Ruth Lapide

Dank der Unterstützung der Banque LBLUX begegnete die Religionswissenschaftlerin allen IIe-Schülern des Religions-unterrichtes des Athenäums in Luxemburg am 22. und 29. Juni 2004.
Somit kannte der Religionsunterricht der IIe einen würdigen Abschluss. Bedingt durch die Reform des "cycle supérieur" wird vom Schuljahr 2004/2005 an leider kein Religionsunterricht auf dieser Altersstufe angeboten werden.

 


Fotos: © 2004 JL Gindt

 



 

Ruth Lapide - Kurzbiographie

Als Kind einer jüdischen Familie aus Mittelfranken erlitt Ruth Lapide ein Schicksal, das viele ihrer Generation in der Zeit des Nationalsozialismus mit ihr teilten: Entwurzelung, Flucht und Verfolgung. Nach einer Jugend, die geprägt war vom Gefühl der Heimatlosigkeit, studierte sie an der Hebräischen Universität Jerusalem Linguistik, Geschichte und Judaistik. Gemeinsam mit ihrem Mann, dem jüdischen Theologen Pinchas Lapide, setzte sie sich in Wort und Schrift für die Versöhnung von Juden und Christen, die Verständigung zwischen der Bundesrepublik Deutschland und dem Staat Israel sowie für die Annäherung zwischen den monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam ein. Nachhaltigen Niederschlag fand die Arbeit des Ehepaars in etwa 60 Büchern sowie Radio- und Fernsehbeiträgen, Seminaren und Vorträgen.

Mit unvermindertem Engagement widmet sich Ruth Lapide seit dem Tod ihres Mannes 1997 weiterhin dieser Lebensaufgabe. Sie lehrt an der Evangelischen Fachhochschule in Nürnberg und stellte im Bildungskanal BR-alpha in wöchentlicher Folge »Biblische Gestalten« vor. In ihren jüngsten Büchern, die sie zusammen mit Walter Flemmer herausgebracht hat (»Kennen Sie Adam, den Schwächling«? und »Kennen Sie Jakob, den Starkoch«?), überträgt sie biblische Themen in die Sprache von heute und befreit sie von der Patina der Jahrtausende. Kürzlich hat sie ebenfalls die Bergpredigt Jesu (Die Verkündigung auf dem Berg, Mt 5-7) aus dem Griechischen ins Deutsche übertragen. Diese Übersetzung wurde im Dossier Bergpredigt von Publik-Forum (April 2004) veröffentlicht.
Quelle: Bayrischer Rundfunk

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Rundfunk- und Fernsehsendungen mit Ruth Lapide

Ruth Lapide im Gespräch mit Jay Schiltz am 29. Juni 2004
Sendung: Redaktionsmagazin vom 2. 7. 2004

EWIGES JERUSALEM - heiß geliebt und bitter umstritten...
zwischen Juden, Christen, Muslimen und Weltmächten

Vortrag vom 29. November 2004 im Konferenzsaal der jüdischen Gemeinde in Luxemburg, Radiosendung vom 04.12.04
Veranstalter: Consistoire Israélite, Association Interconfessionnelle, Info-Video-Center, D'Reliounsprofesseren

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Heinrich Heine - der fromme Ketzer:
Jüdisch beschnitten - evangelisch getauft - katholisch getraut

Vortrag vom 30. November 2004 im Centre Culturel de Rencontre Abbaye de Neumünster, Luxemburg, Radiosendung vom 08.01.05
Veranstalter: Consistoire Israélite, Association Interconfessionnelle, Lëtzebuerger Germanisteverband, Info-Video-Center, D'Reliounsprofesseren in Zusammenarbeit mit der Banque LBLux, dem Centre national de littérature Mersch sowie dem Centre Culturel de Rencontre Neumünster

 

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Ruth Lapide im Gespräch mit Dr. Walter Flemmer zu biblischen Personen:

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Ist ein Ethos der Religionen möglich?

Vor Schülerinnen und Schülern des Athenäums setzte die Historikerin und Religionswissenschaftlerin Ruth Lapide sich für ein Basisethos ein, das sie ganz bewusst dem „elitären" Weltethos von Hans Küng gegenüberstellte.

In ihrem Vortrag „Ewiges Jerusalem: heiß geliebt und bitter umstritten!“ verdeutlichte sie zunächst ihre Überzeugungen, dass Religion und Politik sich überlappen, dass der Mensch nicht von der Religion loskommt und dass die Hl. Schrift, als Widerspiegelung des Lebens, immer noch äußerst aktuell ist.

Sie zeigte in einem historischen Rückblick auf, wie sehr die jeweiligen Weltmächte versucht hatten die Gegend des Vorderen Orients zu kontrollieren und wie Jerusalem zum Sitz von drei großen Weltreligionen geworden ist.

Für ihr Ethos, ein „Weltethos auf Sparflamme“, hat sie als Leitfaden die Zehn Gebote und die Bergpredigt gewählt. Als weitere Grundlagen ihres Ethos gab sie die in der Genesis verankerte Gleichwertigkeit von Mann und Frau an, den Anspruch auf Ruhe für alle (Sabbat!), die Grundrechte auf Nahrung, Gesundheit, Glaubens-, Bewegungs- und Lernfreiheit sowie das Recht auf Heimat. Aufgrund ihrer persönlichen Leidensbiographie setzt sie sich, mit all ihrer Kraft, dafür ein, dass die Menschen überall diese Rechte bekommen und dass Verständigung unter den Menschen und Versöhnung zwischen den Religionen Wirklichkeit werden.

Im Blick auf diese Versöhnung und im Blick auf eine politische Lösung im jüdisch-palästinensischen Konflikt stellt sie der Gewalt fünf alte Tugenden entgegen, die ganz allgemein als Basis für gute zwischenmenschliche Beziehungen gelten dürfen:

  • Konfliktfähigkeit
  • Dialogbereitschaft
  • Kompromisswille
  • Einfühlsamkeit
  • Geduld.

Frau Lapide betonte, dass niemand auf seine Ideale verzichten müsste, dass aber nur Kompromisse ein Zusammenleben ermöglichen. Wichtig sei es auch, sich in den anderen hineinzuversetzen, um zu erfahren, wie weit man gehen darf, denn man dürfe nie eine Selbstaufgabe vom anderen fordern. Sich und anderen Zeit lassen, das sei ein weiterer wichtiger Punkt, der besonders im Konflikt um Jerusalem zu beachten sei. Zum Vergleich verwies die Historikerin auf den Jahrhunderte dauernden und oft blutig ausgefochtenen Kampf um Elsass-Lothringen.

„Mein Weg“, sagte Ruth Lapide, „sind diese fünf alten Tugenden. Zudem weiß ich: Jede Wahrheit hat drei Seiten. Deine Seite! Meine Seite! Die richtige Seite, und die haben wir häufig gar nicht!“

Guy Weirich

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„Gott ist kein Polizist“


Historikerin und Religionswissenschaftlerin Ruth Lapide
diskutierte gestern (29. Juni 2004) mit rund 100 IIe-Schülern über Gott und die Welt

Luxemburger Wort, 30. Juni 2004 fh - Ein spannender Vormittag war es gestern für die rund hundert IIe-Schüler des hauptstädtischen Athenäums. Denn zu Gast bei ihnen war die Historikerin und Religionswissenschaftlerin Ruth Lapide für ein Podiumsgespräch, das anschließend an den Vortrag von voriger Woche zum Thema „Ewiges Jerusalem: heiß geliebt und bitter umstritten! Ist ein Ethos der Religionen möglich?“ stattfand. Die Diskussion wurde mit der Unterstützung der Banque LBLux organisiert.

Aber erst einmal zur Person. Als Kind einer jüdischen Familie aus Mittelfranken erlitt Ruth Lapide ein Schicksal der Entwurzelung, der Flucht und Verfolgung im Nazi-Deutschland. Die junge Frau studierte an der Hebräischen Universität Jerusalem Linguistik, Geschichte und Judaistik. Gemeinsam mit ihrem Mann, dem jüdischen Theologen Pinchas Lapide, setzte sie sich in Wort und Schrift für die Versöhnung von Juden und Christen, die Verständigung zwischen der Bundesrepublik Deutschland und dem Staat Israel sowie für die Annäherung zwischen den monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam ein. Nachhaltigen Niederschlag fand die Arbeit des Ehepaars in etwa 60 Büchern sowie Radio- und Fernsehbeiträgen, Seminaren und Vorträgen.

Nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 1997 lehrt Ruth Lapide an der Evangelischen Fachhochschule in Nürnberg und stellt im Bildungskanal BR-alpha in wöchentlicher Folge „Biblische Gestalten“ vor. Kürzlich hat die Theologin, die weiterhin Bücher schreibt, ebenfalls die Bergpredigt Jesu aus dem Griechischen ins Deutsche übertragen.

„Deutschland ist meine Heimat“
Gestern hatten die Schüler die Gelegenheit, dem Gast alle möglichen Fragen zu stellen. Warum sie nach dem Holocaust nach Deutschland zurückgekehrt sei, wollte eine Schülerin wissen. „Deutschland ist meine Heimat, ich wurde dort geboren“, erklärte Ruth Lapide. Die 700-jährige Ansässigkeit ihrer Familie sei durch Urkunden nachweisbar. Ihre Vorfahren hätten dazu beigetragen, Deutschland mit aufzubauen.

Nach dem schrecklichen Unrecht des Nazi-Regimes hätten ihr Mann und sie sich bemüht, herauszufinden, was schief gelaufen sei. Sie habe längst verziehen, unterstrich Ruth Lapide, obwohl ihr die Kindheit gestohlen worden sei. Aber sie könne nicht vergessen. Ihre Aufgabe sei es einerseits, Fehlübersetzungen und Unterstellungen zu korrigieren, so die Religionswissenschaftlerin, die neun Sprachen beherrscht, und andererseits über ihre Erfahrungen zu sprechen, um den Anfängen zu wehren.

„Wo war der Mensch in Auschwitz?“
„Haben die Römer oder die Juden Jesus gekreuzigt?“ lautete die Frage eines Schülers. Vor dem Richtstuhl des Pilatus fänden maximal 200 Personen Platz, präzisierte die Spezialistin. Könne man aufgrund eines solchen Mobs, der sich für die Kreuzigung Jesu entschied, ein ganzes Volk beschuldigen und verurteilen? Außerdem seien laut Gesetz lediglich die Römer dazu befugt gewesen, zu kreuzigen, und zwar entlaufene Sklaven und Rebellen gegen das Reich. Es seien also die Römer gewesen, die Jesus getötet hätten.

Warum Gott nicht in Auschwitz interveniert sei, wollte ein anderer Schüler wissen. „Gott ist kein Polizist“, betonte die Theologin. Die Frage müsse lauten: Wo war der Mensch in Auschwitz? Was ist los mit dem Menschen? Wir Menschen seien dazu aufgerufen, den Anfängen zu wehren. Allerdings sei es anstrengend, der Sünde Herr zu werden, denn die Sünde sei süß. Die Frage nach dem Unrecht in der Welt sei eine Frage an den Menschen. Allerdings gebe es nicht auf alles Leid eine Antwort, räumte die Rednerin ein.

„Einen kleinen Weg zur Wahrheit“
Auf die Frage nach der Vielfalt der Religionen meinte die Expertin, dass im Mittelalter alle Kirchen behauptet hätten, die einzig richtige Wahrheit zu besitzen. Anders Denkende seien damals hingerichtet worden, um, wie es hieß, ihre Seele zu retten. Ruth Lapide ist allerdings der Auffassung, dass der Mensch viel zu begrenzt sei, um die Welt zu begreifen. Die Wahrheit sei einfach zu groß für den Menschen, um diese zu erfassen. Deshalb hätten alle nur einen sehr kleinen Weg zur Wahrheit, den sie ehrlich und redlich gehen sollten, ohne zu behaupten, der ihre sei der einzige.

Ob es eine Gefahr beim Zusammenleben von Muslimen und Nicht-Muslimen in Deutschland gebe? Zurzeit sieht die Theologin keine echte Gefahr. Die Situation könne sich allerdings mit einer anhaltenden Wirtschaftskrise verschlechtern. Im Bezug auf die Zuwanderung bezeichnete Ruth Lapide Luxemburg als eine „Insel der Seligen“, deren friedliche Atmosphäre dem Segen der Kleinheit zu verdanken sei.

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siehe auch unter: AL - Projekt Weltethos