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Ursula Bauer und Jürg Frischknecht

Grenzland Bergell
Wege und Geschichten zwischen Maloja und Chiavenna


Die Affäre Renesse

»Der Graf ist tot, die Stadt hat noch zu kommen, unter die Aristokraten mischen sich Plebejer aus aller Herren Ländern, und alle sind den Wirten willkommen, sofern sie einen gefüllten Geldbeutel mitbringen.« So charakterisiert der Bergeller Fotograf Andrea Garbald das Maloja von 1905, das Maloja zwei Jahrzehnte nach dem alles verändernden Auftritt von Renesse.

Graf Camille Frédéric de Renesse war ein Mann der großen Würfe. »Il fallait, si l’on voulait réussir, faire rapidement un œuvre d’ensemble grande et complète.« Ein visionärer Risikokapitalist, der hoch pokerte, verlor und erst noch den rechten Glauben fand. Heute wäre er entweder vom Börsencrash erledigt oder als Großinvestor mit Kempinski dabei, St. Moritz nach seinem Gusto umzumodeln, bevor er als Zenbuddhist auf einem kalifornischen Landgut mit sich und der Welt im Reinen den Wein aller Weine austüfteln würde.

Camille de Renesse, Belgier aus holländischem Adel, standesgemäß verheiratet mit der reichen Malvina de Kerkove von Denterghem, kommt 1880 zur Erholung nach St. Moritz, wo den 44-jährigen Kuranten grandiose Visionen überkommen. St. Moritz als eine Alpenstadt der Großhotels, der eleganten Bäder und Golfplätze und (vor allem) eine florierende Winterdestination. Doch in St. Moritz wird ihm kein Meter Land verkauft, der Graf hat die Macht der Familie Badrutt unterschätzt, die selber zum Sprung in das Wintergeschäft und die große Hotellerie ansetzt.

Nicht besser ergeht es dem Möchtegerninvestor in Sils, wo er auf der Halbinsel Chasté einen Hotelkasten aufstellen will, der wie ein riesiger Dampfer auf der waldigen Halbinsel im Silsersee säße – größer als das spätere Waldhaus. Exquisit. Aber auch nur ein Traum.

In Maloja endlich, der Alp von Stampa, stößt Renesse auf offene Ohren. Die Baldini, Olgiati und auch die Giacometti verkaufen dem Grafen nach und nach am Seeende 1 400 000 Quadratmeter sumpfigen Bodens, der Graf zahlt gut (und plant, noch viel besser weiter zu verkaufen). Die Pläne für die Kurstadt Maloja nehmen Gestalt an. Zentral gelegen das Grandhotel, in lockerer Streuung darum herum exklusive Ferienvillen, Kleinhotels und Restaurants, Bäderanlagen und Spielcasino, für die geistige Wiederaufrichtung zwei Kirchen und über allem thronend das Belvedere, des Grafen Domizil mit Turm (der heute noch steht).

Außerdem Golfplatz, Reitbahn, Taubenschießanlage in Isola, Dampfschiffe auf dem Silsersee, Sprungschanze, Skikjöring und Eisfelder für die sportiven Wintergäste und ein repräsentativer Bahnhof an der internationalen Eisenbahntransversale Paris–Mailand–Innsbruck–Wien, via Comersee und Malojapass. Sowie eine wintersichere Passstraße über den Muretto. Sein Dorado der Reichen und Schönen in Maloja hätte ein Impulsprogramm für das ganze Oberengadin werden sollen.

»Es soll hier der Reunionsplatz der hocharistokratischen konservativen Welt werden. Darum der fabelhafte Kostenaufwand, der wohl ohne Zweifel auch mit den Zweck verfolgt, die unteren Klassen von vorneherein abzuschrecken«, berichtet die Neue Zürcher Zeitung vom Großbauplatz. »Selbst die Geldaristokratie« solle ferngehalten werden, »namentlich die Juden«. Am 1. Juli 1884, nach nur zwei Jahren Bauzeit, wird das Grandhotel glanzvoll eröffnet. Vom russischen Prinzen Kotschubey über die Esterhazy aus Wien bis zur preußischen Gräfin Yorck von Wartenberg kommen sie angerauscht – bis eine Choleraepidemie in Italien die Saison abrupt beendet. Finanziell eine Katastrophe.

Des Grafen Société anonyme de l’Hôtel-Kursaal de la Maloja steht auf schwachen Füßen, die Kalkulationen sind fantasievoll geschönt. Unter den ersten Besuchern sind auch weniger adelige Gäste – Inspektoren des Hauptgläubigers, der belgischen Caisse des Propriétaires. Dass die Gräfin Renesse im Herbst 1884 im zarten Alter von 38 Jahren plötzlich in einem Hotel in Basel an einem »Fettherz« stirbt und (umgerechnet) 22 Millionen verpfändete Lebensversicherungsfranken an die Caisse fließen, lässt den Basler Rechtsprofessor Peter Böckli einen Versicherungsbetrug vermuten: Bis zum Tod der Gräfin. Noch im Jahr der Eröffnung beantragt der Graf den Konkurs. 1885 wird die Aktiengesellschaft liquidiert. Das Sanierungskonzept der Finanzkreise um die Caisse entscheidet, dass vor allem einheimische Gläubiger, auf deren Wohlwollen man beim Weiterbetrieb des Unternehmens angewiesen ist, entschädigt werden.

Entgegen den Gerüchten (denen auch wir aufgesessen sind) springt Renesse, der Hauptschuldner, nicht im Champagnerrausch von seinem Hochsitz Belvedere ins Bergell hinunter. Nach Jahren friedlicher Zurückgezogenheit wird er 1904 in Nizza sterben, gefestigt im Glauben, Autor des Bestsellers Jesus Christus, seine Apostel und Jünger im 20. Jahrhundert.

Trotz der Affäre bleibt das Hotel Kursaal Maloja für die Reichen Europas eine valable Adresse. 250 Betten, Speisesaal mit Table d’hôte für 300 Gedecke (bis zu 500, falls nötig), separates Restaurant, Frühstückshalle, Galerie mit Wintergarten, Gesellschaftssalons, Rauchzimmer, Geschäftsräume, Hotelzeitung, Bälle mit Orchestern der Scala di Milano und der Metropolitan Opera New York, das Theâtre Sarah Bernhard und als letzter Schrei Living-pictures-Darbietungen. Gerücht geblieben ist, dass der große Festsaal unter Wasser gesetzt wurde, damit die Gäste in echten venezianischen Gondeln eine echt venezianische Nacht verschaukeln konnten, das Diner von kleinen Beibooten aus serviert. Die Message ist klar: Trotz schwankendem Grund wird hier geklotzt und nicht gekleckert.

Doch wenig von dem, was Renesse geplant hatte, wuchs aus dem mageren Boden Malojas. Giovanni Giacometti wird im Auftrag der Direktion 1899 das neue Grandhotel malen, noch immer in einsamer Pracht auf der leeren Ebene liegend. Nur gerade drei der als exklusive Parahotellerie zum Kursaal geplanten Feriendomizile wurden gebaut, eines davon, die Pension La Rosée, hat sogar überlebt. Auch der Badekurort Maloja blieb ein Traum, obwohl der Graf mit erheblichem finanziellem Aufwand nach Heilwasser bohren ließ und auf eine Gips- und Schwefelquelle stieß.

Das Spielcasino, zweites Standbein eines florierenden Kur- und Badetourismus der gehobenen Klasse, fand nur im Namen Kursaal seinen Niederschlag. Der Graf hatte bei seinen Planspielen die schweizerische Gesetzgebung, die das Glücksspiel seit 1877 verbot, übersehen oder auf eine Ausnahmeregelung gehofft. Auch die angestrebte Verlängerung der Sommersaison von zwei (Juli/August) auf vier Monate (Juni bis September) fand wenig Echo.

Ebenso kam die lukrative Wintersaison nicht voran, obschon die Heizkessel dreier Ozeandampfer für Volldampf sorgten und eine topmoderne Warmluftheizung betrieben. Das Haus war voll klimatisiert, der Rauchsalon ließ sich innert einer Stunde »auslüften«. Ein mit Wasserdruck betriebener Personenaufzug schwebte die drei Stockwerke hoch. Für die sanitären Einrichtungen wurden 18 Kilometer Röhren gezogen, die Badewannen und Pissoirs aus Porzellan kamen aus London, das Tafelsilber aus Pforzheim, die Billardtische aus Paris und die Pianos aus Zürich. Bezüglich der Inneneinrichtung könne »kein Gasthof-Palast der gesamten Schweiz mit Maloja in die Schranken treten«, stellen die viel gelesenen Europäischen Wanderbilder in ihrem Heft zum Kursaal Maloja fest. Und der erste Kurarzt A. Tucker Wise vergleicht 1885 die aufstrebenden Bündner Winterkurorte Davos, Wiesen, St. Moritz und Maloja (dieses groß gedruckt). Mit Statistiken zu Temperatur, Klima, Sonnenscheindauer und Windstärken wirbt er für den neuen Kursaal Maloja.

Die Wintersaison ist, trotz Doctor Wise und seiner Ode an die Warmluftheizung, vorläufig abgeschrieben – wie auch das ebenfalls vom Kurarzt Wise propagierte »Sanatorium et Spa«. Was Davos prosperieren ließ, soll auch Maloja auf die Beine helfen: das kaufkräftige Gästesegment der Phthisiker (die akademische Bezeichnung für Tuberkulosekranke). Gerüchte, dass mit der modernen Lüftungsanlage auch Tuberkelbazillen durch die Zimmer geblasen würden, sind wenig geschäftsfördernd. Man verzichtet auf das Sanatorium und setzt auf die Gesunden.

Zur Jahrhundertwende präsentiert der Engländer Stuart Tidey seinen Landsleuten ein Maloja, das von Golf- und Rugbyfeldern gepflastert scheint, dazu Plätze für Tennis, Cricket, Baseball und Croquet. Die Zielgruppe mutet sehr modern an: »The Maloja ist especially indicated as a resort for those who are suffering from overwork. The present generation of visitors seek it rather in summer as a holiday resort and a large proportion devote themselves to the pleasures of sport.« Überarbeitete mit einem Hang zum Sport ziehe es – im Sommer – nach Maloja.

Bewegt ist nicht nur die Entstehungsgeschichte dieses Schlachtschiffes der Hotellerie. Kurz vor der Jahrhundertwende übernimmt die französische Compagnie Franco-Suisse des Hotels den Kursaal, der jetzt Maloja Palace heißt. 1925 versucht die englische Maloja-Palace AG ihr Glück. 1932 darf die einheimische Neue Maloja Palace AG den Depressionsjahren trotzen. 1934 ist Schluss. Während der Kriegsjahre haben Schweizer Wehrmänner ausgiebig Gelegenheit, das Grandhotel von innen kennen zu lernen. 1962 kauft die belgische Versicherung Intersoc den Kasten und füllt ihn seither mit Jugendlagern.

A. Tucker Wise: Les Alpes en hiver. Bruxelles 1885.
Wilhelm Altenburg: Kursaal Maloja im Oberengadin. Europäische Wanderbilder. Zürich [um 1890].
Stuart Tidey: Maloja. Samedan [1899].
Georges Baggerman: Maloja entre cimes et lacs. Cent ans d’histoire d’un hôtel [1984].
Peter Böckli: Bis zum Tod der Gräfin. Das Drama um den Hotelpalast des Grafen de Renesse in Maloja. NZZ Verlag, Zürich 1998.

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