Interview mit "HORIZONT"-Award-Preisträger Tino Kreßner
Den Medien verschrieben
06.02.09 09:00 Uhr | Tino Kreßner ist Mittweidaer Medienstudent, erfolgreicher Unternehmensgründer und seit kurzem Preisträger des Nachwuchspreises der "HORIZONT-Stiftung" für seine herausragende Abschlussarbeit. medien-mittweida.de sprach mit ihm.
Tino Kreßner - Nachwuchspreisträger des HORIZONT-Awards. Quelle: Medienforum 2008

Wie bist du auf das Thema "Marketing 2.0" für deine Bachelorarbeit gekommen?

Wir hatten zum Abschluss des Studiums die Idee, einen Spielfilm zu drehen. Ich arbeite, seit ich 14 Jahre bin, an Webprojekten und möchte auch in diesem Bereich bleiben. Da meine beiden Firmenpartner sich auf Video und Audio spezialisierten, hatten wir die Idee, diese drei Interessen in einem Projekt zu vereinen: filmtrip.de. Mit meiner Bachelor-Arbeit wollte ich unsere eigene Produktion wissenschaftlich hinterfragen und zudem weitere Möglichkeiten finden, unsere Zielgruppe mit einzubinden und so den Film erfolgreicher zu machen. Meine Philosophie ist, das Nutzungsverhalten und Techniken des Web 2.0 auf klassische Marketing-Prozesse übertragen. Der Titel "Marketing 2.0" kam dann erst während des Schreibens.

Bei der Preisverleihung wurde deine Arbeit als "revolutionär" bezeichnet. Was macht sie in deinen Augen und in denen der Juroren besonders?

Mit meiner Abschlussarbeit "Marketing 2.0" untersuchte ich die Digitalisierung unserer Kommunikation und Arbeitsprozesse. Ich sah mir Projekte an, bei denen Menschen sich über kulturelle, nationale und soziale Grenzen hinweg vernetzen, gemeinsam Arbeit, Erlebnisse und Wissen austauschen.

Diese Veränderung ist so maßgeblich wie die Einführung des Buchdrucks für unsere Gesellschaft. Ich denke nicht, dass meine Arbeit revolutionär ist, sondern das, was sie beschreibt. Aus Sicht der Juroren realisierten wir mit Filmtrip in Deutschland das erste Film 2.0-Projekt. Damit leiteten wir in Deutschland einen Wandel in einer kompletten Branche ein. Branchen-Revolution wäre also trefflicher.

Praxisnähe war ebenfalls ein Kriterium für die Jury, dir den Preis zu überreichen. Konntest du viel Erfahrung aus deinen Aktivitäten im Medienbereich, neben dem Studium, auf dein Bachelorthema übertragen?

Die Erkenntnisse aus der Arbeit konnte ich direkt für das Filmprojekt anwenden. Der "MySpace"-Soundtrack-Contest, die Filmplakat-Abstimmung und der Open-Film-Shirt-Contest sind Erfahrungen, die ich in der Bachelorarbeit sammelte und dann umsetzte. Grundlegend ist filmtrip.de nur zu Stande gekommen, weil wir in Mittweida cross-medial ausgebildet wurden und so uns aus verschiedenen Spezialisierungen zusammen fanden.

Nach einer Uni-Ausbildung hätte ich mich wahrscheinlich nicht an ein solch großes Projekt gewagt. Mittweida gab uns aber durch viel Praxis im Vorfeld den Mut und auch die Einstellung, sich an Projekte heranzuwagen, die eigentlich viel größer sind, als die eigenen Kompetenzen. In Mittweida wird beispielsweise ein Medien-Kongress, Bandcontest und TV-Event veranstaltet, in komplett organisatorischer Hand der Studenten. Die meisten haben keinerlei Erfahrungen darin und dennoch können sich die Ergebnisse mit der Wirtschaft messen lassen.

Ich selbst organisierte den ersten Bandcontest mit und entwarf das Corporate-Design. Das "NOVUM"-Layout ist von mir sowie die komplette Gestaltung und der Online-Auftritt von "99drei Radio Mittweida" - natürlich immer in Teamarbeit. Wir entwickelten ein Screen-Design für eine TV-Show und mit unserem Verein "Bewegende Bilder" realisierten wir einige Kurzfilme mit der Unterstützung der Hochschule.

Deine Bachelorarbeit beschäftigt sich unter anderem mit dem veränderten Kommunikationsverhalten zwischen Produzenten und Konsumenten. Was hat das Internet in der Kommunikation grundlegend verändert?

Konsumenten werden selbst zu Produzenten und stellen Inhalte online. Aus ehemaligen Informations-Rezipienten werden Sender von Informationen – jeder hat die Möglichkeit, selbst ein eigenes Magazin oder einen TV-Sender online zu betreiben. Es ist ein enormes Potential an Kreativität da, was Produzenten für ihre Projekte nutzen können. Im Internet sind mehr als 50 Prozent aktive-selektive Nutzer. Alle anderen Medien werden vordergründig passiv in einer Lean-Back-Haltung konsumiert.

Das stark partizipative Verhalten hat zur Folge, dass Produzenten nicht mehr nur Informationen in den Kanal hineingeben können und ihr Mediabudget für die Kontakte bezahlen. Die Empfänger reagieren auf diese Informationen und produzieren selbst weitere Inhalte dazu. Um diese Kommunikation zu beeinflussen, muss der Produzent selbst Teil von ihr werden und sich auf Augenhöhe seiner Zielgruppe begeben. Er muss transparent und authentisch kommunizieren.

Wie ist die Horizont-Jury auf deine Arbeit aufmerksam geworden?

Ich bin über den Blog "off-the-record.de" auf das "HORIZONT"-Magazin gestoßen und anschließend auf die "HORIZONT"-Stiftung: Der Preis wurde zum zweiten Mal ausgeschrieben. Meine Arbeit schien thematisch dazu zu passen. Für das Stipendium wurde sehr stark nach der Vita ausgewählt, sagte man mir am Telefon. Ich bekam erst spät von der Ausschreibung mit reichte meine Arbeit so erst genau zur Frist ein - mit Expressversand, der mich über 20 Euro kostete. Diese Investition lohnte sich tatsächlich.

Deine Bachelorarbeit hast du Ende 2007 fertiggestellt. Was würdest du aufgrund der Schnelllebigkeit der Branche an deiner Arbeit bereits jetzt schon ändern oder sogar revidieren?

Die Arbeit schrieb ich im September 2007. Im November war das Feedback durch und die Arbeit gab ich im Dezember ab. Meine Arbeit ist beschreibend und zusammenfassend. Wahrscheinlich ein guter Überblick über das Web 2.0 und wie man als Firma sich dieses zu Nutze machen kann. Wenn ich heute eine Arbeit schrieb, wäre die wissenschaftlich fundierter und mehr auf die Ursachen dieser Entwicklung ausgelegt. Heute würde ich "Twitter" als wichtige kommunikative Entwicklung unserer Gesellschaft mit aufnehmen und wahrscheinlich viele Mechanismen auch stärker als Vorstufe für das mobile Internet beschreiben.

Welche Person war die interessanteste oder berühmteste, die du in Frankfurt bei der Preisverleihung getroffen hast?

Anke Schäferkordt von RTL. Alle Laudatoren und Preisträger waren im Vorfeld in einem abgetrennten Bereich und konnten sich unterhalten. Anke Schäferkordt ist zur Medienfrau des Jahres gewählt worden und war dabei absolut sympathisch und locker. Im Vorfeld scherzte sie sogar mit mir etwas. Das beeindruckte mich sehr.

Welche Erfahrungen hast du während der Auszeichnungsveranstaltung in Frankfurt mitnehmen können?

Erst einmal war es das umfangreichste und leckerste Buffet meines Lebens. Vor 1 000 wichtigen Medienmenschen zu sprechen, ist ein unglaubliches Gefühl. Ich werde immer besser, um mit meiner Nervosität klarzukommen. Wenn ich jetzt wieder irgendwo Nervosität spüre, hilft es unheimlich sich selbst zu sagen, dass ich schon vor 1000 Menschen sprach, die mir alle applaudierten – das gibt mir unheimlich viel Kraft und Selbstvertrauen.

Auf so einer Veranstaltung sind die Menschen nett und jeder freut sich angesprochen zu werden und redet gern mit dir – es könnten schließlich wichtige Kontakte für die Zukunft entstehen. Auf jeden Fall sollte man Visitenkarten mit haben und sich kontaktfreudig zeigen.

Hast du schon bei Fertigstellung der Arbeit mit einer Auszeichnung gerechnet? Hast du schon während der Fertigstellung gemerkt, dass diese Arbeit etwas besonderes ist?

Bei dem letzten Satz meiner Arbeit, wirklich fünf Sekunden nach dem Abspeichern, ist in Mittweida für einen Tag der Strom ausgefallen. Es war gegen vier Uhr nachts. Noch nie sah ich so eine Dunkelheit. Am nächsten Tag bin ich zu Alexander Schulz und erzählte ihm von meiner Arbeit. Weil wir kein Internet und Strom an dem Tag hatten, sponnen wir einen Tag, was wir aus diesen Erkenntnissen machen können. In meiner Masterarbeit werde ich dabei eine Idee weiterverfolgen. Also: Fortsetzung folgt.

Mit einem Preis rechnete ich allerdings nicht. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt nicht, dass man für Abschlussarbeiten überhaupt Preise gewinnen kann.

Ressort: Campus | Themen: Hochschulleben
Eric Birnbaum
Über den Autor:
Name:
Eric Birnbaum




Nach allen Artikeln des Autors suchen

Zurück

Diesen Artikel kommentieren

*
*
Bitte rechnen Sie 7 plus 1.*

Diesen Artikel weiterempfehlen

Share |

Socialmedia

medienMITTWEIDA bei Twitter medienMITTWEIDA bei StudiVZ medienMITTWEIDA bei YouTube
Die Seite durchsuchen
Campustour
interaktiver Fakultätsrundgang
Bildergalerien
Karikatur
13.04.11 Berufsfeld ohne Feierabend
medienMITTWEIDA - Glanzstücke
medienMITTWEIDA - Serien

Letzte Kommentare
Nachrichten
Markus zu "iCloud" soll Kultobjekte vernetzen am 10.06. um 14:35 Uhr
Jack Bristow zu Nutzer machen sich strafbar am 06.06. um 10:29 Uhr
Jacob zu Ist Justitia noch blind? am 05.06. um 23:50 Uhr
Chris zu Ist Justitia noch blind? am 02.06. um 17:47 Uhr
Johannes zu Nutzer machen sich strafbar am 02.06. um 11:23 Uhr
Bildergalerien
medienMITTWEIDA zu Wellenreiter wollen Hochschulsportler werden am 03.06. um 19:05 Uhr
Andreas zu Wellenreiter wollen Hochschulsportler werden am 03.06. um 14:02 Uhr
Alexander Maack zu Nachrichten als Comic am 24.10. um 16:35 Uhr