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13Dez/10

Sendung 13/2010: Krieg und Eroberung in der Geschichte des Byzantinischen Reiches

Die Hagia Sophia in Istanbul

Die Hagia Sophia, die größte Kirche Konstantinopels, wurde 1453 in eine Moschee umgewandelt.

Brief von Enea Silvio Piccolomini, 21. Juli 1453: „Es wäre erträglicher, unsre Städte im Feindesland zu verlieren, als aus jenen vertrieben zu werden, die einst den Christen gehörten. Was ist es denn, was wir eben verloren haben? Doch eine Königsstadt, den Sitz des östlichen Kaiserreichs, die Säule des griechischen Volkes, den Thron des zweiten Patriarchen! Weh dir, du einst so weit dich erstreckende Christenheit, wie bist du nun eingezwängt und dem Verderben geweiht!“

Es war eine erschreckende Nachricht, die den italienischen Humanisten Enea Silvio Piccolomini im Juli 1453 zu diesen Zeilen bewegte:

Konstantinopel, die Hauptstadt des Byzantinischen Reiches, war von den Osmanen erobert worden. Wie konnte es soweit kommen? Und was war das überhaupt für ein Reich, das da unterging? Seine Geschichte führt uns weit zurück, in die Zeit der Völkerwanderung…


 
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Wir schreiben das Jahr 476. Gotische Krieger marschieren durch die Straßen Roms. Der letzte Römische Kaiser muss abdanken. Ein mächtiges Weltreich, das über ein halbes Jahrtausend Bestand hatte, haucht seinen letzten Atem aus … Das ganze römische Reich? Nein, eigentlich nur seine westliche Hälfte. Die Erklärung liefert Michael Grünbart vom Institut für Byzantinistik und Neogräzistik an der Uni Münster:

Michael Grünbart: „Das Reich, das 1453 untergegangen ist, war das Byzantinische Reich, oder oströmische Reich. Wenn man den Begriff oströmisch hernimmt, dann wird schon klar, was das Byzantinische Reich ausmachte: Es ist die Fortsetzung des römischen Imperiums, und so verstanden sich auch die Byzantiner.“

Das Byzantinische Reich hatte also die Völkerwanderung überlebt. Doch die Ruhe währte nicht lange. Mit dem Tod des Propheten Mohammed im 7. Jahrhundert begann die arabische Expansion, und erreichte bald die Grenzen des Byzantinischen Reiches.  Von nun an befand man sich in einem dauernden Kriegszustand. Aber auch diese Bedrohung hat Byzanz mit seinen ganz eigenen Mitteln überstanden.

"Das Byzantinische Reich stand zwischen zwei Fronten": Prof. Dr. Michael Grünbart.

"Das Byzantinische Reich stand zwischen zwei Fronten": Prof. Dr. Michael Grünbart.

Michael Grünbart: „Grundsätzlich ist zu sagen, dass die Byzantiner, bevor sie zur Waffengewalt schritten, dachten, Konflikte mit Verhandlungen zu lösen. Das ist ein Modell, das in Byzanz oft sehr gut funktionierte. Das hängt natürlich auch mit der wirtschaftlichen Potenz des Reiches zusammen: Sie können gut Verhandlungen führen, wenn Sie entsprechend gefüllte Staatskassen haben, denn dann können Sie Frieden erkaufen.“

Auf diese Weise war das Byzantinische Reich, trotz großer Gebietsverluste, noch im 12. Jahrhundert eine führende Macht im Mittelmeerraum. Doch dann passierte das Unglaubliche: Konstantinopel wurde erobert – und zwar nicht von den Arabern, sondern von Kreuzfahrern! Wie war das möglich?

Michael Grünbart: „Das Ganze hat den Hintergrund, dass es eine Rivalität zwischen Venedig und Konstantinopel gegeben hat, schon im 12. Jahrhundert. Und in Venedig entwickelte man dann wahrscheinlich die Idee, dass man die Hauptstadt Konstantinopel erobern wollte – natürlich unter dem Deckmantel eines Kreuzzugs.“

So kam es, dass eine beachtliche Streitmacht aus französischen Rittern und venezianischen Söldnern erst nach Palästina aufbrach, dann aber vor den Mauern Konstantinopels landete. Fast ein ganzes Jahr dauerte die Belagerung der Stadt. Nach der Eroberung war die Bevölkerung für drei Tage den Angreifern hilflos ausgesetzt. Das heißt: Plündern, Morden und Vergewaltigen. Aber, so zynisch es klingen mag, man kann das Ereignis auch aus einer anderen Perspektive sehen.

Michael Grünbart: „Der positive Effekt, wenn man davon sprechen kann, ist, dass sehr viele Kunstgegenstände 1204 in den Westen gekommen sind. Wenn Sie heute im westlichen Europa Klöster oder Museen besuchen, dann finden Sie viele Gegenstände, die wahrscheinlich im Zuge des Vierten Kreuzzuges aus Konstantinopel in den Westen gekommen sind. Also so hat eine Katastrophe unser Bild von Byzanz eigentlich auch bereichert.“

Von jetzt an war das Byzantinische Reich nicht viel mehr als ein Stadtstaat – seine politische Macht war dahin. Als Symbol aber hatte Konstantinopel immer noch zentrale Bedeutung.

Michael Grünbart: „Eine Stadt, die über tausend Jahre lang Bestand hat, die schön beschrieben wird, wo man gern hinreist, die Glanz entwickelt hat… es gibt einfach Orte, die im Laufe ihrer Geschichte eine Ideengeschichte entwickeln. Rom ist das beste Beispiel dafür, und bei Konstantinopel war es ähnlich: Konstantinopel hatte auch den Anspruch, nie zu fallen, ewig zu sein.“

Sultan Mehmet II. 'der Eroberer', gemalt von Gentile Bellini

Sultan Mehmet II. 'der Eroberer' nahm 1453 die Byzantinische Hauptstadt ein.

Gefallen ist Konstantinopel aber dann doch. Sein ganzes Umland wurde schon von Osmanen bewohnt. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis der Angriff erfolgen würde. Denn:

Michael Grünbart: „Das war das Prestige des Gewinners, der musste die Hauptstadt so besitzen. Auch wenn er das ganze Umland schon besessen hat – das war einfach das letzte Steinchen, das man haben musste.“

Auf einer Reise durch Europa versuchte der Byzantinische Kaiser, Unterstützung zu bekommen. Doch seine Mühen waren vergeblich: Franzosen und Engländer waren in ständige Kriege verwickelt, die Spanier hatten Probleme im eigenen Land, und der Deutsche Kaiser musste sich mit widerspenstigen Päpsten herumschlagen. So kam es schließlich, wie es kommen musste: In der Nacht vom 29. Mai 1453, um halb zwei morgens, begann der Sturm auf die Mauern. Ein Augenzeuge berichtet:

Augenzeugenbericht 29. Mai 1453: „Alle waren in dieser Nacht auf den Mauern und auf den Türmen zur Stelle. Die Tore waren fest verriegelt, niemand konnte ein- oder ausgehen. Der Sultan hatte angeordnet, dass die weniger Kriegsgeübten und die Alten und die Jüngeren zuerst angreifen sollten, um uns zu ermüden, damit die Kriegstüchtigen, Tapferen und Erfahrenen dann mit um so größerer Wucht und Kraft über uns herfallen könnten. Und so geschah es auch; der Kampf entbrannte wie ein Feuerofen.“

Die Verteidiger Konstantinopels waren den Angreifern chancenlos unterlegen. Bereits sieben Stunden später waren die Truppen des Sultans im Besitz der gesamten Stadt. Was passierte nun mit der christlichen Bevölkerung?

Michael Grünbart: „Sie konnten schon in der Hauptstadt bleiben. Es wurden nicht alle niedergemetzelt, das auf gar keinen Fall. Es war auch nicht so, dass mit der Machtübernahme der Osmanen, mit der Machtübernahme der islamisch geprägten neuen Besitzer Konstantinopels, die Religion irgendwie verfolgt wurde – das war nicht der Fall.“

Zwar haben die neuen Machthaber die Hagia Sophia in eine Moschee umgewandelt, aber alle anderen Kirchen durften weiterexistieren. Konstantinopel bekam nun auch einen neuen Namen: Istanbul.

Ein Beitrag von Henrik Kipshagen

Quellen: Berthe Widmer, Enea Silvio Piccolomini Papst Pius II. Ausgewählte Texte aus seinen Schriften = Festgabe der historischen und antiquarischen Gesellschaft zu Basel an die Universität bei Anlass ihres fünfhundertjährigen Bestehens zum Gedächtnis ihres Stifters (Basel u.a. 1960).
Endre von Ivánka [Bearb.], Die letzten Tage von Konstantinopel. Der auf den Fall Konstantinopels 1453 bezügliche Teil des dem Georgios Sphrantzes zugeschriebenen "Chronicon Maius" (Graz 1954).

Foto: flickr, by-nc-SA jeffm29; Henrik Kipshagen; wikipedia, public domain Mehmed II. Fatih

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