Auswandererhaus Bremerhaven

Audio "Auswandererhaus Bremerhaven" (6:27 min)

Museums-Kaje in BremerhavenAn der Kaje in Bremerhaven. Zwei Dutzend fröstelnde Menschen stehen dort, nur noch ein paar Schritte von der schwersten Entscheidung ihres Lebens entfernt. Erst auf den zweiten Blick fällt auf, dass es Puppen sind.

Das ist ein Morgen des Jahres 1888. Die Lahn, das Dampfschiff, steht zum Ablegen bereit, davor versammelt die Passagiere, die kurz davor sind, an Bord zu gehen. Und die letzten Gepäckstücke werden verladen wie auch der Proviant – und das war für die Dritte Klasse Sauerkraut und Bier, für die Erste Klasse eher Champagner. Und das war ein ganz wichtiger Moment für die Auswanderer, weil es hieß, dass man von der Familie Abschied nahm. Es war also nicht klar, ob man die jemals wiedersehen würde. Auch nicht, was man erwartet. Insofern stellte sich natürlich schon die Frage: Habe ich die richtige Entscheidung getroffen? Was wird aus mir?

Galerie der 7-Millionen AuswandererÜber sieben Millionen Menschen sind zwischen 1830 und 1974 über Bremerhaven ausgewandert, einige nach Südamerika und Australien, die allermeisten jedoch in die USA. Was hat sie zum Aufbruch bewegt? Was haben sie während der Überfahrt erlebt? Wie wurden sie in der Neuen Welt aufgenommen? Wie haben sie sich gefühlt? Auf diese Fragen will das 2005 eröffnete Auswandererhaus Bremerhaven eine Antwort geben. Sabine Wacker führt durch das Museum.

Das war ein richtiges Stimmengewirr, weil hier natürlich viele Menschen versammelt waren. Also gerade um diese Zeit, 1888, gingen ca. 1000 Passagiere an Bord eines einzigen Schiffes. Und dann die ganzen Familien drumherum. Das waren auch nicht nur Deutsche, sondern auch viele Osteuropäer. Deshalb sind bei diesen Stimmaufnahmen nicht nur Deutsche zu hören, sondern auch viele osteuropäische Sprachen.

Deutsches Auswandererhaus BremerhavenArmut, Arbeitslosigkeit, mangelnde Berufsperspektiven und schlechte politische Verhältnisse – die Gründe für eine Auswanderung haben sich in den letzten 150 Jahren kaum verändert. Historiker sprechen von sechs großen Auswanderungswellen – rund um die Revolution von 1848, die Reichsgründung von 1871, die Wirtschaftskrisen um 1880 und 1923. In den 30er Jahren brachten sich Juden vor den Nazis in Sicherheit. Und die letzte Auswanderungswelle hat gerade ihren Höhepunkt überschritten. 2004 verlegten 151.000 Deutsche ihren Wohnsitz ins Ausland, seit dem Ende der Rezession sinkt diese Zahl wieder.

Während die Auswanderung heutzutage oft nur noch ein Abschied auf Zeit ist, war es vor über 100 Jahren eine endgültige Entscheidung für den Rest des Lebens. Viel zu teuer und gefährlich war die Überfahrt im Segelschiff, zum Beispiel auf der Bremen, die 1854 in See stach. 

Wir sehen eine Rekonstruktion von einem Ausschnitt des Zwischendecks, wo die Menschen untergebracht waren. Das waren Massenunterkünfte, die Menschen hatten gar keinen Privatbereich, es waren Kojen für mehrere Menschen. D.h., sie hatten ca. 40 Zentimeter Platz und nicht mal einen Tisch, an dem sie ihre Speisen zu sich nehmen konnten, sondern das passierte alles im Bett oder im Stehen. Und nur bei gutem Wetter konnte man auch an Deck gehen, um dort mal etwas anderes zu sehen während sechs bis zwölf Wochen. So war es natürlich ein Herd für Krankheiten und trotzdem kann man sagen, dass die Bremer Schiffe ihrer Zeit voraus waren. Schon 1832 wurde ein Gesetz erlassen zum Schutze der Auswanderer, dass zumindest das Schiff auf Zuverlässigkeit geprüft wurde vor der Abfahrt, dass genügend Proviant vorgehalten werden musste und damit schon wesentliche Grundvoraussetzungen geschaffen wurden, dass die Überfahrt etwas verbessert werden konnte.

Mit dem Beginn der Dampfschifffahrt wurde die Atlantik-Überquerung selbst in der Dritten Klasse zu einer luxuriösen Reise in Vierbett-Kabinen mit Vollpension. Doch wenn Manhatten dann in Sichtweite lag, kehrte die Anspannung zurück. Auswanderer durften nur auf Ellis Island von Bord gehen. Mit pochendem Herzen warteten sie dort auf die Prüfungsfragen der amerikanischen Immigrations-Beamten.

Hier hören wir den Herzschlag, der symbolisch dafür steht, dass die Menschen tatsächlich sich in Aufregung befanden, dass es für sie nochmal ein ganz wichtiger Moment war. Sie hatten schon soviel geschafft und es war nicht klar, ob sie ihren Plan auch einfach erfüllen konnten oder ob sie zurückfahren mussten. Spannendes Detail: Wer zurückfahren musste, das ging auf Kosten der Reederei.

Leiterin DAH Dr. Simone EickWer bleiben durfte, erlebte in der Neuen Welt vieles, was auch Einwanderern in Deutschland sehr vertraut vorkommen dürfte. Ausdrücklich zieht das Bremerhavener Museum diese Parallele nicht. Doch Simone Eick, die wissenschaftliche Leiterin, ist überzeugt, dass sie sich ganz von alleine aufdrängt.

Im Prinzip hatten die deutschen Einwanderer im 19. Jahrhundert in den USA die gleichen Probleme und wurden genauso kritisch beäugt wie heute die türkischen Einwanderer und italienischen Einwanderer in der Bundesrepublik. Die Deutschen haben sich ganz lange geweigert, die Sprache anzunehmen. Die Deutschen haben ganz, ganz lange Communities gebildet, die nach außen relativ isoliert waren. D.h. man kann, wenn man ein bisschen Transferleistung – und das traue ich eigentlich jedem zu, der hier im Haus ist – dann sieht man: Einwandern ist nicht das, was wir uns erträumen, dass die hier her kommen und dann ist alles wunderbar, sondern es ist immer mit Integrationsschritten verbunden, die für beide Seiten nicht einfach sind.

Zurück zu den Puppen an der Bremerhavener Kaje. Der Rundgang durch das Auswandererhaus führt jetzt die Gangway hinauf zum abfahrbereiten Schiff. Vor allem für amerikanische Besucher ist dies der emotionalste Moment im Museum.

Die stehen dann auf der Gangway und gucken zurück und dann kommt der Satz: Jetzt weiß ich endlich, was das für ne Gefahr, was das für ein Risiko, was das für ein Mut war. Und das ist ja sowieso das absolut Faszinierende: Das Generationen später noch dieser Stolz darauf da ist, dass jemand so mutig war. Und dann wird dieser Mut auch für sich selbst in Anspruch genommen.