Wolf Krötke
Pazifismus und Widerstand bei Dietrich Bonhoeffer
Zur Friedensrede auf der Fanøkonferenz 1934

I. Das Bekenntnis und der Widerstand
Die Erinnerung an die gemeinsame Tagung des Weltbundes für internationale Freundschaftsarbeit der Kirchen und des Ökumenischen Rates für Praktisches Christentum (For Life and Work) vom 23. - 30. August 1934 in Fanø verbindet sich aus ökumenischer und aus deutscher Sicht besonders mit dem Namen Dietrich Bonhoeffers. Er war mit seinen 28 Jahren in jener Zeit (ich hoffe, ich tue keinem Anderen Unrecht!) der herausragende Ökumeniker in der "Bekennenden Kirche" Deutschlands. Denn er versuchte mit großem Einsatz, die ökumenische Bewegung für den Widerstand dieser Kirche gegen das die Gemeinde Jesu Christi zerstörende Unwesen der "Deutschen Christen" zu aktivieren. Ich nenne ein paar Eckdaten, um die Situation zu skizzieren, in der sich Bonhoeffer bei diesem Bemühen in Fanø befand:
Die "Deutschen Christen", eine religiöse Variante der nationalsozialistischen Ideologie in der Deutschen Evangelischen Kirche, beherrschten seit den Kirchenwahlen des Sommers 1933 die sog. "Reichskirchenregierung", welche auch gegenüber dem Ausland den Anspruch erhob, die Deutsche Evangelische Kirche zu repräsentieren. Bonhoeffer war von Anfang an ein entschlossener und kompromissloser Gegner des Geistes und der Praxis dieser Kirche. Die Behauptung einer besonderen Gottesoffenbarung für die Deutschen, der offene Antisemitismus und Rassismus dieser sog. "Glaubensbewegung" und die Einführung des Führerprinzips in der Kirche zerstörten nach seiner Einsicht das Wesen einer christlichen Kirche. Er hat sich darum als Pfarrer und Privatdozent in Berlin und von Berlin aus unermüdlich bis und bis zur Erschöpfung für die Formierung einer Bekennenden Kirche eingesetzt. Diese schrift- und bekenntnisgemäße Kirche hat sich dann mit der Theologischen Erklärung von Barmen im Mai 1934 eine theologische Grundlage gegeben und sich mit den Beschlüssen der Synode von Berlin-Dahlem im Oktober 1934 selbständig organisiert.
Bonhoeffer war allerdings nicht dabei, als das geschah. Denn er war seit dem Oktober 1933 Auslandspfarrer in zwei deutschen Gemeinden in London. Warum er das wurde und also aus dem deutschen Kirchenkampf vor Ort ausstieg, ist eine Geschichte für sich. Jedenfalls finden wir ihn in der Zeit, in welche die Konferenz von Fanø fällt, als Pfarrer und Theologen am Werk, der den deutschen Kirchenkampf auf ökumenischer Ebene außerhalb Deutschlands betreibt. Das bedeutete praktisch, er versuchte im Weltbund, in dem er seit September 1931 einer der Jugendsekretäre war, und im ökumenischen Rat von "For Life and Work" die Anerkennung der Bekennenden Kirche als der einzig legitimen Stimme der Kirche Jesu Christi in Deutschland durchzusetzen. Die Vorverhandlungen über die deutschen Teilnehmer sowohl an der "Jugend"- wie an der sog. "Seniorenkonferenz" von Fanø sind ganz bestimmt von dieser Frage. Bonhoeffer hatte kategorisch erklärt, dass die Mitglieder der Bekennenden Kirche "denjenigen Sitzungen in Fanø fernbleiben" werden, "bei denen Vertreter der (Reichs)Kirchenregierung anwesend" sind.[1] Außer dem lächerlichen Auftritt des eingeflogenen Reichskirchenvertreters, eines gewissen Oberkirchenrates Birnbaum, war diese Seite der deutschen Kirche in Fanø denn auch nicht präsent. Leider sagten aber nach vielem Hin und Her auch die leitenden Geistlichen der Bekennenden Kirche ab. Darum stellte das zwischen allen Fronten lavierende "kirchliche Außenamt" mit Bischof Heckel (Bonhoeffers Dienstherr!) an der Spitze die offizielle deutsche Delegation dar. "Ich bin der Einzige von uns, was ich für einen großen Fehler halte," [2] schrieb Bonhoeffer traurig an seine Großmutter aus Fanø. Nun, ganz der Einzige war er in Fanø dennoch nicht. In der Jugendkonferenz waren eine ganze Reihe gleichgesinnter deutscher Delegierter vertreten. Außerdem hatte er mit Bischof Bell von Chichester, dem internationalen Präsidenten von "for Life and Work", und dem dänischen Bischof Ove Valdemar Ammundsen, dem späteren Präsidenten des Weltbundes, starke Verbündete seines Anliegens.
Dieses Anliegen bestand vor allem in der Erwartung, dass sich die Konferenz unzweideutig auf die Seite der Bekennenden Kirche in Deutschland stellen möge. Für dieses Anliegen hatte Bonhoeffer in London Bischof Bell von Chichester gewonnen. Dem Vertrauensverhältnis zu ihm und dem Gespräch mit ihm ist es vor allem zu verdanken, dass Bell in seiner "Himmelfahrtsbotschaft" von 1934 ankündigte, die Besorgnis über die in der Deutschen Kirche eingetretene Situation, welche "verheerende Wirkungen auf die innere Einheit der Kirche" habe, erfordere in Fanø eine Beratung.[3] Dass es am 30. August 1934 gegen den Protest von Bischof Heckel und seiner Delegation dann tatsächlich zur Entschließung des Ökumenischen Rates "zur kirchlichen Lage in Deutschland" gekommen ist, war für Bonhoeffer das wichtigste Ergebnis dieser Konferenz. In dieser Entschließung wurde u.a. erklärt, dass "ein autokratisches Kirchenregiment", "die Anwendung von Gewaltmethoden und die Unterdrückung freier Aussprache mit dem wahren Wesen der Kirche unvereinbar sind". Der Kirche dürfe keine "mit dem christlichen Glauben im Widerstreit stehende [...] Weltanschauung" aufgezwungen werden. Die Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche wird des Gebetes und der "herzlichen Verbundenheit" des Ökumenischen Rates mit ihrem Zeugnis versichert. Vor allem aber wird die Absicht erklärt, mit den Brüdern der Bekenntnissynode "enge Gemeinschaft [...] aufrechtzuerhalten".[4]
Bischof Heckel konnte zwar noch erreichen, dass auch gesagt wurde, der ökumenische Rat wünsche "mit allen Gruppen in der Deutschen Evangelischen Kirche in freundlicher Beziehung zu bleiben".[5] Aber für Bonhoeffer war ganz entscheidend, dass sich die ökumenische Bewegung hier selber als Bekennende Kirche darstellte und nicht nur als loser Verbund, unter dessen Dach Christliches und Antichristliches schiedlich-friedlich nebeneinander gedeihen können. Noch ein Jahr später, als er schon Direktor des Predigerseminars der Bekennenden Kirche in Finkenwalde war, hat Bonhoeffer in seinem Aufsatz "Die Bekennende Kirche und die Ökumene" die Konferenz von Fanø als ein geradezu epochales Ereignis bewertet. Denn "noch nie" sei die evangelische "ökumenische Christenheit in einer Glaubensfrage so eindeutig und einmütig gewesen wie hier."[6] Aus diesem Aufsatz spricht darum ein großer Optimismus, dass die Begegnung zwischen ökumenischer Bewegung und Bekennender Kirche in Deutschland dazu führen werde, dass die Ökumene wirklich christliche Kirche sei, die aus der Wahrheit Christi redet. Umgekehrt werde diese Begegnung zur Folge haben, dass die Bekennende Kirche wirklich ökumenisch lebt und denkt und sich nicht in einem bloß deutschen Winkel isoliert. Nur "in der Wahrheit (ist) Einheit möglich" und "nur in der Einheit" ist Wahrheit [7] - diesem ökumenischen Grundsatz hat die Konferenz von Fanø nach Bonhoeffers damaligem Urteil entscheidenden und hoffnungsvollen Auftrieb gegeben.
Das war zweifellos zu optimistisch geurteilt. Bonhoeffers kategorische Erklärung, dass es sich bei der Reichskirchenregierung um den "Antichristen" handele, gegen den auch die Ökumene zu kämpfen habe,[8] hat sich in der von Genf aus organisierten Ökumene nicht durchsetzen können. Bonhoeffer ist darum im Februar 1937 im Vorfeld der Weltkirchenkonferenz von Oxford, an der überhaupt keine deutschen Vertreter mehr teilnahmen, von seinem Amt als Jugendsekretär zurückgetreten. Insofern ist die Entschließung von Fanø in Bonhoeffers Sinne letztlich wirkungslos geblieben. Sie hat in der damaligen ökumenischen Bewegung nicht den Widerstandswillen gegen das Eindringen des Geistes des Nationalsozialismus in die Deutsche Kirche zu befestigen vermocht, den Bonhoeffer sich erhoffte. Man wird zugeben müssen, dass die weitere Entwicklung der deutschen kirchlichen Verhältnisse, nachdem die "Deutschen Christen" im Großen und Ganzen abgewirtschaftet hatten, für nicht Beteiligte auch schwierig genug zu beurteilen war. Die Bekennende Kirche geriet so von außen gesehen in die Optik einer kirchlichen Bewegung in Deutschland unter Anderem. Das aber hieß im Sinne Bonhoeffers, die ökumenische Bewegung war eben doch nicht Bekennende Kirche geworden, die an die Gemeinschaft der Kirchen den Maßstab der alleinigen Geltung der Wahrheit Jesu Christi anlegt und den Begriff der Häresie darum nicht scheut, der einer Kirche Jesu Christi niemals abhanden kommen darf.[9] Sie muss Ja und Nein sagen können und darf Fragen, welche die Grundlagen der Kirche berühren, nicht unter den Teppich einer nebelhaft-freundlichen Christlichkeit wischen.
Kehren wir zurück nach Fanø, wo zweifellos Ja und Nein gesagt wurde. Nach dem, was wir skizziert haben und was Bonhoeffer so eminent wichtig war, verdient eine Würdigung dieser Konferenz offenkundig an erster Stelle die Überschrift "Widerstand". Dieser Begriff trägt hier zwar noch nicht die Last, die er später im Leben von Dietrich Bonhoeffer ausdrückt. Es geht um einen ökumenisch-kirchlichen Widerstand gegen eine in einer europäischen Kirche groß gewordene Irrlehre und deren praktische Folgen für ein widerchristliches Regime in der Kirche. Es geht also - wie im Kirchenkampf der Bekennenden Kirche Deutschlands in jener Zeit überhaupt - darum, dass die Kirche Kirche bleibe. Der lutherische Pfarrer Hans Asmussen hatte in Barmen im Sinne aller bekennenden Synodalen ausdrücklich unterstrichen, dass die Theologische Erklärung kein Protest "gegen die jüngste Geschichte des Volkes" und "gegen den neuen Staat", über den man sich kein Urteil erlaube, sei.[10]
Diese Zurückhaltung hat Bonhoeffer jedoch von Anfang an nicht geübt. Sein innerkirchlicher Widerstand trägt auch klar das Signum des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus überhaupt. "Obwohl ich mit vollen Kräften in der kirchlichen Opposition mitarbeite", schreibt er im April 1934 an Erwin Sutz, " ist es mir doch ganz klar, dass diese Opposition nur ein ganz vorläufiges Durchgangsstadium zu einer ganz anderen Opposition ist, und daß die Männer dieses ersten Vorgeplänkels zum geringsten Teil die Männer jenes zweiten Kampfes sind."[11] In diesem Sinne äußerte er sich im Vorfeld der Konferenz von Fanø auch gegenüber Bischof Ove Valdemar Ammundsen: "Es muß, gerade auch in unserer Stellung zum Staat, hier ganz ehrlich geredet werden. ... Es muß klar werden,- so furchtbar es ist - daß die Entscheidung vor der Tür steht: Nationalsozialist oder Christ. Es ist jetzt nur mit der ganzen Wahrheit und Wahrhaftigkeit geholfen". [12]
Wir, die wir den Weg Dietrich Bonhoeffers kennen, der um der ganzen Wahrheit und Wahrhaftigkeit willen 1945 im KZ Flossenbürg geendet hat, hören solche Sätze heute sicherlich anders, erschrockener und trauriger als sie 1934 gehört wurden. Es beginnt sich hier die Spur eines einsamen Weges im Leben dieses Theologen und Pfarrers abzuzeichnen, der um Christi willen kein Christ in der Kirche sein konnte, ohne den Verbrechen zu widerstehen, mit der eine mörderische Ideologie erst Deutschland, dann Europa und schließlich die ganze Welt zu überziehen im Begriffe war.
Gerade deshalb mögen sich heute manche fragen, wie sich denn mit diesem Widerstandswillen reimt, dass Bonhoeffer der Konferenz von Fanø ausgerechnet mit einer pazifistischen Friedensrede den größten Eindruck gemacht hat. Was er hier sagte, stammte ganz offenkundig nicht aus den theologischen Intensionen der Bekennenden Kirche in Deutschland. Weder Karl Barth noch Martin Niemöller haben je so geredet, wie Bonhoeffer hier geredet hat. Und doch war für ihn der Widerstand, für den er die Ökumene im Namen der Bekennenden Kirche zu gewinnen trachtete, aufs Engste mit der ökumenischen Friedensarbeit verbunden. Er hat sich darum von dem Auftrag, in Fanø zu einem "Friedenkatechismus" zu reden, den er im September 1933 auf der Weltbundtagung in Sofia erhalten hatte, keinesfalls durch die Bedenken abbringen lassen, die aus der ökumenischen Forschungszentrale in Genf gegen seine schon im Vorfeld zugänglich gemachten Thesen für die Diskussion des Friedensthemas geltend gemacht wurden. Denn Frieden - das war für ihn das konkrete Thema, an welchem sich entscheidet, ob die Ökumene überhaupt den Anspruch erheben kann, im Namen der christlichen Kirche zu reden und zu handeln.

II. Das Gebot des Friedens


Bonhoeffers Plenarvortrag am 28. August 1934 zum Thema "Die Kirche und die Welt der Nationen" ist leider nicht erhalten geblieben, sondern nur das als "Friedensrede" bekannt gewordene Impulsreferat "Kirche und Völkerwelt".[13] Es sollte zusammen mit drei anderen Referaten die Aussprache der Konferenz über dieses Thema eröffnen. Die Thesen "Die Kirche und die Welt der Nationen. Zur theologischen Grundlegung der Arbeit des Weltbundes"[14] dienten dagegen nur der Vorbereitung der Diskussion in den Arbeitssitzungen. Obgleich die "Friedensrede", die von Bonhoeffer offenkundig erst in Fanø verfasst worden ist,[15] mit Psalm 85, 2 beginnt, ist sie nicht mit der Andacht über den gleichen Text am Morgen des 23. August zur Eröffnung der Jugendkonferenz zu verwechseln, die einen anderen Schwerpunkt hatte als das Impulsreferat vom 28. August.[16]
Lassen wir die "Friedensrede" als Ganzes auf uns wirken, dann vermittelt sie uns zunächst einen Eindruck von der Dringlichkeit und Eindringlichkeit, mit der Bonhoeffer auch seinen Hauptvortrag gehalten haben wird. "Heute noch" (!), sagt er, muss ein "ein ganzes Wort, ein mutiges Wort, ein christliches Wort",[17] das Frieden ausruft, gesprochen werden. Angesichts des Scheiterns der Abrüstungsverhandlungen in Europa, der Herrschaft der militanten Nationalsozialisten in Deutschland und der Faschisten in Italien war Krieg für Bonhoeffer 1934 eine reale Gefahr. Darum: "...wer weiß, ob wir uns im nächsten Jahr noch wiederfinden".[18] Morgen also, wenn der Krieg erst da ist, ist die Chance verpasst. "Die Stunde eilt - die Welt starrt in Waffen und furchtbar schaut das Mißtrauen aus allen Augen, die Kriegsfanfare kann morgen geblasen werden - worauf warten wir noch"?[19]
Der etwas temperierter gestimmte englische Tagungsleiter hat gemeint, diese Frage könne man wohl in der englischen Übersetzung weglassen. Doch für Bonhoeffer war diese Frage alles andere als eine aufgeregte rhetorische Floskel. Denn ihr Drängen stammte nicht bloß aus der Situation von 1934, sondern noch viel mehr aus einem theologischen Grunde. Was Bonhoeffer nämlich in Fanø sagte, gehörte längst zum eisernen Bestand seines Christseins und seines theologischen Denkens. Frieden, Frieden und nochmals Frieden war überhaupt der Grund seines Engagements in der Ökumene. Dazu muss man wissen, dass Bonhoeffer bei seinem Studienaufenthalt in Amerika 1930/31 der, wie er im Rückblick 1936 sagte, "christliche Pazifismus [...] als Selbstverständlichkeit" aufging.[20] Nicht zuletzt durch die Freundschaft mit dem Franzosen Jean Lasserre (der übrigens auch in Fanø zur Jugendkonferenz gehörte) bedeutete der Glaube an Christus seit jener Zeit für ihn persönlich und für seine Theologie, das Friedensgebot Jesu in der Bergpredigt "einfältig" und ohne Wenn und Aber ernst nehmen. Wo Christus in der Kirche gegenwärtig wird, wird das Geschenk seines Friedens gegenwärtig. Darum muss der Friede von der Christenheit im Gehorsam gegen das Gebot Christi gegen alle Menschenfurcht gewagt werden. Das bedeutet für den Einzelnen: "Dem Christen ist jeglicher Kriegsdienst, es sei denn Samariterdienst, und jede Vorbereitung zum Krieg verboten."[21] Das bedeutet für die Gemeinde und damit für die ganze Christenheit der Welt: Sie ächtet den nächsten Krieg. Sie sorgt dafür, dass kein Christ sich an ihm beteiligt.
So hat es Bonhoeffer schon zwei Jahre vor Fanø am 26. Juli 1932 auf der internationalen Jugendfriedenskonferenz in Ciernohorské Kúpele gefordert.[22] Auch dort trägt sein Vortrag den Titel: "Zur theologischen Begründung (!) der Weltbundarbeit". Ökumene ist für ihn per se gegründet in der "Nachfolge" Jesu Christi, im Friedensgebot. Weil das Gebot Jesu Christi uns aber nicht zu gemütlichem Zuwarten auffordert, sondern gleich erfüllt sein will, ist Bonhoeffers Friedensappell schon dort, schon vor dem Ausbruch der Naziherrschaft, von dem gleichen Drängen charakterisiert, wie in Fanø. Der Siegeszug der Nazis Deutschland hat das nur noch aktueller gemacht.
Es gibt in der "Friedensrede" zwei Passagen, die Bonhoeffer nur in Stichpunkten notiert hat, die er also im mündlichen Vortrag frei ausführen wollte. Die eine davon heißt: "Gideon...des Volkes ist zuviel, das mit dir ist...Gott vollzieht hier selbst die Abrüstung".[23] Da nimmt Bonhoeffer offenkundig eine Predigt auf, die er in Berlin drei Wochen nach der sogenannten "Machtergreifung" Hitlers gehalten hat.[24] Gideon soll alle seine Krieger nach Hause schicken, alle weltlichen Sicherungsmaßnahmen für Israel fahren lassen und Gott allein den Sieg über die Midianiter zutrauen. "Leg deine Waffen ab, ich bin deine Waffe, leg deinen Panzer ab, ich bin dein Panzer, leg deinen Stolz ab, ich bin dein Stolz", sagt Gott durch Gideon der Kirche heute.[25] Der Kirche aber fehlt der Mut dazu. Sie ist zu feige, Gott allein den Herrn zu lassen und seiner Abrüstung zu trauen, sich von ihm entwaffnen zu lassen und das heißt, zu glauben. Der Mut des Glaubens allein ist für Bonhoeffer der Boden, auf dem wahrer Friede gedeiht und auf dem das mutige, das christliche Wort, das Bonhoeffer von der Konferenz in Fanø erwartete, selbstverständlich ist.
Hier schließt sich theologisch das Anliegen des Bekennens im Sinne der Barmer Theologischen Erklärung mit Bonhoeffers "Pazifismus" zusammen, den er als "pacem facere zu Überwindung des Krieges"[26] verstanden wissen wollte. "Für Recht und Frieden sorgen", ist nach der fünften These der Barmer Theologischen Erklärung eine Aufgabe des Staates. Bonhoeffer hat das nicht in Frage gestellt. Aber das pacem facere, das er meinte, gehörte für ihn in die ersten drei Thesen. Es gehörte zum Glauben an das "eine Wort Gottes" Jesus Christus und zu seinem Gebot, zur Wirklichkeit der Kirche als "Gemeinde von Brüdern", die, wie er in Fanø sagte, durch Christus "unzertrennlicher verbunden" sind, "als alle Bande der Geschichte, des Blutes, der Klassen und der Sprachen Menschen binden können."[27]
Darum kann die Kirche in seinem Denken nicht bloß irgendeine nationale Größe sein wollen. Darum ist sie in ihrem Wesen ökumenische, alle Grenzen überschreitende Kirche, aber ökumenische Kirche nur, wenn sie sich an das konkrete Gebot des Friedens hält. Bonhoeffer hat, als er 1931 begann, sich im Weltbund zu engagieren, diesen Weltbund durchaus als eine Vereinigung kennen gelernt, die nach dem Ersten Weltkrieg der Bemühung um den Frieden zwischen den Völkern eine hohe Priorität eingeräumt hat. Es befanden sich auch viele Pazifisten - auch aus Deutschland - in der ökumenischen Bewegung jener Zeit. Was er aber von Anfang beklagte, war, dass sie keine Theologie hatte, d.h. "keine Selbstverständigung über ihr eigenes Wesen aufgrund des Verständnisses der Offenbarung".[28] Stattdessen verfolgte sie das Ideal christlicher Mitwirkung an einem menschenmöglichen Frieden, der in der politischen Welt durch einen Geist der Verständigung und des Ausgleichs befördert werden sollte. Dementsprechend wurde die Friedensaufgabe der Kirche Jesu Christi dort nach Bonhoeffers Meinung auf die lange Bank des Abwägens und Ausgleichens, des Fragen nach Sicherungen und Sicherheiten geschoben. Die Ökumene war "Zweckverband", wie es in dem Thesenpapier heißt.[29] Sie verfolgte unter den "politisch bedingten Konjunkturschwankungen"[30] menschenmögliche Ziele und Zwecke und war so ständig auch im Erlahmen begriffen. Sie war eben "mit zahllosen andern gleichartigen Verbänden ohne Vollmacht" verwechselbar.[31]
Auf diesem Hintergrund muss Bonhoeffers Beginn der "Friedensrede" mit Psalm 85, 2 gezielt als Anrede an die Vertreterinnen und Vertreter einer solchen Ökumene verstehen! "Ach, daß sie hören sollte, was der Herr redet, nämlich dass er Frieden zusagte seinem Volk". Er sagt, dass Friede ist, "weil Christus in der Welt ist",[32] der Versöhner der Menschheit. Er sagt, dass die Kirche der Christus praesens ist und dass die "Brüder in Christus" deshalb nicht die Waffen gegeneinander richten können, weil sie "damit die Waffen auf Christus selbst" richten.[33] Darum halten sie sein Gebot, dass Friede sein soll auf Erden in "unbedingtem", Bonhoeffer sagt leider auch in "blindem Gehorsam".[34] Das heißt, sie schieben zwischen Gebot und Gehorsam nicht die Frage der Schlange, ob Jesus Christus in der Bergpredigt das denn wirklich so gemeint hat, wie seine Worte lauten. Sie fangen einfach an, diesen Frieden zu wagen und zu praktizieren. Sie beteiligen sich auf keiner Seite an einem Krieg, weil Krieg ist für sie per se eine gegen Christus gerichtete Dämonie ist. Darum ist er ihnen von Gott verboten. Das hat die ökumenische Christenheit bei ihren Versammlungen allen Christen und der Welt zu sagen und wenn sie das nicht sagt, ist jede ihre Tagungen "verlorene und verschwatzte Zeit".[35]
Fanø sollte keine verlorene und verschwatzte Zeit sein, sondern Christuszeit, in der endlich der Friede in konkreter Tat gewagt wird. Diese konkrete Tat aber ist, das "Eine große ökumenische Konzil der Heiligen Kirche Jesu Christi" ins Leben zu rufen, welches das Wort vom Frieden so spricht, dass die Welt es "zähneknirschend [...] vernehmen muß und daß die Völker froh werden, weil diese Kirche Christi ihren Söhnen im Namen Christi die Waffen aus der Hand nimmt (Gideon!) und ihnen den Krieg verbietet (!) und den Frieden Christi ausruft über die rasende Welt".[36]
Zweierlei ist es vor allem, was diese ökumenische Versammlung sicherlich gänzlich überfordert hat. Das ist zum einen Bonhoeffers Anrede an diese ökumenische Konferenz als an das eine große ökumenische Konzil. "Das Konzil ist versammelt",[37] hat er der Konferenz zugerufen, die sich demnach als Stimme der einen bekennenden Friedenskirche zu verstehen hätte. Und das ist zum Anderen die kategorische Forderung, dass der Krieg der Christenheit verboten werden muss. Was das Erste betrifft, so könnte Bonhoeffer gemeint haben, diese Konferenz habe die Vollmacht eines Konzils, weil sie das in der Stellungnahme gegen die deutsche Reichskirche in einer Frage der Lehre unter Beweis gestellt hat. Aber damit ist der Begriff des Einen großen ökumenischen Konzils, zu dem alle Weltkirchen gehören müssten, ja noch nicht gefüllt. Bonhoeffer hat 1937 im Rückblick denn auch von der "Hoffnung auf das Ökumenische Konzil" geredet, die durch die Begegnung von Ökumene und Bekennender Kirche begründet wurde.[38] Die Konferenz in Fanø müsste dann, wenn sie das von Bonhoeffer gewünschte Wort zum Frieden gesprochen hätte, im Sinne eines Anstoßes für ein weltweites Konzil verstanden werden. Sie hat es in dieser Weise aber nicht gesprochen und das hängt damit zusammen, dass das Verbot des Krieges für die Christenheit nun doch außerhalb ihrer Möglichkeiten lag. Für Bonhoeffer aber bestand hier ein innerer Zusammenhang. Die Einheit der Christenheit in Christus verbietet ihre gegenseitige Zerspaltung im Kriege, der per se "als Werk der gottfeindlichen, dämonischen Mächte dieser Welt" beurteilt werden muss.[39]
In diese Beurteilung spielen zweifellos die Eindrücke hinein, die Bonhoeffer schon als Kind und Jugendlicher vom Krieg gewonnen hat. In einem Vortrag über den Krieg, den er im November 1930 in verschiedenen amerikanischen Gemeinden und Schulen gehalten hat, schildert er das eindrücklich.[40] Krieg ist ein "fürchterliches Morden",[41] in dem sich die Kämpfenden an Leib und Seele selbst vernichten,[42] in dem Millionen Unschuldiger und am Konflikt Unbeteiligter dahingemäht werden.[43] Ein solcher Krieg, besonders der sog. "moderne Krieg", kann von niemand verantwortet werden. Jeder, der ihn bejaht, wird schuldig, "mitschuldig [...] wie nie zuvor", sagt Bonhoeffer in der "Friedensrede". In der Textfassung von DBW 13 heißt es dann unmittelbar im Anschluss: "M. Claudius: ‚Was nützt mir Kron und Land und Volk und Ehr,/ die können mich nicht freun - /‚'s ist leider Krieg im Land und ich begehr / nicht schuld daran zu sein'".[44] Das wirkt ziemlich unverständlich, weil hier die Klammern weggelassen wurden, in die Bonhoeffer diesen Vers von Matthias Claudius im Manuskript gesetzt hatte, um ihn wiederum mündlich zu erläutern. Diese Erläuterung aber zielte sicherlich darauf, die Schrecklichkeit des Krieges konkret vor Augen zu malen, dessen Grauen kein Mensch verantworten und tragen kann.
Das Gedicht von Matthias Claudius, dessen letzten Vers Bonhoeffer hier ungenau aus dem Gedächtnis zitiert, heißt "Kriegslied". Es ist aber eigentlich ein Antikriegslied aus dem 18. Jahrhundert, das mit dem Aufschrei beginnt: "'s ist Krieg! 's ist Krieg! O Gottes Engel wehre,/ Und rede du darein!".[45] Und dann hat der Dichter die Schreckensvision, dass all die Erschlagenen, Verstümmelten, sich im Todesskampfe Wälzenden, die "tausend tausend Väter, Mütter, Bräute", die von Hunger, Seuchen und Nöten Heimgesuchten aufstehen und zu seiner Ehre "von einer Leich' herab" "krähen". Und dann heißt es: "Was hülf' mir Kron' und Land und Gold und Ehre?/ Die könnten[46] mich nicht freun!/ 's ist leider Krieg - und ich begehre/ nicht schuld daran zu sein."
Bonhoeffer wollte, dass sich die Christenheit den Krieg nicht in abstracto, sondern in seiner furchtbaren, dämonischen Realität vergegenwärtigt. Alles, was durch Krieg gewonnen werden kann, wird auf einem Abgrund unerträglicher Schuld gewonnen. Alles, was der Krieg lehrt, lautet "Christus ist tot".[47] Darum gibt es für die Glieder der Kirche Jesu Christi auf Erden kein Spielen mit dieser Möglichkeit. Das Verbot des Krieges ist nur die negative Kehrseite des Bekenntnisses, das Christus ihr Heil und Herr ist. Dieses Verbot aber kann keine vereinzelte und damit zerstückelte, sektenhafte Sache einer einzelnen Kirche sein, während die anderen den Glauben an Christus mit dem Krieg zusammen zu reimen versuchen. Eine in dieser Sache uneinige, zerstrittene Christenheit ist für Bonhoeffer ein Selbstwiderspruch zu ihrem Wesen. Darum verbindet sich für ihn die Forderung nach dem Verbot des Krieges für die, die an Christus glauben, notwendig mit der Forderung nach dem Einen ökumenischen Konzil, das dieses Verbot ausspricht.
Das bedeutet aber nicht, dass er sich hier auf einmal von dem Gedanken leiten lässt, eine solche Einheit sei ein wirksamerer und eindruckvollerer weltlicher Machtfaktor in der Welt als die Mächte, die zum Kriege rufen und rüsten. Nicht umsonst nennt er das eine große Konzil das Konzil der "Heiligen (!) Kirche Christi". Heilig ist die von Christus aus der Welt herausgerufene Kirche aber nicht darum, weil sie so viele Menschen aufzubieten hat, sondern weil sie in seiner Nachfolge lebt, seinem konkreten Gebot in konkreten Taten und Entscheidungen folgt. "Selbst wenn Krieg Wohlfahrt bedeutete, bliebe Gottes Gebot unerschüttert", sagt er in den Thesen.[48] Ob dem pacem facere der ökumenischen Kirche Durchschlagskraft und Erfolg beschieden sein wird, aber war eine Frage, die Bonhoeffer Gott anheim gestellt hat. Er wollte es darauf ankommen lassen, dass "ein Volk betend und wehrlos und darum bewaffnet mit der allein guten Wehr und Waffen den Angreifer" empfängt. [49]
Er ist dabei aber zugleich auch ganz realistisch belieben. Fast alle seine Äußerungen zu dieser Sache reden davon, dass die Kirche in der Nachfolge Christi bereit sein muss, das Kreuz auf sich zu nehmen. "Sie weiß, auch ihr Herr hat ans Kreuz gemusst". So wird auch sie durch "Schmähung und Verfolgung hindurch" gehen müssen.[50] Sie wird Hass auf sich ziehen. Sie wird das Wort vom Frieden "bis zur Ermattung, bis zum Ärgernis, bis zum Martyrium" in das "rasende Toben" der Welt hinein rufen müssen.[51] Das Eine große ökumenische Konzil der Heiligen Kirche Jesu Christi war für Bonhoeffer darum ganz gewiss nicht ein Ausdruck der triumphierenden Kirche. Ihm stand die weltweite Kirche vor Augen, die um des Friedens willen bereit ist, zu leiden und im Leiden der Kraft des Friedens Christi Raum zu geben.

III. Widerstand im Horizont des Friedens


Wir wissen alle: Ein Friedenskonzil, wie es Dietrich Bonhoeffer forderte, hat es nie gegeben. Denn seine Überzeugung, dass die Teilnahme an einem Krieg mit dem Christsein unvereinbar sei, fand damals und findet heute nur wenig Zustimmung in den Kirchen der Welt. Zwar hat die Jugendkonferenz in Fanø mehrheitlich erklärt, dass das Recht auf Kriegdienstverweigerung von allen Staaten eingeräumt werden müsse und die Kirche in keinem Fall einem Krieg geistlichen Beistand leihen darf.[52] Zu einem pacem facere im Sinne Bonhoeffers aber hat sie nicht aufgerufen, sondern von einer "Wahl" gesprochen, vor welcher der Einzelne im Falle eines Krieges steht.[53] D.h. er soll dann im Zweifelsfalle Gott mehr gehorchen als den Menschen.
Diese Direktive aber steht in der Tradition der Lehre vom sogenannten "gerechten Krieg", an dem sich Christen nach reformatorischen Verständnis zugunsten der bedrohten Nächsten beteiligen dürfen. Bonhoeffers Position gilt dagegen in dieser reformatorischen Tradition als schwärmerisch. D.h. sie scheint einerseits eine illusorische Unterschätzung des Bösen zu sein, das sich in seiner Machtentfaltung in einem Kriege keinesfalls durch Akte der Wehrlosigkeit aufhalten lässt, wie jeder Krieg bis heute und allem voran der Vernichtungskrieg des vom Nationalsozialismus beherrschten Deutschland zeigen. Sie scheint andererseits mit einem von der Sünde freien Leben aller Christen zu rechnen, das sich nur vom Gebot Christi leiten lässt und sich in keiner Weise selbst vor der Gefährdung des eigenen Lebens sichert. Sie scheint schließlich die Friedensaufgabe des Staates zu unterhöhlen, die sich in der Welt der Sünde "unter Androhung und Ausübung von Gewalt" (Barmen 5) vollziehen muss, sich doch aber nicht vollziehen kann, wenn das Unterhalten einer Armee als Sünde gelten muss.
Bonhoeffer waren alle diese Argumente natürlich sehr genau bekannt. Er hat später auch von den "Gefahren" geredet, die sein Konzept der "Nachfolge" in sich barg.[54] Es waren die Gefahren der Absonderung des besonderen christlichen Lebens vom weltlichen Leben und seinen niemals mit Patentrezepten zu bewältigenden Aufgaben. Es war auch die Gefahr, das "Vorletzte" zu überspringen, in dem Wege gegangen werden müssen, die nur zum Letzten, zum Frieden Gottes hinführen und ihn nicht selbst erzwingen können.[55] Es war auch die Gefahr der Überbetonung des Leidens, von der Bonhoeffer später gesagt hat, er habe in dieser Zeit viel zu "wichtig und feierlich" davon geredet.[56] Doch mit solchen selbstkritischen Bedenken hat er seine ökumenische Friedenstheologie genau so wenig korrigiert wie seinen im Christusglauben begründeten Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Denn wenn alle die Argumente, die man gegen diese Friedenstheologie aufbieten kann, letztlich nur dazu dienen, den status quo zu befestigen, in dem heute wie ehedem Kriege als unausweichlich betrachtet werden, dann sind sie in ihrem ganzen Realitätsgehalt christuswidrige und in Wahrheit selbst realitätswidrige Argumente. Sie führen am Ende dazu, den grässlichen, menschenmörderischen Krieg, an dem niemand Schuld zu sein wünschen kann, zu verschönern, indem sie ihn als gesund machende Operation darstellen. Sie machen aus der Sünde des Krieges eine Tugend. Sie verhindern, dass sich die Christenheit selber mit dem pacem facere in bemerkbare, nachdrückliche Bewegung setzt.
Die weltweite Kirche Jesu Christi muss Argumenten, die der Rechtfertigung von Kriegen dienlich sind, mit ihrem Friedenszeugnis und ihrem Nein zum Krieg als Mittel zur Lösung von Konflikten deshalb ständig und entschlossen voraus sein und bleiben. Andernfalls kommt sie mit diesem Friedenszeugnis und ihrer Entschlossenheit, den Frieden zu wagen, andauernd zu spät, so wie es dann 1939 auch der Fall gewesen ist und heute wieder der Fall ist. Bonhoeffers "Friedensrede" in Fanø markiert dieses Voraus. Darum war sie eine wesentliche Orientierung, als es in den Zeiten der atomaren Hochrüstung und des Ost-West-Konflikts galt, den konziliaren Prozess für "Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung" zu befördern. Das war sicherlich genau besehen nur eine Aktivität der Kirchen, die Bonhoeffer in Fanø "Zweckverband" genannt hätte. Darum war sie auch nur ein Faktor unter vielen anderen, der eine hochgerüstete Macht veranlasste, "zähneknirschend" die Waffen aus den Händen zu legen. Darum hat sie mit dem Wechsel der politischen Verhältnisse in Europa und in der Welt auch ihre Kraft wieder verloren.
Das liegt jedoch nicht so sehr an der organisierten Ökumene, die auch heute das Mögliche versucht, um das Thema Frieden als Grundthema der weltweiten Christenheit lebendig zu halten. Aber Studien, Beschlüsse und Resolutionen verhallen auf dieser Ebene, wenn sie nicht im Leben der Kirchen verankert sind, für die hier gesprochen wird. Darin lag ja schon 1934 das Problem der ökumenischen Friedensinitiativen und auch das von Bonhoeffers Vorstellung eines ökumenischen Friedenskonzils. Nehmen wir an, es wäre tatsächlich zu einem solchen Konzil gekommen, dass der Christenheit den Krieg verbietet. Wer in den Kirchen Deutschlands, aber auch in den anderen Ländern, hätte sich an dieses Verbot gehalten? Das wären - nüchtern gesehen - nur die Wenigen gewesen, denen die Verweigerung der Teilnahme am Krieg in der Nachfolge Christi schon längst zur Selbstverständlichkeit geworden ist. So ist es auch heute. Man kann nicht von einem ökumenischen Konferenzwesen erwarten, was zuerst einmal im Leben der christlichen Gemeinden wachsen muss und von dort aus seine Lebenskraft zu beweisen hat.
Bonhoeffers "Friedensrede" bzw. ihre theologischen Intensionen gehören darum heute an erster Stelle in die christlichen Gemeinden vor Ort. Hier kommt es darauf an, dass alle Einzelnen in der weltweiten Christenheit sich herausgefordert wissen, ihr Christsein zugleich als eindeutiges Friedenszeugnis zu verstehen. Hier muss sich zeigen, ob und wie im Glauben an Jesus Christus die Bereitschaft wächst, die Teilnahme und Befürwortung eines Krieges für das eigene Leben zu ächten. Hierher gehört auch die Auseinandersetzung darüber, ob Bonhoeffers radikales Votum, dass Christsein und Krieg unvereinbar seien, in der Welt der Sünde überhaupt durchzuhalten ist.
Er selbst jedenfalls hat es in einer Situation extremer Kriegsgefahr und des Krieges versucht. Der gerade verstorbene Wilfried Maechler - auch einer der Teilnehmer der Jugendkonferenz - hat sich erinnert, dass er Bonhoeffer damals gefragt habe, was er denn selbst im Falle eines Krieges tun würde. Da hat er sinngemäß geantwortet, er bitte Gott darum, dann die Kraft zu haben, nicht in einen solchen Krieg zu gehen. Dass er das tatsächlich versucht hat, ist für viele heute durch seine Teilnahme an der Verschwörung gegen Hitler überdeckt worden. Manche meinen sogar, er habe sich mit seiner eigenen Theologie in Widerspruch gebracht, als er sich entschloss, sich an dem in der Deutschen Wehrmacht geplanten Attentat auf Hitler zu beteiligen. Man sollte aber nicht vergessen, dass seine Teilnahme an diesem Widerstand aus einer Situation heraus erfolgte, in der er ausdauernd versucht hat, sich der Einberufung zum Militär zu entziehen. Die Anklage, die gegen ihn erhoben wurde, lautete denn auch auf "Wehrkraftzersetzung". Erst als nach dem 20. Juli 1944 seine wirkliche Tätigkeit für den Widerstand in der Münchener Abwehrwehrstelle der Deutschen Wehrmacht bekannt wurde, war sein Geschick als Mitverschwörer besiegelt.
Nach allem, was wir wissen, war der Schritt in diesen Widerstand im Herbst 1941 begründet in seinem Wissen um den damals schon vollzogenen und geplanten Massenmord an den Juden. Er hat angesichts dessen das getan, was er schon im Juni 1933 als letzte Möglichkeit ins Auge gefasst hat, wenn der Staat alles Recht bricht, nämlich "nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen."[57] Zum abstrakten Prinzip hat er seine Friedenstheologie also ganz gewiss nicht erhoben, als das Leid der Opfer einer mörderischen Gewaltherrschaft zum Himmel schrie. Er hat vielmehr in der Verantwortung vor Gott eine Entscheidung gewagt, die das Hören auf das Friedensgebot Jesu Christi erst wieder möglich machen sollte. Wenn der amerikanische Präsident Bush sich im Deutschen Bundestag zur Rechtfertigung des Irak-Krieges auf den Widerstand Dietrich Bonhoeffers berufen hat, dann handelt es sich um ein absurdes Missverständnis. Erinnern wir uns des Widerstandes dieses Christen und Theologen, dann können wir das nicht anders tun, als uns sein unbändiges Drängen auf Frieden im Namen Jesu Christi angehen zu lassen.

 

[1] DBW 13, 161.
[2] DBW 13, 187.
[3] Vgl. DBW 13, 137-139.
[4] Vgl. den Text der Entschließungen bei Armin Boyens, Kirchenkampf und Ökumene 1933-1939. Darstellung und Dokumentation, München 1969, 337f.
[5] A.a.O., 337.
[6] Die Bekennende Kirche und die Ökumene, DBW 14, 378f.
[7] A.a.O., 390.
[8] Brief an Hodgson vom 26. 07. 1935, DBW 14, 58-62.
[9] Vgl. DBW 11, 321.
[10] Hans Asmussen, Vortrag über die Theologische Erklärung zur gegenwärtigen Lage der Deutschen Evangelischen Kirche, in: Alfred Burgsmüller/Rudolf Weth (Hg.), Die Barmer Theologische Erklärung. Einführung und Dokumentation, Neukirchen 21984, 48 und 55.
[11] DBW 13, 128.
[12] DBW 13, 179.
[13] Vgl. DBW 13, 298-301.
[14] Vgl. DBW 13, 295-297.
[15] Vgl. Jürgen Henkys, Die schriftlichen Fassungen von Bonhoeffers Fanö-Rede. Ein Exkurs zum Problem des Matthias-Claudius-Zitats, Bonhoeffer-Rundbrief 73, 2004, 23-26.
[16] Vgl. DBW 13, 189, Anm. 2.
[17] DBW 13, 301.
[18] Ebd.
[19] Ebd.
[20] DBW 14, 115.
[21] Christus und der Friede, 1932, DBW 12, 234.
[22] Zur Theologischen Begründung der Weltbundarbeit, 1932, DBW 11, 341.
[23] DBW
[24] Vgl. DBW 12, 447-457.
[25] A.a.O., 453.
[26] Vgl. DBW 11, 341.
[27] DBW 13, 299.
[28] Vgl. Zur theologischen Begründung, DBW 11, 328.
[29] DBW 13, 295.
[30] Vgl. DBW 11, 328.
[31] DBW 13, 295.
[32] DBW 13, 299.
[33] DBW 13, 300.
[34] DBW 13, 298.
[35] DBW 11, 343.
[36] DBW 13, 301.
[37] Ebd.
[38] Vgl. DBW 14, 398.
[39] DBW 13, 295.
[40] Vgl. DBW 10, 381-390.
[41] DBW 10, 647.
[42] Vgl. Zur theologischen Begründung, DBW 11, 341.
[43] Vgl. die Predigt zum Volkstrauertag 1932, DBW 11, 404.
[44] DBW 13, 301.
[45] Matthias Claudius, Werke des Wandsbecker Boten, Band 1, Schwerin 1958, 127.
[46] Leider steht in Anm. 9 in DBW 13, 301 mit Bonhoeffers fehlerhafter Version "können".
[47] DBW 11, 404.
[48] DBW 13, 297.
[49] DBW 13, 300.
[50] DBW 11, 407.
[51] DBW 11, 406.
[52] Vgl. DBW 13, 193-195.
[53] Vgl. DBW 13, 195.
[54] Vgl. Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft, DBW 8, 542.
[55] Vgl. DBW 8, 226.
[56] DBW 8, 356.
[57] Die Kirche vor der Judenfrage, DBW 12, 353.