Klassik hat Zukunft

Als Gründer und Chef von Naxos, des weltweit erfolgreichen Plattenlabels im Klassiksektor, ist Klaus Heymann eine Art Guru dieser Industrie. Er sieht die internetbedingten Entwicklungen durchaus positiv.

Herr Heymann, Sie kommen aus Deutschland, haben viel von der Welt gesehen und leben in Hongkong. Ist die klassische Musik in unserem Land auf dem absteigenden Ast?

KLAUS HEYMANN: Das glaube ich nicht. Die kleinen Labels verdienen alle auch noch ihr Geld. Dazu gibt es sehr viele Konzerte und ein relativ gesundes Musikschulsystem in Deutschland, das für viele Länder als Modell dienen könnte. Man muss die Konzerte ein bisschen weniger steif gestalten und junge Musiker unterstützen, die die klassische Musik nicht verbilligen oder verdummen. Die Zuhörer sollten zu ihrem Verständnis zusätzlich ein bisschen mehr Erklärungen erhalten.

Wie kann der Konzertbetrieb verändert werden?

HEYMANN: Ich bin mit einer Geigerin verheiratet, und sie spielt manchmal populäre Konzerte. Wenn die Leute die Melodie erkennen, klatschen sie und meine Frau verbeugt sich und lächelt das Publikum an. Die Leute müssen ein bisschen Spaß haben in den Konzerten. Zu Mozarts Zeiten haben die Zuhörer auch mitten im Stück geklatscht. Außerdem können die Konzerte in andere Locations als den Konzertsaal verlegt werden: ins Cafe oder in den Jazzkeller. Das Internet hat im Übrigen viel dazu beigetragen, dass junge Leute leichter Zugang zur Klassik finden, denn sie kaufen im Internet sowieso schon leichter ein.

Wird die CD in wenigen Jahren komplett vom Markt verschwinden?

HEYMANN: Etwa 25 Prozent werden immer noch ein physisches Produkt sein - ob das CDs, DVDs oder Blue Ray sein wird, weiß man nicht. Vielleicht kommt auch noch irgendeine neue technische Entwicklung dazu. Der Rest sind dann 25 Prozent Download und wahrscheinlich 50 Prozent irgendwelche Abonnements, wo man sich anhören kann, was man will.

Welche Rolle spielt das Internet bei Ihren unternehmerischen Überlegungen?

HEYMANN: Ich habe von Anfang an das Internet als großes Potenzial erkannt und auch gesehen, dass uns das Internet die Möglichkeit gibt, Künstler aufzubauen und zu bewerben. Deshalb sehe ich der Zukunft sehr positiv entgegen. Allerdings müssen wir uns dauernd neuen Verhältnissen anpassen und nachhaken, wie wir für unsere Aufnahmen Geld bekommen. Viel wird doch kostenlos von Piraten im Internet angeboten.

Inwiefern leidet das tiefere Verständnis der Klassik durch die totale Verfügbarkeit der Musik? Naxos selbst arbeitet ja auch mit an dieser Verfügbarkeit . . .

HEYMANN: Das ist für mich ein Eliteausspruch, mehr nicht. Er bedeutet einfach: Klassik soll weiter elitär bleiben. Ich dagegen finde die entgegengesetzte Entwicklung eine gute Sache. Man hört vielerorts Klassik. Die Verfügbarkeit ist ja nur die eine Seite der Medaille. Man findet vieles im Internet wieder, von dem man dachte, man würde es nie wieder hören. Es ist eine unglaubliche Möglichkeit, ins Netz zu gehen und nach den verschiedenen Musikstücken zu suchen und zu forschen. Man kann so viel im virtuellen Raum finden, wie man will.

Was findet man bei Naxos?

HEYMANN: Wenn Sie in unsere Music Library hineingehen, stehen Ihnen mehr als 50 000 CDs zur Verfügung. Ich glaube, wir haben über 100 000 Werke. Die hätten Sie früher nie an einem Ort gefunden und auch anhören können. Gut, dadurch, dass alles zu jeder Zeit verfügbar ist, wird es vielleicht nicht mehr als so hochwertig angesehen. Wenn etwas selten ist, weiß man das höher einzuschätzen. Doch im Grunde genommen ist es doch etwas Schönes, dass so viele Leute Klassik hören können. Ich sehe für die Zukunft der klassischen Musik nicht schwarz.

Früher wurden Sie von den Major Companies belächelt, heute verfügen Sie bei weitem über das größte Randrepertoire der klassischen Musik. Wie geht es mit Naxos weiter?

HEYMANN: Eigentlich sind wir heute kein Plattenlabel mehr, sondern ein Serviceunternehmen der klassischen Industrie. Wir leisten den physischen Vertrieb von fast allen unabhängigen Klassiklabels: von CPO über Naïve bis zu Chandos. Mittlerweile übernehmen wir auch den Vertrieb von Warner Classics in Nordamerika. Wir machen den Digitalvertrieb von all diesen Labels und haben die Plattformen "Music Library", "Classic Online", "Naxos.Com". Unser Logistikzentrum für die klassische Industrie sitzt in München; und damit verdienen wir Geld. Unsere Raritäten machen wir nur, um den Katalog abzurunden. Mit Randrepertoire können auch wir kein Geld verdienen.


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Autor: BURKHARD SCHÄFER | 01.04.2011

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