Das Carillon

Helene in am 25. März 2008, 11:33   7 Kommentare »

Jeffrey Bossin im Glockenturm, Carillon Berlin Tiergarten. (Foto: HSB / HeHe)

“Haben Sie ein absolutes Gehör?”, fragt Jeffrey Bossin. “Äh, nein…” — “Gut, sonst könnten Sie das hier auch nicht spielen.” Der Carillonneur erklärt die Sache mit der starken Terz, die den schrägen Oberton liefert. Am Spieltisch hier oben zwischen den Glocken ist der Sound sowieso recht verzerrt. Außerdem klappern die Stöcke, auf denen man herumdrischt, um 8 Tonnen schwere Ungetüme in Bewegung zu setzen. Dabei vibriert der ganze Turm. Den besten Klang hat man unten, in bis zu 100 Metern Entfernung. Je nach Windrichtung…

Das Carillon am Haus der Kulturen der Welt ist das weltweit viertgrößte. Mit fünfeinhalb Oktaven, 68 Glocken und diesem Turm, der aus dem Park ragt wie ein außerirdischer Monolith.

Ich darf mal schüchtern auf die Tasten schlagen. Man hört uns fast bis zum Potsdamer Platz, die volle Breitseite kriegt das Kanzleramt nebenan.
Viele Spaziergänger denken, da tönt ein automatisches Musikprogramm. Aber Jeffrey Bossin erklärt, die Automatik werde nur selten betrieben, ist seit einer Weile defekt. Das Tiergarten-Carillon hat der gebürtige Kalifonier selbst mit konzipiert. Es wurde 1987 mit Sponsoren- Geldern (Daimler) errichtet und erinnert an die Berliner Carillon-Tradition der zerstörten Parochialkirche und Potsdamer Garnisonkirche.

Leider hat man vergessen, einen ordentlichen Etat für den Betrieb bereitzustellen. Der Carillonneur führt eine einsame Existenz auf seinem Turm. Trotz der weitreichenden Akustik hat er keine große Lobby in der Verwaltung. Nachvollziehbar sind eingeschränkte Spielzeiten, damit Veranstaltungen oder Regierungsgeschäfte nicht gestört werden. Einmal kam Gerhard Schröder und hielt eine Gedenkstunde nach dem 11. September, erzählt Herr Bossin. Was er da gespielt habe, frage ich. “Ein Stück, das anlässlich der Kennedy-Ermordung komponiert worden ist.”

Er trägt lederne Fingerlinge zum Schutz der Gelenke. “Irgendwann wird mein Arzt sagen, lassen Sie es sein.” — Nicht nur wegen der vielen Treppen. Es ist eiskalt auf dem Monolithen. Und übrigens kaum etwas für Leute mit Höhenangst.

Bei Führungen spielt Jeffrey Bossin gern “Ich hab noch einen Koffer in Berlin”. Einen ziemlich großen, schwarzen sogar… mit fantastischer Aussicht.

(Konzerttermine/Führungen)

Alle Bilder: HSB / HeHe

7 Kommentare

1

florian

guter tipp, und schicke fotos,
danke dafür!

2

rob HSB

Endlich ein Gesicht zu den bekannten Tiergarten-Tönen – schöner Bericht :)

3

martin

Danke für den informativen Bericht!

Aber pssst! Die Garnisonkirche in Potsdam hat kein Fugen-S, da sind die Potsdamer ganz empfindlich ;)

4

Helene HSB

@martin.
Man dankt und lernt gern dazu. :-) Ist korrigiert.

5

Pascale

Hallo Helene,

schön beschrieben, vielen Dank, auch für den Link zum Blog. Ich wünsche dir, daß du demnächst doch noch einmal richtig ‘in die Vollen’ haust- Genieß es!
P

6

Susanne StoHelit

das war doch mal ein informativer, schöner blogeintrag.

7

Dietrich Amlung

Ich habe den Meister am 4.Juli in Beaune, Burgund, auf dem ambulanten Carillon spielen gehört. Ich war fasziniert.

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