Bayern 2 - IQ - Wissenschaft und Forschung

Im Kreißsaal der Natur Vor El Hierro wird ein Vulkan geboren

Die meisten Vulkane entstehen unter Wasser - in der Tiefe des Ozeans und meist fernab wissenschaftlicher Messinstrumente. Als "Sechser im Lotto" feiern Vulkanologen, dass vor der kleinsten Kanareninsel ein neuer Vulkan entsteht.

Autor: Christina Teuthorn / Redaktion: Gerda Kuhn Stand: 09.02.2012

Erst bebte auf El Hierro die Erde. Dann bildete sich im Oktober 2011 vor der Südspitze der kleinsten Kanareninsel so etwas wie ein Whirlpool im Meer. Gase sprudelten vom Meeresboden nach oben. Und dann färbte sich das Wasser braun: Ein Unterwasservulkan begann, Asche und Schlamm zu spucken. Als sich eine kleine Fontäne mit Magma-Brocken zeigte, war bereits ein Team des spanischen meereskundlichen Instituts IEO mit einem Forschungsschiff vor Ort und vermaß mit Echoloten und Tauchrobotern den neuen Vulkan auf dem Meeresboden. Bei der ersten Tiefenmessung war er bereits hundert Meter hoch und lag noch 300 Meter unter der Wasseroberfläche. Mitte Januar lag die Spitze nur noch 130 Meter unter Wasser.

Der Vulkan hat durch mehrere Eruptionsstellen Lava auf dem Meeresboden aufgetürmt: Nach Berechnungen der Wissenschaftler sind es inzwischen 145 Millionen Kubikmeter. Einen Teil des Magmas schleudert der Unterwasservulkan nach oben, an die Meeresoberfläche. Von Zeit zu Zeit treiben daher glühende und rauchende Pyroklasten auf dem Wasser – mit Gasen gefüllte, geschmolzene Gesteinsformationen.

Spektakuläre Wassergeburt

Der Vulkanologe Francisco Pérez Torrado von der Universität von Las Palmas vergleicht die Vulkanaktivität enthusiastisch mit einem Blick in den Kreißsaal der Natur.

"Wir haben die Schwangerschaft bemerkt, als unsere Messinstrumente Erdbeben auf der Insel aufzeichneten. Am 10. Oktober, als Material des Unterwasservulkans an die Wasseroberfläche gelangte, wurde sie sichtbar. Das Baby wurde geboren und wächst weiter. Das beobachten zu können, ist ein Ereignis von herausragender Bedeutung für die Wissenschaft."

Prof. Francisco Pérez, Universität Las Palmas de Gran Canaria

Zum ersten Mal können Vulkanologen auf den Kanaren die Eruption eines Unterwasser-Vulkans mit Messgeräten aufzeichnen und daher bewusst mitbekommen, freut sich Nemesio Perez, der Leiter des Vulkanologischen Instituts der Kanaren.

Naturschauspiel - Meerwasser neutralisiert Vulkangase

Hubschrauberflug über Eruptionsstelle

Jeden Tag überfliegen er und seine Mitarbeiter mit Spezialhubschraubern die Eruptionsstelle, um Thermobilder der Meerwassertemperatur aufzunehmen und die Gaskonzentrationen in der Atmosphäre zu analysieren. Denn obwohl das Meerwasser viele Vulkangase bindet, entweicht ein großer Teil an Schwefeldioxid und Kohlendioxid noch in die Atmosphäre. Videoaufnahmen des Naturschauspiels  stellen die Wissenschaftler täglich ins Internet:  Wasserflächen in leuchtendem Blau, Weiß und Türkis  - ein Teppich, der mittlerweile so groß ist wie die Insel selbst . Für die Arbeit der Experten interessiert sich auch eine immer größer werdende Fangemeinde in aller Welt interessiert. Besonders spektakulär ist die Wasserdampf- und Gasfontäne, die der Vulkan seit November immer wieder ausspuckt – zusammen mit glühenden Pyroklasten. 

"Man kann sicher viel von El Hierro lernen - nicht nur über einen Vulkanausbruch, sondern auch, wie ein Ökosystem mit dem plötzlichen Ausstoß an Gasen zurechtkommt. Nicht nur Vulkanologen, auch Geochemiker, Geophysiker, Ozeanografen und Meeresbiologen werden aus dieser Eruption interessante Informationen gewinnen - für die gesamte internationale wissenschaftliche Gemeinschaft."

Nemesio Perez, Leiter des Vulkanologischen Instituts der Kanaren, INVOLCAN

Meeresfauna - stark bedrohte Artenvielfalt

Für das Leben im Meer ist der Vulkanausbruch im Unterwasser-Naturschutzgebiet zunächst eine Katastrophe. Tote Fische trieben nach der Eruption an der Wasseroberfläche. Und erste Unterwasseraufnahmen zeigten keinerlei Lebewesen im Wasser.

"Der Ausstoß von Schwefel und Metangasen sowie die hohe Wassertemperatur töten die Fauna im 'Meer der Stille'. Aber mittelfristig wird die Eruption eine Quelle des Lebens werden."

Javier Ariz, Meeresbiologe und Direktor des IEO, des spanischen Instituts für Meereskunde

Doch immerhin: Im Januar waren auf den Aufnahmen der Tauchroboter erstmals Quallen zu sehen: Sie leben in 130 Metern Tiefe, wo das Magma austritt.

Der Traum von einer neuen Insel

Rauchende Lavabrocken auf dem Wasser, so nah kommen nur die Kameras der Wissenschaftler

Wie sich das Leben im Meer erholen wird, hängt stark davon ab, wie sich die Eruption weiter entwickelt. Sie scheint inzwischen langsmer zu verlaufen. Doch die Vulkanologen wissen nicht, wie sich der Prozess weiter gestalten wird und wie langer er noch andauert. Nur eines scheint klar: Damit vor El Hierro eine neue Insel entsteht, müsste der Vulkan noch gehörig an Tempo zulegen.

"Dem Vulkankegel fehlen noch 130 Meter bis an die Wasseroberfläche. Da er zwar kontinuierlich, aber sehr langsam Magma ausstößt, braucht er sehr, sehr lange, um auch nur einen Meter zu wachsen. Er wird es vermutlich nicht an die Oberfläche schaffen. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass eine neue Insel entsteht."

Maria José Blanco, Leiterin des Krisenstabs auf der Insel und der kanarischen Abteilung des Instituto Geografico Nacional IGN

Literatur-Tipps

  • Juan Carlos Carracedo: Los volcanes de las islas canarias - canarian volcanoes. Band IV: La Palma, La Gomera, El Hierro. Editorial Rueda S.L., 2008.

Sehr gute Einführung in die Entstehungsgeschichte und Eigenarten der kanarischen Vulkane mit wissenschaftlichen Informationen und ausführlichem Teil zu El Hierro (allerdings vor dem Vulkanausbruch).

Der Vulkan im Netz