Februar 2004

Nicht Deutschland begann den Luftkrieg gegen Zivilisten
Der hochausgezeichnete Oberst Hajo Herrmann über den anglo-amerikanischen Bombenterror und die deutsche Abwehr

DS: Herr Herrmann, wir dürfen annehmen, daß Sie als Kampf- und Jagdflieger sowie als Mitarbeiter in der Führungsebene uns erklären können, wie es von den anfänglichen glänzenden Siegen der Luftwaffe schließlich zum Versagen der Luftwaffe kam. Dem deutschen Zivilisten in der Heimat war unbegreiflich, daß die Amerikaner bei Tag kaum bekämpft wie zur Parade nach Deutschland einflogen. Ebenso fragen heute nicht nur die historisch Interessierten, wie es zu diesem Verlauf kam?

Herrmann: Die Anfangserfolge sicherte im Zusammenwirken mit dem Heer und der Marine eine starke Kampfluftwaffe, also die Bomber. Die Jagdwaffe war bedeutend schwächer. Das Verhältnis war ungefähr 8:1. Das war nicht verkehrt, denn die Jagdwaffe war stark genug, die englischen Tagangriffe im Jahre 1939 abzuwehren, so daß sie eingestellt wurden. Im übrigen kann man offenlassen, ob dieses Verhältnis wohlbedacht war, denn man hatte Polen als Gegner vor Augen. Nicht auch noch England und Frankreich, die Deutschland unerwartet den Krieg erklärten.
Die Bomber wurden ebenfalls zur Luftverteidigung herangezogen, indem sie die feindliche Luftwaffe am Boden zerstören sollten, wie ab 1. September 1939 in Polen, Holland, Frankreich und England geschehen. Insoweit deutete sich kein Mangel an.

DS: Wann, wo, wie kam es zum Niedergang? Vielfach wird behauptet, Deutschland hätte sich die Zerstörung seiner Städte selbst eingehandelt, ohne die Gegenwehr organisiert zu haben. Zu denken ist an Warschau und Rotterdam.

Herrmann: Die Behauptung, Deutschland hätte mit diesen beiden Operationen den Luftkrieg gegen die Zivilbevölkerung eröffnet, ist eine Propagandalüge. Wir haben nicht die Städte bombardiert, sondern die feindlichen Truppen, die sich am Rande von Warschau und Rotterdam verschanzt hatten und die deutschen Truppen beschossen. Die feindlichen Befehlshaber wurden zur Übergabe aufgefordert, die sie verweigerten oder zögerlich behandelten.

DS: Aber es wurden Wohnhäuser zerstört. Das Eigentum und Leben der Privatpersonen ist jedoch zu schonen, wie es die Haager Landkriegsordnung befiehlt.

Herrmann: Aber nicht, wenn der Gegner die Stadt zur Festung macht. Im Falle Warschau werden die Propagandisten eindeutig widerlegt durch den französischen Militärattaché General Armengaud, der in Warschau den deutschen Angriff miterlebt hat: Nach ihm handelten die Deutschen - nach mehrfacher Aufforderung zur Übergabe - in Übereinstimmung mit dem Kriegsrecht.
Im Falle Rotterdam wurden den Holländern Fristen zur Übergabe gesetzt, die sie in letzter Sekunde nach Androhung von Bombenabwürfen unter langwieriger Entschlußfassung, die reine Verzögerungstaktik war, erfüllten. Eine Gruppe meines Geschwaders KG 4 "General Wever" konnte per Funk zurückgerufen werden, - Landung mit Bomben - , während der Funkspruch die 2. Gruppe leider einige Sekunden zu spät erreichte. Geworfen wurden nur Sprengbomben, keine Brandbomben. Ein zusätzliches Unglück war, daß die Explosionen die alten Bauwerke entflammten und der Wind das Feuer ausbreitete.

DS: Also ein klarer Fall, das Kampfgeschwader Nr. 4 "General Wever" handelte rechtmäßig.

Herrmann: So ist es. Eine Verletzung der HLO - ein Kriegsverbrechen - wäre nur dann festzustellen gewesen, wenn die 2. Gruppe vorsätzlich nur auf die Zivilbevölkerung gezielt hätte und diese treffen wollte. Militärische Notwendigkeit verlangte die Bekämpfung des Gegners und den Schutz der deutschen vorgedrungenen Spitzen. Zivile Schäden waren dabei unvermeidlich. Sie werden neuerdings von den USA sehr weit gefaßt als Kollateralschäden bezeichnet.

DS: Wie denken Sie als ehemaliger Flugzeugführer des KG 4 darüber, daß man Ihnen den Bombenterror in die Schuhe schob?

Herrmann: Den Terror machten die Briten, indem sie nach gründlichen wissenschaftlichen Versuchen die Bombenfracht von Wohnblockknackern, sonstigen Spreng- und Brandbomben so vortrefflich zu mischen herausfanden, daß in den deutschen Städten die Hölle ausbrach.

DS: Wenn die englische Version ins Blaue hinein behauptete, die Deutschen hätten in Warschau und Rotterdam rechtswidrig gehandelt, was sollte das für einen Sinn gehabt haben?

Herrmann: Den Briten und der Weltöffentlichkeit - einschließlich der deutschen - vorzutäuschen, es sei nun gerechtfertigt, offene deutsche Städte zu bombardieren, also vorgeblich Vergeltung zu üben. Ablenkung und Begründungsnot. Sogleich im Mai 1940 unter Churchill fingen sie an. Zur Nachtzeit einfliegende Bomber bombardierten deutsche Städte, wobei bestimmte, militärisch bedeutsame Ziele, soweit überhaupt gewollt, nicht ausgemacht wurden. Die Zahl getöteter Zivilpersonen wurde im Rundfunk ständig bekanntgegeben.

DS: Wenn die Briten sich dennoch - verwunderlich, da selbst nicht betroffen - auf Vergeltung beriefen, hat sich dann sogleich die deutsche Führung mit besserem Recht auf Vergeltung berufen, indem sie Städte in England bombardieren ließ?

Herrmann: Keineswegs. Bis Mitte Juni habe ich nur Ziele zwischen Dünkirchen und Brest angegriffen, gezielt im Sturzflug auf die Verladungen in den Häfen. Erst ab dem 18. Juni 1940 flog ich über die englische Küste. Das war aber keine Reaktion auf das Bombardieren deutscher Städte, sondern strategische Planung, da England entschlossen war, den Krieg fortzusetzen.

DS: Konnte das der objektive Beobachter als Beginn der Terrorbomberei gegen England ansehen?

Herrmann: Auf keinen Fall. Es war etwas anderes. Wir haben ja nicht Gleiches mit Gleichem vergelten wollen, sondern sollten kriegswichtige Ziele angreifen zur Vorbereitung der Invasion. So waren meine Ziele: Öldepots von Thameshaven, chemische Werke von Billingham, Waffenfabriken in Newcastle oder die Lagerhallen im Hafen von Hull. Diese Ziele lagen an der Küste oder knapp dahinter. Angegriffen haben wir im Sturzflug bei Tage oder bei Vollmond oder im Horizontalflug. Ich sah alle diese Ziele deutlich wie auf dem Luftbild und auf dem stereoskopischen Bild einprägsam ersichtlich und durch Nachzeichnen eingeprägt.
Wir hatten Befehl, mit den Bomben zurückzukehren, wenn das militärisch wichtige Ziel nicht klar auszumachen war und die Gefahr bestand, daß Wohnplätze getroffen wurden. Das Abwerfen von Minen in Hafeneinfahrten war bedenkenlos möglich.

DS: Wie wurde das kontrolliert?

Herrmann: Die Engländer machten im Rundfunk großes Getöse, wenn auch nur ein einziges Wohnhaus beschädigt worden war, wie möglicherweise beim Angriff auf die Vickers-Armstrong-Werke in Newcastle geschehen… Kaum war ich mit meiner Staffel in Zwischenahn zurückgelandet, da stand schon der Kriegsrichter bereit, die Besatzungen zu vernehmen.

DS: Doch Sie schreiben in einem Buch, daß Sie im September 1940 London, die Stadt und Stadtbevölkerung, bombardiert hätten. Das hatte doch eindeutig eine andere Qualität? Wie sahen Sie das damals und wie sehen Sie das heute?

Herrmann: Diese neue Qualität hieß Vergeltung. Das sah ich damals so und sehe es heute noch so. Denn die Tatsachen stehen fest und werden nicht ernstlich bestritten. Lange hatte die Führung damit gewartet. Aber als die Engländer während der Luftkämpfe über dem Kanal und Südengland Ende August mehrere Nachtangriffe auf Berlin durchgeführt hatten und trotz Warnungen fortsetzten, gaben wir die entsprechende Antwort.
Die Luftwaffenführung versuchte, mit dieser Repressalie die britische Führung zur Aufgabe ihrer völkerrechtswidrigen Kriegsführung zu bewegen und sie in den Rahmen zulässiger Kampfführung, das heißt zu höchstmöglicher Schonung der Zivilbevölkerung, zu zwingen. Diese Botschaft konnten die deutschen und britischen Hörer, auf Kurzwelle auch die ganze Welt hören. Ebenso, daß dann die deutschen Bombardierungen aufhören würden.

DS: Sie sagen damit nicht weniger als daß die Trümmerhaufen in Deutschlands Städten, der Verlust unschätzbarer Kulturgüter und die Hunderttausende qualvoll Umgebrachter das völkerrechtswidrige Werk der Engländer und Amerikaner waren, auf deren Konto auch die befohlene Massenjagd auf Fußgänger und sonstige bewegliche "Ziele" ging.

Herrmann: Diese Verantwortung hat die britische Regierung durch die Schrift des J. M. Spaight, Mitglied im Kriegskabinett, in der offensichtlich nur für Eingeweihte gedachten Schrift "Bombing vindicated" ("Bomberei gerechtfertigt") eindeutig übernommen. "Es waren wir, die begannen." So wörtlich. Es sei britischer Mut gewesen, sich der Gefahr deutscher Vergeltung auszusetzen. Deckungsgleich damit haben es Engländer und Amerikaner für untunlich gehalten, in Nürnberg diese Art von Luftangriffen in die Anklage wegen Kriegsverbrechen aufzunehmen.

DS: Kürzlich war in der Sendung "Gomorrha" - Wiederholung der 80er Jahre - zu erfahren, daß wir mit dieser Art der Bomberei angefangen haben sollen und am Trümmerhaufen und an dem Massensterben selbst schuld seien.

Herrmann: Schon während der Produktion der Sendung "Gomorrha" habe ich in einer langen Unterredung mit der Leitung darauf hingewiesen, daß die geplante Darstellung der Siegerversion falsch ist. Man wollte nicht hören. Bei neueren Anfragen versuchte ich, mich auf die Forschungen des Militärgeschichtlichen Amtes zu stützen, die zu dieser Frage von den Medien anscheinend nicht genutzt werden.

DS: Das erläutert, wie es zu dieser von deutscher Seite nicht beabsichtigten Entwicklung kam. Aber warum konnte dem auf Dauer nicht entgegengetreten werden. Lag es an der zahlenmäßigen Unterlegenheit ?

Herrmann: Nicht allein. Sehen Sie sich die Nachtjagd an. Die britische Jahresproduktion an Bombern lag 1942 bei rund 15.000, die der deutschen Nachtjagd bei 1.700 Stück. In diesem Verhältnis standen sich auch annähernd die Frontverbände gegenüber. Die Verteidigung war, infanteristisch gesprochen, als Hauptkampflinie entlang den Küsten aufgezogen, durchaus abwehrkräftig gegenüber einem auf breiter Front einfliegenden Bomberverband. Diese Maginotlinie, die an jeder Stelle, aus technischen Gründen pro Abschnitt (Breite ca. 60 km) von 2 bis 4 Jägern verteidigt wurde, schien zunächst ausreichend, solange die Angriffe breit vorgetragen wurden.
Der große Bestand von ca. 250 Jägern blieb ungenutzt oder auf ruhige Abschnitte untätig verwiesen, als die britischen Bomber klugerweise nur in einem Abschnitt durchbrachen. Also 800 Bomber hatten zu tun mit vier Jägern, während die einsatzbereiten 250 Jägerbesatzungen müßig bleiben mußten. Das war der Zwang der Technik.

DS: Das ist einigermaßen verblüffend. Um so erstaunlicher, daß wir aus der Literatur von großartigen Luftsiegen einer Reihe Einzelner erfahren, mit 100 und mehr Abschüssen.

Herrmann: Es waren wenige, die sich so hervortaten und hervortun konnten. Daher ergab sich lediglich eine Erfolgs- und Abschußquote - auf Einflug und Rückflug - von durchschnittlich fünf Prozent. Das sind also 40 Bomber von 800 Angreifern. Das war der übliche Verlauf.

DS: Das ist imponierend in diesem schwierigen Geschäft. Aber 760 oder ein paar mehr haben Bomben geworfen, Häuser zerstört und Menschen getötet. Was sagen Sie zu diesem Verlauf ?

Herrmann: Er war unbefriedigend. Aber das System Maginot gab nicht mehr her. In der Gruppe IT des Führungsstabes, in der ich ein Referat hielt, wurde das gesehen. Wenn es gelänge die Verluste auf 10 Prozent zu steigern, wenn die Bomberbesatzungen also keine 10 Einsätze überlebten, so wäre die Moral der Bomber in nicht allzuferner Zukunft am Ende gewesen. Das ist meine Erfahrung als Kommandeur eines Kampfverbandes.

DS: Wie sollte die Steigerung der Erfolge erreicht werden ?

Herrmann: Es mußte ein System erfunden werden, das alle vorhandenen Kräfte an den Feind brächte. Über die wenigen erfolgreichen Funkmeßgeführten hinaus mußte für alle übrigen der Feind erkennbar sein oder erkennbar gemacht werden. Die mondhellen Nächte waren daher sofort zu nutzen, ferner die Flakscheinwerfer im Bereich der Städte. Absprache mit der Flak war erforderlich, jedenfalls wünschenswert. Von Bränden, von Scheinwerfern und Magnesiumfackeln durchleuchtete Wolken machten die Bomber ebenfalls sichtbar. Zusätzlich wurden die Jagdeinsitzer mobilisiert.

DS: Dann hätte die Nachtjagd wohl bald auf eine Erfolgsquote von 10 Prozent kommen müssen, was nicht der Fall war.

Herrmann: Die hier entwickelte operative Idee war zwar im Versuchsstadium erfolgreich erprobt, doch war sie mit der Einbeziehung einmotoriger Verbände und der Einweisung der traditionellen Nachtjagd Ende Juli 1943 noch nicht verfügbar. Da überraschten die Briten die Maginot-Nachtjagd durch Abwurf von Staniolstreifen, so daß das elektronische Aufspüren der Bomber unmöglich wurde. Und Hamburg war das Ergebnis. Die schon erwähnten Vorbereitungen liefen nun auf Hochtouren. Waren die Abschüsse über Hamburg unbedeutend, so stiegen sie trotz der fortgesetzten britischen Störungen - über Peenemünde und Berlin auf das alte Maß und über Nürnberg auf das Doppelte.

DS: Man fragt sich, warum das Entsprechende nicht spätestens ein Jahr vor Hamburg angepackt wurde. Was lief da aus Ihrer kompetenten Sicht falsch?

Herrmann: Zu dieser Zeit flog ich noch Einsätze gegen die alliierten Konvois im nördlichen Eismeer. Deshalb kann ich nicht zuverlässig sagen, welche Überlegungen vor und zu jenem Zeitpunkt angestellt wurden. Da müßten Sie im Bundesarchiv vorsprechen und Akten studieren.

DS: Wenn ich es richtig verstehe, lag das Problem bei der Nachtjagd in dieser Phase nicht in ihrer zahlenmäßigen Stärke, sondern in der durch die Technik angeblich vorgegebenen Beschränkung. Wie sah es bei den Amerikanern aus ?

Herrmann: Die von mir für das Jahr 1942 genannten britischen Produktionszahlen hatten ihr Gegenstück in den amerikanischen. Hier stand eine Jahresproduktion von ca. 15.000 vier- und zweimotorigen Bombern einer deutschen Jahresproduktion von 10.000 Jägern gegenüber. In dem entsprechenden Verhältnis standen sich die Frontverbände gegenüber, auch wenn man den Bedarf der Amerikaner im Pazifik und den der Deutschen an der Ostfront und in Afrika berücksichtigt.

DS: Das sieht verhältnismäßig günstiger aus.

Herrmann: In der Tat war den "Fliegenden Festungen" B17 bei Einflügen in die Tiefe beizukommen, wenn sie ohne Jagdschutz flogen. Auf eigenen Jagdschutz konnten sie nur beim Durchfliegen der deutschen Verteidigungszone rechnen, die ähnlich der Nachtjagd entlang der Küste aufgebaut war.
Jedoch war der Anstieg der amerikanischen Produktion unverkennbar. Daher mußten die Jagdgeschwader zurückverlegt und konzentriert werden, um sie als eine zusammengefaßte Streitmacht zu kräftigen entscheidenden Stößen zu befähigen. Nach erheblichen Verlusten 1943 mußten die Amerikaner sogar fünf Monate pausieren. Indessen war der steigenden amerikanischen Produktion, insbesondere der Langstrecken-Begleit-Jäger, auf weite Sicht nur dann zu begegnen, wenn unsere Jägerproduktion sofort, im Herbst, spätestens Anfang Winter 1942 entsprechend erhöht wurde. Das entsprach zumindest dem Durchblick, den ich zu dieser Zeit gewonnen hatte. Es ist im Kern auch so vom Militärwissenschaftlichen Forschungsamt ermittelt worden.

DS: Aus dem Schrifttum wissen wir, daß die Jäger um Erhöhung ihres Etats sehr verbissen kämpften. Wieso geschah es nicht?

Herrmann: Es stritten sich die Bomber und die Jäger um die der Luftwaffe zugeteilte Decke, Material und Produktionsflächen. Das führte den Jägern nur unzureichende Vorteile zu. Die Gruppe T des Führungsstabes und der Inspekteur der Kampfflieger hingegen befürworteten und forderten deshalb, daß 35 zweimotorige Frontkampfgruppen, also Zweidrittel der gesamten Bomberflotte, abgerüstet und zu 70 einmotorigen Jagdgruppen aufgerüstet würden.

DS: Erstaunlich, daß der General der Kampfflieger und das Ressort "Kampfflieger" selbst eine so weitgehende Abrüstung der Bomber betrieb. Was wurde aus dem Angebot?

Herrmann: Es war gleichzeitig Abrüstung und Umrüstung. Das einmotorige Flugzeug sollte ja Mehrzwecker sein, also Jabo, Tag- und Nachtjäger und Schlachtflieger, wie es teilweise und gelegentlich, auch schon in Spanien, gehandhabt wurde und die Amerikaner es 1944 insbesondere als Schlachtflieger nachholten. Die beiden genannten Ressorts hielten eine Grundentscheidung zu diesem Zeitpunkt, 1942, für unausweichlich.

DS: Was sprach dagegen?

Herrmann: Etwa folgende Betrachtung: Die Engländer hatten wir aus Griechenland, dann aus Frankreich hinausgeworfen, wir standen an der Wolga, hatten die Sowjetunion hinsichtlich ihres Öls im Würgegriff, standen in Afrika und am Kaukasus. So konnte man hoffen, mit einem starken Bombereinsatz in Zusammenarbeit mit dem Heer eine Entscheidung in Rußland herbeiführen zu können und den Rücken zur Wendung gegen die Amerikaner und Engländer freizubekommen.

DS: Das hört sich vertretbar an.

Herrmann: Dieser Entschluß war ein strategisches Wagnis, das nicht gemeistert wurde. Meines Erachtens war es die Kulmination der Kriegsführung im Sinne Clausewitz. Wir blieben auch mit der Luftwaffe in Rußland gebunden, wo übrigens die Umrüstung kaum eine Lücke geschaffen hätte. So wurde der Augenblick verpaßt, an dem der Anschluß an die amerikanische Rüstungssteigerung noch hätte erreicht werden können. Diese lief uns davon, die Amerikaner gewannen gewissermaßen die Höhe des Berges und wir kämpften mühsam am rutschigen Hang. Als der Minister Speer 1944 die gesamte Bomberrüstung einstellen ließ, war es für den althergebrachten Krieg mit der Me 109 und der FW 190 zu spät. So erlitt die deutsche Luftverteidigung an der Invasionsfront 1944 die entscheidende Niederlage. Was die Jagdflieger dabei aber leisteten und opferten, wird dauernder Anerkennung sicher sein.

DS: Wollen Sie damit sagen, daß die Luftwaffe seit dem Herbst 1944 am Ende ihrer Kräfte war?

Herrmann: Mit diesen Kräften - ja. Das muß jeder eingestehen, der die damaligen Bilder vor Augen hat. Die Amerikaner zerstörten unsere Hydrieranlagen, unsere Flugzeugfertigung und mit den Briten zusammen Dresden und andere Städte.

DS: Nun wurden, erstaunlich genug, 1944 noch 4.000 Jagdflugzeuge im Monat produziert.

Herrmann: Auch zu spät. Denn die besten Flugzeugführer waren vorher in den Kämpfen gegen die Übermacht gefallen. Ein Jagdflieger wird nicht so schnell aufgebaut wie ein Jagdflugzeug. Unsere Nachwuchsjäger wurden am Fallschirm abgeschossen.

DS: Das klingt trostlos. Gab es da noch eine Hoffnung, eine Perspektive ?

Herrmann: Perspektive oder nicht - die meisten sahen keine mehr. Aber sie hielten aus und kämpften. Doch der Aufruf des Oberbefehlshabers der Luftwaffe enthielt die unheilvolle Botschaft, daß es nach unserer Niederlage kein "Deutsches Reich" mehr geben würde, daß Ausrottung, Deportation, Sklavenarbeit, Vermischung und geistige Perversion unser Los sein würde, und niemals Frieden.

DS: Sahen Sie eine Alternative?

Herrmann: Ab 1. Januar 1945 hatte ich fünf Kampfgeschwader auf Düsenjäger umzuschulen, und mit diesen Flugzeugen auszurüsten. Mehr und mehr Flugzeuge wurden angeliefert, unter den Luftangriffen der Amerikaner. Das Flugzeug, mit einigen Hundert verfügbar, sollte mit überlegener Fahrt, für die Mustangs uneinholbar, die "Fliegenden Festungen" mit großkalibrigen Bordwaffen zur Strecke bringen.

DS: Das sollte noch zum Zuge kommen?

Herrmann: Die Vorbereitung dieser Entscheidungsschlacht war vor Angriffen auf die Ausbildungsplätze dieser Geschwader zu sichern. Der Gegner hatte die ihm drohende Gefahr erkannt. Außer der Sicherung durch Flak tat eine kleine Gruppe mit Me 262 ausgerüsteter Flieger im Versuchsstadium das Ihre, so auch die Rammer. Als schärfste Aushilfe war der Bombenwurf auf die geschlossenen Bomberformationen nahezu frontreif, - die mit Luftdruckzündern versehene Sprengbombe sollte aus einer geringen Überhöhung abgeworfen werden und die Sprengung der Formation bewirken. Das bedeutete das Ende der Bombenteppiche auf die Städte und empfindliche Ziele.

DS: Was war der Erfolg aller dieser taktischen Sicherungen der Düsen-Wunderwaffe ?

Herrmann: Die Amerikaner forcierten die Angriffe auf die gefährlichen Flugplätze. Auf dem Flugplatz Neuburg an der Donau wurde mein neben mir in Deckung liegender Bordmechaniker von einem Bombensplitter auf der Stelle tödlich getroffen, ich wurde am Bein verwundet. Dieses nehmen Sie bitte exemplarisch dafür, wie hochtourig die Amerikaner kämpften, um dem Aufmarsch der Düsenjäger zur Entscheidungsschlacht zuvorzukommen. Tausende von Splitterbomben hatten unsere Flugzeuge durchsiebt.

DS: Die letzten dramatischen Bemühungen waren also vergeblich. Die Niederlage ist Geschichte, die unmittelbare Folge war Verzweiflung, Trauer und Elend. Heute fragt man: warum habt Ihr 1939 angefangen ?

Herrmann: Mit Ihrer Frage und meiner Antwort treten wir aus dem Militärischen heraus und kommen in die Politik. Ich kann mit aller Bestimmtheit sagen: Wir wußten, wofür wir kämpften. Für die Rückführung der vertriebenen Deutschen, für die Rückgewinnung des deutschen Danzig und des Korridors, gegen die Mißhandlung und Entrechtung der in Polen verbliebenen Deutschen und alles das nur, weil der Westen die friedliche Lösung dieses nationalen wie humanitären Anliegens um seines Krieges willen hintertrieb. Wir kannten das Grundübel, und die Welt kannte es. Wir brauchten es, wie neuerdings üblich geworden, nicht zu erfinden.

DS: Herr Oberst Herrmann, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Gespräch führte DS-Mitarbeiter Ralph Tegethoff.

 

Hajo Herrmann

Hajo Herrmann
Am 1. August 1913 in Kiel geboren, wurde 1933 Soldat, 1935 Leutnant in der Luftwaffe. Er kämpfte als Flugzeugführer, Staffelkapitän, Gruppenkommandeur, Geschwaderkommodore und Divisionskommandeur in 370 Feindflügen auf fast allen Kriegsschauplätzen, wirkte an wichtiger Stelle im Luftwaffenführungsstab und versah das Amt des Inspekteurs der Nachtjäger.
Er schoß neun viermotorige Bomber ab und versenkte 60.000 Tonnen feindlichen Schiffsraum. Er erhielt die Schwerter zu Ritterkreuz und Eichenlaub. Zuletzt war er Oberst. 1955 aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt, studierte Herrmann Rechtswissenschaften in Kiel und London und arbeitete seit 1965 als Rechtsanwalt.
Am 1. August 2003 beging er in Düsseldorf seinen 90. Geburtstag. In seinem Buch "Als die Jagd zu Ende war" schildert Herrmann seine Erlebnisse in Rußland, in dem Buch "Bewegtes Leben" seine Kriegsjahre.

 

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