12.05.2004
Des Führers Mufti - Der Begriff des Islamo-Faschismus ist historisch nicht korrekt

Wohin gehört der islamische Terrorismus? Ist er wie John Gray meint der Zwilling der Globalisierung oder aber das Erbe und in der Nachfolge der europäischen Ideologien? Diese Debatte ist voll entbrannt, die Bezeichung Islam-Faschismus aber ein Konstrukt. So meinen zumindest Sonja Hegasy (Islamwissenschaftlerin) und René Wildangel (Historiker am Zentrum Moderner Orient in Berlin) in ihrem Beitrag in der Süddeutschen Zeitung vom letzten Samstag, dem 8.Mai 2004. Der Begriff - so die Autoren - sollte das Unwort das Jahres werden.

Hier der ganze Artikel:

Der ¸¸Islamo-Faschismus" ist die bisher letzte Wortkreation im Wettrüsten der Antagonismen. Sie dient dazu eine ganze Religion zu diffamieren. Unterschwellig formiert sich hier gerade ein neuer gesellschaftlicher Konsens: ¸¸Wir sind es nicht - es sind die Muslime . . ." Nein, es sind nicht alle Muslime. Weltweit sind muslimische Gesellschaften - trotz Armut und Demütigung à la Versailles - keine faschistischen Gesellschaften geworden. Diesen wesentlichen Unterschied sollte man vor Augen haben, wenn man über eine Konfliktlösung für Nahost nachdenkt.

Antisemitismus ist ein Import aus dem Europa des 19. Jahrhunderts. Ein Beispiel sind die vielfach zitierten ¸¸Protokolle der Weisen von Zion". Das wohl bekannteste antisemitische Pamphlet stammt ursprünglich aus Russland und sollte den Gedanken der ¸¸jüdischen Weltverschwörung" verankern. Die ersten Übersetzungen ins Arabische wurden Anfang des 20. Jahrhunderts von arabischen Christen angefertigt. Sie erhielten aber keine öffentliche Aufmerksamkeit. Erst mit der Eskalation des Palästinakonflikts nach 1948 änderte sich das und heute sind verschiedene Versionen in vielen arabischen Ländern verbreitet.

Es gibt in der arabischen Welt aber keine Europa vergleichbare Geschichte der Judenfeindschaft. Zwar finden sich im Koran ebenso wie im Neuen Testament antijudaistische Textstellen. Aber diese Zitate haben den muslimisch-jüdischen Alltag nicht bestimmt. Zwar braucht man ihre Beziehung nicht zu romantisieren: Juden waren in den muslimischen Gesellschaften genauso wie Christen oft benachteiligt - aber als Nichtmuslime, nicht als Juden. Die Popularität antisemitischer Stereotype heute hat vor allem einen Grund: die hassgeladene Atmosphäre des Nahostkonflikts.

Immer wieder wird als ¸¸Beweis" für die Sympathien des Islamismus mit dem Nationalsozialismus auf die angebliche Nähe der Muslimbrüder zur Ideologie der Nazis verwiesen. Die 1928 gegründete Muslimbrüderschaft richtete sich tatsächlich in ihrem Denken radikal gegen Modernität und Säkularismus der westlichen Welt. Dies war aber mit einer ausdrücklich anti-imperialistischen Haltung verbunden. Ihr Gründer Hasan al-Banna und andere islamistische Führer verurteilten schon von dieser Warte aus verschiedentlich den Nationalsozialismus. So sprach Muhammad al-Ghazali, führendes Mitglied der Muslimbrüder und bis in die neunziger Jahre moderat-islamistischer Vordenker, schon 1939 mit Blick auf Deutschland und Italien von einem ¸¸blinden, chauvinistischen Nationalismus", der die ¸¸Teilung der Menschen in unverträgliche Rassen" zur Folge habe.

Ebenfalls angeführt wird immer wieder die Geschichte der Kollaboration des ¸¸Großmuftis von Jerusalem", Amin al-Husaini, mit den Nazis. Husaini ließ sich im deutschen Exil zwar auf die NS-Politik ein, konnte aber als hitlertreue Marionette in Berlin in den vierziger Jahren keineswegs für die gesamte muslimische Welt sprechen, wie in der NS-Propaganda gerne behauptet wurde. Noch im jüngsten Jugoslawienkrieg wurden die NS-Aktivitäten des Muftis für eine anti-islamische Stimmungsmache instrumentalisiert. Dass es dagegen auch öffentliche arabische Kritik am Nationalsozialismus gab, wie sie der Nahostwissenschaftler Israel Gershoni von der Universität Tel Aviv für die ägyptische Öffentlichkeit gezeigt hat, ist so gut wie gar nicht bekannt. In Ägypten und anderen Ländern, darunter Palästina, Syrien und dem Libanon, wurde besonders im intellektuellen Milieu scharfe Kritik am Nationalsozialismus - und an der Judenverfolgung in Deutschland - geäußert.

Auch die arabischen Führer verhielten sich nicht alle konform: Als Mohammed V., der Großvater des heutigen marokkanischen Königs, vom Vichy-Regime gedrängt wurde, jüdische Bürger deportieren zu lassen, kollaborierte er nicht. Dass hunderttausende arabischer Kolonialsoldaten aus Nordafrika auf Seiten der Alliierten in einem Krieg kämpften, der nicht der ihre war, ist ein weiteres Kapitel arabischer Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg. Die Erinnerung daran ist nirgendwo präsent. Sie passt nicht in das Bild des ¸¸Islamo-Faschismus", dessen Wurzeln allein in den dreißiger Jahren gesucht werden. Vertreter dieser These sehen Antisemitismus nicht als eine hässliche Folge des Palästinakonflikts, sondern vielmehr als ein Grundmotiv. So schrieb der Hamburger Politikwissenschaftler Matthias Küntzel in der taz: ¸¸Die Zuspitzung des Nahostkonflikts hat nicht den Antisemitismus bewirkt, sondern der Antisemitismus jene Zuspitzung."

Der ¸¸Islamo-Faschismus" ist ein Konstrukt, dessen politische Durchschlagskraft nicht unterschätzt werden sollte. Er ähnelt der Totalitarismusthese, deren extreme Verfechter NS-Regime und stalinistischen Terror gleichsetzten. In Ernst Noltes pervertierender Sicht wurde Auschwitz so zur ¸¸asiatischen Tat" verzerrt. Der radikale Islam ist in diesem Sinne auch ein neues Feindbild, welches an die Stelle des abgewirtschafteten Kommunismus treten soll.

Der Begriff ¸¸Islamo-Faschismus" wäre ein Kandidat für die Wahl zum ¸¸Unwort des Jahres". Die in der Ausschreibung geforderten Bedingungen für diesen wenig schmeichelhaften Wettbewerb wären erfüllt: ¸¸Gesucht werden Wörter und Formulierungen aus der öffentlichen Sprache, die sachlich grob unangemessen sind und möglicherweise sogar die Menschenwürde verletzen."





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