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Jordanien, Tell Khanasri, Region

Archäologische Forschungen im Gebiet von Tell Khanasri, Nordjordanien

Lage

Tell Khanasry zwischen den Städten Irbid und Mafraq gelegen, ist einer der markantesten Siedlungshügel in Nordjordanien.

Abteilungen:
Orient-Abteilung

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Ziele

Der in der Mitte des 1. Jahrtausends v. Chr. angelegte und mit einer starken Wehrmauer umgebene Ort gründet auf einer natürlichen Erhebung, dem Gabal al-Khanasry, und bietet einen weiten Blick über die benachbarten Regionen, wie z.B. das Ajlun-Gebirge im Westen oder die Ausläufer des Gabal al-Arab im Nordosten. Die aufgrund der Baureste und der topographischen Situation angenommene außergewöhnliche Funktion des Ortes lässt sich noch nicht mit historischen Schriftquellen bestätigen. Es liegen nur spärliche Informationen vor, die über die Region östlich des Ajlun Aufschluss geben, in der Tell Khanasry liegt. Danach kann angenommen werden, dass das Gebiet während der Eisenzeit II (1. u. 2. Drittel des 1. Jahrtausends v. Chr.) zu Gilead gehörte, das zu Beginn des 1. Jahrtausends v. Chr. unter der Herrschaft der Könige David und Salomon ein Teil des Territoriums von Juda und Israel war. Die Hauptstadt der Region, Ramoth-Gilead, war im 9. Jh. v. Chr. Schauplatz der dritten Schlacht Israels gegen das nördlich angrenzende aramäische Königreich Aram-Damaskus und wurde zusammen mit dem gesamten nördlichen Teil des östlichen Jordanlandes für einige Zeit in dessen Territorium eingegliedert. Zu Beginn des 8. Jh. v. Chr. gelangte Gilead wieder unter die Herrschaft Israels und blieb ein Teil des Reiches bis zur assyrischen Annexion 732 v. Chr., mit der die territoriale Autonomie endete und Gilead assyrischer Verwaltungsbezirk wurde. Für die Lokalisierung von Ramoth-Gilead wurden in der Vergangenheit verschiedene Vorschläge gemacht, von denen einige auch die Tell Khanasry-Region betreffen. So nahmen sowohl N. Glueck als auch P. Lapp eine Identifikation mit Tell er-Rumeith an, einem mittelgroßen Tell, ca. 15 km nordwestlich von Tell Khanasry. Andere Interpretationen gehen von einer Gleichsetzung mit dem modernen Grenzort ar-Ramtha oder der östlich von Irbid gelegenen Stadt al-Mu'allaqa aus. Für Tell er-Rumeith schlug S. Mittmann die Identifikation mit dem biblischen Rehob vor, das G. Schumacher aufgrund des Namensgleichklangs mit dem südöstlich von Tell Khanasry gelegenen Ort Rihab identifizierte. Die verfügbaren Daten erlauben gegenwärtig noch keine zweifelsfreie Identifikation der genannten Ruinen mit den historisch belegten Orten.

Auch für die nachfolgenden historischen Perioden fehlen jegliche Hinweise auf Zuweisungsmöglichkeiten, da weder aus assyrischer, noch aus spätbabylonischer, achaemenidischer und hellenistischer Zeit Berichte über die historische Entwicklung der Region oder über einzelne Orte in diesem Gebiet vorliegen. In späthellenistischer Zeit lag das Gebiet wohl innerhalb des nabatäischen Reiches, das während des 1. Jhs. v. Chr. von seinem Ursprungsgebiet im südlichen Edom nach Norden bis in den syrischen Hauran expandierte. Ebenso undeutlich wie die Rolle der Tell Khanasry-Region in nabatäischer Zeit ist der Zusammenhang mit den Städten der Dekapolis, die im 1. Jh. v. Chr. in den westlich angrenzenden Gebieten entstand, insbesondere die Verbindungen zur nächstgelegenen Stadt Gerasa/Jerasch entziehen sich unserer Kenntnis. Mit der römischen Annexion des nabatäischen Königsreiches wurde die Region zu Beginn des 2. Jh. n. Chr. Teil der provincia arabia und durch die Errichtung der Verkehrs- und Verteidigungslinie via nova Traiana zum unmittelbaren Hinterland des römischen Grenzgebietes. In islamischer Zeit durchquerte die muslimische Pilgerstraße darb al-hagg das Gebiet, mit ar-Ramtha und Fedein/Mafraq als nächstgelegene Stationen, was die Bevölkerungsstruktur und die Ökonomie zunächst positiv beeinflusst haben mag. Nachteilige Auswirkungen hatte die geographische Lage zumindest in osmanischer Zeit, als der zunehmende Einfluß der die Pilgerstraße kontrollierenden Stämme zu derartigen Unsicherheiten führten, dass die meisten Siedlungen Südsyriens (Hauran/Gabal al-Arab) und Nordjordaniens (Ajlun) verlassen wurden. Die Grenzlinie zwischen permanent und temporär genutzten Gebieten lag zu jener Zeit sehr viel weiter westlich als in den vorangegangenen Perioden. Sie verschob sich erst Ende des 19. Jh. wieder nach Osten, als die Überlandrouten nach Mekka bedeutungslos wurden.

Die Tatsache, dass keine umfangreicheren und präziseren Schriftquellen zur Geschichte der Region vorliegen, kann damit zusammenhängen, dass sie nicht zu den Vorzugsgebieten der Levante zählte und somit nicht als kontinuierlicher Schauplatz für bedeutende historische Ereignisse und Prozesse prädestiniert war. Sie ist ökologisch betrachtet eine kritische Übergangszone zwischen einer fruchtbaren, mediterran geprägten Landschaft im Westen und einer kargen, durch Basaltfelder gekennzeichneten Wüstensteppe im Osten, die ihren Bewohnern seit Alters her flexible Subsistenzstrategien abverlangte, vor allem in Zeiten ausbleibender Niederschläge. Da sich jedoch in der Tell Khanasri-Region zwei der wichtigsten Transitwege der südlichen Levante kreuzen, der Verbindungsweg zwischen dem mesopotamischen Tiefland und der Mittelmeerküste sowie der Verkehrsweg zwischen Nordarabien und dem syrischen Inland, kann man annehmen, dass der permanente Kontakt mit den Kulturen dieser Regionen wenn nicht in den Schriftquellen, so doch zumindest in den sonstigen materiellen Hinterlassenschaften deutliche Spuren hinterlassen hat.

Beide Aspekte, die naturräumlichen sowie die verkehrsgeschichtlichen, boten den Anreiz für eingehendere interdisziplinäre Forschungen, die seit 1999 im Rahmen eines Kooperationsprojektes der Orient-Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts und des Institute for Archaeology and Anthropology der Yarmouk Universität in Irbid durchgeführt werden. Aufgrund der archäologischen Funde lässt sich ein detaillierteres Bild der Besiedlungsgeschichte in der Tell-Khanasry-Region zeichnen. Intensive Oberflächenuntersuchungen in einem annähernd 100 Quadratkilometer großen Gebiet erbrachten zahlreiche Funde und Befunde aus der Altsteinzeit bis zur frühen Jungsteinzeit (400.000 - 6.000 v. Chr.) sowie der Eisenzeit II und den nachfolgenden Perioden (ca. 1.000 v. Chr. - heute). Während der Altsteinzeit und frühen Jungsteinzeit wurde die Region durch ausreichende Nahrungsressourcen, Rohstoffvorkommen (z.B. lokale Silexlagerstätten) und zahlreiche natürliche Höhlen, die als Behausungen dienten, begünstigt. Die nachfolgende Periode vom 6. - 2. Jahrtausend v. Chr. ist bisher zwar durch Steingeräte, aber noch nicht durch Wohnplätze oder Siedlungen nachgewiesen, weshalb angenommen werden kann, dass die Region in jener Zeit überwiegend von Nomaden genutzt wurde. Offenbar beginnt erst mit der Eisenzeit II die permanente Besiedlung. Keramikfunde bezeugen, dass die meisten rezenten Dörfer des Untersuchungsgebietes in dieser Zeit gegründet und bis in die frühosmanische Zeit kontinuierlich besiedelt waren. Außerhalb der rezent besiedelten Orte sind keine Siedlungen der historischen Zeit festgestellt worden, hingegen eine Anzahl von Fundplätzen, die als regelmäßig aufgesuchte Lagerplätze nomadischer Populationen gedeutet werden können sowie Werkplätze, wie z.B. ein Steinbruchareal in der Nähe von Tell Khanasry. Die höchste Bevölkerungsdichte kann nach der Anzahl der Fundstellen für die römische (63 v. Chr. - 324 n. Chr.), frühbyzantinische (324 - 638 n Chr.) sowie die mamlukische Zeit (1250-1517) angenommen werden. Die Struktur der Siedlungsplätze ist aufgrund der rezenten Überbauung noch weitgehend unklar. Deutlich geworden ist jedoch, dass Tell Khanasry in der Mitte des 1. Jahrtausends v. Chr. gegründet wurde und als Festung diente. Neben Wohnsiedlungen wurden an unterschiedlichen Stellen Einzelgräber und Nekropolen dokumentiet, deren bedeutendste westlich der Siedlung von Al Burayqah liegt. Hier finden sich eine größere Anzahl von genischten Felsgräbern mit vertikalem Zugang, die zum Teil bereits geplündert sind und wohl aus spätrömischer - frühbyzantinischer Zeit stammen.

Die bisherigen Feldarbeiten haben eine differenziertere Vorstellung vom archäologischen Potenzial der Tell Khanasry-Region vermittelt und bieten die Grundlage für gezielte Unternehmungen, die sich u.a. den hier skizzierten Problemkomplexen verstärkt zuwenden werden. Siehe Archäologische Untersuchungen auf dem Tell Khanasri.  

Ansprechpartner

PD Dr. phil. Karin Bartl

Vorderasiatische Altertumskunde
Telefon: +963/11/374 9812-0 +963/11/3749813-0
Telefax: +963/11/374 9812-9 +963/11/3749813-9
Email: sekretariat@damaskus.dainst.org

Literatur

K. Bartl - R. Eichmann - F. al-Kraysheh, 100 Quadratkilometer Geschichte. Archäologische Forschungen im Gebiet von Tell Khanasri, Nordjordanien. Welt und Umwelt der Bibel 17, 2000, 76 - 77; K. Bartl - F. al-Kraysheh - R. Eichmann, Palaeoenvironmental and Archaeological Studies in the Khanâsirî Region/Northern Jordan. Preliminary Results of the Archaeological Survey 1999 (with contributions by Kh. A. Ghunima - G. O. Rollefson - B. Müller-Neuhof). Annual of the Department of Antiquities of Jordan 45, 2001, 119-134; K. Bartl - R. Eichmann - F. al-Kraysheh, Archäologische Oberflächenuntersuchungen im Gebiet des Jabal al- Khanâsirî , Nordjordanien. Vorläufiger Bericht der Kampagne 1999, in: R. Eichmann (Hrsg.), Ausgrabungen und Surveys im Vorderen Orient. Orient-Archäologie 5, 2002, 79-127.  

 


 
 

Aktualisiert: 04.08.2008

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