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24.06.2009
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Ausland

Tschechien schiebt Gastarbeiter wegen Finanzkrise ab

Globalisierung rückwärts

Tschechien jagt Gastarbeiter nach Hause

Für Gastarbeiter aus Vietnam, der Mongolei oder der Ukraine war Tschechien das gelobte Land. Zweifelhafte Agenturen versprachen ihnen alles. Zehntausende Arbeiter waren zu Beginn auch willkommen. Doch mit der Finanzkrise wurden sie zum Problem. Jetzt wollen die Tschechen sie wieder loswerden.

Von Christina Janssen, ARD-Hörfunkstudio Prag

Gastarbeiter in Bukarest (Foto: REUTERS) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Ähnlich wie hier in Rumänien waren Gastarbeiter in Tschechien erst willkommen, nun sollen sie gehen. ]
Sapa ist einer der größten vietnamesischen Märkte in Europa und ein weitläufiges Areal am südlichen Stadtrand von Prag, mit Lebensmittel- und Kleidungsgeschäften, glitzerndem Tand und schrill buntem Spielzeug, Reisebüros und Restaurants. "Little Hanoi" nennen es die Tschechen. Sie gehen hier auf Schnäppchenjagd. Die Vietnamesen finden hier nicht nur günstige Angebote, sondern auch eine Art zu Hause in der Fremde.  

Am Rande des bunten Treibens steht ein Holztempelchen im Pagodenstil. Jeden Tag um elf Uhr hält Vu Thi Thu hier eine Gebetszeremonie ab. Inzwischen, meint die ältere, rundliche Dame mit der braunen Strickjacke und dem gütigen Lächeln, kommen die Menschen aber nicht mehr nur zum Beten. "Seit vorigem Jahr sind wir hier im Tempel sehr beschäftigt, weil die Zahl der Arbeitslosen  stark gestiegen ist. Wir sammeln Spenden von unseren Gläubigen und verteilen sie dann weiter. Ein wenig Hilfe für die, die gar nichts haben."

Arbeiten, um den Eltern zu helfen

Huynh zum Beispiel ist 22 Jahre alt und sein Freund Thuong 27 Jahre. Die beiden jungen Männer sitzen bei Mütterchen Vu Thi Thu in einem holzgetäfelten Nebenraum des Tempels und werden mit einer Tasse Tee gepäppelt. Trotzdem wirken sie verloren. "Ich bin hierher gekommen", sagt Huynh, "weil ich Geld verdienen wollte, um meinen Eltern in Vietnam zu helfen. Ich bin im Mai 2008 nach Tschechien gekommen. Gearbeitet habe ich aber nur drei Monate, dann bin ich arbeitslos geworden."

Die meisten, ergänzt sein Freund Thuong, seien Landwirte. Sie seien nach Tschechien gekommen, weil sie auf eine bessere Zukunft für sich und ihre Familien gehofft haben. Für die Reise und Papiere haben sie sich Geld von der Bank geliehen. Er wünsche sich nur Eines: Ein bisschen Geld zu verdienen, um in Vietnam neu anzufangen.

Huynh und Thuong kommen aus einem kleinen vietnamesischen Dorf. Ihre Familien haben sie dort zurückgelassen. Menschen wie sie waren in Tschechien bis vor einem Jahr willkommen. Der ungebremste Aufschwung forderte billige Arbeitskräfte zu Tausenden. Es entstand ein regelrechter Dschungel von Agenturen, die Ausländern Visa beschafften und mit ihren Hoffnungen reich wurden.

Prag spricht von "unerwünschten Problemfällen"

Ivan Langer (Foto: REUTERS) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Ivan Langer will die Gastarbeiter zur Not auch mit Zwang zurück in die Heimat schicken. ]
Huynh und Thuong haben für ihre Reise ins Ungewisse 10.000 Dollar für das Versprechen auf einen dreijährigen Job in Tschechien bezahlt. Doch dann kam die Krise und sie waren die ersten, die gehen sollten. Aus Sicht der tschechischen Regierung sind Huynh und Thuong unerwünschte Problemfälle. "Es ist unser Interesse", so Ivan Langer, bis Mai tschechischer Innenminister, "dass diese Leute jetzt in ihre Heimat zurückkehren und später wieder nach Tschechien kommen können. Und zwar dann, wenn es die ökonomische Situation erlaubt. Wir bieten ihnen Hilfe für eine freiwillige Heimkehr. Wenn sie das nicht akzeptieren, werden wir sie zwingen."

Hilfe heißt ein Rückflug plus 500 Euro für jeden, der freiwillig geht. 5000 Ausländer sollen raus aus Tschechien, gut 1600 sind schon weg. Für Huynh und Thuong ist das aber keine Perspektive. Die Schulden zu Hause seien zu Hause einfach zu groß, sagt Huynh. "500 Euro sind wie ein Wassertropfen im Meer." Hinzu kommt der Gesichtsverlust. Weggehen, um mit leeren Händen wieder zu kommen ist eine unvorstellbare Schande. Auch deshalb bleiben Huynh und Thuong in Tschechien und führen ein Leben in Elend und Angst.

Verträge sind in Tschechien nicht einklagbar

Fast täglich berichtet das Fernsehen über Razzien. Ausländer, die ohne Visum erwischt werden oder ohne Versicherung, werden verhaftet. Im Dezember erhängte sich ein Vietnamese in Prag, weil sein Visum nicht verlängert wurde. Im Januar wurde ein Vietnamese bei einer Razzia von Polizisten zu Tode geprügelt.

Im Grunde, meint Eva Pechova von der Hilfsorganisation "Club Hanoi", lebten diese Menschen in einem rechtsfreien Raum. "Ein Vertrag, der in Vietnam unterschrieben wurde, ist in Tschechien nicht einklagbar", sagt sie. Denn in Tschechien, ergänzt sie, werden die Immigranten an eine andere Agentur übergeben. Für solche Organisationen seien die Gesetze in Tschechien geradezu ein Paradies.  

Vermittlungsagenturen kassieren doppelt

Noch einen Schritt weiter geht Frantisek Bublan, innenpolitischer Experte der tschechischen Sozialdemokraten. Er spricht von Menschenhandel. Die Agentur kassiere nicht nur von den Gastarbeitern, sondern auch von den Arbeitgebern, so Bublan. Sie bekäme drei Monatslöhne dafür, dass sie einen Arbeiter vermittele. Der Ausländer arbeite ein Jahr in einer Fabrik. Danach werde er von der Agentur irgendwohin weiter verkauft. 

Daran verdienen möglicherweise auch die Behörden. Die tschechische Botschaft in Hanoi, schreibt das investigative Wochenblatt "Respekt", sei in Vietnam als "Haus des Schreckens" verschrien. Mit den Folgen müssen Huynh und Thuong nun fertig werden, wie Zehntausende Vietnamesen in Tschechien.

Stand: 23.06.2009 00:14 Uhr
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