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Meyers Großes Taschenlexikon in 24 Bänden plus CD-ROM
ISBN 3-411-11009-0
149,00 € [D]

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Studentische Verbindungen

studentische Verbindungen, Korporationen, Gemeinschaften von Studenten (neuerdings zum Teil auch Aufnahme von Studentinnen) und Alten Herren (den im Allgemeinen berufstätigen Akademikern), deren Grundsätze, Umgangs-, Organisations- und auch Sprachformen bis heute noch von Traditionen aus dem 18. und 19. Jahrhundert geprägt sind. Feste Institutionen sind der Konvent, die Kneipe, Vortragsabende sowie das alljährliche Stiftungsfest mit Kommers, für schlagende Verbindungen außerdem der Pauktag (Mensur, studentisches Verbindungswesen). Es gibt Farben tragende (Couleur) und nicht Farben tragende (schwarze) studentische Verbindungen; die Mitglieder sind zuerst Füchse (auch Füxe), nach zwei Semestern werden sie vollberechtigte Burschen, im 5. Semester Inaktive und nach dem Examen Alte Herren (Abkürzung AH). Zur Teilnahme an allen offiziellen Veranstaltungen verpflichtete Füchse und Burschen werden als Aktive bezeichnet (sie bilden die »Aktivitas«). Aus dem Kreis der aktiven Burschen werden jeweils für ein Semester Chargierte gewählt. Der erste Chargierte ist der Sprecher oder Senior, der zweite Chargierte der Fechtwart oder (bei vielen nicht schlagenden Verbindungen) der Damensenior, der Festlichkeiten, Ausflüge u. a. zu organisieren hat. Hinzu kommt der Schriftwart. Die Betreuung der Füchse obliegt dem Fuchsmajor, jeder Fuchs wählt sich als Vertrauensperson einen Leibburschen.

Geschichte: An den Universitäten spielte sich das studentische Gemeinschaftsleben früher in der Burse im Verbund der jeweiligen »Nation« ab. Die Vorläufer der eigentlichen studentischen Verbindungen sind seit dem 17. Jahrhundert die alten Landsmannschaften, aus denen sich die Korps (Corps) entwickelten. Im 18. Jahrhundert wurden nach dem Vorbild der Freimaurerei auch studentische Orden gegründet. Die Befreiungskriege 1813/15 gaben den Anstoß zur Entstehung der Burschenschaften, die wegen ihrer nationalen und freiheitlichen Bestrebungen (z. B. Wartburgfest 1817) seit 1819 von den Regierungen streng verfolgt wurden (Gesamtverband seit 1902 Deutsche Burschenschaft, D. B.). Ab 1840 entwickelten sich studentische Verbindungen der verschiedensten Richtungen (u. a. die neuen Landsmannschaften, ab 1880/85 die Turnerschaften sowie Sängerschaften). Es entstanden Gruppierungen, die die Bestimmungsmensur und den Grundsatz der Genugtuung mit der Waffe (»Satisfaktion«; seit 1945 allgemein nicht mehr üblich) ablehnten, u. a. der Cartellverband der katholischen deutschen Studentenverbindungen (CV; gegründet 1856), daneben der »Wingolfsbund«, der Farben tragende »Schwarzburgbund« (SB; gegründet 1887) sowie weitere konfessionelle Studentenverbindungen: neben dem CV u. a. der »Kartellverband katholischer deutscher Studentenvereine« (KV), der »Unitas Verband wissenschaftlicher katholischer Studentenvereine« (UV) und der von Letzterem 1924 abgespaltene »Ring Katholischer Deutscher Burschenschaften« (RKDB). Ab 1882 gab es jüdische studentische Verbindungen, ab 1906 den (nicht Farben tragenden) Verband der Studentinnenvereine Deutschlands. Nach 1918 entstand eine Anzahl neuer Verbände, u. a. die »Schwarzen Verbindungen«. Der Versuch der Nationalsozialisten, studentische Verbindungen als »Kameradschaften« in den »Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund« und die Altherrenschaften in den »Nationalsozialistischen Altherrenbund« einzugliedern, hatte nur teilweise Erfolg. – In der Bundesrepublik Deutschland entstanden nach 1949 viele zwischen 1934 und 1938 aufgelöste studentische Verbindungen neu. Die Landsmannschaften und Turnerschaften schlossen sich 1951 zum Coburger Convent (CC) zusammen. Sie verbanden sich 1951 – außer den katholischen Studentenverbindungen – zum Convent Deutscher Korporationsverbände (CDK), ihre Altherrenverbände 1950 im Convent Deutscher Akademikerverbände (CDA); beide bestehen seitdem selbstständig nebeneinander, unterstützen sich aber gegenseitig. Die schlagenden Verbände gründeten 1951 die Arbeitsgemeinschaft Andernach der mensurbeflissenen Verbände (AGA). In der DDR offiziell verboten, entstanden ab 1960 informelle, nur die studentischen Bräuche pflegende studentische Verbindungen; die meisten Farben tragenden unter ihnen vereinigten sich 1990 in der »Rudelsburger Allianz«. – Seit 1990 haben mehrere studentische Verbindungen ihren Sitz aus den alten Bundesländern an die Orte ihrer Gründung (v. a. in Thüringen und Sachsen-Anhalt) zurückverlegt oder sich dort rekonstituiert. Anfang des 21. Jahrhunderts existieren in Deutschland in 28 Verbänden über 950 Korporationen (nur aktive Bünde) mit fast 150 000 Mitgliedern (davon 21 600 Aktive und Inaktive) sowie etwa 90 freie Verbindungen mit 9 400 Mitgliedern (900 Aktive).

Von einzelnen früheren Gründungen abgesehen, bildeten sich in Österreich studentische Verbindungen seit 1850. Sie schlossen sich meist den entsprechenden reichsdeutschen Verbänden an. In der Schweiz entstanden die ersten studentischen Verbindungen 1819; zu nennen sind u. a. der »Schweizerische Zofingerverein« (lateinisch »Zofingia«; gegründet 1819) und die »Helvetia« (gegründet 1832).

Sekundärliteratur: D. Heither u. a.: Blut u. Paukboden. Eine Geschichte der Burschenschaften (1997); P. Gladen: Gaudeamus igitur. Die studentischen Verbindungen einst u. jetzt (Neuausgabe 2001); A. Kurth: Männer, Bünde, Rituale. Studentenverbindungen seit 1800 (2004).

Weiterführende Artikel aus dem Archiv der Wochenzeitung DIE ZEIT

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