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15.11.2010


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Scheungraber-Prozess Zehnfacher Mord - Urteil rechtskräftig

Josef Scheungraber aus Ottobrunn muss als verurteilter Kriegsverbrecher ins Gefängnis: Die lebenslange Haftstrafe gegen den 92-Jährigen ist nach Informationen der Münchenredaktion des Bayerischen Rundfunks rechtskräftig. Das Landgericht München sah es als erwiesen an, dass der ehemalige Wehrmachtsoffizier im Juni 1944 an der Ermordung italienischer Zivilisten beteiligt gewesen war.

Stand: 11.11.2010

Josef Scheungraber | picture-alliance/dpa

Bisher war der ehemalige Wehrmachtsoffizier und Schreiner auf freiem Fuß. Aufgrund seines hohen Alter bestand nach er Auffassung der Justiz keine Fluchtgefahr. Jetzt muss Scheungraber die Freiheitsstrafe aber antreten - sofern er haftfähig ist. Ob er gegen die Entscheidung des Bundesgerichtshofs auf europäischer Ebene Rechtsmittel einlegt, steht noch nicht fest. Der BGH hat die Revision des bei München lebenden 92-Jährigen abgewiesen. Ein Sprecher der Karlsruher Behörde bestätigte die Entscheidung der Hörfunkredaktion München des Bayerischen Rundfunks.

Das Urteil des Landgerichts München I vom August vergangenen Jahres ist damit rechtskräftig. Scheungraber war damals zu lebenslanger Haft wegen zehnfachen Mordes und versuchten Mordes an italienischen Zivilisten verurteilt worden.

Als Kompanieführer verantwortlich

Scheungraber hatte die Vorwürfe während des elf Monate dauernden Verfahrens stets bestritten. Für das Schwurgericht war es aber erwiesen, dass der damalige Kompaniechef in der 1. Kompanie des Gebirgspionier-Bataillons 818 im toskanischen Falzano di Cortona den Befehl zu einem Vergeltungsschlag für den Tod zweier Soldaten gab. Insgesamt starben 14 italienische Zivilisten.

Reaktionen aus Ottobrunn
Ottobrunner Feuerwehrler | Bild: picture-alliance/dpa

Bildunterschrift: Noch ist Scheungraber Ehrenkommandant

Der Angeklagte, früher Inhaber einer Schreinerei mit mehreren Angestellten, gehörte 20 Jahre lang dem Gemeinderat von Ottobrunn an, war Ehrenkommandant der Freiwilligen Feuerwehr, erhielt die "Bürgermedaille" - kurz: Der 92-Jährige galt vielen in Ottobrunn als geachteter Bürger.

Die Gemeinde will nun demnächst darüber entscheiden, ob der 92-Jährige die Medaille zurückgeben muss. Bürgermeister Thomas Loderer will die Angelegenheit dem Ältestenrat der Gemeinde vorlegen, der über Ehrungen zu entscheiden hat.

Seine Ehrenkommandantur bei der örtlichen Feuerwehr hat Scheungraber bereits verloren, so der Feuerwehrkommandant Klaus Ortmeier gegenüber dem Bayerischen Rundfunk. Scheungraber sei nun rechtskräftig verurteilt, damit verliere er automatisch seine Ehrung.

Scheungraber: Urteil ein "Saustall sondergleichen"

Im Bayerischen Fernsehen hatte Scheungraber das Urteil des Münchner Gerichts als "Schwindel und Saustall sondergleichen" bezeichnet. Wenn ich mir diese Richter da droben anschaue, da war vor 65 Jahren noch keiner auf der Welt. Die sind ja alle erst 55. Was haben die für eine Ahnung vom Krieg, von Nationalsozialismus, vom Dritten Reich?" Er könne nicht eingesperrt werden, "weil der ganze Schmarrn verlogen und erstohlen ist", so Scheungraber in der Sendung kontrovers im vergangenen Sommer.

Opfer waren ausschließlich Zivilisten

Demonstranten vor dem Münchner Landgericht | Bild: picture-alliance/dpa

Bildunterschrift: Angehörige der Opfer demonstrierten vor dem Münchner Landgericht

Bei den zehn Männern, die in dem Haus starben, habe es sich nicht um diejenigen gehandelt, die die deutschen Soldaten getötet hatten, sagte Richter Manfred Götzl. "Es handelte sich ausschließlich um Zivilbevölkerung, um Bauern und Bauernsöhne aus der Region, von denen nicht bekannt gewesen wäre, dass sie Kontakt zu Partisanen hatten." Die Sühneaktion Scheungrabers habe Unschuldige getroffen, da man der wahren Täter nicht habhaft werden konnte. "Bei seinem Vorgehen kam es dem Angeklagten darauf an, seinen Hass wegen des Todes seiner Soldaten abzureagieren und sich zu rächen."

Das Massaker in Italien

Die 14 Italiener starben am 27. Juni 1944 in Falzano auf grausame Weise: Vier wurden hinterrücks erschossen, elf in ein Bauernhaus getrieben, das Gebirgspioniere der 1. Kompanie des Bataillons 818 mit Dynamit in die Luft sprengten. Von diesen elf überlebte nur ein damals 15-Jähriger - mit erheblichen Verletzungen; er ist bis heute schwer behindert. Die Wehrmachtssoldaten richteten das Massaker als Vergeltung für den Tod zweier Kameraden an, die in einen Hinterhalt italienischer Partisanen geraten waren.

Rückblick: Urteil mit Beifall aufgenommen

Das Urteil von 2009 entsprach dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Die Verteidigung hatte auf Freispruch plädiert. Angehörige der Opfer sowie der Bürgermeister des italienischen Ortes Cortona waren damals nach München gereist, um an der Urteilsverkündung teilzunehmen. Es gehe nicht vordringlich darum, dass Scheungraber hinter Gitter komme, sagte Bürgermeister Andrea Vignini. "Es geht darum, dass die Wahrheit herauskommt." Das Urteil wurde im Gerichtssaal mit Beifall aufgenommen.

"Jahre fürs sogenannte Vaterland geopfert"

Im wohl letzten Prozess um Kriegsverbrechen der Wehrmacht in Italien hat Scheungraber die Kenntnis vom Massaker in Falzano abgestritten und ansonsten während des Verfahrens geschwiegen. Nur am vorletzten Verhandlungstag beklagte er, er habe Jahre seines Lebens "für dieses sogenannte Vaterland geopfert" und müsse nun mit mehr als 90 Jahren büßen. Die Toten von Falzano erwähnte er in seinem Schlusswort nicht.

Prozess vor vier Jahren in Italien

Mit dem Fall Scheungraber hatte sich vor vier Jahren bereits ein Militärgericht im italienischen La Spezia befasst - und den heute 92-Jährigen in Abwesenheit wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Antreten musste der Mann, der seit Jahrzehnten in Ottobrunn bei München lebt, diese Strafe nicht, Deutschland lieferte ihn nicht aus.

Die Münchner Staatsanwaltschaft hatte später eigene Ermittlungen in dem Fall eingeleitet und erhob im Januar 2008 Mordanklage gegen Scheungraber. Der Prozess gestaltete sich schwierig. Da kaum noch Augenzeugen leben, waren die Ermittler vor allem auf Dokumente, Experten-Gutachten und militärische Karten angewiesen. Insgesamt kamen im Verfahren gegen Scheungraber knapp 40 Sitzungstage zusammen.

Hintergrund
Kriegsverbrechen der Wehrmacht - Die Blutspur der Gebirgsjäger Gebirgsjäger im zweiten Weltkrieg, Demonstranten erinnern an Wehrmacht-Verbrechen | Bild: picture-alliance/dpa

Kriegsverbrechen der Wehrmacht - Die Blutspur der Gebirgsjäger Kriegsverbrechen der Wehrmacht Die Blutspur der Gebirgsjäger

Mit dem Prozess gegen Josef Scheungraber ist ein besonders dunkles Kapitel der NS-Zeit wieder in den Blickpunkt gerückt: die Wehrmachts-Kriegsverbrechen. Allein in Italien verloren dadurch mindestens 16.000 Zivilisten ihr Leben. [mehr] Kriegsverbrechen der Wehrmacht - Die Blutspur der Gebirgsjäger

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