Abini Zöllner

Ist Wahrheit das, wozu sich die Mehrheit bekennt?

Ach wäre das schön, wenn es die absolute Wahrheit gäbe. Dann wäre die Welt zwar schwarz-weiß, aber über den guten Menschen würde ein Heiligenschein schweben und die bösen würde man sofort am Glasauge erkennen. Dann wäre auch die Sendung „Zapp“ ein durchgängig ordentlich recherchiertes Medienmagazin und Senait Mehari eine freche Lügnerin. Doch so einfach ist es eben nicht. Willkommen in der Wirklichkeit.

Und das ist passiert: Am 14.2. verkündet „Zapp“ einen vermeintlichen Skandal. In der Sendung vom gleichen Tage gestehe angeblich Senait Mehari, deren Biographie „Feuerherz“ sich mehr als 400 000 Mal verkaufte und in der sie ihre Kindheit in einem ELF-Lager zu Zeiten des Bürgerkriegs beschreibt: „Ich war keine Kindersoldatin.“

Doch weder „gesteht“ Mehari, noch „räumt sie ein“. Tatsächlich sagt sie vor laufender Kamera „Ich war keine Kindersoldatin“ und sieht sich als „Kind des Krieges“. Sie sagt es völlig unaufgeregt, wirkt nicht bedrängt, in ihrer Stimme schwingt kein Ton einer Entschuldigung mit. Redet so jemand, der gerade mit der „Wahrheit“ konfrontiert wurde? Wie also lautete die gestellte Frage? In welchem Kontext sagte sie das?

In der zweiten Sendung (21.2.) referiert „Zapp“ stolz, dass die erste Sendung (14.2.) zwischen die Medienfronten „geraten“ sei – obwohl jene Redaktion natürlich die Medienfronten ersteinmal selbst provoziert hat und keinesfalls „hineingeraten“ ist, sondern sich mit einer lärmenden Pressemitteilung selbst hineinbegab. Auch das, eine Sache der Wahrnehmung.

Im Interview, das dann am 21. 2. in der „Berliner Zeitung“ erscheint, erhebt Senait Mehari einen Vorwurf gegen „Zapp“: „Die Aussage wurde aus dem Zusammenhang gerissen“. Und sie betont: „Natürlich war ich eine Kindersoldatin“. Längst unterstützten sie da Hilfsorganisationen und stellten mit dem „Zusatzprotokoll der UN-Kinderrechtskonvention“ von 2002 klar, dass Mehari ganz eindeutig unter die Definition „Kindersoldat“ fällt und „alle Lager der ELF militärischer Natur waren“. Doch „Zapp“ wiederholte am selben Abend nocheinmal dieselben Vorwürfe (keine Kindersoldatin! Freche Lügnerin!) und zeigte wieder dieselben Ausschnitte – aber nutzte nicht an einer Stelle die Möglichkeit, zu beweisen, in welchem Zusammenhang der Satz denn nun wirklich entstand. War es Ignoranz? Gab es dafür Gründe? Jedenfalls kam niemand dadurch der Wahrheit nur ein Stück näher.

In jener Sendung wird auch nocheinmal ein Zeitzeuge/Weggefährte angeführt, der Senait Mehari vorwirft, ihre Darstellung des Militärcamps sei frei erfunden – seiner Meinung nach handelte es sich nur um eine Schule. Sollte er dieselbe Zeit am selben Ort in Eritrea verbracht haben, sollte er über Belege verfügen, dann wäre er ein interessanter Zeuge.

Jener Mann schreibt sich in Zapp-Lesart Abrham Mehretaab. Ich habe genau diesen Zeitzeugen am Rande einer SPD-Veranstaltung als Abraham Mehreteab kennengelernt. Das ist zum einen von Belang, weil die eingeblendete E-Mail-Adresse eine völlig andere Schreibweise hatte als die E-Mail-Adresse, die unserer Redaktion vorliegt. Und es ist zum anderen höchstinteressant, weil dieser Zeitzeuge in der „Zapp“-Sendung vom 21.2. behauptet, kein Journalist sei bisher an ihn herangetreten, obwohl ich mit ihm persönlich am 15.2. – also sechs Tage zuvor – nach einem eineinhalbstündigen Gespräch die Visitenkarten austauschte.

Bei dem Interview, das ich in dieser Woche gemeinsam mit einer Kollegin führte, erzählte ich Senait Mehari von jenem Zeitzeugen. Sie reagierte sehr emotional und bestand darauf, mit ihm Kontakt aufnehmen zu können. Unmittelbar nach dem Interview stellten wir den Kontakt her. Senait Mehari redete mit Herrn Mehretaab/Mehreteab (?) in ihrer Muttersprache, doch er verstand sie offenbar nicht und wollte deutsch sprechen. Senait Mehari bestand – in unserer Anwesenheit – auf ein Treffen mit jenen Zeitzeugen, das ihr bisher nicht ermöglicht worden war. (Sie ist bis heute der Meinung, davon systematisch ausgeschlossen zu werden.) Sie wurde von Herrn Mehreteab gebeten, später anzurufen – seitdem ist jener Zeitzeuge für sie nicht mehr erreichbar.

Auch sein öffentliches Angebot bei „Zapp“ – er sei erreichbar – hat sich bis heute nicht bewahrheitet. Trotz unserer telefonischen und schriftlichen Anfragen an ihn, der indes schon seit neun Tagen meine Erreichbarkeiten kennt.

Was für einen „Zeugen“ hat „Zapp“ da also angeführt? Genau einen, der sich über Interesselosigkeit der Medien beklagt – und zugleich auf Anfragen nicht reagiert.

In der zweiten „Zapp“-Sendung kommt noch der taz-Redakteur Jan Feddersen zu Wort. Mehari wollte damals, das Feddersen als Ghostwriter ihre Biografie verfassen sollte. Doch bei den Recherchen wurde Feddersen angeblich klar, dass ihre Geschichte nicht stimme. Da wäre die alles entscheidende Frage: Welche Recherchen liegen Feddersen eigentlich vor?
Kein Wort.

Warum äußerte er seine Bedenken wegen des Wahrheitsgehaltes nicht gegenüber dem Verlag Droemer/Knaur?
Kein Wort.

Stattdessen die muntere Behauptung, der Verlag wollte sowieso nur eine „afrikaverheulte Dramengeschichte“. Im Tagesspiegel (23.2.) plustert er sich als großer Verweigerer auf, der sich nicht für das „Kindersoldaten-Caritas-Gemälde von Afrika“ hergeben wollte. Doch warum sagte er das nicht dem Verlag? Warum sagte er Droemer/Knaur damals lediglich „aus Zeitgründen“ ab?
Kein Wort.

Im Fall Senait Mehari müssen jetzt offenbar schon die Aussagen der Journalisten recherchiert werden.

Im Laufe meiner Recherchen sind die persönlichen Wahrnehmungen von Senait Mehari weder zu widerlegen noch zu bezweifeln. Senait Mehari immerhin war bereit, zu reden. Von Anfang an war sie nicht die einzige, die ihre Geschichte verteidigte – aber bis heute sind es immer noch wenige, die sie unterstützen. Ihre Gegner dagegen sind zahlreich.
Doch ist die Wahrheit schlicht das, wozu sich die Mehrheit bekennt?

Sicher ist, dass der Vorwurf einer Lüge absolut unhaltbar ist. Dass es Eritreer gibt, die ihre Geschichte bestätigen. Dass diese Menschen Angst haben öffentlich genannt zu werden. Dass es Courage erfordert, Dinge offen auszusprechen. Dass definitiv Druck ausgeübt wird. Dass es längst nicht mehr um Senait Mehari, sondern um Imagepflege, um den Ruf einer Organisation wie der ELF, und um den eines Landes geht. Dass aus einer angeblichen Enthüllung eine handfeste Kampagne gemacht wird. Dass sogenannte Fakten sich im Nachhinein nur als Behauptungen erweisen. Dass das Material an Dokumenten dürftig ist. Dass Einzelne wie Jan Feddersen sich profilieren. Dass einseitige Skandalrecherchen, wie die vom „Zapp“-Autor Peter Disch ohne gründliche Eigenrecherche übernommen werden (etwa vom Tagesspiegel, 17.2.) oder ohne jede Gegenrecherche zu hämischen Kommentierungen veranlassen (Süddeutsche Zeitung, 16.2., oder Berliner Kurier, 15.2.). Dass das Spiel „guter Journalist, schlechter Journalist“ zu einem Wettstreit der Schlagzeilen verkommt. Und dass „Zapp“ sich an den Maßstäben, die die Sendung aufstellt, endlich, endlich einmal selbst messen muss.

Hier interessieren keine Fahrlässigkeiten der "Zapp"-Redaktion, wie sie ihr schon beim BND-Skandal oder bei Jan Ullrich unterliefen. Hier geht es um Senait Mehari und darum, warum „Zapp“ zwar viele Fragen an andere stellt, aber selbst keine beantwortet.

Angst vor irgendeiner Wahrheit?
Gibt es am Ende mehr Farben als schwarz und weiß?

Verfasst am 24.02.07, 16:48 Uhr
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Kommentare

Hallo,
ich persönlich bin Eritrischer. Ich kann selber bezeugen, dass solche Kamps nicht gab.Und wenn es sie gab, war FRAU MEHARI nicht da drinne. Schauen sich die Bilder an.

Ein Beispiel: Im Buch steht das Wegahta eine mächtige Frau und breite Schultern hatte. Wenn Sie sich das Bild gern angucken, merken Sie das es ein widerspruch ist was Senait Mehari gesagt hat.


Ein anderes Beispiel ist das Wort. "Kindersoldat", das stimmt nicht Experten wie Herr Schröder (Eritrea Experte), bestätigen das es keine Kindersoldaten gab. Herr Schröder war mehr mals in der Kriegzeit in Eritrea und konnte sich ein Neutrales Bild machen.


Sehr geeerte Verfasser, ich denke ein Journalist sollte sachlich sein und nicht Emotinale Bindungen in sein Text wiedergeben. Wenn sie wollten, dass die Wahrheit rauskommt würden Sie Eritrische befragen.
Senait sucht auf ihrer Seite angeblich ZEITZEUGEN, warum das??? Argumentieren Sie nicht die Leute hätten Angst. In einem demokratischen Land wie Deutschland gibt es immer Wege und Mittel Leute zu befragen.

Was haben Sie dafür getan um die Wahrheit ans Licht zu bringen? Haben Sie mal versucht KOntakt mit anderen Eritrischen Mitbürgen zu bekommen?

Als ein guter Journalist müssen Sie doch selber Informationen finden können und nicht andere Kritisieren.
Es ist einfach die Arbeit von jemanden schlecht zu machen, jedoch muss man mit seiner eignen Arbeit bzw. Informationsquelle argumentieren.

Daswegen hoffe ich, dass Sie zu der Podiumdiskussion kommen werden um UNABHÄNGIG/SACHLICH ihre Meinung zu bilden.

Verfasst von: Temesgen | 03.02.08, 18:57 Uhr


Eine Bodenlose Frechheit zu behaupten das es Kindersoldaten in Eritrea gab.Ich bin selbst Eritrearin und kann mit erhobenen Hauptes sagen das Ich stolz auf mein Land bin.Und wir alle kennen die Wahrheit

Verfasst von: Wegachta | 07.10.08, 19:44 Uhr


Eritrea rangiert in Sachen Pressefreiheit auf dem letzten Platz - weltweit! Hinter China, Kuba usw.
Da haben Sie sicher allen Grund, stolz auf ihr Land zu sein.

Verfasst von: Verfasser | 14.10.08, 16:46 Uhr


Eritrea ist ein großartiges Land! Mit wunderschönen Menschen, besonders Frauen. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, daß die Volksregierung dort ihre eigenen Kinder in den Krieg schickt. In Eritrea will man noch etwas machen für die Menschen!

Verfasst von: David | 21.02.09, 22:41 Uhr


@ "David": Und immer noch ist Eritrea auf dem letzten Platz der Pressefreiheit (siehe Reporter ohne Grenzen).
Immer noch hinter China!, Kuba!, Iran! und Nordkorea!. Es hat sich leider nichts getan. Schon gar nicht gegenüber anderen Ländern, die auch "was für ihre Menschen machen".

Verfasst von: Verfasser | 22.02.09, 17:47 Uhr


Ich bin mir sicher,dass es in Eritrea keine Kindersoldaten gab!Meine Eltern stammen beide aus Eritrea,sie reden ganz offen über dieses Thema.In dieser ganzen Diskussion,versucht man Eritrea als ein unmenschliches "afrikanisches-0815"Land hinzustellen.Zum Thema "Meinungsfreiheit",unserPräsident möchte hiermit erreichen,dass solche dummen Geschichten gar nicht erst entstehen.

Verfasst von: Aron | 12.05.09, 02:51 Uhr


Wie demokratisch. Ihr Präsident entscheidet also, was dumm ist bzw. veröffentlicht wird. Jetzt erklärt sich auch die allgemeine Qualität des "Diskussions"-Niveaus und der letzte Platz auf der Rangliste der Pressefreiheit.
So kommt doch keiner der Aufklärung ein Stück näher.

Warum bringen Sie denn noch selbst den Begriff "afrikanisches o815-Land" ein? Sind Ihre Unterstellungen so verbindlich, wie die Tatsache, dass es keine Kindersoldaten gab?

Verfasst von: Willkommeninderdemokratie | 15.05.09, 17:22 Uhr


Der springende Punkt ist doch, dass es sich sehr wohl um ein afrikaverheultes Drama handelt, das man sich ins Regal neben seine König der Löwen-VHS und den Safaribildband stellt. Pure Selbstdarstellung, die nicht die geringste politische Aussagekraft zu haben scheint. Mir ist nicht bekannt, dass Frau Mehari jemals ihren Bekanntheitsgrad genutzt hätte um auf echte Missstände hinzuweisen.

Ob es Kindersoldaten gab oder nicht, das soll man doch diskutieren, wenn so etwas wie ein freiheitlich-demokratischer Zustandhergestellt wurde. Und zwar vor Ort. Meinen eritreischen Vorrednern merkt man leider an, dass sie von der eritreischen Realität genau so viel wissen wollen, wie all die rührseligen Liebhaber des Afrikakitsch.

Sie können gerne die Charts der Presseunterdrückung zitieren, aber stellen Sie das doch bitte nicht in einen nichtexistenten Zusammenhang mit "Feuerherz". Die Wahrheit ist nämlich keine Gefühlsduselei. Die Wahrheit ist auch kein fehlgeleiteter Nationalstolz. Die Wahrheit beginnt vor 500 Jahren mit der systematischen Ausbeutung eines Kontinents. Nur verkauft man damit keine Bücher...

Verfasst von: Merhawi Tesfa | 24.12.09, 04:10 Uhr


LIEBE SENAIT MEHARI,

wenn Dir das alles zu viel wird dann melde Dich einfach bei mir per email an.

Allen die Dich kritisieren lege ich einfach nur mal ans herz seite 326 aus Deinem Buch Feuerherz von oben an zu lesen. Du darfst in Deutschland nicht erfolgreich sein weil Du Dich geweigert hast uns Deutsche als Rassisten zu beschuldigen. auf Seite 326 steht u.a. zu lesen,Zitat:
Am krassesten war es in der Redaktion der taz selbst."das darft du in Interviews nie sagen", erklaerte mir eine Redakteurin noch vor der Enndausscheidung," dass du noch nie Rassismus erlebt hast in Deutschland."
Ende Zitat
Noch Fragen?

Liebe Senait, ich verabschiede mich mit meinen besten Wuenschen,

Peter
P.S. Bitte nehme mit mir per email Kontakt auf, denn nich moechte Dir gerne einen Brief senden

Verfasst von: Peter Traubel | 28.12.09, 21:42 Uhr


Lieber Herr Traubel,

in meiner Kritik an Frau Mehari habe ich mit keinem Wort von fehlenden Rassismusvorürfen gesprochen. Es freut mich eher das zu hören, die Lage in Deutschland ist insgesamt tatsächlich besser geworden. Das bedeutet allerdings nicht, dass es gar keinen Rassismus gibt, das darf nicht verschwiegen werden und wenn davon die Rede ist, so sollte das nicht, wie es ihr Beitrag tut als blinde Beschimpfung diskreditiert werden. Die meisten Rassisten würden sich niemals als solche bezeichnen. Das gilt für alle Ressentiments. Vorurteile hat jeder, aber man muss darüber reden.

Nichtsdestotrotz hat das immer noch nichts mit Senait Mehari zu tun. Ich will ihr auch nichts böses. Aber Kritik, gerade aus dem Lager der Eritreer, die dieses Buch am meisten betrifft, wird ja wohl noch gestattet sein und war ja wohl auch zu erwarten.

Für weniger Kitsch und mehr Wahrheit, M.T.

Verfasst von: Merhawi Tesfa | 04.01.10, 02:12 Uhr


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