, die sozusagen das Rückgrat der lokalen Fischerei ausmachen. "Darüber hinaus verwandeln die industriellen Fangflotten das Meer in eine Art Müllhalde."

Steffan Smidt argumentiert dagegen, daß es in der EU Vorschriften betreffend der Größe der gefangenen Fische und der Netzmaschen gebe. Dabei sollte verhindert werden, daß es zuviel Beifang gebe. Die Vereinbarung zu einer Verlängerung der Fangerlaubnis von EU-Schiffen vor der Küste von Senegal wurde Ende März verschoben. Die alte Vereinbarung lief bereits im Dezember 2001 aus. Eine Verlängerung gibt es bisher nicht. Streitpunkt ist die Kompensation zwischen der EU und der westafrikanischen Republik ist der Betrag zur Kompensation der Fischereirechte.
Von Wolfgang Weitlaner


Die Welt
18.06.2002

Afrikas Musterland Senegal im Fußball-Siegesrausch

Die Erfolge bei der Weltmeisterschaft kommen dem Präsidenten Abdoulaye Wade gelegen, lenken sie doch von den drängenden Alltagsproblemen ab

"Senegal gewinnt für Afrika!" verkündet das Fernsehen in Dakar, und dieser Slogan hat den gesamten Kontinent ergriffen. In jedem Winkel, in den die Neuigkeiten der Fußball-Weltmeisterschaft dringen, drücken die Menschen jetzt die Daumen für die Mannschaft aus Westafrika, die "Löwen der Teranga". Und ganz Senegal ist im Siegestaumel.

In der Hauptstadt tanzten die Menschen nach dem Sieg gegen Schweden die Küstenstraße entlang. Sie johlten und sangen und schwenkten ihre rot-grün-gelbe Landesflagge. Hupkonzerte und der Lärm aus Tausenden von Trillerpfeifen übertönten das Dröhnen der Trommeln, zu deren Klang Männer und Frauen in den Straßen ausgelassen den Mbalax tanzten, jenen traditionellen Tanz, bei dem die Füße rhythmisch stampfen und Hüften und Schultern aufreizend kreisen. "Unsere Stärke ist die gute Stimmung", hatte Torschütze Henri Camara in einem Interview gesagt, "warum sollten wir uns einen Kopf machen, wenn wir doch Party machen können!". In seiner Heimat scheint das in diesen Tagen das allgemeine Motto zu sein.

Präsident Abdoulaye Wade war nach dem Sieg der "Löwen" gegen den ehemaligen Kolonialherren Frankreich in einem offenen Wagen durch Dakar gefahren, um die Schultern die Flagge drapiert und einen Fußball in die Höhe gereckt. Kurzerhand hatte er jenen denkwürdigen Freitag zum Nationalen Feiertag erklärt. Der Sieg der Löwen kommt ihm gelegen, denn für den 75-Jährigen, der vor knapp zwei Jahren zum Präsidenten gewählt wurde, ist die Schonfrist vorbei: Der politische Alltag mit seinen Problemen hat den ehemaligen "ewigen Oppositionellen" eingeholt.

Dabei war der Machtwechsel im März 2000 so reibungslos verlaufen wie selten in Afrika. 26 Jahre lang war Abdoulaye Wade in der Opposition aktiv gewesen. 1974 hatte er im Rahmen der politischen Öffnung des Landes die liberale Partei Senegals (PDS) gegründet. Der Jurist saß unter seinem Vorgänger Abdou Diouf vier Mal im Gefängnis. Dem hatte er über die Jahre immer wieder Wahlfälschung vorgeworfen, bis er ihn vor zwei Jahren schließlich mit einer knappen Mehrheit ganz legal im Amt ablöste und damit der 40-jährigen Herrschaft der Sozialistischen Partei (PS) ein Ende setzte. Bei den Parlamentswahlen im vergangenen Jahr errang eine Koalition mit Wades PDS an der Spitze dann die absolute Mehrheit im Senegal. Slogan ihrer Kampagne war "Sopi" - in der Landessprache Wolof bedeutet das "Wechsel".

Der Senegal gilt heute als demokratisches Musterland in Afrika. In seinen ersten Monaten als Präsident hat Wade für viel frischen Wind gesorgt. Unter anderem änderte er die Verfassung und schränkte damit die Amtszeit des Präsidenten ein. Außerdem verbot er die Zwangsheirat und stellte Frauen in Besitzfragen rechtlich den Männern gleich. Im März 2001 sorgte er für eine neue Sensation im traditionellen Westafrika, als er zum ersten Mal eine Frau, Madior Boye, zur Ministerpräsidentin machte. Der kleine, fast kahlköpfige Wade mit dem strengen Blick ist mit einer Französin verheiratet. Er versucht, den Senegal als eine Art Vermittler in afrikanischen Fragen zu etablieren und das Land am nördlichen Atlantik zu einem politischen Zentrum des Kontinents zu machen.

Doch die Beliebtheit der neue Regierung ist in den letzten Monaten stark verblasst. Bei Kommunalwahlen vor wenigen Wochen verlor die Regierungspartei Bürgermeisterposten an die Opposition. Viele Landsleute werfen Wade vor, die wirtschaftlichen Probleme nicht in den Griff zu bekommen. Die Landwirtschaft, von der die Mehrheit der neun Millionen Senegalesen lebt, leidet unter schlechten Preisen. Die Erdnüsse, Senegals wichtigstes Exportprodukt, verkaufen sich schlecht. Und die separatistischen Unruhen in der südlichen Region Casamance, die seit den frühen neunziger Jahren den Süden des Landes belasten, sind verstärkt wieder aufgeflammt. Angesichts all dieser Schwierigkeiten ist der Fußballerfolg eine willkommene Abwechslung.
Von Sophie Mühlmann


taz
16.10.2002

Bauer Bessane hat nichts zu essen

Warum breitet sich in ländlichen Gebieten Afrikas Hunger aus, wo doch die Leute ihre Felder bestellen? In Senegal lebten die Bauern lange vom Erdnussanbau. Jetzt treiben EU-Exporthürden und die Privatisierung der Erdnusswirtschaft sie in den Ruin.

Madiaina Bessane lebt mit seiner Familie in dem Dorf Diamaren. Es liegt in der Erdnussregion des Senegal. Die meisten Häuser sind einfache Hütten aus Lehm, bedeckt mit Stroh. Nur wenige haben Wände aus Beton oder Stein. Das sind die Häuser der reicheren Dorfbewohner. Selbst die Bauern in Diamaren leben in unterschiedlichen Welten. Wenn Madiaina Bessane morgens aufsteht, dann weiß er schon, daß seine Familie am Abend wieder nicht satt werden wird. Dagegen besitzen die reicheren Bauern sogar Fernseher.

Aber es gibt auch Gemeinsamkeiten unter den Bauern von Diamaren. Jeder der rund 300 Einwohner des Dorfes lebt vom Ackerbau. Auch geht jeder noch selbst aufs Feld. Großgrundbesitzer gibt es hier nicht. Und für alle im Dorf ist die Erdnuss die Haupteinkommensquelle.

Erdnüsse sind das wichtigste Agrarprodukt Senegals. Eine Million der 2,4 Millionen landwirtschaftlich genutzten Hektar des Landes sind dafür reserviert. Vor der französischen Kolonisation kannte man in dieser Region die Erdnuss nicht, aber dann wuchs ihr Anbau schnell zu einer Monokultur an. In den Jahren nach der Unabhängigkeit hat der Staat den Erdnussanbau weiter forciert. Bis zu 1,2 Millionen Tonnen wurden pro Jahr geerntet. Als die Preise auf dem Weltmarkt einbrachen, ging zwar die Produktion zurück, sie liegt heute bei etwa einer halben Millionen Tonnen pro Jahr, aber Senegals Regierung hielt die zwei Drittel der Bevölkerung, die von der Landwirtschaft abhängig sind, mit subventionierten Erdnusspreisen über Wasser.

Seit diesem Jahr ist das vorbei. Nun bläst den Bauern der kalte Wind der Liberalisierung entgegen. Die staatliche Gesellschaft Sonagraines, die für die Abgabe neuen Erdnuss-Saatguts gegen Kredit verantwortlich war, ist privatisert worden. Die Sonacos, deren Fabriken die Erdnüsse weiterverarbeiten, zum Beispiel in Öl, bleiben nur noch ein Jahr unter staatlicher Kontrolle. Sonacos kaufte dieses Jahr noch Erdnüsse zum garantierten Preis, aber dann ist auch das vorbei. Dieses Jahr schon herrschte solche Verwirrung, daß viele Bauern zum Schleuderpreis an schnellschaltende Händler verkauften. Auch Madiaina Bessane.

Früher war Madiaina Bessane sogar mal Angestellter bei einer Landwirtschaftsorganisation. Dann wurde er entlassen und musste seine ererbten Felder bestellen. "Jedes Jahr habe ich Erdnüsse geerntet. Aber in diesem Jahr habe ich keine Erdnüsse mehr zum Säen", erzählt der achtfache Familienvater Anfang vierzig. "Und ich habe kein Geld, mir Saatgut zu kaufen. Ich habe nichts zu essen. Meine Kinder haben nichts mehr zu essen. Und mein Pferd auch nicht."

Das Pferd bekommt das Stroh von der Erdnuss. Auch deshalb fällt es vielen Bauern schwer, von der Erdnuss zu lassen. Denn dann müssen sie Futterersatz kaufen. Die Augen von Bessane sind matt, während er das Pferd beschirrt.

Bessane hat noch ein paar Kilo Hirse. Die will er heute aussäen. Erdnusssamen hat er keine mehr. Madiaina Bessane musste alle Erdnüsse verkaufen, um Reis kaufen zu können. Zwei Kilo Reis braucht die Familie am Tag. Ein 50-Kilogramm-Sack kostet fast 10.000 CFA-Francs (rund 15 Euro). Die letzte Erdnussjahresernte brachte ihm den Gegenwert von vier Sack Reis.

Kredit oder Samen im Vorschuss bekommt der Bauer bei den privaten Erdnusskonzernen nicht. Die haben eigene Sorgen. Zwar dürfen seit einiger Zeit landwirtschaftliche Produkte aus armen Ländern zollfrei in die EU eingeführt werden. Das sollte Senegal mit seinem Erdnussöl helfen. Aber aus Verbraucherschutzgründen senkte die EU den Grenzwert für Aflatoxin, das Gift des Schimmelpilzes auf der Erdnuss. Der findet sich im Rückstand der Erdnuss, nachdem das Öl aus ihr herausgepresst worden ist. Dieser Rückstand war für Europas Kühe als Futter gedacht. Aber über dieses Futter kommt das Aflatoxin wieder zurück in den Nahrungsmittelkreislauf der Menschen. Viele Labors der privaten Erdnussindustrie können nun die von der EU geforderten teuren Aflatoxin-Untersuchungen nicht garantieren. Als Folge schaffen es viele Tonnen Erdnussprodukte gar nicht mehr nach Europa.

Zudem will Europa immer weniger Erdnussöl aus Senegal. Andere Öle sind billiger. Mit den Milliarden an Agrarsubventionen, die die Entwicklungshilfe für Afrika um ein Vielfaches übertrifft, können es Senegals Bauern nicht aufnehmen.

Madiaina Bessane weiß nicht, was passieren wird, wenn er auch noch die Landwirtschaft verliert. Jobs warten anderswo im Senegal nicht auf ihn. Aber sein Sohn ist bereits aus Diamaren weggegangen.
Von HAKEEM JIMO


Le Monde
11.10.2002

Wade, Senegals eitler Abendstern

Trotz des jüngsten Putschversuches im Norden der Elfenbeinküste hat es den Anschein, als ließen sich die Konflikte in Afrika langsam unter Kontrolle bringen. In Angola ist der jahrzehntelange Bürgerkrieg zu Ende gegangen. Und Optimisten glauben, daß auch der Krieg im Osten der Demokratischen Republik Kongo, in den ein Dutzend anderer Staaten direkt oder indirekt involviert sind, bis Ende des Jahres beendet sein wird. In Burundi dagegen sind die Vermittlungsbemühungen Tansanias bislang vergeblich geblieben. Doch unverkennbar ist, daß der Wille der Afrikaner wächst, Konflikte auf ihrem Kontinent selbst beizulegen. Damit wächst auch die Rolle der innerafrikanischen Diplomatie. Besonders aktiv haben sich auf dieser Ebene Südafrika und der Senegal engagiert, mit unterschiedlichem Erfolg.

Am 1. April 2000 wurde der damals schon über siebzigjährige Abdoulaye Wade als Präsident der Republik Senegal vereidigt. Nach Jahrzehnten in der Opposition hatte der Kandidat der Demokratischen Partei Senegals (PDS) in einer Stichwahl gegen den langjährigen Präsidenten Abdou Diouf die Oberhand behalten (bei einer Wahlbeteiligung von immerhin 61 Prozent). Seitdem hat sich immer wieder gezeigt, daß der neue Präsident der Meinung ist, für sein politisches Gewicht und sein Renommee seien die Grenzen des Senegal, ja des gesamten französischsprachigen Raums viel zu eng. Als angemessene Bühne wähnt er offenbar nichts weniger als die ganze Welt.

"Es ist wie die Geburt eines Sterns im Abend des Alters", dichtet ein senelagesischer Journalist über den betagten Präsidenten. Alter steht in Afrika gemeinhin für Weisheit und Tugend. Doch Abdoulaye Wade hat, seitdem er Abdou Diouf abgelöst hat, eigentlich keine nennenswerten innenpolitischen Erfolge vorzuweisen. Deshalb will er sich vor allem auf dem Gebiet der Außenpolitik auszeichnen. Hier versucht er, die Vision von Größe auszuleben, die er sich im Klub der afrikanischen Staatschefs beimisst.

Von Letzteren sind die meisten außerhalb ihrer Länder gänzlich ohne Einfluss und auch weitgehend unbekannt. Präsident Wade führt mit Vorliebe jenen Mythos im Munde, dem zufolge der Senegal das "älteste Schaufenster der Demokratie in Afrika" ist. Also bläst er zum "Kreuzzug für die Demokratie". Das ist neben dem Loblied auf den Wirtschaftsliberalismus das Hauptthema seiner diplomatischen Aktivitäten.

Seine Gefolgsleute sehen in seiner Außenpolitik eine "mutige, neue afrikanische Diplomatie ohne Komplexe" am Werke. Staatsminister und Präsidialamtsleiter Idrissa Seck rühmte im September 2001 die "außerordentliche Aufwertung des diplomatischen Profils der Republik Senegal und eine klarere Ausrichtung ihrer Politik auf die Probleme des Kontinents und der Welt". Seine Kritiker dagegen rügen eine "Mediendiplomatie, die unter westlicher Regie betrieben" werde, und zeigen sich besorgt über die häufigen außenpolitischen Alleingänge des Präsidenten.

Die stärkste Kontroverse löste der senegalesische Präsident im Zusammenhang mit der politischen Krise aus, die durch die Präsidentschaftswahlen auf Madagaskar am 16. Dezember 2001 in Gang gesetzt wurde und bis heute andauert. Wades Plädoyer für eine Anerkennung des gewählten madegassischen Präsidenten Marc Ravalomanana, vorgetragen auf dem letzten Gipfeltreffen der Organisation der Afrikanischen Einheit (OAU) im Juli 2002 in Durban, wurde von seinen Amtskollegen öffentlich missbilligt. Bei einem Gespräch der Staatschefs hinter verschlossenen Türen kam es zu einem heftigen Disput zwischen dem senegalesischen Präsidenten und Nigerias Staatsoberhaupt Obasanjo. Unter Hinweis auf die Unterstützung, die Ravalomanana durch Länder wie die USA, Japan, Norwegen und Frankreich erfahren habe, forderte Wade dessen Anerkennung durch die Afrikanische Union, die in Dakar gerade gegründet worden war.

In schneidendem Ton stellte ihm Obasanjo daraufhin die Frage, "welches uneingestandene Interesse an Madagaskar" ihn veranlasse, den Beschluss des Exekutivorgans der OAU vom 21. Juni 2002 in Addis Abeba zu missachten, das beiden Präsidentschaftskandidaten, Marc Ravalomanana und Didier Ratsiraka, die Anerkennung verweigerte und Neuwahlen verlangte. Selbst Omar Bongo, der sonst so besonnene und zurückhaltende Präsident Gabuns, der seit langem enge Beziehungen zu seinem senegalesischen Amtskollegen pflegt, sah sich genötigt, die Resolution der OAU gegen Wade zu unterstützen.

Daraufhin leistete sich Wade im Auditorium des Konferenzzentrums von Durban vor einer völlig perplexen Zuhörerschaft einen beispiellosen Wutausbruch, nicht ohne nebenbei, "mehrere Telefongespräche mit dem amerikanischen Präsidenten George W. Bush" zu erwähnen. Am Schluss seines Redebeitrags ließ er sich zu der wenig diplomatischen Bemerkung hinreißen: "Ich behaupte, daß ich einer der wenigen Staatspräsidenten Afrikas bin, der nach Recht und Gesetz und in einem nachprüfbaren Verfahren gewählt wurde, während sich nicht wenige hier im Saal die Macht in ihrem Land durch einen Putsch verschafft haben." Damit schien Wade sich unter seinen Amtskollegen endgültig ins Abseits geredet zu haben. Mit einer letzten Wortmeldung entschuldigte er sich bei den Versammelten für seine Entgleisung. Ohne das Ende des Gipfels abzuwarten, verließ er Durban am nächsten Morgen um sechs Uhr.

An seiner Position hält Wade allerdings fest, indem er behauptet: "In Sachen Madagaskar ist ganz Afrika im Irrtum, aus welchen Gründen auch immer. Die zahlreichen Freunde des früheren Präsidenten von Madagaskar wollten mit ihrer Fehlinterpretation der Erklärung von Algier den Ausschluss von Ravalomanana durchsetzen."

Auch wenn bis dato eine sehr breite Mehrheit unter den afrikanischen Staaten die Rechtmäßigkeit der Amtsübernahme durch Ravalomanana noch nicht anerkannt habe, so seien doch "die Ereignisse uns zuvorgekommen", schließlich sei der neu gewählte Präsident von UN-Generalsekretär Annan zum Weltgipfel von Johannesburg im August 2002 eingeladen worden.

Dennoch wurde Madagaskar von der neu geschaffenen Afrikanischen Union, die am 9. Juli 2002 in Durban zu ihrer konstituierenden Versammlung zusammentrat, nicht als Vollmitglied aufgenommen. Die Union war der Ansicht, daß die Umstände der Wahl Ravalomananas zum neuen Staatschef keinesfalls demokratischen Regeln entsprachen, und verlangte eine Wiederholung der Präsidentschaftswahlen. Präsident Wade wie auch der Staatschef von Burkina Faso, Blaise Compaoré, reagierten auf diesen Beschluss mit Verärgerung und bestanden gegenüber Gastgeber Mbeki, dem amtierenden Vorsitzenden der Union, auf der umgehenden Aufnahme Madagaskars in die Gemeinschaft.

"Robert Mugabe, der gegenwärtige Staatschef Simbabwes, sowie einige andere, noch amtierende Staatsoberhäupter, die er wegen ihrer langen Machtausübung Brontokraten zu titulieren beliebt, sind die bevorzugte Zielscheibe für die Urteile und Belehrungen, die Herr Rechtsanwalt Wade in Sachen Demokratie von sich gibt", spottet ein westafrikanischer Minister.

Tatsächlich war Wade der einzige afrikanische Präsident, der offen den korrekten Ablauf der Wiederwahl des impulsiven und jähzornigen Robert Mugabe 2001 angezweifelt hatte; und die Wahlen in Simbabwe fanden in der Tat unter höchst zweifelhaften Bedingungen statt. Aber weder der Südafrikaner Mbeki noch der Nigerianer Obasanjo, die beide offiziell Beobachter zu den Wahlen nach Harare entsandt hatten, zogen das Wahlergebnis in Zweifel. "Das Problem unseres Rechtsgelehrten", so der erwähnte Minister, "besteht darin, dass er sich als Erbe von Montesquieu und dessen Geist der Gesetze begreift und sich gleichzeitig wie ein Abgesandter von Downing Street und Weißem Haus für Afrika aufführt."

Der letzte Marxist
Am Rande des G-8-Treffens im Juli 2002 ist Wade sogar so weit gegangen, Mugabe einen Diktator zu nennen. Zu diesen Beschuldigungen erklärte der Au§enminister von Simbabwe, Stanislas Mudenge: "Die Position des senegalesischen Präsidenten ist vor allem durch die westlichen Medien beeinflusst, die Simbabwe feindselig gegenüberstehen, weil sie die Partei der weißen englischen Farmer ergreifen." Mit zehn weiteren afrikanischen Ländern habe man auch Dakar aufgefordert, Beobachter nach Simbabwe zu entsenden, der Senegal sei dazu allerdings nicht bereit gewesen. Daraus zieht Mudenge den Schluss, daß "der Präsident des Senegal eine sehr einseitige Position vertritt. Er will das Wohlwollen westlicher Länder, allen voran der Vereinigten Staaten, in Form finanzieller Hilfen erlangen und in Afrika die Ideologie des Wirtschaftsliberalismus verbreiten, die unseren Ländern seit über zehn Jahren nichts als eine Verschärfung ihrer Probleme gebracht hat."

Präsident Wade weist die von Mudenge vorgebrachten Beschuldigungen zurück, er stehe in Kontakt mit dem simbabwischen Oppositionsführer Morgan Tsvangirai: "Meine Einstellung in dieser Frage beruht nicht auf Ideologie, auch wenn ich mich im Gegensatz zu Mugabes ideologischen Optionen befinde, der bekanntlich der letzte Marxist in Afrika ist."

Allein steht Wade auch mit einer anderen Äußerung, die in afrikanischen Führungskreisen für Aufruhr sorgte. Auf dem Weltgipfel gegen den Rassismus in Durban im September 2001 war er der Einzige, der sich öffentlich gegen jegliche Entschädigungsforderung an westliche Länder als Verantwortliche für Sklavenhandel und Kolonialismus aussprach.

Nicht wenige Beobachter sind der Ansicht, daß die damals angerichteten Verheerungen nach wie vor das Schicksal Afrikas bestimmen, auch wenn die handelnden Personen, Weiße wie Schwarze, längst nicht mehr leben. "Ich bin dagegen", empört sich demgegenüber der senegalesische Präsident. "Wenn andere Entschädigungen verlangen, ist das ihr gutes Recht. Für mich wäre es aber beleidigend, wenn man mich auch nur fragte, wie viel man mir geben müsse, damit ich die Sklaverei vergesse."

Diese Entschädigungsdiskussion und der arabische Resolutionsentwurf, in dem Israel als "zionistischer Staat" bezeichnet wurde, veranlasste bekanntlich die Vereinigten Staaten, den Gipfel von Durban zu boykottieren.

Daß der Senegal nach der Pfeife der Amerikaner tanzt, ist in Afrika gängige Meinung. "Wade spielt lieber im Hof des Weißen Hauses als im Hof des Elysée-Palasts. Das französische Präsidialamt ist ihm nicht wählerisch genug mit seinen Gästen aus Afrika", sagt dazu der bereits zitierte Minister. Ob man dies nun als Botmäßigkeit gegenüber dem US-Präsidenten bezeichnet oder nicht, jedenfalls decken sich die politischen Positionen des Senegal häufig mit denen Washingtons.

Auf derlei Kritik antwortet der senegalesische Präsident schlicht und einfach, daß ihm seine politische Macht vor allem aus der Legitimität seines Amtes erwachse. "Mein politischer Werdegang steht einzig da, weil ich niemandem etwas schuldig bin. Mein Volk hat mich aus freien Stücken und ohne Druck von außen ins Amt gebracht. Daß manch einer, der durch offensichtliche Verfälschung des Volkswillens Präsident geworden ist, das Interesse hat, den Großmächten schöne Augen zu machen, ist durchaus möglich. Aber auf mich trifft das überhaupt nicht zu."

Präsident Wade scheint besessen von dem Wunsch, seinem Land auf der internationalen Bühne spektakuläre Auftritte zu verschaffen und vielleicht auch, sich selbst mit Ruhm zu bedecken. Das Ansehen Senegals in der Welt ist nicht ganz unbegründet. Es basiert vielmehr, wie uns der Präsident versichert, auf "der Mühelosigkeit, mit der sich unser Land harmonisch in internationale Beziehungen einfügt". Zum Beweis führt er an, daß er seit seinem Amtsantritt "in kurzer Zeit dreimal von Jacques Chirac empfangen wurde, und zweimal von Präsident Bush, der mich und meine Delegation beim zweiten Besuch im Weißen Haus nicht einfach in ein Büro, sondern in einen intimeren Salon gebeten hat, wo seine engsten Mitarbeiter zugegen waren, darunter auch Colin Powell".

Aus der engeren Umgebung des senegalesischen Staatsoberhaupts hört man aber Kritik an den Scharen politischer Berater, die ein angesehener Journalist einer in Paris erscheinenden panafrikanischen Zeitung als "Schranzen" bezeichnet. Ansonsten aber tragen Presse und internationale Medien eher zu Wades Isolation unter seinen Amtskollegen bei, wenn sie sich über seine offenherzige Redeweise in Lob ergehen.
Von ASSANE FALL-DIOP
Journalist bei Radio France International, Paris
dt. Rolf Schubert


Le Monde
13.12.2002

Was mit der "Joola" unterging

BRIEF AUS DEM SENEGAL

Lieber Diadié, seit der Schiffskatastrophe Ende September 2002 erreichen uns von überall her Botschaften des Mitgefühls. Ich bekam welche aus nächster Nähe, wie von dir, aber auch aus Trinidad und Athen. Über dich, Diadié, möchte ich zugleich Freunden wie Yanne und Beata, Louis, Noémie und Zohra antworten. Du hast in deinem Brief bewegende Worte zu unserer Tragödie gefunden. Dennoch frage ich mich, was eigentlich Wochen später im Kopf eines Fremden haften geblieben sein mag. So ist das in unserer Zeit: Da wir unbekannte Menschen in weiter Ferne unter Häusertrümmern stöhnen hören können, halten wir uns damit kaum mehr auf. Erinnere dich: Das Fährschiff "Joola", das für 550 Passagiere ausgelegt war und zwischen Ziguinchor und Dakar verkehrte, hatte 1.220 Menschen an Bord. Nach nicht dementierten Pressemeldungen vielleicht sogar 2.000. Es gab 65 Überlebende. Mit Hilfe dieser Angaben ist die Rechnung leicht aufzumachen, aber niemand wagt es. Die genaue Zahl der Opfer ist mehr als ein Staatsgeheimnis, sie ist tabu.

Nun gibt es in deinem Brief einen kurzen Satz, über den ich beschämt und verärgert lächeln musste. Du schreibst: "Ich war der Ansicht, so etwas hätte überall in Afrika passieren können, nur nicht im Senegal." Ohne es zu ahnen, hast du das Messer in unserer Wunde gedreht. Auch wir haben gedacht, solche Dinge könnten nur anderen zustoßen. Übertriebene Bescheidenheit ist nie unser Fehler gewesen. Wenn es dieses böse Erwachen gab, dann weil wir uns in unserem Größenwahn zu lange sicher fühlten.

Von unserem ehemaligen Präsidenten Abdou Diouf haben wir verlangt, daß er sich bei den Wahlen am 19. März 2000 bereitwillig schlagen lässt und obendrein in der Niederlage auch noch Größe beweist. Wir wollten zweifach gewinnen, aufseiten des Siegers und aufseiten des Besiegten. Diouf hat sich großmütig auf dieses grausame Spiel eingelassen. Sein berühmter Telefonanruf bei Abdoulaye Wade, dem Wahlsieger, war weniger seines Inhalts als seiner klaren demokratischen Haltung wegen bedeutsam. Uns gab er die Möglichkeit, der Welt zu sagen: Seht her, sind wir nicht großartig, wir Senegalesen?

Ein knappes Jahr später hat das Begräbnis von Léopold Sédar Senghor die Aufmerksamkeit wieder in sehr schmeichelhafter Weise auf uns gelenkt: Jeder erinnerte sich, daß unser entschieden unkonventionelles Land als ersten Präsidenten einen ausgezeichneten Intellektuellen hatte, obwohl sein politisches Handeln bis heute umstritten ist. Auch sein freiwilliger Abschied von der Macht hat ihm Respekt eingetragen. Du erinnerst dich sicher.

Nichts hat uns so sehr den Kopf verdreht wie unsere sportlichen Meisterleistungen in Asien im Juni 2002. Das Eröffnungsspiel einer Fußballweltmeisterschaft hat etwas Besonderes. Es steht in gewissem Sinne noch außerhalb des Turniers und ist doch dessen Essenz. Es ist vor allem ein Duell, ein einmaliger Zweikampf. Vor den Augen der ganzen Welt haben wir uns an unserem ehemaligen Kolonialherrn revanchiert. Und während unserer Siegesserie stießen wir an jedem neuen Morgen lange Freudenschreie aus. Der neue Präsident hatte uns das Glück versprochen. Und da winkte sie uns schon, die glückliche Zukunft. Tatsächlich war es eine Zeit für Chimären aller Art. Nie war ein armes Land so reich an Flughäfen, transkontinentalen Autobahnen, Zukunftskonferenzen und anderen kalifornischen Ranches.

Es gab nur ein kleines Problem: All diese Dinge waren imaginär. Mit der erfolgreichen Fußballweltmeisterschaft im Rücken sollte nichts mehr unseren Vorwärtsdrang bremsen können. Als die ewigen Miesmacher anfingen, von Hungersnot zu reden, kamen Experten aus Marokko und sorgten dafür, daß sie den Schnabel hielten. Man hat uns, mit Hilfe wissenschaftlicher Tabellen, von künstlichem Regen träumen lassen. Und da das wirkliche Land an Wassermangel litt, zeigte das Fernsehen Archivbilder von tosenden, tropischen Wolkenbrüchen.

Niemand wurde getäuscht, und doch funktionierte das System blendend. Wir haben stets geglaubt, auf mehr oder weniger wundersame Weise dem Schlimmsten entrinnen zu können. Der Untergang der "Joola" hat diesen absurden Träumereien ein böses Erwachen beschert. Wir begannen uns zu fragen, lieber Diadié, ob wir nicht aus purer Lust an der Abwechslung die Macht in gefährlich unerfahrene Hände gelegt hatten. Anstelle der versprochenen Baustellen begann das Regime von Wade, zwischen Dakar, Ziguinchor und Banjul insgeheim Notfriedhöfe anzulegen. Bestürzt sahen wir mit an, wie es, statt für neue Arbeitsplätze zu sorgen, hunderte von Leichen achtlos in Container werfen ließ. Nie war uns die Kluft zwischen unseren Wunschvorstellungen und der Realität so erniedrigend und unerträglich vorgekommen.

Und was soll man zu den Pannen sagen, die die Rettung unzähliger Menschen verhindert haben? Der Schiffbruch ereignete sich um 23 Uhr in einem Gebiet, wo seit zwanzig Jahren der Aufstand der "Bewegung der Demokratischen Kräfte von Casamance" (MFDC) wütet. Bis acht Uhr morgens konnte keine zivile oder militärische Stelle kontaktiert werden. Es stimmt zwar, daß der Minister für Fischereiwesen noch in der Nacht informiert wurde. Er hat aber später arglos beteuert, daß er nichts habe tun können, weil er die Handynummer des Verkehrsministers nicht kannte. Er hat es so nicht gesagt, aber es war klar, daß er sich wieder schlafen gelegt hat, was ja durchaus menschlich ist. Für eine Situation, die so wenig zum Lachen reizt, ist man oft nah an der Lächerlichkeit gewesen.

Die Armee wurde von der Öffentlichkeit wegen ihres außerordentlich brutalen Vorgehens kritisiert, was für den Senegal etwas so Neues ist, daß es einen nachdenklich machen darf. Wir haben immer den größten Respekt für eine Armee gehegt, die niemals versucht hat, den Zivilisten die Macht streitig zu machen. Die Katastrophe brachte beunruhigende Defizite dieser Institution zum Vorschein. Sie hat vor allem das Bild der Professionalität getrübt, das ihr die Beteiligung an allen Friedensmissionen der Vereinten Nationen und der Organisation der Afrikanischen Einheit eingetragen hat. In einer einzigen Nacht hat der Schlendrian mehr Menschenleben gekostet als in den Jahren der Rebellion. Die Angehörigen der Opfer fordern übrigens, ein unerhörter Vorgang, die Absetzung des Generalstabschefs der Armee.

Präsident Abdoulaye Wade hat sehr schnell eingeräumt, dass der Schiffbruch kein Unfall war. Anstatt alles auf die Naturgewalten zu schieben, beschloss er, hart mit uns ins Gericht zu gehen. Du wirst mir erlauben, seine Aussagen frei wiederzugeben, ohne die geringste Furcht, sie zu entstellen. "Habgierig seid ihr und leichtfertig", warf er uns an den Kopf, "ihr habt keinen Respekt vor dem Leben eurer Mitmenschen, schämt euch, die ihr das Betrügen so sehr liebt!"

Und ob du es glaubst oder nicht, alter Freund, trotz unserer Wut und unseres Schmerzes bebten wir innerlich vor Freude. Keine Ahnung, ob der Begriff einen Sinn ergibt, aber ich würde das Populismus mit umgekehrtem Vorzeichen nennen. Wir wollten gescholten werden, und ein Präsident mit einem offenen Ohr für unsere geheimsten Wünsche mochte sich da nicht kleinlich zeigen. Unser Volk, immer zum Prahlen aufgelegt, hat am 26. September die Vorzüge der kollektiven Selbstgeißelung kennen gelernt und sich ihr überschwänglich, doch nicht ohne Ernst hingegeben. In Wirklichkeit aber war das vorherrschende Gefühl nach der Schiffskatastrophe die Scham. Wenn man sich kurz vor dem Gipfel wähnt, fällt es schwer zuzugeben, daß man, wie so viele andere, am Rand des Abgrunds steht. Hinter ihrem großspurigen Gehabe verbirgt unsere Demokratie so manchen traurig banalen Mangel.

Die "Joola" hat nicht nur das Bild von uns zerstört, das durch tatsächliche Erfolge entstanden war. Sie hat bewirkt, daß wir nicht mehr stolz auf sie sind und daß sie sogar einen bitteren Beigeschmack haben. Als wir den Slogan "Der Senegal gewinnt" über Gebühr strapazierten, waren wir nicht darauf gefasst, daß er auf uns zurückfallen könnte. Dann ging uns auf, daß wir drauf und dran waren, eine weitere Glanzleistung zu vollbringen: mit unserem einzigen Schiff sollten wir den Rekord der "Titanic" brechen.

Das Bild der beiden Flugzeuge, die sich in die Twin Towers bohren, wird für immer das Sinnbild des 11. Septembers sein. Unser Drama wird untrennbar mit dem Bild der Pirogen verbunden bleiben, die man auf der Insel Karabane um das schon gefährlich krängende Schiff hat kreisen sehen, um ihm noch mehr Waren und Passagiere aufzuladen. Auf Karabane regnet es, und die Bilder des Amateurvideos wirken umso ergreifender, als sie unscharf und verwackelt sind. Wir befinden uns immerhin beinahe im Herzen der Finsternis. Eine Frau im blauen Kleid, vom Regen durchweicht, geht über eine Veranda, die seltsamerweise an irgendeinen fernen Dschungel erinnert. Die junge Frau verschwindet sodann in einem Blitz, noch ehe man versteht, was sie dort tut. Wenn der Tod auf diese Weise nahe kommt, gibt es nichts zu verstehen; nur so viel, daß das Desaster, von dem die Zeichen künden, mit Sicherheit eine neue afrikanische Tragödie sein wird. Letztlich heißt das, eine gewaltige, durch die Dummheit der Menschen verursachte Naturkatastrophe. Keine Politikerrede wird diese Gewissheit aus dem Gedächtnis tilgen: Das, was passiert ist, Diadié, haben wir der ungeheuren Inkompetenz unserer Regierenden zu verdanken.

Fast 1.500 Tote, ein Schiff mit seiner Ladung und hunderten verwesender Leichen auf dem Grund des Atlantiks, das ist eine teuflische Bürde für unser Gedächtnis. Unsere Würde liegt darin, sie zu tragen. Der Untergang der "Joola" mag vor allem Demut lehren; wir können daraus Nutzen ziehen, vorausgesetzt, daß er unseren Präsidenten auf den Boden der Wirklichkeit zurückholt. Ein Land kann nicht wie im Atemstillstand am Tropf des vermeintlichen oder tatsächlichen Wissens eines einzigen Menschen hängen. Das macht uns unselbstständig und birgt die Gefahr, daß wir uns eines Tages gefesselt und geknebelt den übelsten Abenteuern ausliefern.
Von BOUBACAR BORIS DIOP, Senegalesischer Schriftsteller, 1946 geboren, studierte Literatur und Philosophie, schreibt Theaterstücke, Erzählungen, Romane und Essays. Er erhielt u. a. den "Grand Prix de la République du Sénégal pour les Lettres" und war einer von zehn Teilnehmern am Literaturprojekt "Rwanda: écrire par devoir de mémoire". Sein Buch "Murambi. Le livre des ossements" (2000) ist in Paris bei Stock erschienen.
dt. Christian Hansen



Beiträge zu aktuellen Themen