aktualisiert am Mittwoch, 3 September, 2008

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FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG vom 31. Juli 2008, Seite 4

Vordringlicher Bedarf an einem nutzlosen Projekt

Ausweichende Antworten der Bundesregierung zum Bau des Saale-Elbe-Kanals /
Ein Frachtschiff im Monat / Von Robert von Lucius

MAGDEBURG, 30. Juli. Ausweichender und nichtssagender hätte die Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage im Bundestag kaum sein können: Für „das Vorhaben an der Saale" sei zunächst das laufende Raumordnungsverfahren abzuwarten, bevor über das weitere Vorgehen und die Baureife entschieden werde. Beim „Vorhaben" geht es um den Bau eines Kanals an der Mündung der Saale in die Elbe, dessen Kosten auf 80 bis 100 Millionen Euro geschätzt werden. Die CDU/ SPD-Koalition in Magdeburg hält den Schleusenkanal für erforderlich. Er soll die Saale von Halle bis zur Mündung in die Elbe ganzjährig für Schiffe mit einer Ladung bis zu 1350 Tonnen befahrbar machen. Der Bundesverkehrswegeplan stuft ihn als vordringlich ein – spätestens im Jahr 2020 soll der 7,5 Kilometer lange Kanal fertig sein.

Gegen den Bau hat sich eine breite Front gebildet: die Fraktionen der Grünen in Berlin und der Linkspartei in Magdeburg; eine Allianz von 18 Umweltschutzgruppen; Wissenschaftler der Universität Halle, die in einer Studie den Seitenkanal als nicht nur ökologisch schädlich, sondern auch als unwirtschaftlich einstufen. Eine Unterschriftenaktion, die im September in Berlin und Magdeburg übergeben werden soll, haben bisher 5600 Gegner unterzeichnet.

Die Landesregierung will mit einer leistungsfähigen Binnenschifffahrt auf Elbe und Saale, so der verkehrspolitische Sprecher der CDU-Fraktion in Sachsen-Anhalt, Andre Schröder, auch „die Entwicklungspotentiale der Häfen nutzen". Damit weist er auf den schon fertigen Ausbau des Saale-Hafens in Halle hin, den viele für einen Schildbürgerstreich halten. In den Hallenser Hafen wurden 30 Millionen Euro investiert. Dreißig Schiffe könnten dort gleichzeitig abgefertigt werden - in den letzten beiden Jahren legte dort aber kein einziges Frachtschiff an. 205 000 Tonnen Fracht sei im ersten Quartal dieses Jahres im Hafen Halle umgeschlagen worden, meldet die Hafenbehörde – zwei Drittel mit Lastwagen, ein Drittel über die Schiene und „null" Tonnen zu Wasser. Ein wesentlicher Grund liegt darin, dass die Saale sich auf ihren letzten Kilometern vor der Mündung in die Elbe in Schlaufen windet und flach ist. So ist dort wie in der mittleren Elbe eine verlässliche Schifffahrt für Frachtschiffe nicht möglich.

Befürchtet wird, dass der Bau des Saalekanals anschließend ein Argument für die Vertiefung der Mittelelbe wäre. Die Elbe ist einer der letzten natürlich fließenden Ströme Europas. Die Entscheidung über ihren Ausbau schiebt die Politik zwar noch vor sich her, ohne den Ausbau der Elbe wäre jedoch der Bau des Saale-Elbe-Kanals „völlig nutzlos", sagen Umweltgruppen im Umkreis des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND). Der Saalekanal soll drei Meter tief werden, die Elbe hat nur durchschnittlich 1,4 Meter Wassertiefe. Derzeit ist die Binnenschifffahrt auf der Elbe wenig rentabel: Wie auf den letz-len Saalekilometern schwankt auch hier der Wasserpegel. Für voll beladene Europaschiffe, die 90 Meter lang und 9,5 Meter breit sind, war die Mittelelbe in den vergangenen vier Jahren nur an durchschnittlich 88 Tagen befahrbar. Eine Schifffahrt lohnt sich erst von tausend Tonen Fracht an. Da voll beladene Schiffe derzeit weder an der Saalemündung noch auf der Elbe oberhalb von Magdeburg ganzjährig verlässlich fahren können, verzichten Reeder ganz auf Fahrten: nicht nur der Hafen von Halle ist leer, auch in die Saalemündung fährt allenfalls ein Frachtschiff pro Monat ein.

Die Bundesregierung ist bemüht, jedes Aufsehen um das Kanalprojekt zu vermeiden. Die neun Fragen der Grünen-Fraktion im Bundestag wurden mit nichtssagenden Sätzen beantwortet, konkrete Fragen etwa die nach der geplanten Tiefe der Fahrrinne, gar nicht. Der Saale-Elbe-Kanal wurde umbenannt in „Schleusenkanal Tornitz ohne Wehr". Derweil aber werden die Ufer mit Schotter befestigt und in der Fahrrinne Buhnen aufgeschüttet. Nach diesem Muster wurde schon der Flussausbau bei Magdeburg vorangetrieben. Dort kritisieren Naturschützer, dass die Verschönerung der Ufer reizvolle Naturräume verschandele. Der Elberadweg ist einer der beliebtesten deutschen Fernradwege. Zudem weisen Kritiker darauf hin, dass durch den weiteren Elbeausbau nicht nur die wertvollen urwaldähnlichen Auenwälder – an der Mündung der Saale in die Elbe liegt ein Unesco-Biosphärenreser-vat -, sondern auch Überschwemmungsräume verlorengingen, die bei Hochwasser als Rückhaltebecken dienen könnten.


Kommentar: Wer will das?

Die Grüße aus Schilda haben mal wieder einen ostdeutschen Absender. Der Stadt Halle an der Saale meinte die Politik etwas Gutes zu tun, indem sie ihr einen Binnenhafen mit dreißig Anlegeplätzen spendierte. Ob nach der vermutlich feierlichen Einweihung mit Schiffssirenen dort jemals etwas anderes als ein Vergnügungsdampfer angelegt hat, ist nicht überliefert. Seit zwei Jahren wurde jedenfalls kein Frachter mehr gesehen. Umgeschlagen wird dort von Lastwagen auf Eisenbahnwaggons und umgekehrt. Schuld daran ist angeblich die mangelnde Passierbarkeit der Saale. Deshalb sollen nun weitere Millionen in einen Kanal investiert werden, der einem der landschaftlich und kulturhistorisch reizvollsten Abschnitte des Flusses die Betonfaust ins Gesicht schlagen würde. Aber erst dann hätte man endlich den Vorwand, den sich vor allem die Hamburger seit langem herbeiwünschen, um auch die Elbe zu kanalisieren. Dieses Projekt aber bringt den Aufbau Ost um seinen letzten Kredit. Wenn sich die Sachsen-Anhalter nicht selbst gegen solche Geldverschwendung wehren, werden es andere tun müssen. Dt

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