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20.08.2009

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INTERVIEW: „Fast ein Botschafter Deutschlands“

Quentin Tarantino über „Inglourious Basterds“, deutsche Hitlermord-Fantasien und imaginäre Filmzitate

Heute kommt Quentin Tarantinos grandiose Weltkriegs-Farce ins Kino. Mit dem Regisseur (46) sprach Martin Schwickert.

MAZ: Mr. Tarantino, in „Inglourious Basterds“ schießt ein Kommando von amerikanischen Juden Adolf Hitler in einer Kino-Loge nieder. Haben Sie sich mit diesem alternativen Ausgang der Historie einen Traum erfüllt?

Quentin Tarantino: Ich habe zwar zuvor nicht unbedingt davon geträumt, aber es hat schon Spaß gemacht, die Szene zu entwickeln. Nun werde ich überall auf der Welt gefragt, wie der Film wohl in Deutschland ankommen wird. Ich habe eine sehr genaue Vorstellung davon, wie die Deutschen darauf reagieren, weil ich den Film ja hier gedreht habe und viele deutsche Kollegen das Drehbuch gelesen haben. Aber vor allem bei Amerikanern oder Briten gibt es diese kleingeistige Vorstellung, dass die Deutschen von dieser Szene gekränkt sein könnten. Mittlerweile fühle ich mich fast schon wie ein Botschafter Deutschlands im Ausland, wenn ich immer wieder erklären muss, dass – ausgenommen vielleicht der jüdischen Weltgemeinde – die Deutschen der letzten drei Generationen wohl die meisten Hitlermord-Fantasien hatten.

Der Film ist in Babelsberg nahezu gleichzeitig mit „Operation Walküre“ gedreht worden. „Inglourious Basterds“ scheint fast wie das notwendige Gegengift zum Stauffenberg-Film. Haben Sie sich durch die räumliche und inhaltliche Nähe von Brian Singers Film beeinflussen lassen?

Tarantino: Das hatte auf die Arbeit an meinem Film überhaupt keinen Einfluss. Da habe ich keinen Gedanken dran verschwendet. Ich habe „Operation Walküre“ bisher noch nicht gesehen, obwohl ich ein großer Fan von Brian Singer bin. Nicht unbedingt von „Die üblichen Verdächtigen“, aber „Superman Returns“ war ein großartiger Film.

Christoph Waltz ist in Cannes für seine Rolle als Nazi-Oberst Landa mit dem Preis für den besten Darsteller ausgezeichnet worden. Sie haben gesagt, dass Sie ohne Waltz den Film nicht hätten machen können.

Tarantino: Es war eine sehr wichtige Entscheidung, die Rolle nicht mit einem Hollywood-Star zu besetzen. Diese Entscheidung fiel, bevor ich Christoph Waltz überhaupt kannte. Alle Deutschen sollten auch von deutschen Darstellern gespielt werden, nicht von Amerikanern, Engländern, Holländern, Dänen oder Schweizern, sondern von Deutschen. Es war wirklich sehr schwer, den geeigneten Schauspieler für die Rolle des Oberst Landa zu finden. Ich war kurz davor aufzugeben, als Christoph Waltz den Raum betrat.

Laut Hitchcock kann ein Film nur so gut wie sein Bösewicht sein. Stimmt das?

Tarantino: Doch, das kann schon gut sein. Aber es ist eine Sache, ob man sich vor dem Bösewicht fürchtet, und eine andere, wenn dieser Bösewicht auch einen gewissen Charme und ein verstörendes Charisma hat. Auf eine ganz seltsame Weise – und das ist etwas, was nur das Kino herstellen kann – fühlt man sich mit diesem Ungetüm verbunden. Sicher, man möchte nicht, dass Landa gewinnt. Aber insgeheim wünscht man sich doch, dass er die Pläne seiner Gegner durchschaut, allein um zu sehen, was dann passiert. Einen Mann wie Landa möchte man einfach im Showdown dabei haben.

Diane Kruger berichtet, dass Sie in der Szene, in der Ihre Figur erwürgt wird, selbst Hand angelegt haben. Warum?

Tarantino: Wenn jemand in einem Film erwürgt wird, dann wirkt das oft unecht. Ich wollte, dass es so wahrhaftig wie möglich aussieht. Ich wollte die Szene nicht irgendeinen Stuntman machen lassen. Da geht es um Vertrauen und ich wollte diese Situation hundertprozentig selbst kontrollieren.

„Inglourious Basterds“ ist wie alle Ihre Filme gespickt mit Filmzitaten. Glauben Sie, irgendjemand erkennt wirklich alle filmgeschichtlichen Verweise?

Tarantino: Es gibt eine Sache, die Filmliebhaber auf der ganzen Welt gemeinsam haben: Sie geben gern mit ihrem geballten Filmwissen an. Und da ich ein sehr bekannter Filmexperte bin, nehmen die Kritiker, die sich mit meinen Filmen beschäftigen, die Herausforderung an und wollen nun mit ihrem eigenen Filmwissen protzen, indem sie alle möglichen Referenzen aufzeigen. Aber ich garantiere Ihnen: Die Hälfte dieser vermeintlichen Zitate sind reine Illusion, die allein im Kopf des cinephilen Betrachters entstanden sind.

In Ihren Filmen spielen Sie immer wieder mit den Gesetzen der verschiedenen Filmgenres. Könnten Sie sich vorstellen, auch einmal ein ganz geradliniges Drama zu inszenieren?

Tarantino: Ich drehe gerne Genre-Filme, zum einen, weil es mir Spaß macht, von einem Genre zum nächsten zu springen und über die Grenzen des Genres hinaus zu gehen. Zum anderen, weil ich innerhalb eines Genres meine ganz persönliche Handschrift entwickeln kann, ohne mich selbst offenbaren zu müssen. Meine Freunde erkennen in meinen Drehbüchern sehr viele persönliche Dinge, aber durch den Schutzschild des Genres, hinter dem ich mich verstecken kann, merkt das Publikum davon nichts. Ich kann mir sehr gut vorstellen, auch einmal einen Film wie „Lost in Translation“ zu machen. Aber im Grunde ist das auch nur ein Liebesfilm und damit ein Genreprodukt. Jeder Film ist ein Genrefilm.

Könnten Sie sich vorstellen, Ihren nächsten Film wieder in Deutschland zu drehen?

Tarantino: Ich würde sehr gerne wieder in Deutschland arbeiten, aber nur, wenn es auch zur Geschichte passt. Das gleiche gilt übrigens auch für die Schauspieler. Ich liebe die deutschen Schauspieler in diesem Film wirklich sehr und es würde mich freuen, wenn sie weiterhin zu meinem Star-Ensemble gehören könnten. Aber es kommt eben auf die Geschichte an.


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