Prostituierte aus Nigeria

Bestellt, verraten und verkauft

Wie junge Frauen aus Nigeria in Europa zur Prostitution gezwungen werden. Von Martin Wittmann

Von Martin Wittmann

Zur Prostitution gezwungen: Ein 15 Jahre altes Mädchen aus Nigeria

Zur Prostitution gezwungen: Ein 15 Jahre altes Mädchen aus Nigeria

11. April 2008 Am Platz der Republik in Frankfurt. Eine Frau betritt einen afrikanischen Laden. Zwischen Perücken, Haargel und Videofilmen kommt sie mit zwei nigerianischen Männern ins Gespräch. Sie erzählt ihnen, der Visumantrag ihrer Schwester aus Nigeria sei abgelehnt worden. Sie habe aber jemanden gefunden, der das Mädchen für 60 000 Euro nach Europa holt. Die beiden Männer lachen. Für diese Summe könnten sie nicht nur das Mädchen, sondern die ganze Familie nach Europa schaffen.

Die Geschichte der Schwester ist erfunden, das Angebot der Männer nicht. Joana Adesuwa Reiterer wollte wissen, wie schwierig es ist, ein Mädchen aus ihrer Heimat illegal nach Europa zu holen, und musste erfahren, wie leicht es doch ist.

Justiz unternimmt nichts

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Sie selbst war vor 2003 mit 22 Jahren aus Nigeria nach Österreich gekommen, freiwillig und legal. „Ich hatte in meiner Heimatstadt Benin City einen Nigerianer mit österreichischer Staatsbürgerschaft geheiratet, der in Wien lebte und dort als Geschäftsmann arbeitete. Ich zog zu ihm.

Bald fand ich heraus, dass die Ware, mit der er handelte, junge Frauen waren. Die Mädchen, die er nach Europa brachte, mussten dort auf den Billigstrich gehen, um die ,Reisekosten' abzuarbeiten“, sagt Joana Reiterer in österreichisch-charmant gefärbtem Dialekt. Sie erzählte anderen Nigerianern in Wien von ihrem Schicksal. Doch die wussten längst Bescheid. Sie zeigte ihren Mann bei der Polizei an. Doch die nahm sie nicht ernst.

Laut Europol ist Frauenhandel das Verbrechen auf der Welt mit den höchsten Zuwachsraten. In Deutschland werden jedes Jahr mindestens 10 000 junge Frauen Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution. In Europa schätzt man die Zahl der Opfer auf Hunderttausende.

„Ware Frau“

Die österreichischen Journalistinnen Mary Kreutzer und Corinna Milborn schreiben in ihrem gerade erschienenen Buch „Ware Frau“, dass allein in Italien 20 000 bis 40 000 Nigerianerinnen als Zwangsprostituierte arbeiten. Auf den Ramblas in Barcelona und in Teilen Stockholms hätten sie den Straßenstrich vollständig übernommen. Auch in Holland, Belgien, Norwegen, Dänemark und Deutschland seien sie zu finden. Fast alle kämen wie Joana Reiterer aus Benin City.

Das Geschäft mit den jungen Nigerianerinnen begann in den frühen achtziger Jahren in Italien. Verkäuferinnen von Handtaschen erkannten damals, wie viel Geld sich mit Sex machen lässt. So holten die Frauen Mädchen aus ihrer Heimatstadt Benin City nach Italien, um sie für sich arbeiten zu lassen.

Prostituierte werden Zuhälterin

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Noch heute sind es nicht Zuhälter, sondern Zuhälterinnen, die über die Mädchen bestimmen. „Diese ,Madames', wie sie genannt werden, waren selbst einmal junge Zwangsprostituierte“, sagt Elvira Niesner vom hessischen Beratungszentrum für Migranntinen „Frauenrecht ist Menschenrecht“ (FIM).

„Es mag schwer nachzuvollziehen sein, dass die jungen Frauen, die jahrelang unter ihrer Zuhälterin gelitten haben, selbst in diese Rolle schlüpfen.“ Doch mit den Jahren sähen sich die wie Sklavinnen gehaltenen Mädchen immer weniger als Opfer. „Überlebensnotwendige Psychohygiene“ nennt Elvira Niesner das Phänomen, dass die jungen Frauen ihre Lebenssituation umdefinieren - und sie nach dem Aufstieg zur Madame ohne Gewissensbisse zum Peiniger werden.

Eingeflogene Mädchen bevorzugt

Zur Madame werden kann, wer seine Schulden abbezahlt hat. Als Zuhälterin hat man anschließend zwei Möglichkeiten der Akquise von Personal. Entweder man bestellt neue Mädchen in Afrika bei einem Verbindungsmann, der über Verwandte oder Bekannte an neue Opfer kommt.

Oder man kauft sie in Europas den „Trolleys“ genannten Schleppern ab, die zu vereinbarten Besichtigungsterminen in ihre Wohnungen einladen. Dort suchen sich die Madames die illegal ins Land gebrachten Afrikannerinnen aus. Bevorzugt würden dabei Mädchen, die eingeflogen worden seien, sagt Mary Kreutzer.

Asylantrag mit „Look-alike-Methode“

„Die Frauen, die den monatelangen Weg durch die Sahara hinter sich haben, werden als verbraucht betrachtet. Denn bereits in der Wüste mussten sie sich mit ihrem Körper Etappe um Etappe den Transport erkaufen.“

Ins Land kommen die Mädchen entweder mit einem dubios erkauften Visum, einem gefälschten Pass oder mit der „Look-alike-Methode“: Sie benutzen den zuvor nach Afrika geschickten Pass einer ähnlich aussehenden Afrikanerin, die bereits die Staatsbürgerschaft eines europäischen Landes erlangt hat.

Den Mädchen werden nach ihrer Ankunft in Europa die echten wie die falschen Pässe abgenommen. Mit einer hanebüchenen Identität sollen sie Asyl beantragen. Manche sagen, sie kämen aus Sierra Leone. Grace musste angeben, ihr Vater sei Mitglied einer Geheimorganisation und ihr Leben daher in Gefahr.

Die junge Frau heißt nicht wirklich Grace, doch lieber erzählt sie ihre wahre Geschichte unter falschem Namen als eine falsche Geschichte unter ihrem richtigen. Sie sitzt im Kaffeehaus in Wien und starrt auf ein kleines weißes Plastikpferd, das nervös in ihren Händen hin- und herwandert.

Pornofilm als Arbeitsanleitung

2003 verließ sie mit 19 Jahren auf Geheiß des Großvaters ihre nigerianische Heimat Benin City. Sie sollte ins gelobte Land ziehen, nach Europa, um der Familie Geld zu schicken. Ein Bekannter organisierte die Odyssee. Mit einem gefälschten Pass reiste die Neunzehnjährige über Lagos und Kairo nach Europa.

In Budapest holte sie ein nigerianischer Fluchthelfer ab, in dessen Wohnung sie unterkommen sollte. Am ersten Abend legte er mit den Worten „Das wirst du in Österreich tun“ einen Pornofilm ein. 45 000 Euro solle sie auf dem Billigstrich am Wiener Praterstern erarbeiten, wo der Wettbewerb so grausam ist, dass die Frauen für 15 Euro alles machen, was die Freier verlangen. Dann versuchte er sie zu vergewaltigen. Sie solle sich schon mal daran gewöhnen.

„Ich würde niemals so etwas tun“

Doch Grace hat sich gewehrt. Die Dreiundzwanzigjährige verweigerte sich nicht nur dem Fluchthelfer in Budapest, auch später arbeitete sie nicht als Prostituierte. „Ich würde niemals so etwas tun“, sagt die gläubige Christin, und die Hände, die gerade noch hilflos mit dem Plastikpferd spielten, sind zu Fäusten geballt.

Ihre Madame, die kaum älter als sie selbst ist, hat keinen Euro mit ihr verdient. Wie eine Heldin tritt Grace jedoch nicht auf, dafür hat sie zu viel Angst. „Nicht um mich, sondern um meine Schwester.“ Die Familie, die eigentlich von ihrem Aufenthalt in Europa profitieren sollte, wird nun eingeschüchtert.

Ihre Schwester und ihr Bruder wurden aus fadenscheinigen Gründen kurzzeitig in Benin City festgenommen. Grace vermutet, dass die Mutter der Madame die Polizei für die Festnahmen bezahlt hat. „Für ein paar Dollar drehen die jeden Fall.“

Morddrohungen gegen Verwandte

Bei den Verhaftungen blieb es nicht. Erst vor ein paar Tagen habe ihre Schwester in Benin City wieder Morddrohungen erhalten. Ihr Bruder ist bereits weggezogen und in Lagos untergetaucht, nachdem Unbekannte ihn angeschossen hatten. Auch ihr Großvater wurde bedroht, seine Fenster und seine Tür wurden eingeschlagen, kurze Zeit später starb er.

Die Familie in der Heimat zu attackieren sei nur eine Methode der Menschenhändler, um die jungen Frauen gefügig zu machen, sagt Elvira Niesner. So erführen die Opfer nicht nur brutale Gewalt durch die Zuhälterinnen und deren Helfer.

Auch werde eine geschickte Abhängigkeitsstruktur geschaffen. Zum einen säßen sie von Beginn an in der Schuldenfalle - manche Frauen müssten bis zu 100 000 Euro an ihre Schleuser zurückzahlen. Zum anderen macht sie ihre Ausgangslage nach der Ankunft in Europa von der Community abhängig. Ohne Sprachkenntnisse, ohne Pass, ohne Aufenthaltsgenehmigung und ohne Perspektive wagen es die wenigsten, sich in dem fremden Land alleine durchzuschlagen.

Angst vor den Geistern

Viele Opfer haben jedoch weniger Angst vor den Menschen als vor den Geistern. Denn bevor sie Nigeria verlassen, werden sie zum Juju-Priester geschickt, der sie erst unter Drogen und dann unter Druck setzt. In Trance müssen sie schwören, die Leute, die ihr bei der Reise nach Europa behilflich sind, niemals zu verraten.

Die „Töchter“, wie der Priester die jungen Frauen nennt, müssen auch versprechen, die Kosten für ihre Reise zu zahlen. „Wenn eine nicht zahlt, dann wird sie krank und verrückt oder drogensüchtig“, zitieren Mary Kreutzer und Corinna Milborn einen Priester, den sie in Nigeria aufgesucht haben.

Der Juju-Priester verdient an jedem Ritual Tausende Dollar - in einem Land, in dem das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf etwa 800 Dollar beträgt. So würden die Opfer durch „ein für die Händler perfektes System“ psychisch so unter Druck gesetzt, dass sie bei Polizeiverhören fast nie gegen ihre Peiniger aussagen, meint Elvira Niesner.

Täter schwer zu fassen

Und wenn sich eine der Frauen doch zur Aussage entschließt, kann sie meist nur bis Prozessende in Deutschland bleiben. Dann werde sie in ihre Heimat abgeschoben. Dort erwarte sie Vergeltung. Die Armut ihrer Familie, deretwegen die Frau ursprünglich nach Europa geschafft wurde, habe sich keineswegs gelindert. „Sie kommt vom Nichts wieder ins Nichts.“

Ohne die Aussagen der nigerianischen Opfer ist es schwer, die Täter zu fassen. Zum einen, weil diese Art des Frauenhandels nicht hierarchisch, sondern in „Cluster“-Netzwerken organisiert ist. Zum anderen, weil sie sich nicht mit anderen Kriminalitätsformen wie Drogenhandel mischt. „Sicher ist aber, dass bei den Madames die Fäden zusammenlaufen“, sagt Corinna Milborn. Wenn zum Beispiel eine von ihnen ins Gefängnis muss, übernimmt eine Kollegin ihre Mädchen, bis die Inhaftierte wieder freigelassen wird.

Zuhälterinnen genießen hohes Ansehen

Werden sie als Zuhälterinnen entlarvt, müssen sich die Madames keine Sorgen machen, in der Community geächtet zu werden. „Im Gegenteil - dort genießen sie hohes Ansehen“, sagt Joana Reiterer. Sie selbst hat mit der Community fast nichts mehr zu tun. Vor zwei Jahren hat sie den Verein „Exit“ gegründet, um Aussteigerinnen wie Grace zu unterstützen. Seither gilt sie in der örtlichen nigerianischen Gemeinschaft, deren junge Frauen sie schützen will, als Verräterin.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, dpa, REUTERS

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