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Wolf Schneider

Wolf Schneiders Webdiary

10.8.2003

Das erste Mal ...

Heute ist der erste Tag meines Webtagebuchs - wie aufregend! Dies mein erster Eintrag. Ich schreibe zwar schon seit neun Jahren (wieder - als Jugendlicher und Student hatte ich auch schon Tagebuch geschrieben), aber diese täglichen Notizen bisher nicht öffentlich.

Nun will ich den publizierbaren Teil (haha, was ist publizierbar?) meines Tagebuchs auf diese Webseite stellen. Alle paar Tage ein neuer Text.
Ich nenne es "Tagebuch fürs Wesentliche", weil ich immer auf der Suche nach dem Wesentlichen bin, jeden Tag, jede Stunde. Herauszufinden was wesentlich ist, habe ich mir als Lebensaufgabe gesetzt, deshalb habe ich auch unter die Zeitschrift »connection«, die ich herausgebe, als Untertitel »Das Magazin fürs Wesentliche« geschrieben. Klingt ganz schön anmaßend, finde ich, beides, das »Magazin fürs Wesentliche« und das »Tagebuch fürs Wesentliche«. Aber insofern ich damit meine Suche und die tägliche Aufgabe meine, ist es wahr: Ich will - in Kommunikation mit anderen - herausfinden, was wesentlich ist, für sie und für mich.

Kantors Kompendium

Heute habe ich Besuch bekommen von einem Eremiten aus Frankreich namens Gerd. Er will erstmal noch in Deckung leben, deshalb hier nur der Vorname. Gerd lebt dort seit über 10 Jahren in einer Schäferhütte in den südlichen Cevennes, ohne Strom, ohne Telefon. Sein Platz ist nur zu Fuß zu erreichen, selbst sein Crossbike muss er das letzte Wegstück schieben. Dort arbeitet er an einem Werk, dass mir in seiner Größe Respekt abnötigt: Er trägt Textstellen zusammen, die sich mit dem Absoluten befassen und bei denen er sich intuitiv sicher ist, dass sie es getroffen haben. So hat er schon ein paar tausend Stellen exzerpiert, aus Büchern und Periodika, darunter ein paar hundert jeweils zu den Themen "Geist", "Macht", "Seele". Bisher sind bei dieser Arbeit aus 10 bis 15 Jahren mehr als drei Regalmeter Ordner zusammen gekommen, ein großer Schatz, den er hütet als wären sie sein einziges Kind. Sein Werk nennt er "Kantors Kompendium", von "Kantor", dem Vorsänger in der Liturgie der europäisch-christlichen Tradition. Selbst sprachschöperisch tätig zu sein ist ihm nicht wichtig, er will vor allem schon vorhandene Texte, die das neue Paradigma des Weltgeistes ausdrücken, systematisch erfassen. Damit sieht er sich u.a. in einer Traditionslinie mit Hölderlin, der ihm sehr ans Herz gewachsen ist und dessen Texte ihm seine Außenseiterrolle ertragen helfen.

Erstaunlich an Gerd ist nicht nur der schier größenwahnsinnige Anspruch seines Werks, sondern vielleicht mehr noch die Beharrlichkeit und Geradlinigkeit, mit dem er es verfolgt. Er lebt dort in Frankreich von 15 Euro im Monat, schreibt auf einer alten, mechanischen Schreibmaschine, liest und ordnet ein und liest weiter und ordnet wieder ein, unentwegt, er lässt sich einfach nicht ablenken.

Diesem verrückten, einsiedelnden 'Vorsänger' war es wichtig genug gewesen, den weiten Weg von Freiburg über Tübingen zu uns in Oberbayern zu unternehmen, per Bahn (das Ticket hatte ihm jemand gesponsort) und dann die letzen 12 km per Fahrrad, alles das in der Affenhitze dieses Jahrhundertsommers. Drei Stunden später fuhr er wieder ab, mit gut beladenem Bike, ich schämte mich fast ihm noch ein aktuelles connection Magazin und unser Special "Rituale" mitzugeben, das sind doch alles Papiergewichte ... aber die scheut er nicht. Er mag Bücher und verabscheut Computer. Das wird es nicht leicht machen, sein Werk zu publizieren.

"Ich will - in Kommunikation mit anderen - herausfinden, was wesentlich ist, für sie und für mich."

Wolf Schneider

Wolf Schneider, 10.8.2003

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