Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 9 (2008), Heft 3


 

Luther durfte noch das Tintenfass werfen

Aphorismen zur Religion

von Tobias Grüterich

 

„Gott verlangt nicht die Unterwerfung der Intelligenz,
sondern eine intelligente Unterwerfung.“
(Nicolás Gómez Dávila)

 

Dummheit ist die einzige echte Gotteslästerung.

Blasphemie: alles anstandslos glauben.

Ich beklage nicht den Tod Gottes, sondern die Schändung seines Grabes.

Atheist: jemand, der Gott den Humor zutraut, nicht zu existieren.

Gar nichts mehr zu glauben wäre naiv.

Den Menschen gibt es nicht. Er ist nur die Projektion göttlicher Wünsche.

Entscheidend ist nicht, woran jemand glaubt, sondern was er als richtig erachtet.

Weihnachten kommt der Heilige Geist zu nichts.

Fromme Menschen glauben, was Gott gesagt, Theologen, was Gott gemeint hat.

Nur der Teufel weiß, wie die Welt zu retten wäre.

Höllenstrafen möchte man nicht erleiden, sich aber zumindest verdienen.

Die Seelen, die sich ihm entziehen, betrachtet der Teufel ohne Zorn.

„Es ist alles eitel“ – sogar die Missgunst in diesem Satz.

Wie eitel ist die Weisheit in der Demut!

Unbekehrbar ist der Saulus, der zuvor ein Paulus war.

Sie kam zu ihrer Keuschheit wie die Jungfrau zum Kind.

Asketen werden mit dem Haken geködert.

Nirgendwo gibt es mehr Annehmlichkeiten als in der Hölle.

Wer den Teufel leugnet, wird von ihm heimgesucht. Vielleicht glaubt man ja auch nur an Gott, um religiösen Erfahrungen vorzubeugen.

Der Okkultismus ist unseriös, weil man an ihn nicht zu glauben braucht.

Mancher kommt zur Besinnung, ein anderer nur zum Glauben.

Wäre mein Glaube doch nur so klein wie ein Senfkorn!

Glauben lohnt sich nur in Süddeutschland.

Man kann ohne Gott leben, aber nicht ohne Teufel philosophieren.

Wer heute den Teufel sieht, wird nicht als Seher gefeiert, sondern „eingewiesen“ – im doppelten Wortsinn. Luther, der zu seinem und unserem Glück lange vor Erfindung der Psychiatrie lebte, durfte noch das Tintenfass werfen.

Vom vulgären Atheismus, wie er zum Beispiel unter Ostblock-Aphoristikern üblich war, distanziert man sich entweder durch eine kluge Religiosität oder einen schweigsamen Unglauben. Mir liegt letzteres näher. Atheist sein und trotzdem die Fresse halten: Das ist auch eine Form von Demut – und eine Klugheit, denn Demut beinhaltet die Erfahrung, dass jedem Hochmut die Strafe auf dem Fuße folgt. Schlimmstenfalls verkürzt die Überheblichkeit das Leben; schließlich werden bevorzugt solche Leute von einem herabfallenden Dachziegel erschlagen, die zuvor Witze über Gott oder die ihm heute zur Rechten sitzenden Stellvertreter, Zufall und Schicksal, gerissen haben.

Alle drei Götter muss man besänftigen, jeden auf seine Weise: den lieben Vater im Himmel mit Gebeten, den Zufall mit Statistik und das Schicksal mit einem vorsorglichen Aberglauben, jener Lebensregel, derzufolge man es „nicht drauf ankommen lassen“ dürfe. Wir glauben, damit uns nicht der Himmel, und wir denken, damit uns nicht die Decke auf den Kopf fällt.

 

Zitatquelle: Nicolás Gómez Dávila, Scholien zu einem inbegriffenen Text. Wien: Karolinger, 2006, S. 558

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