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wiederaufbau der paulskirche 1947-48.  
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Foto:Nagel

der eigentliche Baubeginn auf dem Gelände der 1786 abgebrochenen gotischen Barfüßerkirche (bzw. Franziskanerkirche), Frankfurts evangelischer-lutherischer Hauptkirche, war das Jahr 1789, doch erst am 9. Juni 1833 wurde der bis dahin Centralkirche genannte Rundbau eingeweiht und in Paulskirche umbenannt. Die über vierzig Jahre währende Zeit der Fertigstellung wurde hauptsächlich durch die Wirren der Napoleonischen Kriege und der damit verbundenen finanziellen Notlage der Stadt mitverursacht. Zeitweise war der leerstehende Rohbau des Kirchenbaus als schlichtes Warenlager und gar als Futtermagazin zweckentfremdet!

nach einem Entwurf des Stadtbaumeisters Joh. Andreas Liebhardt, später vollendet durch den Stadtbaumeister Joh.Friedrich Christian Heß entstand ein für seine Zeit sehr moderner, streng klassizistischer Bau, räumlich die größte aller Frankfurter Kirchen. Vor dem elliptischen Zentralbau steht ein viergeschossiger Turm. Mitten hineingebaut in den gewachsenen Organismus der Altstadt mit den vielen alten Häuschen wirkte der runde Kirchenbau aus rotem Sandstein mit seinen damals imponierenden Abmessungen (40x30 m, 28 m bis Traufhöhe) allerdings wie ein eingezwängter Fremdkörper.

blick in die Paulskirche. Zu sehen sind der Altar, die Orgel und die Zwischengeschosse mit ihren auf Säulen gelagerten Emporen. Auf der Galerie und in der Rotunde waren Platz für rund 2000 Menschen. Jahrzehntelang diente sie neben ihrer Funktion als Frankfurts evangelischer Hauptkirche auch bei großen übergemeindlichen Zusammenkünften, politischen und kulturellen Veranstaltungen als Versammlungsraum. Über die deutschen Grenzen hinaus ist die Paulskirche als Tagungsstätte des ersten deutschen Nationalparlamentes 1848 bekannt geworden.

1848 war das Jahr der Französischen Revolution, der Funke aus Paris sprang über. Nun lehnte sich auch das deutsche Volk gegen die Macht der Fürsten auf, man hoffte auf die Verwirklichung nationaler Einheit und Freiheit der nur lose zusammengefaßten deutschen Kleinstaaten sowie einer liberalen Umgestaltung durch eine Verfassung. Ein sogenanntes "Vorparlament" beschloß die Ausschreibung allgemeiner Wahlen zu einer verfassungsgebenden Nationalversammlung in Frankfurt. Die Begeisterung in der Stadt kannte keine Grenzen, Triumphbogen wurden an vielen Straßen errichtet; Balkons, Laternenpfähle, sogar die Masten der Schiffe am Main waren mit Fichtenreisen geschmückt und beleuchtet. Unter tausenden Fahnen, Transparenten, Glockengeläut, lautem Geschützdonner und dem Jubel der Massen zogen am 18. Mai 1848 die Abgeordneten der Ersten Deutschen Nationalversammlung in die Paulskirche ein. (Bild unten)

dort entstand nach langen Debatten eine Reichsverfassung mit einem -nach amerikanischem Vorbild- geschaffenen Grundrechtekatalog. Aus der Paulskirche war nun ein Gebäude der Demokratie geworden; der Altar wurde verhängt und die Kanzel wurde zur Rednertribüne.

bereits im September 1848 wird die Demokratische Bewegung nach Barrikadenkämpfen durch überwiegend preußische Truppen zerschlagen, die in Frankfurt rund 50 Menschenleben kosteten. Im Mai 1849 verläßt das Parlament das Gebäude. Nach dem schnellen Scheitern der ersten parlamentarischen Demokratie führte die Paulskirche wieder ein stilleres, weniger aufsehenerregendes Leben als Gotteshaus.

bis zu ihrer Zerstörung 1944 nannten auf den Sitzbänken noch Messingschilder die Namen der bekanntesten Abgeordneten von 1848, darunter "Turnvater Jahn" und Heinrich von Gagern.

 

Zerstörung und Wiederaufbau

der letzte Sonntagsgottesdienst in der Paulskirche fand am 12. März 1944 statt. Einige Tage später stand der riesige Raum der Paulskirche in hellen Flammen, glühte durch die enorme Hitze der Brände aus und stürzte samt Dach in sich zusammen, es standen nur noch die 28 m hohen Umfassungsmauern. Das Kreuz, das einst auf der Turmspitze stand, hing traurig vom Dach herunter. Aus den Trümmern der niedergebrannten Altstadt ragte die massive Ruine der Paulskirche wie der Torso eines antiken Tempels in den Himmel. Auch die Paulsgemeinde bestand nun nicht mehr, da die Altstadt nach den Luftschlägen vom März 1944 schlichtweg keine Bewohner mehr hatte!

im Gegensatz zum Goethehaus gab es keine grundsätzlichen Diskussionen um einen Wiederaufbau der Paulskirche, die "Wiege der deutschen Demokratie" sollte auch dem demokratischen Neubeginn symbolisch zur Verfügung stehen. Doch die Frage war, ob das Gebäude so wieder errichtet werden sollte, wie sich die Kirche im Jahre 1848 dargestellt hatte. Dies wurde leider verworfen, man müsse "für das deutsche Volk ein Bauwerk schaffen, das schlicht und einfach sei, jedoch allen künstlerischen Ansprüchen genüge." Aufgrund der gravierenden baulichen Eingriffe in die historische Substanz der alten Paulskirche läßt sich bis heute streiten, ob ein in der deutschen Geschichte so wichtiges Bauwerk damals nicht doch besser hätte in seiner ursprünglichen Gestalt wieder aufgebaut werden sollen.

 

schon am 11. April 1946, sechs Wochen vor der ersten Kommunalwahl, hatte der von der amerikanischen Besatzungsmacht eingesetzte Oberbürgermeister Dr. Kurt Blaum in einer Sitzung des Bürgerrats davon gesprochen, die Paulskirche wieder herzustellen und sie zum Parlamentsgebäude einer zukünftigen neuen deutschen Republik zu machen, womit er Frankfurt als zukünftige Hauptstadt in die Diskussion brachte. Zur Gestaltung der Kirche sollte ein Ideen-Wettbewerb ausgeschrieben werden. Eile war durch den Termin der 100-Jahr-Feier des ersten deutschen Parlaments gegeben, der im Mai 1948 begangen werden sollte. Länger verhandelt werden mußte mit der Evangelischen Kirche, bis von dort die Zustimmung vorlag, daß die Stadt allein über die Nutzung der Paulskirche verfügen konnte. Die vormalige Ratskirche, die alte Nikolaikirche , wurde anstelle der Paulskirche dem evangelischen Gottesdienst der Paulskirchengemeinde zur Verfügung gestellt. 1950 wurde schließlich die Katharinenkirche an der Hauptwache offiziell neue evangelische Hauptkirche in Frankfurt.


Foto:Nagel

im Juni 1946 wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben, zugelassen waren alle im Gebiet Groß-Hessens wohnenden deutschen Architekten, Bildhauer und Maler. Ausgeschlossen diejenigen, die vom Nationalsozialismus belastet waren. Gefordert wurde ein Bau, der "gleichermaßen Kirchenraum als auch Tagungsstätte sein sollte", "ohne Auflagen in Richtung Rekonstruktion", so besagte es die städtische Ausschreibung. Vorschläge waren bis zum 16. September 1946, 12 Uhr mittags einzureichen; an Preisen wurden ausgesetzt: ein 1.Preis von 3000 Reichsmark, ein 2.Preis von 2000 Reichsmark und ein 3.Preis von 1000 Reichsmark. Ab dem 20. Oktober wurden der interessierten Bevölkerung knapp vier Wochen lang schließlich 109 eingegangene Entwürfe in der Weidenborn-Mittelschule vorgestellt. Im bitterkalten Winter 1946/47 beschließt die Stadtverordneten-Versammlung, "die Paulskirche nach den vorgelegten Plänen mit einem Gesamtkostenaufwand von 2,7 Mill. Reichsmark wieder aufzubauen" und zugleich das "politisch Visionäre und Bekenntnishafte" dieses "Kraftaktes" durch den zeitgleichen Wiederaufbau der teilweise zerstörten Friedrich-Ebert-Siedlung zu ergänzen, um Kritik an dem teuren Paulskirchen-Projekt von vielen tausend notleidenden und frierenden Frankfurtern in diesen schweren Tagen abzufangen.

 

Mainzer Landstraße, Friedrich-Ebert-Siedlung

die ab 1930 gebaute Arbeitersiedlung im Gallusviertel wurde 1944 stark zerstört. 1946 versuchte die städtische AG für kleine Wohnungen sie wieder bewohnbar zu machen. Das gründlich vorbereitete Projekt drohte an den unzureichenden Zuteilungen von Baumaterialien zu scheitern, als im Kreise von Magistrat und Stadtverordneten der Wunsch laut wurde, den Wiederaufbau der Paulskirche doch symbolisch mit der Wiederherstellung einiger Wohnungen innerhalb dieses ausgesprochenen Arbeiterwohnviertels zu verbinden. So wurde schließlich knapp eine Stunde nach dem ersten Spatenstich an der Paulskirche am 17. März 1947 auch der Wiederaufbau der Friedrich-Ebert-Siedlung in Angriff genommen.

während aber für den Paulskirchenbau aus ganz Deutschland Steine, Zement und Holz in Frankfurt eintrafen, gingen die Arbeiten an der Wohnsiedlung nur sehr schleppend voran. Im Juli 1947 berichtete ein Abgeordneter dem Stadtparlament über den daraus folgenden Unmut in der Bevölkerung und drängte auf Fortschritte. So wurde der Oberbürgermeister Walter Kolb überparteilich aufgefordert, sich persönlich um die Ebert-Siedlung zu kümmern. Kolb fand daraufhin den zugkräftigen Titel "Jahrhundert-Siedlung" für das Projekt, und damit konnte der Plan doch noch verwirklicht werden, wenn auch nicht ganz fristgerecht. Immerhin zogen wenige Wochen nach der Hundertjahrfeier der Deutschen National-Versammlung am 18. Mai 1948 die glücklichen Mieter in 103 wiederaufgebaute Wohnungen ein. Die vielen notdürftig und eng zusammenhausenden Frankfurter empfanden die Wiederherstellung der ersten Nachkriegswohnsiedlung in ihrer Stadt als ein wichtiges Ereignis, als einen Hoffnungsschimmer im Wohnungselend. Das war kurz vor der Währungsreform ein erster Erfolg, vor allem für den Oberbürgermeister und seine Partei.

 

Spenden für die Paulskirche

der neu gewählte Oberbürgermeister Walter Kolb rief im Januar 1947 energisch zur Mithilfe auf: "Die Demokratie, die wir nun wieder errichten, braucht auch ihr Vaterhaus. Alle deutschen Städte und Gemeinden sollen die Paulskirche wieder aufbauen, von außen und von innen, im Stein wie im Geiste. Wieder soll die Paulskirche den ehrwürdigen Raum bilden, in dessen aufsteigendem Rund das deutsche Volk zu Aussprache und Feier sich immer wieder versammelt." Die Paulskirche müsse, "koste es was es wolle, bis zum 18. Mai 1948 fertig sein", so Kolb.

es wurde festgestellt, daß für den Wiederaufbau des Nationaldenkmals nicht allein Geld gebraucht wurde, sondern Materialspenden aller Art. Gespendete Lebensmittel waren zudem erwünscht, um die Bauarbeiter bei Laune zu halten. Es wurde sowohl nach Fachleuten wie auch nach Trümmerbeseitigern gesucht, die dafür dann eine Ehrenurkunde erhielten: "Er hat am freiwilligen Bürgereinsatz für die Trümmerbeseitigung teilgenommen und damit einen demokratischen und sozialen Aufbauwillen bewiesen, für welchen die Stadt Frankfurt durch diese Ehrenurkunde dankt". Im März 1947 war in der Lindenstraße 27 ein "Büro Paulskirche" eingerichtet worden. Von hier aus wurden alle deutschen Länder zu Geld- und Sachspenden aufgefordert und der Wiederaufbau koordiniert. Die Bürgervertretung gab zudem viel Geld für begleitende Werbemaßnahmen frei. Mit Kalendern, Broschüren, Kinospots, Plakaten, Dias und Zeitungsanzeigen warb Frankfurt für die Unterstützung des Vorhabens. Zur Finanzierung trug auch eine Lotterie bei.

Bild: Gleich einer antiken Ruine stehen die ziegelsteinernen Säulenschäfte des Innenraums, die einstmals die Emporen trugen, sie wurden beim Neuaufbau abgerissen.

viele Städte und Gemeinden, die seinerzeit selber in größten Nöten steckten, brachten in jedweder Form Spenden auf -von Wein und Zigarren für die an dem Bau Beteiligten bis zu einer kompletten Orgel für die Kirche. Auch aus dem Ausland wurden Spendengelder gesammelt. Unten: Auszug aus der Spendenliste.
  • Bad Gandersheim: 1 Waggon Gips
  • Gemeinde Anspach/Taunus: 1.000 Arbeitsstunden
  • Gemeinde Bergen-Enkheim: 5 Zentner Äpfel
  • Gemeinde Brackwede im Kreis Bielefeld: 10.000 Kalksteine
  • Gemeinde Ebersbach a.d. Fils: 1 Waggon Gipsersand
  • Industrie und Handelskammer der Bizone: Fußboden der Paulskirche
  • Kreis Fulda: 20 t Kalk
  • Land Thüringen: Holzspende im Wert von rund 30.000 Mark
  • Landkreis Kochem: 100 Flaschen Wein
  • Landkreis Leipzig: 5.000 Klinkersteine
  • Landkreis Lichtenfels: Muschelkalksteine
  • Landkreis Rügen: 1 Waggon Kreide
  • Landkreis Sondershausen: elektrotechnisches Installationsmaterial
  • Oberlahnkreis/Weilburg: 1 Taufbecken aus Marmor
  • Ruhrkreis Ennepe: sämtliche Türschlösser
  • Saline Bad Wimpfen: 1 Waggon Gips
  • Stadt Bad Orb: 2.000 Zigarren
  • Stadt Bernkastel-Kues: 50 Flaschen Wein
  • Stadt Bockenem: 3 Zentner Zement
  • Stadt Brandenburg: 25 Sack Zement
  • Stadt Deggendorf: Werkgranit
  • Stadt Düsseldorf: 1 Fenster
  • Stadt Elbingerode: Kalk
  • Stadt Freiburg im Breisgau: 18 Zentner Bronze
  • Stadt Hamm: Nägel für 500 Reichsmark
  • Stadt Hannov.Münden: 1 Waggon Eichenstämme
  • Stadt Herdeeke: Ruhrsandstein für Treppenstufen
  • Stadt Krefeld: Ausstattung aus Samt und Seide
  • Stadt Marburg an der Lahn: 1 Bank, 1 Gestühl, einige Waggons Sand
  • Stadt Markdrewitz: 5 fm Holz
  • Stadt Mühlacker: 25 kg Leim
  • Stadt Neckarsulm: 1 Maßstab und 1 Hobel
  • Stadt Neuötting: 2 Waggon Kies
  • Stadt Niederlahnstein: 200 kg Drahtstifte
  • Stadt Passau: 1 Fenster
  • Stadt Rothenburg o.d.T.: Werkstück aus Muschelkalk
  • Stadt Schmalkalden: Bauholz und Werkzeuge
  • Stadt Solingen: Beschläge für Fenster und Türen
  • Stadt Straubing: 4.500 Ziegelsteine
  • Stadt Trier/Landkreis Trier: 1 Fuder Wein
  • Stadt Vilbel: Mineralwasser
  • Stadt Wittlich: 1 Eiche
  • Stadt Zell/Mosel: 100 Flaschen Wein
  • Stadt/Landkreis Ludwigsburg: 1 Orgel

baubeginn und feierliche Grundsteinlegung war am 17. März 1947 unter strahlenden Frühlingshimmel. Oberbürgermeister Kolb gab um acht Uhr morgens mit einem ersten Hammerschlag das Zeichen zum Beginn des Wiederaufbaues der Paulskirche. Die Arbeiten begannen mit der Einmauerung einer Kassette, die die Darstellung der Zerstörung der Paulskirche, den Beschluß des Stadtparlaments zum Wiederaufbau und die neuen Baupläne enthielt. Die Urkunde im Grundstein lautete: "Heute beginnen wir mit dem Wiederaufbau der Paulskirche. Sie wurde zerstört, weil wir die sittlichen Gesetze mißachteten. Mögen unsere Nachkommen sich selbst überwinden, über die Grenzen hinaus allen Völkern die Hand reichen. Dies ist unser Wunsch und unser Vermächtnis."

die Architektengruppe um Professor Rudolf Schwarz aus Köln mit den Frankfurter Architekten Gottlob Schaupp (er hatte den 1.Preis des Wettbewerbs gewonnen) und Johannes Krahn wollten dem Bau eine "mönchische Strenge und Bescheidenheit" verleihen, auf das "darin kein unwahres Wort möglich sein sollte". Die neue Paulskirche sollte eine weltoffene Bühne werden, von der aus "große nationale und übernationale Gedanken ihren Weg in die Welt nehmen". Sie wurde vor allem in den Innenräumen stark verändert wiederaufgebaut, die Außenfassaden blieben weitestgehend erhalten. Wie erhofft kamen für den Paulskirchenbau aus ganz Deutschland Steine, Zement und Holz, die Arbeiten gingen gut voran, schon am 8. November 1947 wurde das Richtfest gefeiert.

 

der einstige 28 Meter hohe Kirchenraum wurde neu unterteilt, die alten Säulen samt ihrer Emporen und die untere Decke wurden nicht wiederhergestellt, zu ihrer Erinnerung wurden Lichterketten von der Decke gehängt (Abb rechts). Eine großflächige Verglasung ersetzte die traditionellen Sprossenfenster. Der Saalboden wurde vier Meter angehoben, dadurch entstand ein darunterliegendes Foyer mit einer Wandelhalle und ein zusätzlicher Keller mit Garderobenablage, Nebenräumen und Telefonanlage. Fenster wurden in die Außenmauern gebrochen, die Eingänge für den Wandelgang vertieft. Wegen dem starken Mangel an Holz wurde das einstmals hohe Mansarddach durch ein Flachdach ersetzt, im Bild oben sieht man die Montage der Kuppel, einer elektrisch geschweißten Rohrkonstruktion mit einem Durchmesser von 38 Meter und einer Höhe von vier Meter durch die altbekannte Frankfurter Firma J.S.Fries Sohn .


Foto:Sobek-Sietzen

worüber zu dieser Zeit nicht öffentlich gesprochen wurde, waren weitergehende Überlegungen der Stadt mit dem Bau der Paulskirche als Tagungs- und Plenarstätte den Bundestag nach Frankfurt holen zu können. Das geht aus Akten des Magistrats hervor, die vorsahen im geplanten Bau "600 Abgeordnete mit Tischen" unterbringen zu können. Doch die stille Hoffnung, an dieser traditionellen Stätte die Wiedergeburt eines demokratischen deutschen Staates vollziehen zu können, mußte schon bald aus politischen Gründen wie aus Rücksicht auf die für ein Parlament ungünstigen Raumverhältnisse der Paulskirche aufgegeben werden. Stattdessen baute die Stadt auf dem Gelände der ehemaligen Pädagogischen Akademie an der Bertramswiese 1949 ein modernes Parlamentsgebäude ; - es half alles nichts: Am 3. November 1949 entscheidet sich das Bundesparlament mit 200 gegen 176 Stimmen gegen Frankfurt für die Stadt Bonn als provisorische Hauptstadt des geteilten Westdeutschlands.

 

18. Mai 1948 - Einweihung zur Hundertjahr-Feier der ersten deutschen Nationalversammlung

der große Tag rückte näher. Einige Tage vor der Wiedereinweihung wurde in Bremerhaven ein Sternlauf von Fackelträgern zur Paulskirche gestartet. Am Pfingstsonntag, dem 16. Mai 1948 begann die Festwoche zur Jahrhundertfeier mit einem umfangreichen Programm von kulturellen Veranstaltungen, wissenschaftlichen, politischen Konferenzen und Tagungen. In den Räumen des Kunstvereins an der Eschenheimer Anlage wurde eine 1848-Gedächtnisausstellung eröffnet.

dienstag, der 18. Mai war in Frankfurt ein Halbfeiertag. Städtische Ämter und Dienststellen waren geschlossen, die Polizeistunde war während der Festwoche bis Mitternacht verlängert. Viele Gäste aus aller Welt kamen nach Frankfurt, Hotels gab es fast keine in der Stadt, so mußten Frankfurter Bürger ihre Gastfreundschaft unter Beweis stellen und die Gäste in ihren Wohnungen unterbringen. Der Turm der Paulskirche war zu diesem Zeitpunkt noch von einem Stahlgerüst umgeben, die Arbeiten waren dort noch nicht vollständig abgeschlossen. Auch lagen in der Umgebung des Paulsplatzes noch überall Trümmergrundstücke, man deckte sie notdürftig mit Tannenzweigen zu. Als am Nachmittag die sechs Glocken der Paulskirche feierlich zu läuten begannen, befand sich unter ihnen eine aus dem Jahre 1830, die bereits 1848 während des Einzugs der Abgeordneten des ersten deutschen Parlaments geläutet hatte.

alle Veranstaltungen gipfelten in einem feierlichen Akt in der Paulskirche am Nachmittag. Kurz nach drei fingen die Glocken zu läuten an, die geladenen Gäste zogen in den historischen Rundbau ein (Bild oben). Durch die hohen Fenster und die Kuppel schien die helle Frühlingssonne, in den Wandelgängen wurde man von weißen und roten Rosen empfangen, den Farben der Stadt. Generalmusikdirektor Bruno Vondenhoff begann die Uraufführung des von der Stadt in Auftrag gegebenen "Frankfurter Konzertes" von Harald Genzmer. Oberbürgermeister Walter Kolb begrüßte den nach New York emigrierten deutschen Dichter Fritz von Unruh (in der Bildmitte, rechts OB Kolb), der nach langem Exil in seine ehemalige Heimatstadt zurückgekommen war. Er hielt eine bewegende Rede an die deutsche Nation. Ein Empfang durch das hessische Staatsministerium am Abend beendete den denkwürdigen Festtag. Obwohl sich nach einer Zeitungsumfrage viele Frankfurterinnen über die "Stoffverschwendung" für die vielen Fahnen bei den Feierlichkeiten aufregten, waren doch die meisten Bewohner der verwüsteten Stadt wohl sehr stolz auf ihre "neue" Paulskirche!

bis zum heutigen Tag finden in der Paulskirche die geistig und politisch bedeutendsten Veranstaltungen der Stadt Frankfurt statt, als Kirche wurde sie nach dem Krieg nicht mehr genutzt. Der Friedenspreis des deutschen Buchhandels sowie der Goethepreis der Stadt Frankfurt werden hier als international begehrte Auszeichnungen des Geistes -und Kulturlebens verliehen. Unter den Preisträgern des Goethepreises nach dem Krieg waren unter anderen die Dichter Thomas Mann (1949), Carl Zuckmayer (1952), der Architekt Walter Gropius (1961), der Schriftsteller Ernst Jünger (1982) und der Regisseur Ingmar Bergman (1976). Auch wichtige Staatsgäste hielten hier ihre Reden, am 25. Juni 1963 war beispielsweise der amerikanische Präsident John F. Kennedy zu Gast.

rechts: der vollbesetzte Innenraum im Jahre 1958.


Foto:Kerner


Foto:dpa

an der Außenwand der Paulskirche befinden sich eine Reihe von Gedenktafeln, die ältesten hatte die Stadt Frankfurt schon 1898 neben dem Haupteingang der Paulskirche anbringen lassen, sie galten der Erinnerung an das Erste Deutsche Parlament und die Deutsche Nationalversammlung. Beide bronzenen Gedenktafeln wurden während des zweiten Weltkrieges entfernt und im Karmeliterkloster aufbewahrt. Sie waren durch Bombensplitter stark beschädigt. Die Tafeln wurden nach dem Krieg durch Bildhauer instandgesetzt und im April 1953 an der alten Stelle zu beiden Seiten des Haupteinganges der Paulskirche anmontiert. Weitere Tafeln an der Paulskirche gedenken an den Bundespräsident Professor Theodor Heuss (1884-1963) und dem 1963 ermordeten amerikanischen Präsidenten John F.Kennedy. Genau drei Jahre nach seinen bedeutenden Besuch in Frankfurt ließ die Stadt am 25. Juni 1966 an der Ostseite der Paulskirche ein Porträt-Relief von dem Frankfurter Bildhauer Georg Krämer zur Erinnerung anbringen .

bild links: Bei der Verfassungsfeier am 11. August 1926 war an der Paulskirche ein Erinnerungsmal für den ersten Reichspräsidenten der Weimarer Republik, Friedrich Ebert, enthüllt worden. Die Gewalthaber des "Dritten Reiches" scheuten sich nicht, die Skulptur für die Metallsammlung im Jahr 1940 zu entfernen. Am 25. Todestag des Reichspräsidenten, am 28. Februar 1950, konnte an der wiederaufgebauten Paulskirche das von Bildhauer Professor Richard Scheibe geschaffene Ebert-Standbild wieder feierlich enthüllt werden, um damit das Andenken an die Geburtsstunde der deutschen Demokratie und an den ersten Reichspräsidenten des demokratischen Deutschlands zu wahren.

am Nordportal steht ein Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus . Eine in die Knie gezwungene Gestalt versucht vergeblich ihre Fesseln zu brechen. Auf dem roten Sandsteinsockel stehen die Namen von 54 Konzentrations- und Vernichtungslagern. Professor Hans Wimmer aus München, hatte dieses Mahnmal im Auftrag der Stadtverordnetenversammlung geschaffen, am 24. Oktober 1964 wurde es in einer Feierstunde enthüllt. "Wir wissen", sagte der Stadtverordnetenvorsteher Heinrich Kraft, "daß jene schreckliche Zeit vorbei ist, aber wir wissen auch, daß die Mörder noch unter uns sind. Wir haben noch lange an unserer Vergangenheit zu tragen. Daran soll das Mahnmal erinnern."

bild rechts: Vor dem Turm der Paulskirche, umgeben von vielen Autos, steht ein weißer Kalksteinobelisk mit breitem Sockel, das Einheits-Denkmal. 1903 wurde es zu Ehren der Vorkämpfer der deutschen Einheits- und Freiheitsbewegung errichtet. Auch hier wurden 1941 die bronzenen Originalfiguren eingeschmolzen. Der wenig feierliche Großparkplatz am Paulsplatz, der noch lange Jahre nach dem Krieg bestand, ist heute verschwunden.


Foto:Strache

© JHS, 22.04.05
frankfurt baut auf