Kunst in Prenzlauer Berg | Figürliche Positionen | Geschichte der Kunst ...

   

Figürliche Positionen
Bildhauerkunst in Prenzlauer Berg

 

Zur Geschichte der Kunst im öffentlichen Raum von Prenzlauer Berg

Prenzlauer Berg ist reich an Kunstwerken im öffentlichen Raum. Vor vielen öffentlichen Gebäuden, auf Straßen und Plätzen und besonders in Grünanlagen stehen insgesamt mehr als 90 Kunstwerke verschiedener Künstler. Der Besucher kann die Sammlung durchschreiten wie ein Freiluftmuseum und findet dabei Bezüge zum Raum, seiner Architektur und Landschaft, oft auch zu Kultur und Geschichte des Bezirkes. Diese zumeist figürlichen Arbeiten bestimmen den sie umgebenden Raum und in der Gesamtheit den Charakter des Bezirkes. Die meisten der aufgestellten Werke sind nicht nur von außen hineingetragen, sondern in Prenzlauer Berg selbst entstanden und hier fest verwurzelt.

Die Geschichte von Kunst im öffentlichen Raum beginnt für den Bezirk schon vor seiner Gründung: Auf dem heutigen Senefelderplatz wurde zum Ende des 19. Jahrhunderts das Denkmal von Rudolph Pohle zu Ehren des Erfinders der Lithographie, Alois Senefelder, eingeweiht. Sieht man von den reich gestalteten Fassaden an Bürgerhäusern und Kirchen sowie von den Friedhöfen mit ihren oft sehr schönen plastischen Grabmalen ab, stellt es neben Hermann Hiddings Wandbrunnenrelief »Spinnerin« (1897) und dem »Fruchtbarkeitsbrunnen« Hugo Lederers (1927-1934) eine der ersten Bildhauerarbeiten im Straßenraum von Prenzlauer Berg dar. Während Lederers Brunnen 1934 noch zufällig zu seinem Standort am Arnswalder Platz kam (der Magistrat hatte auch Lichtenberg und Friedrichshain als Aufstellungsorte in Erwägung gezogen), verfolgte der Berliner Magistrat nach 1945 durch Aufträge und Ankäufe eine kontinuierliche Einbindung von Kunstwerken in den von engen Wohnbausiedlungen geprägten Arbeiterbezirk.

Die erste nach dem Krieg aufgestellte Plastik »Mutter mit zwei Kindern« von Käthe Kollwitz (Bild links, 1937, Muschelkalk) stellte hierbei eine Ausnahme dar. Nicht der Magistrat, sondern der Bildhauer Gustav Seitz hatte vorgeschlagen, die Künstlerin mit der Aufstellung einer Plastik zu ehren. Der Stein, der zunächst auf der Platzmitte, dann am Ort ihres ehemaligen Wohnhauses plaziert wurde, war von Herbert Tucholski aus dem Keller der Ateliergemeinschaft Klosterstraße gerettet worden.

Nach 1970 gab das »Gesetzblatt Kunst am Bau« auch den Bezirksämtern die Möglichkeit, drei Prozent der Baumittel für Kunst zu verwenden. Dem Bezirk wurden nun Mitsprachemöglichkeiten in der Entscheidung, welche Werke an neue Standorte kamen, eingeräumt. Bei allen Neubauten von öffentlichen Einrichtungen und Betrieben wurde Kunst von nun an in das Gestaltungskonzept einbezogen. Dabei wurden besonders junge Künstler mit Aufträgen oder Ankäufen unterstützt. Beispiele dafür sind Sabina Grzimeks Brunnenplastik im Pratergarten (1976-81) und Wolfgang Friedrichs »Liegendes Paar« im Wohngebiet an der Gubitzstraße, 1972 in seiner Studienzeit entstanden. Ab Ende der sechziger Jahre standen dem Bezirksamt auch Mittel zur Verfügung, die zum Ankauf von Kunst eingesetzt werden konnten. So wurde 1968 der »Sitzende Junge«, eine Arbeit aus der Meisterschülerzeit von Werner Stötzer, angekauft. Innerhalb von Landschaftsgestaltungen im Volkspark Prenzlauer Berg erhielten Stefan Horota und Erwin Damerow Aufträge für Plastiken.

Bei den Ankäufen und Aufträgen achtete man darauf, vorwiegend im Bezirk ansässige Bildhauer zu fördern. Auf diese Weise konnten Arbeiten wie Wilfried Fitzenreiters »Ruhender Sportler« (1973) angekauft werden. Christa Sammler schuf für die Schliemannschule an der Conrad-Blenkle-Straße eine Stele. Mit dem Umzug des heutigen Gymnasiums in die Dunckerstraße vor wenigen Jahren wechselte das Kunstwerk auch seinen Standort und wurde sogar durch die Künstlerin erweitert.

Mitte der achtziger Jahre begannen Bezirks- und Parteileitung der SED politische Denkmale in den Bezirk zu bringen. Das Thälmann-Denkmal (Lew Kerbel, 1981-86) oder das Kampfgruppen-Denkmal (Gerhard Rommel, 1983, inzwischen abgebaut) sind Zeugnisse davon. Als Gegengewicht können Arbeiten angesehen werden, die der öffentlichen Auffassung von Kunst eher entgegenstanden und politisch kritische Auffassungen darstellten. Prenzlauer Berg war inzwischen zur »Szene« geworden - um 1985 lebten zirka 300 Maler, Grafiker und Bildhauer sowie 35 Schriftsteller im Bezirk. Sie fanden hier Wohnungen und Ateliers, aber in der Hauptsache wohl einen etwas größeren künstlerischen Freiraum. Das spiegelte sich nun auch in den Arbeiten wider: so zum Beispiel Karl Biedermanns Relief »Widerstand« (1984), das von den Auftraggebern wegen fehlender agitatorischer Aussage abgelehnt wurde und später auf Wunsch der Kirche in den Garten an der Gethsemanekirche kam.

Parallel gab es für Neubaugebiete weiterhin Aufträge vom Magistrat, begleitet durch die Kunst-am-Bau-Kommission. Im Neubaugebiet Greifswalder Straße kamen so der »Quellbrunnen« (inzwischen abgebaut) von Peter Kern und die Skulpturengruppe »Drei ruhende Frauen« (1983) von Baldur Schönfelder hinzu. Im Thälmann-Wohnpark waren es unter anderem die »Sonnenuhr« (1986) von Joachim Liebscher oder die Bronzegruppe »Berliner Typen« (1986) von Johannes Harbort.

Zur selben Zeit gab es auch die Möglichkeit, Werke aus Archiven der Abteilung Kultur des Magistrats auszusuchen. So kamen für die Einbeziehung in Parkanlagen sechs weitere Arbeiten nach Prenzlauer Berg. Die bekanntesten Beispiele der vom Gartenamt 1987 ausgesuchten Arbeiten sind der »Knabe« von Carin Kreuzberg (1984/85, heute im Bezirksamt), die »Träumende« von Marguerite Blume-Cárdenas (1977, Kniprodestraße 62) sowie die »Hockende« (1978) von Emerita Pansowová am Humannplatz.

In den Jahren 1988/1989 wurde in Abstimmung zwischen der Abteilung Kultur und dem Gartenamt die Einbeziehung weiterer Kunstwerke in Platz- und Parkgestaltungen beantragt, was aber nur teilweise gelang, wie im Falle der Bronzeskulptur »Nackte vom Ostseeplatz« von Anna Franziska Schwarzbach.

Da nach der Wende die finanziellen Mittel für die Ausführung des Gusses fehlten, existieren viele der Arbeiten bis heute nur als Gipsmodell. Bei der Figurengruppe »Bettina und Achim von Arnim« von Michael Klein auf dem Arnimplatz, deren Ausführung in Bronze mehr als ein Jahrzehnt auf sich warten ließ, bewirkte der engagierte Einsatz von Anwohnern, daß sie nach langer Zeit gegossen und 1997 aufgestellt werden konnte.

Nach der Wende brachen für viele der hier beheimateten Künstler die existenzsichernden Grundlagen ihrer Arbeit in Form von Aufträgen und Ankäufen weg. Im öffentlichen Bereich gab es keine bindende Verpflichtung mehr, einen Prozentsatz der Bausumme für Kunst zur Verfügung zu stellen. Angesichts der wenigen finanziellen Mittel wurde in Zusammenarbeit mit der bezirklichen Kunst-am-Bau-Kommission die Einbeziehung von Künstlern und deren Werken in den öffentlichen Raum weiterhin versucht. Auf diesem Weg kam 1996 Wieland Försters Heinrich-Böll-Stele (1988) in den Bezirk. Sie wurde im Rahmen der Namensgebung der Hauptbibliothek von Prenzlauer Berg angekauft. Ebenfalls konnte die Figurengruppe »Albert & Einstein« (1998) von Anna Franziska Schwarzbach in den Neubau des Einsteinparks einbezogen werden.

Mit Rücksicht auf die leeren Kassen griff der Bezirk außerdem auf die Möglichkeit der Ausleihe von Kunstwerken zurück. Ein großer Teil davon ist auf dem Gelände des Bezirksamtes in der Fröbelstraße zu sehen. Das »Schiff zur Rettung der Unschuld der Kunst« (Martin Wilke, Thomas J. Richter, 1988/89) und die »Große Badende« (Wieland Förster, 1971) stehen seit 1993 in verschiedenen Teilen des Bezirksamtes.

Durch das Engagement verschiedener Bezirkspolitiker konnten auch Investoren für die Gestaltung von Kunstwerken im Zusammenhang mit ihren Bauwerken gewonnen werden. Gemeinsam mit der Kunst-am-Bau-Kommission wurden Wettbewerbe organisiert, deren Resultat, wie bei der Arbeit »Paar« (1998) von Astrid Mosch an der Landsberger Allee, schon heute zu bewundern ist. Zwei weitere Wettbewerbsergebnisse - an der Thomas-Mann-Straße und der Ecke der Prenzlauer Allee 3 - befinden sich in der Umsetzungsphase.

Trotz aller Einschränkungen und Haushaltsknappheiten hoffen wir, daß sich die großartige »Sammlung« von Kunstwerken im öffentlichen Raum von Prenzlauer Berg ständig erweitern wird. Sie prägt das Bild des Bezirkes entscheidend mit und bestimmt Identität und Lebensgefühl der hier lebenden Menschen. Vor der Zusammenlegung von Prenzlauer Berg mit Pankow und Weißensee zu einem Großbezirk scheint es uns wichtig und lohnend, auf diesen kulturellen Beitrag unseres Bezirkes hinzuweisen.

Wolfgang Krause
Amtsleiter des Naturschutz- und Grünflächenamtes Prenzlauer Berg

 

(rechts: Gustav Seitz: Käthe Kollwitz, 1956-59, Bronze)