Themenübersicht zum Byzantinischen Reich

Die stärkste Feste des Mittelalters

Bibliographie

 

Als Konstantin der Große sich entschließt, die Hauptstadt des Imperium Romanum nach dem Osten zu verlegen, wo seine Wahl schließlich auf das kleine Byzantion fällt, kann man seinen außerordentlichen Scharfsinn nicht verkennen. Die Stadt hat eine einmalige strategische Lage, denn sie ist von drei Seiten vom Wasser umgeben: vom Goldenen Horn im Norden, vom Bosporos im Osten und von der Propontis im Süden. Somit braucht sie eine Besfestigung nur im Westen.


Tafel von Jacques Person, aus Ranuccio Bianchi Bandinelli: „Roma. La fine
dell’arte antica“, 1. ital. Ausgabe, Mailand 1970.



Im Jahre 324 wird mit der Vergrößerung Byzantions begonnen und schon am 11. Mai 330 wird sie mit dem Namen Constantinopolis (Stadt des Konstantin) eingeweiht. Sie erhält 328 eine Mauer - von der heute keine Spur mehr vorhanden ist -, aber da sich die Stadt sehr schnell vergrößert und dies nur nach dem Westen tun kann, wird unter Kaiser Theodosius II (408 - 450) eine neue Landmauer zum Schutz gegen die Barbaren nötig.


Diese Mauern verlaufen von Norden nach Süden und haben eine Länge von etwa 6 km. Sie bestehen aus einem drei-gliedrigen System, nämlich der Hauptmauer, der Vormauer und dem Graben. Zusammen ist dieser Wall etwa 60 m breit.


Allgemeine Maueransicht, aus Fritz Krischen: „Die Landmauer von Konstantinopel“,
Teil 1, Berlin 1938.



Der Graben ist etwa 20 m breit, 7 - 8 m tief und kann in einzelnen Abschnitten, welche durch Schotte gegliedert sind, mit Wasser gefüllt werden. Möglicherweise ist er nicht von Anfang an gemauert. Hinter ihm befindet sich eine Brustwehr.


Gemauertes Schott im Graben beim Goldenen Tor. Zustand 1996.
Photo Gabriele Pasch.



Die Vormauer besteht zunächst aus einem Laufgang von 13 - 17 m Breite, dahinter erhebt sich die eigentliche Vormauer in einer Höhe von 8 Metern. Ihr Durchmesser beträgt 3,20 m. Jedoch ist sie nicht massiv, denn in ihr befinden sich Kasematten zum Abstellen von Geschützen. Sie ist im Abstand von 50 - 100 m mit Türmen versehen.

Die Hauptmauer besteht ebenfalls zunächst aus einem Umgang, der etwa 13 - 20 m breit ist und wo - für den Feind nicht sichtbare - Truppenverschiebungen stattfinden können. Die eigentliche Hauptmauer erhebt sich in 12 Metern Höhe und ist 5 m dick massiv. Sie ist in regelmäßigen Abständen mit 96 Türmen versehen, welche so angeordnet sind, daß sie die Zwischenräume der Vormauertürme decken.


Die Türme der Hauptmauer haben eine Grundfläche von 11 x 10 m und einen hohen Sockel von 9 - 13 m. Der erste Stock dient zur Waffenlagerung, oben befindet sich eine mit Zinnen versehene Plattform. Die Höhe der Türme beträgt 24 m, wobei ihre Form ohne jeden strategischen Grund rechteckig oder achteckig sein kann.


Türme der Hauptmauer im südlichen Mauerteil. Zustand 1991.
Photo Gabriele Pasch.



In der Hauptmauer befinden sich mehrere Ausfallpforten, denen allen ein kleineres Tor in der Vormauer entspricht.


Ausfallpforte. Aus Fritz Krischen.



Das Wichtigste von diesen Toren ist das auf einer Anhöhe im Süden gelegene sogenannte Goldene Tor oder Porta Aurea, das einzige Tor mit drei Durchgängen, von denen der mittlere dem Kaiser vorbehalten ist, wenn er im Triumpfzug heimkehrt. Das Goldene Tor hat eine Breite von 66 m mit einer Höhe von 20 m.


Goldenes Tor. Aus Fritz Krischen.


Goldenes Tor im Zustand von 1996.
Photo Gabriele Pasch.



Die Landmauer Konstantinopels hat im Norden in der Blachernenregion, dort wo sich die Mauerlinie etwas vorwölbt, einen antikeren - nicht mehr erhaltenen - Mauertypus. Hieran wird die theodosianische Landmauer angeschlossen.

Unter Kaiser Manuel I Komnenos (1143 - 80) wird 100 m westlich dieser älteren eine neue Mauer errichtet, welche mit 13 dichtstehenen Türmen versehen wird. Diese Komnenen-Mauer hat keinen Graben und ihre Türme sind halbrund.



Komnenen-Mauer im Zustand von 1991.
Photo Gabriele Pasch.



Die Mauertechnik der Landmauer von Konstantinopel ist sehr typisch: sie besteht aus einer Schalenkonstruktion, d. h. die Außenseiten aus Kalkstein dienen zur Aufnahme eines regellos eingebrachten Füllwerks. Diese Außenseiten werden dann in einem gewissen Abstand durch horizontale Ziegellagen kastenartig miteinander verbunden, wobei ein lebhafter optischer Eindruck entsteht.


Die Landmauer von Konstantinopel ist mit keiner anderen Festungsanlage des europäischen Mittelalters vergleichbar. In allen anderen derartigen Anlagen - z. B. in der Aurelianischen Mauer in Rom - findet man niemals drei Niveaus, die Vormauer fehlt gänzlich und ein kleiner Graben kommt nur in seltenen Fällen vor.

Sehr viele Völker belagern diesen Wall in über tausend Jahren, nach den Arabern auch die Bulgaren und Russen. Jedoch erst 1453 können die Türken sie mit großer Mühe nach siebenwöchiger Belagerung überwinden, obwohl Konstantinopel zu diesem Zeitpunkt fast entvölkert ist und somit die Mauer nur ungenügend verteidigt werden kann.

Den Landmauern Konstantinopels kommt eine weltgeschichtliche Bedeutung zu. „Man male sich einmal aus, dieser Damm hätte im 7., 8. Jahrhundert dem mächtigen Ansturm des Arabertums nicht widerstanden... wer weiß, ob Karl Martell dann siegreich geblieben und Europa nicht eine Provinz des Kalifats geworden wäre.“ (Fritz Krischen)

 

Bibliographie

 

A. van Millingen:
„Byzantine Constantinople, the Walls of the City and the adjoining historical sites“, London 1899.

B. Granville Baker:
„The Walls of Constantinople“, London 1910.

Fritz Krischen:
„Die Landmauer von Konstantinopel“, Teil I, Berlin 1938.

B. Meyer Plath und A. M. Schneider:
„Die Landmauer von Konstantinopel“, Teil II, Berlin 1943.

R. Janin:
„Constantinople byzantine“, Paris 1964.

P. Speck:
„Der Mauerbau in 60 Tagen. Studien zur Frühgeschichte Konstantinopels“ in MISCELLANEA BYZANTINA MONACENSIA 14, München 1973, S. 135 - 178.

Cyril Mango:
„Architettura bizantina“, Mailand 1977.

Wolfgang Müller-Wiener:
„Bildlexikon zur Topographie Istanbuls“, Tübingen 1977.


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