Mittwoch, 10. November 2010

Von: VG

Seite ausdrucken
Schließen
Versende diesen Artikel
Send this form
Social bookmarks:
bookmark at mister wongpublish in twitterbookmark at del.icio.usbookmark at digg.combookmark at furl.netbookmark at linksilo.debookmark at reddit.combookmark at spurl.netbookmark at technorati.combookmark at google.combookmark at yahoo.combookmark at facebook.combookmark at stumbleupon.combookmark at propeller.combookmark at newsvine.combookmark at jumptags.com
Keywords:
Fritz Bauer | Ilona Ziok | Tod auf Raten | Film | Nationalsozialismus | Auschwitz-Prozesse | Remer | Eichmann
Fritz Bauer – Tod auf Raten

Ein Kämpfer für Gerechtigkeit

Fritz Bauer
Fritz Bauer (Foto: CV Films 2010)

Fritz Bauer starb am 1. Juli 1968 unter ungeklärten Umständen. „Es ist nicht klar, ob er umgebracht wurde, ob er sich selbst umgebracht hat oder ob es ein Unfall war. Aber darum geht es nicht.“ Nein, für Regisseurin Ilona Ziok dient der Tod Fritz Bauers lediglich als dramaturgische Klammer. Damit beginnt und endet ihr Film „Fritz Bauer – Tod auf Raten“. Und stellt somit den Rahmen dar für eine Dokumentation über die versuchte Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit gegen zahlreiche Widerstände. Interviews sowie filmisches Archivmaterial zeigen die Geschichte eines Kämpfers für Recht und Gerechtigkeit.

KZ und Emigration

Fritz Bauer wurde 1903 in Stuttgart geboren, seine Eltern waren jüdisch. Bauer wurde Richter, er war auch schon früh politisch tätig. Er gehörte der SPD und dem Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold an, einer Organisation zum Schutz der Weimarer Republik. Als er 1933 mit anderen Mitgliedern des Reichsbanners einen Generalstreik plante, wurde Bauer einige Monate in einem Konzentrationslager inhaftiert. Später emigrierte er nach Dänemark, nach der Besetzung des Landes durch deutsche Truppen zog er weiter nach Schweden.

Rückkehr nach Deutschland

Es war ein Gespräch mit einem jungen Deutschen, das Bauer nach Kriegsende dazu bewegte, nach Deutschland zurückzukehren. Dabei tat der Bursche nichts weiter, als über seinen Alltag zu erzählen. Dennoch war diese scheinbar belanglose Unterredung für Bauer ausschlaggebend, denn in die Jugend setzte er all seine Hoffnungen auf eine bessere Zukunft. Er wünschte sich, dass junge Menschen „das Gefühl haben, dass das Leben einen Sinn hat, wenn man für Freiheit, Recht und Brüderlichkeit eintritt.“

Gefährlicher Weg zur Gerechtigkeit

Und für Recht trat Bauer die folgenden Jahre wirksam ein – Recht einfordern zugunsten der während des NS-Regimes unrechtmäßig Verurteilten, Recht durchsetzen gegen die Schuldigen der damaligen Zeit. Dabei hatte er in einem Deutschland, das für eine Aufarbeitung der Geschehnisse noch nicht bereit schien, gegen Widerstände zu kämpfen. „Der Bauer hatte eigentlich nur Feinde“, erinnert sich Heinz Düx, ein Ermittlungsrichter im späteren Auschwitz-Prozess. Doch von seinem Weg ließ er sich selbst durch Morddrohungen nicht abbringen.

Remer-Prozess

Ein erstes aufsehenerregendes Verfahren war der Remer-Prozess. Otto Ernst Remer war in der NS-Zeit bis zum Generalmajor aufgestiegen. Nach dem Krieg bezeichnete er die Attentäter des 20. Juli 1944, die einen missglückten Anschlag auf Hitler verübt hatten, als „Landesverräter“. Bauer vertrat daraufhin als Generalstaatsanwalt von Braunschweig die Anklage gegen Remer. Der Prozess war ein starkes politisches Signal. Bauer ging es nicht um die Verurteilung Remers, er vergaß sogar, am Schluss seines Plädoyers einen Strafantrag zu stellen. Vielmehr legte er Wert auf die Rehabilitierung der verurteilten und hingerichteten Attentäter – die ihm tatsächlich gelang.

Festnahme Eichmanns

Adolf Eichmann
Adolf Eichmann beim Prozess in Jerusalem (Foto: commons.wikimedia.org/Courtesy of Israel Government Press Office, gemeinfrei)

Eine entscheidende Rolle spielte Bauer auch bei der Festnahme von Adolf Eichmann. Als Leiter des „Judenreferats“ war dieser hohe NS-Beamte für die Deportation von Juden in Konzentrationslager zuständig. Er konnte sich nach Kriegsende nach Argentinien absetzen. Fritz Bauer war es, der dem israelischen Geheimdienst Mossad den entscheidenden Hinweis über Eichmanns Aufenthaltsort zukommen ließ. Und zwar direkt, unter Umgehung des eigentlichen Dienstweges – denn Bauer befürchtete, Eichmann könnte von einer undichten Stelle bei den deutschen Behörden gewarnt werden.
 

Auschwitz-Prozesse

Bauer war mittlerweile Generalstaatsanwalt von Hessen. In dieser Funktion gelang es ihm, Einzelklagen gegen Täter des KZ Auschwitz zum ersten Auschwitz-Prozess zusammenzulegen, der ab 1963 in Frankfurt geführt wurde. Mit seinem konsequenten Vorgehen gegen Verbrecher der NS-Zeit machte sich Bauer jedoch viele Feinde. „Wenn ich mein Zimmer verlasse, betrete ich feindliches Ausland“, wird er im Film zitiert. Die Haltung vieler Deutscher zur Nazi-Zeit verdeutlicht wohl auch die Tatsache, dass einige Beamte in Frankfurt vor den angeklagten NS-Tätern salutierten.

Rückschlag

1968 wurden die Bemühungen Bauers um die Durchsetzung von Recht gegen NS-Verbrecher mit einem Schlag ad absurdum geführt. Mit der Verabschiedung eines neuen Gesetzes verkürzten sich die Verjährungsfristen für Beihilfe zum Mord – damit waren die Vergehen aller unter dieser Anklage stehenden NS-Verbrecher rückwirkend verjährt. Die Taten blieben ungesühnt.

Menschenwürde

„Die Würde des Menschen ist unantastbar“, so lautet der erste Artikel des deutschen Grundgesetzes. Veranlasst von Bauer steht er auf Schriftzügen an den Oberlandesgerichten Braunschweig und Frankfurt. Während der NS-Zeit wurde die Menschenwürde mit Füßen getreten. Der Film hinterlässt den Eindruck, dass die Verfolgung ehemaliger Nationalsozialisten nach dem Krieg dennoch so schwierig wie möglich gestaltet wurde. Umso wichtiger, dass es mutige Menschen gab, die gegen diesen Umstand ankämpften – so wie Fritz Bauer.

[VG]