Dienstag, 05. Oktober 2010
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Demokratie | Jugend | Kinder | Politik | Partizipation | Shell | Jugendstudie
Junge Staatsbürger

Demokratie leben lernen

Wie bestärkt man Kinder und Jugendliche darin, sich am politischen Leben zu beteiligen? Darüber sprachen die Teilnehmer des Zweiten Internationalen Demokratie-Symposiums, veranstaltet von der Initiative "ProDialog", unter dem Motto „Demokratie leben lernen“ in Berlin. In einem Punkt waren sich die Diskutierenden einig: Kinder und Jugendliche verstehen etwas von Demokratie und sollten nicht einfach übergangen, sondern als junge Staatsbürger behandelt werden. European-Circle-Reporterin Victoria Graf berichtet von der Veranstaltung.
Ulrich Schneekloth
Ulrich Schneekloth, TNS Infratest Sozialforschung (Foto: Shell.de)

Dabei interessieren sich nicht einmal die Hälfte der deutschen Jugendlichen zwischen 15 und 24 Jahren für Politik. Das besagt die aktuelle Shell Jugendstudie. Nur 40 Prozent der Befragten geben an, politisch interessiert zu sein. Ulrich Schneekloth vom Forschungsinstitut TNS Infratest Sozialforschung spitzt zu: „Was ist out? Drogen, Aktien und Politik.“ Doch im Vergleich zu den Erhebungen von 2002 und 2006 ist das politische Interesse leicht angestiegen. Und Schneekloth fügt hinzu: „Man muss sich nicht als politisch identifizieren, um sozial engagiert zu sein."

Engagement

Tatsächlich zeigen junge Leute beim Demokratie-Symposium, dass sie alles andere als passiv sind. Ob bei Amnesty, einer Schülervertretung oder beim Aufbau einer Online-Informationsplattform zu politischen Themen – die Formen gesellschaftlichen Engagements sind vielfältig. Oft geben Lehrer oder Freunde den Anstoß, sich einzubringen. „Menschenrechte, warum nicht?“, dachte sich etwa Sandra Stankjawitschjute. Sie ist heute zwanzig und engagiert sich auf Anregung eines Lehrers seit sieben Jahren bei der Amnesty-Jugend. Doch der Einsatz hilft nicht nur anderen. „Man lernt sehr viel, was man in der Schule gar nicht lernen kann: auf Menschen zuzugehen, Methodik, Rhetorik. Und man knüpft neue Kontakte“, erzählt Carla-Marie Brasseler vom Bildungswerk für Schülervertretung und Schülerbeteiligung.

Community Organizing

Der englische Lehrer Ben Hammond hingegen demonstriert, dass man Engagement doch auch in der Schule lernen kann. Er hat es sich zum Ziel gesetzt, Kinder an einer Londoner Schule zum Mitgestalten ihrer Umgebung zu motivieren. Das funktioniert mittels „Community Organizing“ – eine Gruppe von Menschen wird darin bestärkt, gemeinsam für ihre Interessen einzutreten. Hammond sieht sich in seiner Funktion als Community Organizer mehr als Vermittler denn als Lehrer. „Wie können wir als Schule unsere Gesellschaft verändern?“, ist die zentrale Fragestellung Hammonds. In einem Projekt haben sich Schüler zum Beispiel für die Neugestaltung einer dunklen Unterführung auf ihrem Schulweg eingesetzt. Die Kinder erarbeiteten selbstständig Lösungsansätze, um die Unterführung freundlicher zu gestalten. Tatsächlich waren sie bei Treffen mit den zuständigen Politikern so überzeugend, dass ihre Vorschläge mittlerweile umgesetzt wurden. Eine reale Veränderung, bewirkt durch das Engagement elfjähriger Schüler.

Kinder und Politik

Kinder wissen Bescheid
(Foto: pixelio.de/Rainer Sturm)

Politische Sozialisation setzt jedoch schon erheblich früher ein. Zu diesem Ergebnis kommt die Studie „Demokratie leben lernen“ vom Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung. „Politik ist allgegenwärtig“, erklärt Meike Vollmar, Projektmitarbeiterin der Studie. Auch Kinder im Grundschulalter werden bei Gesprächen in der Familie oder durch Wahlplakate mit Politik konfrontiert. Die Mannheimer Studie ergibt, dass Kinder schon während der Grundschulzeit über ein gewisses politisches Wissen verfügen, das sich laufend erweitert. Was machen Politiker eigentlich? Wie wird man „Bestimmer“? Kinder wissen Bescheid. Vollmar fasst zusammen: „Politik beginnt nicht erst im Jugendalter.”

Noch jünger

Selbst in manchen Kindertagesstätten gibt es Modellprojekte zur Förderung von Partizipation. „Kinder stoßen in Kitas in der Regel auf eine Monarchie. So können sie nicht erfahren, dass sie ein Recht darauf haben, Rechte zu haben“, bemängelt Reingard Knauer, Mitgründerin des Instituts für Partizipation und Bildung. Dieses hat das Konzept „Die Kinderstube der Demokratie“ entwickelt. Dabei erleben Kinder schon in den Kitas politische Beteiligung. Ein Kindergarten in Tarp in Schleswig-Holstein entwickelte etwa einen Stadtplan für die Gemeinde, der von Kindern für Kinder gestaltet wurde. Andere Kitas erarbeiteten Verfassungen, die festlegen, welche Entscheidungen von den Betreuern getroffen werden und was die Kinder selbst entscheiden können.

Bewusstseinswandel

Es existieren also Projekte, um die politische Partizipation junger Staatsbürger zu fördern. Dennoch gibt es Verbesserungspotential. Michael Rump-Räuber vom Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg fordert etwa mehr demokratiepädagogische Ansätze in Schulen: „Wir wollen eine Individualisierung des Lernens, da muss ein Bewusstseinswandel in den Schulen stattfinden.“ Die Jugend ist dafür bereit.

[VG]