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02.02.2012

Ex-Al-Ahly-Trainer Rainer Zobel über das Unglück von Port Said

»Die Fans sind eigentlich friedlich«

Interview: Andreas Bock  Bild: Imago

Rainer Zobel arbeitete in den vergangenen zwölf Jahren mehrfach in Ägypten, unter anderem als Trainer von Al-Ahly. Wir sprachen mit ihm über das Unglück von Port Said und die politischen Hintergründe.

Ex-Al-Ahly-Trainer Rainer Zobel über das Unglück von Port Said - »Die Fans sind eigentlich friedlich«


Rainer Zobel, gestern kamen im Stadion von Port Said mindestens 70 Menschen ums Leben, hunderte wurden verletzt. Man vermutet einen politischen Hintergrund, einen Racheakt des Militärregimes. Wie schätzen Sie die Vorkommnisse ein?

Rainer Zobel: Die Partie wurde in der Presse schon vor Wochen als »Spiel der Vergeltung« angekündigt. Das impliziert einen politischen Hintergrund. Doch ich finde es etwas voreilig, jetzt schon darüber zu urteilen. Man tut jedenfalls gut daran, auch andere Aspekte zu berücksichtigen.



Welche?

Rainer Zobel: Man sollte die ägyptischen Fanszenen genauer betrachten. Wissen Sie, die Fanszenen in Ägypten sind eigentlich friedlich, die Al-Ahly-Anhänger feuern jedenfalls vornehmlich ihre Mannschaft an und zu Auseinandersetzungen kommt es relativ selten. Ein Beispiel: Einmal wurde eine Partie gegen Zamalek SC vor 100.000 Zuschauern nach vier Minuten abgebrochen, weil der Schiedsrichter einen Spieler vom Platz gestellt hatte und die gegnerischen Mannschaft aus Protest das Feld verließ. Ich hatte wirklich Bammel, dass die Fans das Spielfeld stürmen. Denn, auch wenn man nicht pauschalisieren soll, viele Ägypter kennen keine Grenzen, wenn sie Teil einer Masse sind.

Wie konnten Sie die Situation beruhigen?

Rainer Zobel: Wir machten vor den verbliebenden 60.000 Zuschauern ein Trainingsspielchen, Neun gegen Neun. Doch, auch das will ich nicht verschweigen, so endet der Fußball in Ägypten nicht immer. Bei einem Auswärtsspiel am Suez Kanal hätte das jedenfalls ganz anders enden können. Ich erinnere mich etwa an eine Partie mit Al-Ahly bei Ismaily SC. Damals wurde unser Bus völlig zertrümmert. Es flogen faustgroße Steine. 

Was ist die Besonderheit bei Fußballspielen am Suez Kanal?

Rainer Zobel: Ich kann das nicht historisch erklären, ich weiß allerdings, dass es seit jeher eine latente Feindschaft zwischen den großen Klubs aus Kairo und den Hafenvereinen am Kanal gibt. Ich möchte mich da auch nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, doch Al-Ahly spielte gestern eben in einer solchen Hafenstadt, in Port Said.

Wie waren denn die Sicherheitsvorkehrungen zu Ihrer Zeit?

Rainer Zobel: Ich habe bis 2006 in Ägypten gearbeitet. Bis zu meinem Abschied gab es bei solch brisanten Spielen wie Al-Ahly gegen Al-Masri eine massive Polizei- und Armeepräsenz, manchmal versammelten sich 3000 Soldaten auf den Rängen und 1000 Polizisten standen in den Straßen rund ums Stadion. Doch die Checks an den Eingängen waren lächerlich. Da wurde man nicht mal abgetastet. Es gab es auch damals schon Vorfälle, bei denen die Stadiontore eingedrückt oder Steine aufs Spielfeld geschmissen wurden. Es gab auch einige Male Tote. Wenngleich die Katastrophe gestern natürlich eine ganz andere Qualität hat.

Dieses Mal ist ein Großteil der Polizei frühzeitig abgezogen. Selbst der Polizeichef soll in der Halbzeit das Stadion verlassen haben.

Rainer Zobel: Der Gouverneur erschien erst gar nicht zum Spiel. Natürlich, das sind wiederum Punkte, die dafür sprechen, dass es sich um einen Akt der Vergeltung handelt. Zumal sich dieses Spiel normalerweise niemand entgehen lässt. Al-Ahly ist der größte Verein in Nordafrika und der arabischen Welt. Alleine in Ägypten hat er über 30 Millionen Fans.

Wie positionierten sich die Anhänger von Al-Masri und Al-Ahly in der Vergangenheit?

Rainer Zobel: Unter Hosni Mubarak konnte man sich politisch nicht positionieren. Al-Ahly galt sogar stets als Regierungsklub. Im Frühling 2011 waren die Ultras von Al-Ahly dann die Speerspitze der Opposition, der Revolutionäre. Sie schützten die Demonstranten. Sie kannten jeden Winkel des Tahrir Platzes, sie waren ständig vor Ort, denn ihr Hauptsitz liegt nur einen Block entfernt.

Haben Sie schon mit Freunden aus Kairo gesprochen?

Rainer Zobel: Ich werde gleich einen ehemaligen Spieler anrufen, er arbeitet mittlerweile als Funktionär bei Al-Ahly. Ich hoffe, ihm ist nichts passiert.






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