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  TRIBÜNE Juni 1999

Das Schloß in der Oderberger

Von Bernd Holtfreter, Mitglied der Bürgerinitiative Stadtbad Oderberger Straße und baupolitischer Sprecher der PDS im Berliner Abgeordnetenhaus

In dieser Stadt gibt es einen Mann, der für die Wiederauferstehung eines Hauses kämpft, das es nicht mehr gibt, da es vor Jahrzehnten schändlich gesprengt wurde. Er läßt in den Trümmerbergen nach Bruchstücken graben. Er gibt Millionen aus, um ein paar Monate für dieses Gebäude mit einer textilen Illusion zu werben. Er sammelt Unterschriften von Prominenten. Was ihm nur noch fehlt, ist eine Milliarde Mark. Er ist von seinem Sieg überzeugt.


FLUTEN 2 im Stadtbad Foto: R. Zöllner

Ich bewundere diesen Mann und bedauere ihn zugleich. Er kämpft mit großer Energie für etwas, das längst verloren ist, das höchstens eine schlechte Kopie werden kann. Er tut mir leid, weil er bei all seinen Bemühungen nicht wahrnimmt, daß es in dieser Stadt zahlreiche Gebäude gibt, die es verdient hätten, eine Chance zu bekommen. Als Beispiel sei ein Haus genannt, dessen Errichtung vor genau einhundert Jahren begann und das keine 3.000 Meter vom verlorenen Schloß entfernt ist. Die Rede ist vom Stadtbad Prenzlauer Berg in der Oderberger Straße. Gebaut als Wasch- und Badeeinrichtung für die Ärmsten der Armen, wurde es dennoch mit einem architektonischen Reichtum und plastischen Schmuck ausgestattet, wie er in dieser Stadt kaum noch zu finden ist. Eine Denkmalpflegerin sprach gar von einem "stattlichen Renaissanceschloß", dessen drei Giebel an der Straßenseite die Giebel an Größe und Formenreichtum übertreffen, die den aus der Renaissancezeit stammenden Apothekenflügel des Berliner Stadtschlosses zierten.

Fragen über Fragen

Warum verfällt dann seit 13 Jahren dieses bestehende architektonische Schmuckstück, während anderswo Menschen bereit sind, mit einem gigantischen Aufwand eine Doublette ihrer Bewunderung zu errichten? Warum gibt es keine Lobby für das Stadtbad, warum kümmern sich der Bezirksbürgermeister und seine Baustadträtin nicht um das Original? Warum fällt der zuständigen Anstalt, den Berliner Bäderbetrieben, nichts anderes ein, als aus der "Volksbadeanstalt" ein Boardinghaus zu machen, was immer das auch sein mag? Mit welchem Recht darf der alleinige Herrscher über Becken und Planschen entscheiden, "daß es kein Schwimmbad mehr werden darf, das ist ganz klar."? (Günter Kube in VOR ORT)

Der Sanierungsbeauftragte S.T.E.R.N. erklärte noch vor zwei Jahren, daß "... ein baldiges Handeln zugunsten des Erhalts des Stadtbades, vor allem der Bausubstanz notwendig ist. Dieses schließt eine umfassende Diskussion über die zukünftigen Nutzungen an diesem Standort ein". Steht S.T.E.R.N. noch zu dieser Aussage?

Gehandelt haben in den letzen Jahren nur wir Anwohner in der Bürgerinitiative Stadtbad: Im Herbst 1994 fluteten wir mit tausend Fotos das Becken. Sechstausend Leute kamen und hinterließen Sätze wie "Ich will Kunst - Ich will baden!" oder "Wir wollen unser Stadtbad wiederhaben!". Drei Jahre später FLUTEN 2 mit Besetzungen und Wachschutz, weggesperrten Grafiken und schönster Klezmer-Musik.

Wir entwickelten ein eigenes Konzept für die Sanierung, Betreibung und Finanzierung zum Erhalt des Bades plus Sauna plus Jugendhotel. Es wurde von Experten der IHK und der Hotel- und Gaststätteninnung befürwortet. Wir schafften es, die Hessische Landesbank für die Finanzierung zu gewinnen. Dieses Konzept ist nicht gescheitert, wie der Bäderchef in VOR ORT behauptet hat, weil es sich als nicht tragfähig erwies und auch nicht, weil es nicht finanzierbar war, sondern allein, weil Herr Kube und seine Senatorin Ingrid Stahmer es nicht akzeptieren können, daß sich außerhalb ihres Monopols unser Stadtbad zu einem funktionierenden und beliebten Schwimmbad entwickeln könnte. Deshalb darf aus dem Bad Oderberger Straße künftig alles Mögliche gemacht werden, nur kein Schwimmbad mehr. Der "wasserscheue" Kube, der auch schon andernorts Schwimmbecken mit Sand gefüllt hat, wird sich mit Hilfe von S.T.E.R.N. auch durchsetzen, wenn wir sie nicht daran hindern. Die BI wird als nächstes das nachholen, was der Sanierungsbeauftragte schon vor zwei Jahren angekündigt hatte: eine Diskussion über die zukünftige Nutzung mit den Anwohnern, den Alteingesessenen wie den Hinzugezogenen, den Liebhabern von Bau- und anderer Kunst. Wir werden dieses Bad wieder zugänglich machen, notfalls über den Hintereingang, denn wer es betritt, ist überwältigt von dem ästhetischen Erlebnis und bereit zu kämpfen für die Rettung dieses Hauses. Alle sind herzlich eingeladen, auch der Herr des Schlosses. Wir treffen uns am 16. Juni ab 19 Uhr in der Kiezkantine, Oderberger Straße 50.

VORORT - Bauen und Wohnen in Prenzlauer Berg