Hitlers Bombe (DVA)

Hitlers Bombe (DVA)

Pro und Contra

"Hitlers Bombe" als Lehrstück für journalistischen Niveauverlust - Rezensenten bekämpfen nachträglich das Atomwaffenprogramm der Nazis

Sechzig Jahre nach Kriegsende steht ein Großteil der veröffentlichten Meinung in Deutschland noch immer im Bann des Nationalsozialismus. Diesen Eindruck gewinnt man zumindest beim Lesen der Artikel über das Buch "Hitlers Bombe" des Berliner Historikers Rainer Karlsch und des TV-Journalisten Heiko Petermann. Dass manche Journalisten wie aufgescheuchte Hühner herumlaufen, wenn es um das "Dritte Reich" geht, ist vielleicht noch verständlich. Nicht jeder bringt die Souveränität des Hitler-Biographen Joachim Fest auf, der davon spricht, dass der Nationalsozialismus keine moralischen Lehren bereit halte. ...Bei der Diskussion über "Hitlers Bombe" wurden alle diese Regeln außer Kraft gesetzt. Journalisten taten so, als müssten sie Adolf Hitler noch nachträglich davon abbringen, auf die Atombombenforschung zu setzen. Selbstverständlich steht es jedem frei, das Buch negativ oder positiv zu besprechen. Zu viel Schaum vor dem Mund ist allerdings recht hinderlich, wenn einem Sachbuch Gerechtigkeit widerfahren soll. Bei manchen Rezensionen und Hinweisen auf "Hitlers Bombe" hat man jedoch den Eindruck: Hier soll ein Buch, ein Verlag – nämlich die DVA – und der Autor Rainer Karlsch – hingerichtet werden. Die Art der Auseinandersetzung hat dann etwas zutiefst Infantiles. Und Infantilität ist nicht erkenntnisfördernd.

Ansgar Lange , Medienbüro Sohn, Bonn


Nowaja Wremja 3/2005, Russland

Die bisher unbekannte Geschichte von "Hitlers Bombe" hat in Deutschland heftige Kontroversen ausgelöst. Manche Kritiker wollen es einfach nicht wahrhaben, dass das Dritte Reich entgegen den bisherigen Darstellungen doch intensiv an der Herstellung von Kernwaffen arbeitete. Sie sträuben sich gegen den Gedanken, dass Hitler beinahe in den Besitz einer solch schrecklichen Waffe gelangt wäre. Einen passenden Kommentar dazu gab Anfang der 90er Jahre Carl-Friedrich von Weizsäcker: "Geschichte ist etwas, dass vielleicht im Grunde erst geschrieben werden kann, wenn alles so lange vorbei ist, dass niemand mehr lebt der ein aktuelles Interesse daran hat, wie es gewesen sein sollte."
Ohne die Öffnung der russischen Akten über das sowjetische Atomprojekt wäre die ganze Wahrheit über das deutsche Projekt nicht ans Licht gekommen. Bleibt zu hoffen, dass nun auch Amerikaner und Briten ihre Archive für die historische Forschung öffnen und zur weiteren Klärung der Geschichte der Atomforschung des Dritten Reiches beitragen. 60 Jahre nach Kriegsende und 15 Jahre nach Ende des Kalten Krieges gibt es keinen plausiblen Grund mehr, die Geheimniskrämerei vergangener Jahre fortzusetzen.

Jurij Spakov