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King Döbling

Hans Schmid war Wiens wichtigster Werber, Österreichs risikofreudigster Verleger und einer der ersten europäischen Entrepreneure mit sozialistischem Hintergrund. Jetzt kauft der Aussteiger die besten Weinhänge unterhalb des Kahlenbergs. Ein Mann, ein Bezirk.
 
Falter 25/2007 vom 20.6.2007
Ressort Stadtleben > Portrait
Autor Manfred Klimek


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Ein Gang vom Schreiberweg weg in Richtung Kahlenberg, bergauf, durch die Weingärten. Manche sind gut gepflegt, manche weniger, einige total verrottet. Immer öfter sieht man auch eine kahle Stelle, auf der eine Neupflanzung vorbereitet wird. Wem gehören diese Flächen? Den kleinen Heurigenwinzern von Grinzing und Döbling? Das war vor Jahren, doch die wesentlichsten Lagen des Wiener Weinbaus werden heute von einer Handvoll Unternehmern bewirtschaftet. Einer davon ist der Finanzinvestor Hans Schmid, ein schillernder Kreativer mit Hang zur marktwirtschaftlich orientierten Sozialdemokratie.
Schmid empfängt den Besucher in seinem Winzerhaus, dem „Roten Haus“, ganz oben am Nussberg. Er lässt die Überdachung der Veranda ausfahren und holt ein paar seiner neuen Weine aus dem Klimaschrank. Heute Abend gibt er eine Verkostung für Freunde, Schmid sagt, er genieße das Leben hier oben, abseits der Society, und dem Trubel doch nah. Schmid wirkt aufgeräumt, jemand, der niemandem etwas beweisen muss.
Es ist 1990, es ist Frühjahr, es ist ein Uhr früh. In der Nähe des alten Schlachthofes St. Marx brennt noch Licht. Hier befindet sich die Redaktion der Tageszeitung AZ, der Arbeiter-Zeitung, der zu diesem Zeitpunkt schon ehemaligen Parteizeitung der SPÖ. Doch es sind nicht die fleißigen und umtriebigen Redakteure, die hier spätnachts noch an einer Mutation ihrer Tagesausgabe basteln, nein, die Journalisten des ehemaligen Kampfblattes lassen schon seit Jahren die Arbeit vor fünf Uhr nachmittags ruhen; Licht brennt bloß im Büro des Herausgebers, wo der Eigentümer der Zeitung, der Werbeunternehmer Hans Schmid, Zahlen mit Fakten vergleicht. Wenig später geht Schmid alleine durch die halbdunklen Räume und seufzt laut vor sich hin.
Die Arbeiter-Zeitung bleibt das einzige bekannte Millionengrab des Hans Schmid, eine schwere, aber nicht die schwerste Zeit seines Lebens. Man hat ihm diesen Sanierungsfall seitens der Partei angeboten – ein jahrelanger guter Kunde und entgegen vieler Spekulationen letztlich die einzige dauerhafte Geschäftsbeziehung aus dem Gesinnungskreis. Schmid hat angenommen, nachdem man ihm Unterstützung und langfristige Kredite zugesagt hatte. Bloß: Das Geld kam nie auf seine Konten. Und die ersten, die ihre Abonnements kündigten, waren sozialdemokratische Unternehmungen und Ministerien. Eben keine Freunderlwirtschaft.
Diese Episode ist wichtig, um Hans Schmid verstehen zu lernen. Der Mann kann aus Leidenschaft verlieren. Aus Leidenschaft übernachtete er einst mit seinem besten Grafiker, dem später stilbildenden Art-Director Lo Breier, in seinem Jaguar, da beide zwar die Barschaft für diese repräsentative Limousine hatten, aber über kein liquides Geld für ein Hotel verfügten. Doch am nächsten Tag – so will es die Legende – standen Schmid und Breier perfekt gekleidet (Blazer, weißes Hemd, schwarze Maßschuhe) bei den Direktoren an und verkauften Kampagnen. Man schrieb die frühen Siebziger und alles Interessante erstand aus der Asche des Miefs der Nachkriegsjahre. Es sollten nur die besten Hotels sein, die Schmid bald schon sichten würde.
So war es auch Leidenschaft, die Schmid den Wiener übernehmen ließ, eine Illustrierte für „Zeitgeist“, die aus Jux entstand und seinem langjährigen Freund, dem Werbe-
filmer und Kreativdirektor Gert Winkler, gehörte. Die Chefredakteure Markus Peichl und Michael Hopp schufen ein postpolitisches Objekt der Begierde, das selbst Manager des deutschen Magazinriesen Gruner + Jahr nach Wien pilgern ließ, um Abwerbungen vorzunehmen. Doch mit Geld konnten die hedonistischen Journalisten nicht umgehen, und so machte der Wiener bald die irrwitzigsten Miesen der österreichischen Magazingeschichte. Schmid zahlte alles, Schmid ließ sich von den Granden der SPÖ für SPÖ-kritische Artikel (Noricum, Lucona) vor den Kanzler zerren, dessen Wahlplakate er gestalten durfte. Irgendwann lief das Fass über und die Redaktion verflüchtigte sich nach Deutschland, bevor Schmid sie gekündigt hätte. Was danach kam, war Mittelmaß, verdiente aber Geld. Die Verluste des frühen Wiener und der späten AZ zahlte Schmid aus den Gewinnen seiner Werbeagentur GGK, ein europaweites Kreativnetzwerk, das ihm zuletzt zur Gänze gehörte.
Nach der Übernahme der GGK durch die angloamerikanische IPG-Lowe-Gruppe durfte Schmid einen Scheck mit vielen Nullen einlösen, Teile dieses Geldes sind in einer Stiftung deponiert, andere Beträge zirkulieren an der Börse – so machte Schmid etwa beim Verkauf von Boehler-Uddeholm einen Gewinn von etwa 16 Millionen Euro vor Abgaben. Derart enorme Deals sind selten im Imperium, sie verschaffen aber für lange Strecke das nötige Kleingeld, allen Leidenschaften ungehindert nachgehen zu können. Neben dem Weinbau frönt Schmid auch der Kunst, er sammelt vor allem der verkraftbaren Avantgarde zurechenbare Kärntner Künstler, wie Kolik oder Lassnig, aber auch Brauchtumbares wie Egger-Lienz oder fettig-Verfilztes wie Beuys.

Der Weinbau, das Engagement in Döbling, kam, wie vieles, zufällig. Schmid war öfters Gast beim Heurigen Reinprecht, und der Hausherr selbst zeigte ihm eines Tages seine schönste Lage rund um das sogenannte Rote Haus, jenem Ort, an dem Schmid heute seine Besucher empfängt. Das kleine Gebäude am Hang diente einst als Unterkunft für Landarbeiter und wurde von Reinprecht später für repräsentative Zwecke genutzt. Kein Wunder, denn selten liegt Wien dem Betrachter schöner zu Füßen. Schmid verliebte sich in diesen Ort, und als Reinprecht Jahre später Verkaufsbereitschaft signalisierte, schlug Schmid ohne Zögern zu. Da war sie wieder, die Leidenschaft, sagt Schmid wiederholt an diesem Tage.
Mit der Heurigen-Dependance erwarb Schmid auch ein wenig Weingarten. Und da er das Unprofessionelle scheut wie die Pferde den unerfahrenen Reiter, da er zudem alles Brachliegende und Unprofitable nicht in seinem Imperium wissen will, wurde Schmid professioneller Weinbauer. Sein Winzer – Schmid versteht von der Herstellung freilich zu wenig – war gleich der beste, den man sich kaufen kann: Fritz Wieninger, der bekannteste Kelterer der Stadt, der auf seinen Hängen am Bisamberg mit Kreationen von Weltgeltung Furore macht. Doch als es um den gemeinsamen Ankauf eines Filetstücks der bekannten Riede Preussen ging, fühlte sich Schmid von Wieninger übervorteilt und beendete die Kooperation. Nun fertigt und vertreibt Willi Balanjuk, ein ähnliches Kaliber, Schmids Weine, er war einst für den Auftritt burgenländischer Winzer verantwortlich.
Schmids Verhältnis zu Wieninger gilt seither als abgekühlt, Schmid ist nicht öffentlich nachtragend, er untersagt sich vor dem wiederholt nachfragenden Besucher aber jeden abrupten Kommentar. Die dünne Haut bleibt sichtbar, enttäuschte Euphorie und Gutglaube machen verletzlich. Nach diesem Zerwürfnis entstanden zwei große Kooperationen. Um Fritz Wieninger sammeln sich die Winzer Edelmoser, Zahel und Christ zur Vereinigung WienWein; Schmid hingegen gründet Vienna19, eine Gesellschaft zur Vermarktung seiner Weine, die mit vier anderen Winzern am Nussberg kooperiert, den Familien Hengl-Haselbrunner, „Feuerwehr“-Wagner, Welser und Muth. Schmid vertraut aber trotz aller Synergien vor allem der eigenen Stärke, der eigenen Größe und den eigenen Fähigkeiten.
Anfang dieses Jahres folgt der Einstieg in die Gastronomie. Schmid erwarb die auch bei Touristen legendäre Buschenschank Mayr am Pfarrplatz, ein Schweizerhaus für Weinbeißer, das bis zu 700 Personen Obdach geben kann, und pachtete vom Stift Klosterneuburg das Restaurant Zur schönen Aussicht, nur wenige Meter vom anderen Lokal entfernt. Das Zur schönen Aussicht, dessen Neueröffnung schon für Anfang Juni geplant war, wird derzeit vom Architekten Boris Podrecca entkernt, rückgebaut und renoviert; für die Küche engagierte Schmid den ehemaligen Koch des Theatercafés am Naschmarkt, den talentierten, aber hypersensiblen Alexander Mayer, der zu den großen Kreateuren und begnadeten Komponisten alles Simplifizierten zählt und – selten genug – eine eigene Handschrift vorweisen kann. Mayer soll, so sagt Schmid, zwei Küchenstile anfertigen, einen adaptierten traditionellen, dem Guten und Besten der Wiener Küche verpflichtet. Und einen weltgewandt elaborierten, damit Mayer entlässt, was ihn drängt. Beim Mayr am Pfarrplatz, eine Buschenschank und folglich auch kein Teil der gastronomischen Rechtsform, setzt Schmid voll auf die andauernde Anwesenheit der abgebenden Familie – Franz Mayr, der Senior, macht Tag für Tag noch seine Honneurs im Betrieb. Doch sind Zeichen von Einflussnahme sichtbar, die Flaschen tragen neue Etiketten, die Tradition und Moderne gut verbinden; die Weine sind unter Aufsicht Willi Balanjuks eine Spur süffiger, internationaler, aber vielleicht auch, bis auf den einzigartigen gemischten Satz und die geschmacklich zur Stärke tendierenden Sorten, gleichgerichteter geworden – gemeinhin ein Zeichen für eine erhöhte Exportbereitschaft, die man auch bei den Weinen der anderen Schmid-Marke, dem Roten Haus, bemerken kann.
Mit dem Kauf des Mayr am Pfarrplatz erstand Schmid auch die Rebflächen des Heurigen, etwa die einzigartige Einzellage Alsegg in Hernals, Schmids Boden in Besitz und Pacht wuchs schlagartig auf 30,6 Hektar an, 25 sind ausgebaut. Der nunmehr restlos engagierte Zufallswinzer kann sich sogar vorstellen, teure Baugründe zu kaufen und diese wieder in Weingründe umzuwidmen, wenn die Lage große Ernten verspricht. Er ist auf der Suche.

Bei der Suche hilft ihm Friedrich Arnold, der pensionierte Katasterchef der Gemeindeverwaltung. Arnold kennt jede Fläche, jeden Rebstock und jeden Besitzer, sein Gedächtnis ist wichtig für Schmid, der weitere große Zukäufe zwar nicht ankündigt, aber sicher plant. Größere, aber nicht durchgehend interessante Weinbauflächen hält beispielsweise der Immobilieninvestor Günter Kerbler in seinem Besitz; einige andere gut gelegene Hektare gehören Winzern, die auf höhere Preise für Pacht und Kauf spekulieren. Doch darf man bei Schmid die Leidenschaft nicht überschätzen, wenn man ihm zu bunt kommt, stellt er die Weichen schnell auf Schwarz-Weiß.
Warum dieses plötzliche Engagement im Bezirk, noch dazu im Weinbau, von dem Schmid, inzwischen 67, nicht erwarten darf, eventuell anfallende Gewinne noch vor dem Lebensende in die Geldspeicher zu karren? Schmid erklärt dies mit dem für ihn üblichen Zufall. Durch Zufall habe er einst den Wiener gekauft, mehr oder weniger zufällig ist er auch Präsident und Sponsor des Eishockeyvereins Vienna Capitals geworden (ein weiteres Lieblingsthema des einstigen Werbe-Oligarchen, doch dem Besucher mit bedeutend weniger Leidenschaft vorgetragen), durch Zufall habe er auch diese Kleinode am Pfarrplatz entdeckt. Und eine Möglichkeit des Schönen und Lebenswerten in unmittelbarer Nachbarschaft. Schmid verliebt sich zuerst in die Idee und danach in die Äste der Idee. Als er das Rote Haus kaufte, dachte er nicht im Traum daran, im Wiener Weinbau und in der Döblinger Gastronomie eine wichtige Rolle spielen zu wollen.
Wenn er es selber nur umschreiben kann, so muss man anhand seiner Geschichte – vom Villacher Wirtshaus- und Eisenbahnerkind zum zigfachen Millionär – und seiner Statements Schlüsse ziehen. Hans Schmid hat immer viel Geld verdient, oftmals, wie er selbst sagt, unverschämt viel Geld – sich selbst schätzt er heute neunstellig ein. Er lacht über Unternehmen, die in ihren Quartalsberichten großartige zweistellige Gewinne ankündigen, vergleicht er deren Aufwand- und Umsatzzahlen mit jenen seiner Werbeagentur, dann kann er sich den Hohn nicht verkneifen, mit weniger Getöse ein Vielfaches lukriert zu haben. Ähnlich ging es ihm bei einigen Börsespekulationen, die innert weniger Tage beachtliche Summen auf sein Konto spülten. Schmid spürte aber immer, dass Werbung und Börse zwar Kreativität und Geschwindigkeit wie Füllhorn in bare Münze umwandeln, doch wollte er stets ein wenig mehr, als zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen zu ein. Dieses Mehr war sein sehr progressives, auch gesellschaftlich relevantes Engagement im Verlagswesen, das unter dem Strich – Schmid wird dies dem Besucher nicht bestätigen – nur Kleingeldgewinn machte, sein Einstieg in das Sportmanagement und jetzt eben der Weinbau, gepaart mit Gastronomie. Wie jeder gute Stratege weiß Schmid, dass man sich nicht allzu weit vom Ursprung seiner Erfolge entfernen soll. In diesem Sinne sind Nussberg und Pfarrplatz bloß Vorgärten, auch alle anderen Umtriebe haben Wien kaum verlassen.
Es ist die Rückkehr in die Wirtsstube, zu Speis und Trank. Als Hans Schmid nach einer Bar gelüstete, ließ er sich eine am Kaufhaus Steffl bauen, wo er Anteile der Immobilie besitzt. Als ihm die Lust nach täglichen Drinks vergangen war, wandte er sich dem kulturell wertvoll besetzten Weinbau zu. Nachdem er sein tätiges Engagement beim Lokalführer A la Carte auf eine anteilslose Herausgeberschaft zurückgefahren hatte, begann er das einfache Essen dem kreierten vorzuziehen. Nun hat er gleich zwei Stuben, wo er sich delektieren kann. Anderen Heurigenfamilien, so sagt er, will er Vorbild sein und sie daran erinnern, an den Traditionen des Bezirks bleibend interessiert zu sein. Der Sozialist Hans Schmid ist, im Herbst seiner Karriere, ein milder Wertkonservativer geworden, le Roi de Nussberg.
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