Dienstag, 14. Februar 2012

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Protestsongcontest: "Hymne 2.0" punktete

Die Combo "Rotzpipn & Das Simmeringer Faustwatschenorchester" überzeugte die Jury mit einer alternativen Bundeshymne.

Letztes Update am 13.02.2012, 12:14


Am Sonntag fand das Finale des Protestsongcontest im Rabenhof statt.

Nach der Töchter-Diskussion sorgte die Formation Rotzpipn & Das Simmeringer Faustwatschenorchester am Sonntagabend im ausverkauften Rabenhof für das nächste Kapitel zum Thema Bundeshymne. "Heimat von den amtsbekannten, promillenten Tschecheranten / wo ma sonntags Krone stehlen und gern Trotteln wählen." Mit ihrer alternativen Bundeshymne "Hymne 2.0" überzeugte die siebenköpfige Truppe die Jury und holte mit knappem Vorsprung den ersten Platz bei der neunten Ausgabe des Protestsongcontests. Die Gunst des Publikums konnten sich jedoch klar die Zweitplatzierten Wait For The B-Side, It`s Better sichern, was für lautstarke Zwischenrufe und ein Buh-Konzert sorgte.

Als "Protest gegen alle Hymnen" für Österreich eine besonders "schiache" zu schreiben, war das erklärte Ziel von Rotzpipn, die den von FM4 veranstalteten Protestsongcontest mit wehender Österreichfahne eröffneten. Bereits das dritte Jahr in Folge protestierten sie mit einem Augenzwinkern und in breitem Wienerisch. Moderator Dirk Stermann warnte noch aus Erfahrung vor den geringen Siegeschancen für Protestsongs mit Spaßfaktor. Aber auch das konnte die Jury dieses Jahr nicht abhalten. Juror Ernst Molden lobte die "den Österreichern auf den Leib geschriebene Hymne" seiner "ohnehin schon Schatzis". Auch Falter-Politikredakteurin Nina Horaczek plädierte für "Protest mit Spaß" und FM4-Altmeister Martin Blumenau sprach sich dafür aus, Rotzpipn endlich als den ernsthaften und konzentrierten Protest zu erkennen, der er sei. Besonders gut gefielen der Jury Passagen wie: "Land der Kellerkinderzimmer, Stenzeltown und Komatrinker / schunkeln hinterm Gartenzaun, ins ORF-Loch einischaun."

Kopf-an-Kopf-Rennen

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Zwar ernteten die Simmeringer jede Menge Applaus, doch das wurde von Startnummer 2, Wait For The B-Side, It`s Better, aus Melk noch bei weitem übertroffen. Mit zwei Stimmen und zwei "ein bissl schlecht gestimmten" Gitarren (Peter Paul Skrepek) sangen sie mit "Wie hat die Börse reagiert?" gegen Kapitalismus an und sich selbst in die Herzen des Publikums: "Und gibt`s einmal ein Erdbeben läuft der Spekulant zu Höchstform auf / und jeder neue Tote ist ein Punkt im Kursverlauf." Aber auch die Jury fand größtenteils lobende Worte. Für Kolumnistin und Autorin Doris Knecht war das Duo das erste gute Beispiel für einen "Wandel im Feindbild": statt gegen Autorität werde heuer eher gegen komplexe Phänomene der Ökonomie protestiert. Ex-Kulturgewerkschafter Peter Paul Skrepek zeigte sich trotz Gitarrenkritik textlich sehr beeindruckt und Musikerin Christina Nemec fand die Umsetzung "super".

In der Beratungspause der Jury sollten eigentlich die Gewinner des letzten Jahres, die Gebrüder Marx, auf der Bühne stehen. Sie schickten jedoch Vertretung und so machte Der Nino aus Wien die Pausenunterhaltung. Punkte gab es dann von der Jury aber nicht nur für die beiden Favoriten. Generell herrschte Uneinigkeit, was die Spannung bis zur letzten Sekunde aufrecht erhielt. Zweimal die Höchstpunktzahl und damit Platz 3 konnten auch wos i sig mit "Erwin" für sich verbuchen. Die kamen von Nina Horaczek und Martin Blumenau, der seine Wahl damit begründete, dass die Hymne gegen den niederösterreichischen Landeshauptmann noch am ehesten "ein bisschen Syrien in sich trage und als einziges Lied des Abends für den Interpreten ernsthaft gefährlich werden könnte", denn - Nachsatz Dirk Stermann - "Raiffeisen hört alles!" Auch Gregor Fröhlich und die Krisenstimmung konnten mit ihrer Nirvana-Adaption "Rate Me" punkten, genauso wie die rappenden Steirer there is something to be learned ("Wir können alles, alles / nur nicht glücklich sein") und Johanna Zeul aus Deutschland mit "Ich will mehr".

Mehr Basisdemokratie?

Das Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Wait For The B-Side und Rotzpipn entschied schließlich Doris Knecht mit der letzten Punktevergabe des Abends und erntete dafür prompt ein lautstarkes Buh-Konzert. Bei der zweiten "Hymne 2.0" des Abends war der Saal schon deutlich geleert, was die Gewinner aber nicht weiter störte: "Wahrscheinlich sind wir`s nur geworden, damit wir kein viertes Mal wiederkommen!" Vielleicht sollten sich die Macher des Protestsingens überlegen, anlässlich der Jubiläumsausgabe im nächsten Jahr, einmal das Publikum in das Wertungssystem einzubeziehen. Etwas Basisdemokratie würde einem Revoluzzer-Event wie dem PSC sicher gut zu Gesicht stehen.


Der erste Protestsongcontest fand 2004 statt. FM4 und das Rabenhof Theater suchten damals anlässlich des 70. Jahrestags der Februarunruhen 1934 die wildesten und emphatischsten Protest-Sänger. Von den ersten Gewinnern Georg Freizeit und den Rosaroten hört man heute nichts mehr. Aber auch bekannte Namen der jungen österreichischen Musikszene wie Christoph und Lollo, Hörspielcrew, Mieze Medusa oder Der Nino aus Wien haben in den letzten Jahren ihr Protestpotenzial unter Beweis gestellt. Bis auf Mieze Medusa allerdings nicht siegreich. Letztes Jahr konnten die Gebrüder Marx mit dem Wienerlied "Hättma, kenntma" Jury und Publikum von sich überzeugen.


Letztes Update am 13.02.2012, 12:14


Artikel vom 13.02.2012 08:49 | APA, red. | | « zurück zu Kult


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