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Band XV (1999)Spalten 132-142 Autor: Karl Heinz Voigt

BIALLOBLOTZKY, Christoph Heinrich Friedrich, * 9. April 1799 in Pattensen, Hann., † 28. März 1869 in Ahlden/Aller. International im Sinne der Erweckungsbewegung tätiger Theologe. Der Vater war Superintendent und gleichzeitig pastor primarius in Pattensen, südlich von Hannover, ehe er 1822 nach Wunsdorf, ebenfalls bei Hannover, versetzt wurde. Chr. B. besuchte in seiner frühen Kindheit eine Schule in Hannover. Später wurde er zunächst von seinem Vater zuhause unterrichtet, bevor er von seinen Eltern 1814-1815 zum Besuch der unteren Klasse des Lyceums in die Hauptstadt gebracht wurde. Danach kehrte er ins Elternhaus zurück um von Pastor Wittkugel aus Hiddestorf weitergeführt zu werden. Von 1816 an war er Schüler der ersten Klasse des Lyceums in Hannover, bis ihm im März 1818 durch dessen Direktor Dr. Friedrich Ernst Ruhkopf die Universitätsreife für die Landesuniversität Göttingen bescheinigt wurde. Am 19.5. 1818 wurde er dort immatrikuliert. Er studierte unter den Professoren B. J. Plank (Kirchengeschichte), C. F. Thibaut (Philosophie) und Dr. F. Pott. Der bescheinigte ihm am 18. Jan. 1820, daß sich B.s Betragen unter seinen Kommilitonen »vorteilhaft ausgezeichnet hat« und er »die Wertschätzung aller seiner Lehrer genießt.« Reichlich ein Jahr später bescheinigte Dr. J. Pott, damals Prorektor, erneut, daß B. sich »lobenswert und musterhaft betragen« habe. Bereits 1819/1820 war B. Mitglied der Bibelgesellschaft in Göttingen geworden, deren Präsident Konsistorialrat R. Planck in dieser Gründungsphase war. Wie die Mehrzahl der in diesem Jahrzehnt entstandenen Bibelgesellschaften, hatte auch die Göttinger von 1818 bis 1828 jährlich einen beträchtlichen Finanz-Zuschuß von der Britischen und Ausländischen Bibelgesellschaft aus London erhalten. B.s Engagemant für die von England gewünschte missionarische Bibelverbreitung geht daraus hervor, daß er 1824/25 in den »engeren Ausschuß« der Bibelgesellschaft gewählt wurde, um auf die Übernahme des Sekretariats vorbereitet zu werden. Vorher war. B. im Frühjahr 1821 Repetent an der Theologischen Fakultät und Assistent der Königlichen Bibliothek Göttingen geworden. Für eine wissenschaftliche Arbeit (Commentatio de Legis Mosaicae Abrogatione) erhielt er einen Preis. Die Arbeit wurde 1824 veröffentlicht. 1822 hatte der fleißige B. sein Studium mit dem magister artium abgeschlossen, dem die kirchlichen Prüfungen folgten. Durch den Göttinger Superintendenten Chr. F. Ruperti wurde B. die Stelle eines Hilfsgeistlichen an der St. Jacobi-Kirche in Göttingen vermittelt. Seine Ordination erfolgte Ostern 1824. Schon im Herbst 1822 war von an der Philosophischen Fakultät die Annahme seiner Habilitationsschrift erfolgt. Dadurch war es B. möglich, gleichzeitig als Privatdozent zu wirken. Eine Reise, die er 1821/22 nach Berlin unternahm, ist ganz offensichtlich nicht ohne Folgen geblieben. In der preußischen Metropole traf B. mit dem jungen Prof. Friedrich August Gottreu Tholuck (s.d.) zusammen, der auch Mitbegründer der Preußischen Hauptbibelgesellschaft war. Danach kam es zum Briefwechsel zwischen beiden. Damit ist die Beziehung zur aufkommenden Erweckungsbewegung erkennbar. Nicht ohne B.s Einfluß fand sich auch an der vom Rationalismus geprägten Göttinger Universität eine Gruppe von solchen zusammen, die von dieser geistlichen Bewegung erfaßt waren. Dazu zählte der Theologieprofessor Johann Tychsen Hemsen, unter dem Einfluß von Claus Harms, der Jurist Professor Chr. Fr. Elvers, der Repetent Adolf Goeschen, der spätere Legationsrat Chr. L. A. von Arnswaldt und einige Schweizer, die von der Erweckungsbewegung in der Heimat erfaßt waren. B. spielte eine zentrale Rolle in diesem Kreis, der unter den führenden Vertretern der Theologischen Fakultät und des geistlichen Ministeriums wegen seines »Pietismus und Mystizismus« von Anfang an mit Skepsis beobachtet wurde. Anfang März 1825 kam Tholuck auf seinem Weg nach England durch Göttingen, um seinen Freund B. zu besuchen. Der reiste, sobald er Urlaub bekommen hatte, dem auch in England schon bekannten Tholuck nach. Dieser führte ihn bei seinen Freunden in Schottland und England ein, u.a. bei dem schottischen Erweckungsprediger Robert Haldane (s.d.), dessen Bruder J. Alexander Haldane (1768-1851), bei Henry Drummond (1786-1860), dem späteren Gründer der Katholisch-Apostolischen Kirche (Irvingianer) und dem einflußreichen Baptistenprediger William Anderson (1784-1833). Für B. war die Teilnahme an den berühmten Londoner Maiversammlungen mit den Berichten der verschiedenen erwecklich und missionarisch ausgerichteten englischen Gesellschaften ein fesselndes Erlebnis. Von den Berichten über die weltweiten Bewegungen war er tief ergriffen. Es entstand auch ein Kontakt zur Wesleyan Methodist Missionary Society (WMMS), deren Sitz in London war. Zunächst war wirkungsvoller, daß B. und auch Tholuck, als sie London am 14. Juli 1825 in Richtung Paris verließen, inzwischen »Agenten« der »Continental Society« waren. Sie war eine der vielen Gesellschaften, die auch nach Deutschland herüberwirkten, um im Sinne einer geistlichen Erweckung den in manchen Regionen vorherrschenden Rationalismus zu brechen. Die Agenten der »Continental Society«, zu denen auch der spätere Gründer des Baptismus Johann Gerhard Oncken zählte, sollten in ihren eigenen Ländern die Aktivitäten selber bestimmen, durch die sie sich versprachen, die Sache des Evangeliums im Sinne der Erweckung zu fördern. Mit der finanziellen Unterstützung waren keinerlei konfessionelle Erwartungen oder Verpflichtungen verbunden; nur der Rationalismus in der Kirche sollte überwunden werden. Tholuck und B. wollten helfen, seinen Einfluß an den Universitäten zurückzudrängen. So wirkte B. ab Herbst 1825 wieder als Privatdozent in Göttingen. Daneben versuchte er, seine aus England mitgebrachten Impulse in der Umgestaltung einer theologischen Lesegesellschaft zur Wirkung zu bringen. Als Lektüre traten nun Predigten und Erbauungsschriften aus dem Bereich der Erweckungsbewegung in den Vordergrund; außerdem Berichte aus der weltweiten Mission. Neben dieser Lesegesellschaft organisierte B. wöchentlich stattfindende Kleingruppen, in denen gesungen, die Bibel gelesen, manchmal knieend gebetet wurde. Die Teilnehmer redeten sich mit dem damals unter Studenten nicht üblichen »Du« an. Diese Gruppen riefen unter den Studenten, aber auch im Lehrkörper, beträchtliches Aufsehen hervor. B. orientierte sich bis in die Einzelheiten an dem damals für die methodistischen Kirchen typischen Gruppensystem der von John Wesley (s.d.) einführten »Klassen«. Diese Arbeit verstärkte sich noch, als B. von der Continental Society die Mitteilung bekam, daß er die für seine erweckliche Tätigkeit zugesagte Unterstützung nicht in der vereinbarten Höhe erhalten kann. Statt der in Aussicht gestellten 75 bekam er lediglich 10 Pfund. Die englische Gesellschaft war in Finanznöte geraten, weil sich um dessen führendes Mitglied die Katholisch-Apostolische Kirche bildete und sie damit das Vertrauen vieler Spender verlor. Daraufhin fühlte ich B., der bereits über zugesagte Gelder für seine erweckliche Arbeit verfügt hatte, frei, mit der Wesleyan Methodist Missionary Society (WMMS) in London bereits früher geführte Gespräche wieder aufzunehmen. Die WMMS übernahm ihn als »Agenten« und stellte ihm die früher von der Continental Society zugesagte Summe zur Verüfung, ohne eine spezielle Verpflichtung damit zu verbinden, außer daß er als Missionar oder Dozent der Theologie in Göttingen tätig sei und gelegentlich predige. Einen entsprechenden Beschluß faßte der Vorstand der Londoner Methodistischen Missionsgesellschaft am 29. Nov. 1826. Weder durch die ökumenisch gesonnene WMMS noch durch B. selber wurde infrage gestellt, daß er durch seine Ordination Pastor der lutherischen Kirche in Hannover war. B. weitete seine Arbeit aus und geriet immer mehr in die Kritik der vorgesetzten Behörden der Universität und seiner Kirche. Kritikpunkte waren, daß an B.s Versammlungen auch Bürger und Bauern teilnahmen, um gemeinsam zu beten und über das Wort Gottes gemeinsam zu sprechen. Was der Prorektor der Univertität tadelte, gehörte für B. zu den erfreulichsten Erfahrungen. Schwerwiegender als die gemeinsamen Versammlungen war, daß B. eine Sammlung für die Armen des »Krankensaales« - einer Art Armenhaus - ohne behördliche Genehmigung durchgeführt hatte. Gerade in diesen Tätigkeiten spiegelt sich der wesleyanische Impuls in der Arbeit B.s wider. Er war gerade damit befaßt, eine Biographie John Wesleys vorzubereiten, übersetzte einige seiner Predigten und veröffentlichte eine Studie über »Proben amerikanischer Beredsamkeit als Beitrag vergleichender Homiletik«. In allen diesen Aktivitäten baute sich eine Spannung auf, die zwischen dem rationalistischen Professor für Neues Testament David Julius Pott und dem Privatdozenten B. als Vertreter einer offensiven erwecklichen Arbeit immer mehr in Erscheinung trat. Natürlich hatte der Prorektor genügend Macht, den Privatdozenten und mit ihm die erwecklich orientierte Arbeit in die Schranken zu weisen. Den Höhepunkt erreichte die Auseinandersetzung am 4. März 1827, als B. in der Göttinger Universitätskirche eine Predigt hielt, in der er für den noch nicht durch die Behörden genehmigten »Missionsverein« warb, - vielleicht um dessen Anerkennung dadurch zu beschleunigen -, zugleich aber auch die älteren Fakultätsmitglieder angriff, als er darauf hinweis, daß es zu neuen Entwicklungen erst durch die jüngere Generation kommen werde. Es muß erwähnt sein, daß der Göttinger Missionsverein keinesfalls durch B.s Einfluß mit den Londoner Methodisten verbunden werden sollte. Die Orientierung geht eindeutig zur Basler Mission, der auch finanzielle Unterstützung in Aussicht gestellt wurde. Noch im März veröffentlichte die Darmstädter »Allgemeine Kirchenzeitung« einen Hinweis auf die Gründung des - immer noch nicht genehmigten - Göttinger Missionsvereins. Die Empörung war groß. Prorektor Pott forderte einen Rechenschaftsbericht von B. und der in Bildung begriffene Verein verurteilte das öffentliche Vorgehen B.s. In der Universitätskirche hielt Superintendent Ruperti eine Predigt, der er das Thema gab: »Einige Vorsichtsmaßregeln für diejenigen, die in besonderen Andachtsvereinen Nahrung für ihre Frömmigkeit suchen.« Zu allem Unglück hatte B. eine Studie, die überwiegend aus einer im »Methodist Magazine« veröffentlichten Predigt eines Amerikaners namens Wauland aus Boston bestand, übersetzt und zum Drucker gegeben, ohne vorher die übliche Druckgenehmigung eingeholt zu haben. Er ließ den ersten gesetzten Bogen durch den Drucker beim zuständigen Prorektor Pott vorlegen, der - unter der Verpflichtung durch das geistliche Ministerium, B. besonders zu überwachen - auch prompt eine Passage über den Missionsverein und die für Basel vorgesehenen Kollekten streichen ließ. Die Folge der Auseinandersetzungen, in denen die Personen nur für die Sache standen, die Rationalismus oder Erweckung hieß, war, daß B. zunächst ein Verbot erhielt, an den in Göttingen inzwischen etablierten »Privatandachtsübungen« teilzunehmen oder sie gar zu leiten. Die Behörde berief sich darin auf die Anti-Pietisten-Gesetzgebung vom 12. Okt. 1740. Den Schlußpunkt setzte schließlich die Abberufung B.s von der Hilfspredigerstelle der Jacobi-Kirche in Göttingen. Am 16.8. 1827 teilten die zum »Königlich Großbrittanisch-Hannoversche Cabinets-Ministerio verordneten General-Gouverneur und Geheimräte« durch das »Geistliche Departement« mit, daß die Abberufung wegen einer Neubesetzung erfolge. B. bekam eine Pfarrstelle in Wietzen (bei Nienburg, Weser) angeboten mit einer Gehaltszulage aus der Hauptklosterkasse. Zugleich teilte die Behörde ihm die Alternative mit, dieses Amt anzutreten oder aus dem Dienst der Kirche auszuscheiden. Am 28.8. 1827 lehnte B. die Berufung ab und verlor damit seine Anstellung. Zunächst erwog er, eine Einladung zu einer Professur an einem deutsch-lutherischen College in den USA anzunehmen. Allerdings waren seine Eltern über die Auswanderungspläne nicht begeistert. Aber auch B. lehnte schließlich mit überzeugenden Gründen ab, die zeigen, wie sachlich der scheinbare Schwärmer sein konnte. Nüchtern ging er davon aus, daß in der in Amerika beabsichtigten Erhaltung von deutscher Sprache und deutschem Brauchtum, nicht unterstützenswert seien, weil die Inkulturation eine zwingende Notwendigkeit war. Auch das parochiale System der kontinentalen Kirche hielt er für das freie Amerika für überholt, dagegen hatte er Sympathie für die methodistischen Reiseprediger, weil ihre Beweglichkeit der großen Einwanderungswelle und der vorwärtsschreitenden Besiedlung entsprach. Im Oktober 1827 reiste B. nach London, um hier eine neue Perspektive zu finden. Bei der Wesleyanisch Methodistischen Missionsgesellschaft führte er Gespräche und zeigte sich bereit, in Deutschland oder der Schweiz an einer anderen Universität zu arbeiten, als Missionar unter den europäischen Einwanderern nach Amerika zu wirken oder an einen anderen Platz zu gehen. Am 20. Febr. 1828 wurde B. als Missionskanditat angenommen, nachdem er die notwendigen Empfehlungen bekommen und ein Colloquium bestanden hatte. Im Juli 1828 reiste B. als Missionar dieser Gesellschaft auf die zu Griechenland gehörenden Ionischen Inseln. Sein Bestimmungsort war Zante, wo er unter der griechisch-orthodoxen Bevölkerung wirken sollte. Es handelte bei seinem Auftrag nicht um eine Missionsarbeit im traditionellen Sinn. Vielmehr sollte er, wie Mitarbeiter anderer angelsächsischer Missions- und Bibelgesellschaften, durch Bibelverbreitung und Missionsschulen im reformatorischen Sinn auf die Um- und Neubildung der Griechisch-Orthodoxen Kirche einwirken und Verständnis für die westlich-reformatorische Art des Kirche-Seins wecken. Im Bereich der Griechisch-Orthodoxen Kirche wurde jedoch auf diese Versuche mit aller Schärfe reagiert. Eltern, die es zuließen, daß ihre Kinder in die Missionsschulen gingen, wurde die Exkommunikation angekündigt. Daraufhin wurde B. von der Leitung der Missionsgesellschaft nach Alexandrien versetzt. Über seine Reise nach der Londoner Beauftragung liegen Reisetagebücher vor, die seine vielen, für die Erweckungsbewegung typischen Kontakte aufzeigen. In Holland besuchte B. das Rotterdamer Missionshaus. In Köln traf er mit Konsistorialrat Krafft zusammen. Bei seinem Besuch in Wuppertal hatte er sich mit seinem Freund Leipoldt verabredet, dem Sekretär der Rhein. Mission, die er mit den Londoner Methodisten in Verbindung brachte. Außer seine Verwandten besuchte er in Hannover die Bibelgesellschaft, ebenso in Frankfurt. Er überbrachte Bibeln, hatte aber selber auch bedarf, weil er unterwegs Traktate verteilte und in missionarischer Absicht Bibeln verkaufte. Danach kehrte er in Heidelberg, Stuttgart und dem frommen Korntal ein. Der Gründer und Gemeindeleiter dieser Siedlung, Gottlieb Wilhelm Hoffmann (s.d.), hatte eine diplomatische Aufgabe für ihn. B. sollte bei der griechischen Regierung erkunden, ob die Ansiedlung von Schwaben dort möglich sei. Die Reise ging über Florenz nach Rom, wo er seinen Freund Tholuck traf und mit dem preußischen Gesandten beim Vatikan, Christian Karl Josias Bunsen, einem Förderer der Erweckungsbewegung, bekannt wurde. Die Tätigkeit für die Methodistische Missionsgesellschaft war nur von kurzer Dauer. Am 21. 2. 1831 bestätigten ihm die Sekretäre der Gesellschaft seine Frömmigkeit und Willigkeit in einem Zeugnis, verschwiegen aber nicht, daß es Differenzen gegeben hat, die zur Auflösung der Verbindung geführt haben. Im Februar 1831 wandte sich B. mit einer Petition an den englischen König William IV. Seit seiner Entlassung in Göttingen hatten sich die dort vom »Großbrittanisch-Hannoverschen Ministerium« befürchteten Probleme nicht eingestellt. Das veranlaßt B., sich - nicht ohne Erfolg - an den König zu wenden und um seine Hilfe zu bitten. Aus Hannover kam mit einiger Verzögerung die Einladung, nach den Vorkommnissen während seiner Dienstzeit in Göttingen eine Versicherung darüber abzugeben, daß er jetzt willens sei, die landesherrlichen Verordnung vom 12. Okt. 1740, also das Anti-Pietisten-Gesetz, genau zu befolgen. B. gab unter dem 15.4.1834 eine Erklärung ab, die dem Königl. Großbrittanisch Hannoverschen Consistorium jedoch nicht reichte. Der nach England ausgewichene B. weigerte sich, ein Versprechen abzugeben, das seinen späteren Arbeisspielraum einschränken könnte. Das Versprechen, auf Gruppenversammlungen zu verzichten, sei weder vom König erwartet, noch sei es einem Christen würdig, schon gar nicht einem Protestanten und noch weniger einem ordinierten Prediger. Kein anderer Prediger in Hannover habe eine solche Erklärung abgeben müssen, aber einige von ihnen halten Privaterbauungsversammlungen mit ihren Kirchengliedern. Schließlich könne sich ein solches Versprechen gegen seine eigene Vergangenheit richten. Er lebe aber in England nicht im Exil, sondern aufgrund freier Entscheidung. Am 22. Juli 1834 antwortete das Hannoversche Konsistorium durch J. Jochums, es sei, obwohl B. die geforderte Erklärung nicht abgegeben habe, geneigt, »demselben eine Wiederanstallung als Prediger in hiesigen Landen deßhalb nicht zu entziehen.« Dies hebe jedoch das Verbot der Teilnahme an verbotenen Konventikeln nicht auf. Inzwischen hatte B. längst wieder eine Aufgabe in England übernommen. Schon im März 1831 wurde er zum Leiter des Hebrew Institus in Camdon Town gewählt. Ab 1833 begann er die Arbeit an einer Hebräisch-Konkordanz zusammen mit G. v. Wigram; er wirkte als Dozent in Verbindung mit dem Kings College in London. Dabei ließ er es nicht an Kontakten mit den Londoner deutschen Gemeinden und ihren Pastoren fehlen: Pastor Dr. W. Küper (Königlich luth. Kapelle, St. James Palace), über den er sich auch wirkungsvoll an das hannoversche Konsistorium gewandt hatte, Dr. Carl Friedrich Adolph Steinkopf (s.d.) (Luth. Savoy-Kirche); Dr. Christian E. A. Schwabe (St. Georg), Dr. Tiarks (Hooper Square), sowie Pastor C. A. Busse (Deutsch-Lutherische Kirche, Trinity Lane). Der sprachbegabte B., der in deutsch, hebräisch, latein und italienisch Unterricht gab, wurde im Dezember 1836 von der Leitung der City of London School als Dozent für Hebräisch und Deutsch gewählt. 1848 unternahm der unruhige B. eine Reise, um die Quellen des Nils zu erforschen. Sein Weg führte über Pattensen bei Hannover, Göttingen, Wien, Triest nach Alexandria. Auf den geplanten Besuch im damaligen Konstantinopel mußte er verzichten. Am 11. Dez. 1848 kam er in Aden an, dem Ausgangspunkt für die geplante Expedition. Er erreichte das gesteckte Ziel allerdings nicht und mußte seine Pläne in Sansibar aufgeben. Nach der Revolution und Restauration in Deutschland kehrte B. schließlich 1854 wieder nach Göttingen zurück, um als Privatdozent an der Philosophischen Fakultät zu wirken, ohne erneut ins Gerede zu kommen. Das bewegte Leben B.s ist geprägt von einer hohen Sprachbegabung in Verbindung mit Formen angelsächsisch erwecklicher Frömmigkeit. Über einen längeren Zeitraum seines Lebens sah er sich berufen, für die Möglichkeit der persönlichen Glaubensentscheidung und die Entfaltung einer entsprechenden Frömmigkeit, um im gemeinsamen Beten und Singen, verbunden mit der Erfüllung sozial-diakonischer Aufgaben, und in der Hinwendung zu den Armen, zu wirken. Mit der Hingabe an diese Frömmigkeit, die sich aus einer persönlichen Glaubensentscheidung ergab, wollte er gerade am Ort der Ausbildung von jungen Theologen den in Göttingen herrschenden Rationalismus brechen und überwinden helfen. B. ist ein Beispiel für die internationale und interkonfessionelle Verflochtenheit innerhalb der Erweckungsbewegung. Seine Beziehungen zu England sind für diese früher Zeit typisch. Sie unterstreichen, wie notwendig es ist, die Erforschung der Beziehungen zwischen England und dem Kontinent voranzutreiben.

Werke: De legis Mosaicae abrogatatione, gekrönte Preisschrift, 1824; Proben brittischer Kanzelberedsamkeit, als Beiträge vergleichender Homiletik, übersetzt und mit Anmerkungen hrgg., 1827; Proben amerikanischer Beredsamkeit, als Beitrag zu vergleichender Homiletik, 1827; Notiz zum Göttinger Missionsverein, in: Darmstädter »Allgemeine Kirchenzeitung« vom 30.3.1827, Sp. 408; Proben schottischer Beredsamkeit, als Beiträge vergleichender Homiletik übersetzt und mit Anmerkungen hrgg.; Reden von Thomas Chalmers, Edwin Irving, Walter Scott, 1828; Das brittische Unterrichtswesen beschrieben. 1. Theil: Ueber das Wesen und Wirken der Infantschoolsociety, 5. Bd. mit eingedruckten Holzschnitten, 1828; Edward Bouverie Pusey, On the Theology in Germany, Vol. I, An Historical Enquiry into the probable Causes of the Rationalist Character lately predominant in the Theology of Germany, London 1828, dtsch: Das Aufkommen und Sinken des Rationalismus in Deutschland. Ein historischer Versuch, nach dem Englischen Bearbeitet von Christoph Heinrich Friedrich Bialloblotzky und F. Sander, 1829, 1831, 1836); Adresse von Bialloblotzky im Auftrag von Gottlieb Wilhelm Hoffmann aus Korntal an das Panhellum: Rerum publicarum apud Graecos moderabitus illustrissimis salutem adprecatur, internam, externam, aeternam, in: Reisetagebuch am 9. Juni 1829 in Aegina, Archiv der Wesleyanischen Methodistischen Missionsgesellschaft; The Flexion of the Regular Hebrew Verb, London 1833; Liturgiae Ecclesiae Anglicanae, partes praecipuae, in Hebraicam Linguam traductae (Church of England, Common Prayer, Morning and Evening Prayer, scilicet preces matutinae et vespertinae, hebräisch übersetzt von Chr. F. H. Bialloblotzky, 1833; Certificates - An autobiographical sketch accompanied by certificates and testimonials, 1837; German Reading Lessons, Vol. II, Extracts taken from W. Menzel's »Geschichte der Deutschen«, 1838, 1842; Paradigms and Glossary to the »German Reading Lessons«, 1838; To the Worshipful the City of London School Committee..., A statement of his qualifications as a candidate for the Hebrew and German Professorship at the City of London School, 1836; Lexicon Radicum Hebraicum, Hebräisch und Latein, 1843; A Lexicon of the Hebrew Roots, Hebr.and engl., 1843; TA BIBLIA DIPLA, An edition of the Bible containing a combination of typographical helps and elucidations facilitating..., the grammatical aquisition of the original Languages, Privatdruck, 1843; Inflexions or Accidence, Tables of Hebrew inflexions and accents, 1845; Specimen of an edition of the Hebrew Bible with the Greek of the Septuagint, and a literal English rendering interlinearly arranged, Privatdruck 1843; Caleb Ashworth, The Hebrew Grammar with Principal Rules; compiled from some of the most considerable Hebrew Grammars, and particularly adapted to Bythner's Lyra Prophetica, ab 1846: Rivised and corrected by the Rev. F. Bialloblotzky; Ch. T. Beke, Journey to discover the Sources of the Nile (Statement of receipts and expenditure, an account of Dr. Bialloblotzky's Journey), o. J. (1850?); Ch. T. Beke, An Essay on the Sources of the Nile in the Mountains of the Moon (With a Map). Reprinted from the Edinburgh New Philosophical Journal, mit einem Brief von Bialloblotzky an Dr. Beke vom 5. Juli 1848 aus Pattensen bei Hannover; Ch. T. Beke, Failure of Dr. Bialloblotzky's Expedition to discover the Sources of the Nile, London 1849; Weitere Beiträge in: The Quarterly Journal of Education; Beiträge in: The Penny Cyclopaedia of the Society for the Defussion of Useful Knowledge, 30 Bde., 1833-1858, über: Sextus Julius Africanus, Ahwaz, Alexander Balas, Alexander Janaeus, Alexander Zebinas, Alexander son of Aristobulus, Amalekites, Amaziah, Amharic Language, Ammonites, Amorites, Amos, Ananias, Apion, Apocalypse, Apocaloptic Nights, Appolinaris, Appolonius of Tyna, Apologetics, Apologies of the Fathers, Apostles, Acts of the Apostles, Aquiba, Aquila, Aram, Aramaean Language, Ararat, Archelaus, Arians, Arius, Arminians, Arminius, Arnobius, Arrow-headed-Characters, Asceties, Asmonaeans, Asher or Ashi, Athalia, Assidaens, Athanasian Creed, Athanasius, Athenagoras, Athias, Baal, Barchochebas, Baruch, Bashan, Basnage, Behemoth, Belshazzar, Belus, Bethania, Bethesda, Bethlehem Judah, Bethphage, Bible (not English Bible), Bochart, Böhme oder Behmen. - Übersetzungen: Joseph Ben Joshua, hak-Kohen, The Chronicles of the Rabbi Joseph Ben Joshua Ben Meir, Vol. 1, 1835, Vol. 2 1836; Georg Heinrich Noeden, A Grammar of the German Language..., corrected by C. H. F. Bialloblotzky, 18388.

Quellen: Archiv der British and Foreign Bible Society, London, 12 Briefe (2.6.1828 bis 23. 5.1832); Archiv der Methodist Missionary Society, London, Briefe (1826-1830) und Reisetagebücher (1828); Archiv der Georg August Universität Göttingen, Prorektoratsbericht für das Semester vom 1. März bis 1. Sept. 1827 (D. Pott) und Bericht Bialloblotzky's über seine religiöse Vereinigung (22. März 1827); Klosterbibliothek Loccum, Briefe an von Arnswaldt.

Lit.: Christian Friedrich Elvers, Einige Worte über Missionswesen überhaupt und eine beabsichtigte Missionsgesellschaft in Göttingen insbesondere, 1827; - Leopold Witte, Das Leben D. Friedrich August Gottreu Tholucks, 2 Bde. 1884/1886, passim; - Karl Knoke, Warum einem in Göttingen 1827 sich bildenden Missionsverein die Genehmigung versagt wurde, in: Allgemeine Missionszeitschrift, Jg. 45, 1918, 233-247; - Karl Knoke, Friedrich Bialloblotzky und die Göttinger Gemeinschaftsbewegung, in: Ev. Wahrheit XI, 1919/20, 214-219, 234-238, 268-272 u. 278-281; - Ludwig Rott, Die englischen Beziehungen der Erweckungsbewegung und die Anfänge des Wesleyanischen Methodismus in Deutschland, Beiträge zur Geschichte des Methodismus, Beiheft 1, 1968; - Martin Cordes, Freie christliche Aktion als Herausforderung für Kirche und Theologie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, 1982, 62ff.

Lex.: Deutsche Biographische Enzyklopädie, Bd. 1, 1995, 511 (mit falschen Angaben).

Karl Heinz Voigt

Literaturergänzung:

Brief vom 15. Jan. 1828 an den Editor des Wesleyan-Methodist Magazine. in: Wesleyan-Methodist Magazine 1828, S. 121f;- Nicholas M. Railton,Transnational Evangelicalism. The Case of Friedrich Bialloblotzky (1799-1869), AGP 41, Göttingen 2002;- Friedemann Burkhardt, Christoph Gottlob Müller und die Anfänge des (wesleyansichen) Methodismus in Deutschland, AGP 43, Göttingen 2003, passim.;- Patrick Ph. Streiff, Der Methodismus in Europa im 19. und 20. Jahrhundert, EmK Geschichte - Monografien Bd. 50, Stuttgart 2003, passim;- Karl Heinz Voigt, Freikirchen in Deutschland. (19. und 20. Jahrhundert). Kirchengeschichte in Einzeldarstellungen Bd. III/6, Leipzig 2004, passim.

Letzte Änderung: 14.11.2007