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Ein halber Doppeladler
ESSAY  Heinz Conrads war Moderator, als Moderatoren noch Gestalter waren. Er war die Kulturkonstante der Zweiten Republik, ein Versöhnungsvirtuose, der die Erinnerung hoch hielt, um das Vergessen möglich zu machen. Würdigung eines Vielgeliebten, aber auch Verkannten. FRANZ SCHUH

Falter 35   Originaltext aus Falter 35/04 vom 25.08.2004

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Einst wurde der Schauspieler Will Quadflieg gefragt, was denn von seiner Kunst bleiben würde. Er antwortete: In erster Linie die Erinnerung und dann die Erinnerung an die Erinnerung, und am Ende wäre alles verwässert und nichts würde mehr stimmen. Das ist eine Variante der berühmten Wendung vom Mimen, dem die Nachwelt keine Kränze flicht. Gerade für Heinz Conrads gilt, wie sehr von der Erinnerung nur mehr die Erinnerung an die Erinnerung bleibt, und das ist deshalb erstaunlich, weil zu seinen Lebzeiten kaum ein Künstler in Österreich mehr Präsenz hatte als Heinz Conrads. Es ist keine Übertreibung, wenn nicht wenige der heute Fünfzigjährigen sagen, sie seien "mit Heinz Conrads aufgewachsen".

Baden um acht

Es gibt Künstler, mit denen man aufwächst, Künstler, die zur Zeit gehören, die einem selber geschenkt wird. Sie helfen dabei mit, dass einem die eigene Zeit vertraut ist, auch wenn die Zeiten, von denen Heinz Conrads im "typischen" Idiom sang, längst schon vergangen waren. "Das hat schon der alte Nowotny gesagt" war eines seiner Lieder, die zu singen er anscheinend nie müde wurde. Ich habe keine Ahnung mehr, was der alte Nowotny gesagt hat, aber das schmalzige Böhmakeln, in dem sich die Klage über eine verlorene Zeit und das Einverleiben des Böhmischen durch das Wienerische intonierten, habe ich durch all die Jahre nicht vergessen. So spreche ich manchmal mit Leuten, die die unsagbare, überwältigende Präsenz des Heinz Conrads nicht nur vom Hörensagen kennen. Ein Freund sagte mir, jeden Sonntag um neun Uhr, als Conrads mit seiner Radiosendung begann, habe er ein Bad genommen: Baden um neun Uhr und Conrads, ein Ritual! Das glaube ich nicht, erwiderte ich hart. Aber, so der Freund, warum denn nicht? Conrads, und ich war mir sicher, hat um acht begonnen! Wir stritten herum, und am Schluss dachte ich, vielleicht habe ich doch Unrecht. Aber anderntags las ich in der Zeitung die kulturgeschichtlich wertvolle Äußerung einer prominenten Wiener Persönlichkeit. Auf die Frage, wie er denn die bestandene Matura gefeiert hatte, antwortete der Kulturstadtrat von Wien, Mailath-Pokorny: "Wir hatten eine ganz tolle Nachtparty. Dann haben wir nicht mehr gewusst, wo wir hingehen sollen, es war nix mehr offen. Aber der Heinz Conrads hat schon seine Sendung begonnen im Funkhaus um acht Uhr. Und dort gibt's bekanntlich angenehme breite Fauteuils, und dort haben wir uns hingesetzt und sind eingeschlafen um achte in der Früh."
Ja, das hat der alte Mailath-Pokorny gesagt! Heinz Conrads war also auch ein Orientierungspunkt für vom Feiern benebelte Maturanten. Ich rief meinen Freund an und las ihm die Geschichte vor. Er revidierte seine Zeitangabe, ja, ja, acht Uhr, und das sei eben ein Zeichen dafür, dass in seiner Familie sonntags bereits um acht ein Bad genommen wurde.

Den Conrads im Ohr

Radio Wien, auf Welle 228,6 Megahertz und 506 Megahertz, sowie auf Kurzwelle 25-, 30-, 41- und 48 Meter Band - das sind die archaischen Ziffern, die seinerzeit angaben, wo man einschalten musste, um Heinz Conrads zu hören. Seinerzeit - das meint vor allem Ende Februar 1946, als zum ersten Mal eine dieser spezifischen, unverwechselbaren Talkshows übertragen wurde. Damals trug Conrads' Sendung noch den umständlichen, aber durchaus poetischen Titel: "Was machen wir am Sonntag, wenn es schön ist?" Vierzig Jahre war es am Sonntag schön, wenn Heinz Conrads seine Sendung fürs Radio machte. Später kam dann seine Fernsehsendung dazu, sie war eine Übersetzung des Radioformats ins modernere Medium.
Unzählige Hörer und man kann behaupten, viele, die's gar nicht hören wollten, hatten die Auf- und Abtrittsmelodien von Conrads' Radiosendungen "im Ohr". Die Sendung hieß schließlich: "Was gibt es Neues?", und sie stand von vornherein unter dem Paradox einer Neuigkeitsnostalgie: Alles, was passiert, wird gleich ins Vergängliche eingemeindet. Dem Flüchtigen der Eindrücke entsprach ein Plauderton, der zugleich eindringlich und unverbindlich war. Einer allein, der Moderator, hatte das Wort, diskutiert wurde nicht, Musiknummern, auf dem Klavier geklimpert zum Beispiel vom großartigen Gustl Zelibor (seines Zeichens eines Tages auch "Professor"), unterbrachen die Rede, die nicht zu unterbrechen und daher unaufhörlich schien. Das klang im schlimmsten Fall als Originalton aus dem Jahr 1954 so: "Na endlich! Meine Damen, man trägt jetzt wieder mollig. Mit anderen Worten: Die kluge Frau baut vor - das dicke Ende kommt von selber nach.' (...) In Deutschland scheint sich die mollige Linie aber noch nicht durchgesprochen zu haben. Ich traf eine deutsche Dame, und sie sah aus wie eine der sieben biblischen Plagen: die große Dürre'. Von rückwärts ging es ja, aber von vorne war sie doch ein wenig - platt. Eine Plattdeutsche!"
Es ist eine schwierige Frage, was denn das Außergewöhnliche der Kunst des Heinz Conrads gewesen sein soll. Sicherlich: das keinesfalls überall beliebte Wienerische, oder besser: diese allmählich verschwindende Tradition der Wiener Volksschauspieler mit ihrem derben, aber auch lyrischen Zungenschlag. Diese Tradition verfügt über einen Figurenreichtum und über einen Reichtum an Sprachmasken, der freilich dazu neigt, leicht zum Klischee zu missraten. Die wienerischen Grundtexte, zumindest für Komiker, hat Johann Nestroy verfasst. Nestroys Skepsis, die ihm dazu verhilft, gerade aus der Verzweiflung Spaß zu machen, ist ein wienerisches Lebensgestaltungsmittel. An gar nix braucht man glauben, weil eh alles Schimäre is', und die Hauptsach is', wir unterhalten uns dabei. "Es ist alles Schimäre", hat der Schauspieler Conrads gesungen, und wer's gehört hat, der weiß, er hat einen großen Nestroy-Schauspieler gehört.

Schatten einer Karriere

Die sentimentaleren Töne des Wienerischen, wenn man sie nicht schon aus dem Nestroy'schen Zynismus heraushört, hat der Künstler Heinz Conrads besonders gepflegt. Als er seine Sendung im Radio begann, soll ihm ein erfahrener Programmmacher geraten haben: "Nur keine Bitterkeit in den Texten aufkommen lassen!", und an diesen Rat hat sich Conrads sein Medienleben lang gehalten. Ein Beispiel für diese Haltung, für das gleichsam nicht Bitterere in den Texten, selbst in den traurigsten, waren Conrads Rezitationen aus der - wie soll ich es sonst sagen? - zutiefst Wienerischen Lyrik Georg Strnadts; ein Beispiel: "Die Ballade vom Frisör". Strnadt war ein Lyriker in der Weinheber-Nachfolge, nicht ohne epigonale Züge, aber weit entfernt von dem, was sich heute "Reimejournalist" nennt. In der "Ballade vom Frisör" erzählt ein Mann, dem sein alter Frisör verstorben ist, vom neuen Frisiersalon, in dem alles anders ist: "modern". The Times They Are A-changing ...
Das Sentimental-Resignative, das verbittert Süße - ist das nicht eine typisch einheimische Gefühlsstimmung, die nach professionellen Darstellern geradezu lechzt? Diese österreichische Kunstfertigkeit, Niederlagen durch Sentimentalisierung extra fein auszukosten, ist auch nichts Schlechtes, vor allem wenn einem eh nichts anderes übrig bleibt, und seltsam: Sogar in Heinz Conrads' persönlicher Erfolgsgeschichte gibt es nennenswerte Missgeschicke, ja, wie es scheint, sogar einen durchgehenden Grund zum Traurigsein, zur Verletzlichkeit.
Wer versucht, sich deutlicher an ihn zu erinnern, der wird wohl darüber erstaunt sein, dass ausgerechnet er mit seiner Identität als Schauspieler Schwierigkeiten, ja Schmerzen hatte. Es liegt tatsächlich in seinem künstlerischen Leben etwas Unentschiedenes: Er war ein großer Volksschauspieler, der aber als berühmter Entertainer, schlimmer noch, als "Moderator" arbeitete. Das hatte nicht zuletzt mit einer heute ganz und gar verstaubten Theaterkatastrophe zu tun: mit "Charlys Tante", inszeniert von Otto Schenk; eine Inszenierung, die Heinz Conrads als Klamaukidioten exhibitionierte, wenngleich alle, die guten Willens sind und die es seinerzeit gesehen haben, es nicht für so schlecht befinden können wie die damals entscheidenden Kritiker. Ich hab's als Kind gesehen, und es hat mir Spaß gemacht. Jedenfalls hatte Heinz Conrads - nach einer verheerenden Kritik von Hans Weigel - genug von der Bühne, und es scheint auch, als wären nicht zuletzt die Regisseure auf das "Image" dieses Künstlers hineingefallen, ohne dass sie gesehen hätten, über was für eine naive und unverdorbene Kraft er verfügte. Davon sang er in dem Lied "Der Wurschtl", den angeblich keiner erschlagen kann, und mir scheint, der hypochondrisch Verletzliche sang sich damit auch Mut zu.

Der Atem

Gesichertes Überleben als Wurschtl - das ist hierzulande vielleicht nicht sehr originell. Heinz Conrads' große Selbstgefährdung, die einheimische Banalität mit der eigenen Überzeugungskraft infizieren zu können, ist ein Schauspiel, das zu Recht nur wenige hatten missen wollen. In dem Zusammenhang möchte ich nicht auf eine gewagte Assoziation verzichten: Heinz Conrads war eine Verkörperung einer hier real existierenden, im Alltagsleben sehr einflussreichen Mentalität, und seltsam, dieser Heinz Conrads hat sein Leben lang, seit den Abenteuern seiner Modelltischlerlehre, an Kurzatmigkeit gelitten: Es hat ihn damals wirklich krank, nämlich lungenkrank gemacht, und es war auch die Lunge, die seinen endgültigen Zusammenbruch besiegelte.
Und da gab es noch einen anderen, der zeit seines Lebens in Österreich nach Luft rang, bis er schließlich keine mehr bekam. Der andere, das war ein Dichter, in dessen Texten all die Bitterkeit Platz fand, die sonst öffentlich ausgeschlossen war. Ja, so will es mir scheinen: Heinz Conrads, der militant Un-Bittere, hatte schon zu seiner Zeit sein Gegenbild, eine andere Erscheinung des österreichischen Wesens gefunden, die ebenfalls an Atemnot verstorben ist. Hatte sich Conrads öffentlich zur absoluten Versöhnlichkeit mit allen Dingen und Menschen des österreichischen Lebens durchgerungen, so war sein Gegenbild am Schluss die Verkörperung der absoluten öffentlichen Unversöhnlichkeit. Heinz Conrads und: Thomas Bernhard, sein Gegenbild - man könnte sagen, die zwei symbolisieren den gefräßigen Doppeladler im Geistesleben der Zweiten Republik.

Alles wird gut

Seinerzeit, zum siebzigsten Geburtstag von Heinz Conrads, fand fürs Fernsehen eine Geburtstagsfeier statt - die Feier hatte den Charakter eines geheimen, wenngleich öffentlichen Staatsaktes. Am 9. April 1986 starb Heinz Conrads, und was von den Begräbnisfeierlichkeiten in der Zeitung stand, erweckte in mir den Eindruck, der Tod eines Kaisers hätte die Massen nicht mehr ergriffen! Ich spreche von "Conradsismus" - wie von einer der großen geistigen Schulen Österreichs. Conradsismus, das war ein staatstragender Versöhnlichkeitskult auf der Grundlage darstellerischer Virtuosität: Alles wird gut, die Menschen teilen sich in die Buam und in die Madln, in die Alten und in die Kranken, alles hat seine Ordnung, und wir wünschen allen alles Gute.
Das Wesentliche am Conradsismus war die extreme Passivität ohne den leisesten Gedanken an Verzicht. Ganz ohne Anstrengung sollte zur Verfügung stehen, was gut tat und was anderswo nur als Ernte von Taten einzubringen war. Dahinter stand die propagierte Abschlaffung: ein medial inszenierter politischer Wille, radikal zu vergessen, was einmal in Österreich Sache war: 1927, 1934, 1938, 1945 ... Und es ging bergauf: "Wer sich vor zehn Jahren", schrieb Conrads 1959, "ein Schmalzbrot gewünscht, leistet sich heute ein Henderl. Was früher eine Netzkarte war, ist heute ein Goggomobil geworden. Ein Urlaub am Gänsehäufel wurde zum verdienten Aufenthalt in Jesolo und Mallorca. - Es geht uns gut."
Aber seltsam, ganz behaglich will man sich in dieser Gegenwart nicht einrichten. Irgendeine Mahnung will man doch aussprechen, und so führt Conrads weiter aus: "Vielleicht haben wir viel zu schnell vergessen, wie's war, und vielleicht finden wir's manchmal zu selbstverständlich, dass es uns gut geht. Vielleicht beachten wir nur mehr Sensationen und nicht mehr die kleinen Neuigkeiten unseres Alltags. Doch immer wieder gab es diese kleinen Neuigkeiten, die dann, wenn man stehen bleibt und zurückschaut, unser Leben sind." Der Kurzschluss von Alltag und Großereignis zugunsten des Alltags, als ob nicht die "Sensationen" diesen Alltag von unterst zu oberst kehren können; die Einladung, sich zu erinnern, als Aufforderung zum Vergessen; vor allem aber das Vertiefen ins Kleine, neben dem nichts Größeres Bestand hat - das sind wichtige Elemente des Conradsismus.

Andere Zeiten

Conrads, ein Mann, der von einer freundlichen, ja beinahe schon therapeutischen Omnipräsenz in Österreich war - dreißig Jahre lang hat er eine Fernsehsendung, vierzig Jahre eine Radiosendung, nein, nicht moderiert, sondern wirklich "gestaltet", ihr seine Gestalt gegeben, sie verkörpert - dieser Heinz Conrads ist heute nahezu von der Bildfläche verschwunden. Der Conradsismus hat überlebt, aber er ist unpersönlich geworden, ein Produkt redaktioneller Teams, die es schwer haben, weil sich die Medien längst nicht mehr (wie es damals im Übermaß der Fall war) am Geschmack älterer Konsumenten orientieren. Der Versuch, im Fernsehen Personen einzusetzen, auf die man glatt von Conrads hätte übergehen können, ist jämmerlich gescheitert. Das Wort "unvergesslich" haftet dem Künstler gerade noch an, und aus den Zeitungen tönt manchmal auch der Klagelaut: Warum haben wir denn heute keinen von seinesgleichen?
Die Frage ist leicht zu beantworten: Die Zeiten sind andere geworden, die Sozialpartnerschaft, dieser politisch verankerte Inbegriff des Versöhnlichen, ist einer Konfliktstrategie von oben gewichen. Die goldenen Zeiten, "als Böhmen noch bei Österreich war", von denen Heinz Conrads sang, hat keiner mehr in Erinnerung, und egal, was "der alte Nowotny gesagt hat", die Tschechen bilden eine selbstbewusste Nation, die kein böhmakelnder österreichischer Schauspieler mehr verniedlichen kann. Hat Conrads gewusst, was der Preis der Versöhnung um jeden Preis war? Ach, da gibt es ein Gedicht von Georg Strnadt, ein "Resignation" genanntes Virtuosenstück der Depression, ein Gedicht, das die andere Seite pflichtgemäßer Heiterkeit verständlich zu machen scheint: "I was net, wos i hob / i bin so miad ..." Das lyrische Ich fragt sich, ob es am Alter liegt oder "am miesen Fraß". Alles falsch gemacht, ist die Botschaft, und der Schluss daraus: Am besten man täte gar nichts mehr. Man wüsste schon, was man noch gern hätte, aber man traut sich nicht, es zu sagen. Man ist zu alt und geniert sich für seine Wünsche. Was bleibt, ist der Wein, also einschenken! Der Volksschauspieler, der Moderator wurde, trifft in seinem Vortrag den Grundton der Depression so perfekt, dass man glauben könnte, er weiß genau, wovon er redet. Aber bei Schauspielern kann man sich täuschen, und man soll es ja auch: Es ist der Zweck ihrer Übung.

Am 28.8., 9.05 Uhr ist auf Ö1 unter dem Titel "Guten Morgen, die Madln! Servas, die Buam!" in der Reihe "Hörbilder" ein Feature über die Rundfunklegende Heinz Conrads zu hören (Gestaltung: Günter Kaindlstorfer).

Franz Schuh lebt als Schriftsteller und Essayist in Wien. Bei DuMont erschien zuletzt "Schreibkräfte. Über Literatur, Glück und Unglück" (2000).


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August 2004 © FALTER
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