NZZ Folio 01/13 - Thema: Wetten dass . . . ?   Inhaltsverzeichnis

Wissenschaft & Technik

© Anna Sommer, Zürich
Wetten, dass ein Asteroid auf der Erde einschlägt? Linktext
Wetten, dass ein Asteroid auf der Erde einschlägt? (Dirk Asendorpf) …der Bio-Psycho-Sozio-Fussabdruck kommt? (Berthold Rothschild) …wir nur noch Genfood essen? (Beda Stadler) …künstliche Organe gezüchtet werden? (Andrea Six) …die Computer­maus mausetot ist? (Stefan Betschon) …sich Mensch und Tier vermischen? (Güzin Kar) …ein Computer den Pulitzerpreis gewinnt? (Hilmar Schmundt).
Wetten, dass ein Asteroid auf der Erde einschlägt?

Erst käme der Blitz, dann der Knall. Häuser und Brücken stürzten ein, Bäume würden entwurzelt, Lastwagen durch die Luft gewirbelt. Dann würde es dunkel. Hat sich der Staub gesetzt, bliebe ein 500 Meter tiefer Krater zurück. Der Einschlag eines mittelgrossen ­Asteroiden würde die Energie einiger Wasserstoffbomben freisetzen, genug, um eine Millionenstadt zu zerstören oder einen Dutzende Meter hohen Tsunami auszulösen.

Knapp 10 000 derartige Gesteinsbrocken auf einer erdnahen Umlaufbahn sind bisher bekannt, keiner davon stellt eine ernsthafte Bedrohung dar. Doch das wird sich ändern. Astronomen schätzen, dass noch bis zu 100 000 weitere Asteroiden mit einem Durchmesser zwischen 50 und 1000 Metern in Erdnähe unterwegs sind – gross genug, um eine Region zu zerstören, aber zu klein für globale Auswirkungen. Im erdgeschichtlichen Durchschnitt kommt es alle paar Tausend Jahre zu solch einem Treffer.

«Es ist sicher, dass wir bald einen gefährlichen Asteroiden finden werden», sagt Rusty Schweickart. Der Ex-Raumfahrer hat zusammen mit einigen Kollegen einen Plan erarbeitet, wie sich die Menschheit darauf vorbereiten sollte. «Asteroiden sind die einzige globale Naturkatastrophe, die wir schon mit heutigen Mitteln verhindern könnten», sagt der sportliche Mittsiebziger. Entscheidend seien dabei die drei D: Discovery, Deflection, Decision-Making – Entdeckung, Ablenkung, Entscheidungsfindung. «Der letzte Punkt ist mit Abstand der schwierigste.»

Denn je näher ein vorausberechneter Einschlag rückt, desto genauer lässt sich die Bahn des himmlischen Geschosses bestimmen – allerdings nicht als Punkt, sondern nur als 50 Kilometer breiter Streifen, der in einer Schlangenlinie quer über die Erdkugel führt und sich sowohl davor als auch dahinter im All fortsetzt. Irgendwo wird der Asteroid diese Linie durchstossen. Wo genau, lässt sich auch mit den besten Messungen nicht exakt bestimmen. Für jeden Ort auf der Linie kann nur eine Wahrscheinlichkeit berechnet werden.

«Und diese Wahrscheinlichkeit, nicht aber die Linie selber kann man durch ein Ablenkungsmanöver verändern», erklärt Schwei­ckart. Anders als im Hollywoodfilm lässt sich ein herannahender Himmelskörper nicht aus der Bahn schiessen oder gar sprengen. Zu dieser Erkenntnis ist inzwischen auch die Nasa gelangt und denkt über Ablenkungsmanöver mit einem schweren Raumschiff nach, das nahe an den Asteroiden herannavigiert wird und ihn allein durch seine Schwerkraft etwas abbremst oder beschleunigt.

Der Punkt mit der höchsten Trefferwahrscheinlichkeit würde sich dann entlang der Gefahrenlinie von einem Land in das nächste verschieben, bis er sich schliesslich ganz von der Erde entfernt. Genau hierin liegt die politische Sprengkraft: Jeder Versuch, die Asteroidengefahr an einem bestimmten Ort zu vermindern, ­erhöht sie zunächst an einem anderen. Gut möglich, dass der Streit darüber schon im Vorfeld mehr Opfer fordert als die Kollision ­selber.

«Ein klarer Fall für die Uno», meint Schweickart. Zusammen mit seinen Astronautenkollegen hat er einen Plan für die drei D der Asteroidenabwehr erarbeitet und der Wiener UN-Unterorganisation für Weltraumfragen übergeben.

Dirk Asendorpf ist freier Wissenschaftsjournalist; er lebt in Bremen.

…der Bio-Psycho-Sozio-Fussabdruck kommt?

In spätestens zwanzig Jahren werden alle Menschen der fortgeschrittenen Zivilisation mit der sogenannten Anthropologischen Matrix qualitativ und quantitativ voll erfasst sein. Das sieht dann ungefähr so aus:

Heute ist ein aufregender Tag, es ist der 1. Dezember 2033, der Tag, an dem alle Bewohner der Schweiz ihre neue Matrixziffer erhalten. Sie alle haben sich in den letzten zwei Monaten bei der zuständigen statistischen Abzapfstelle Blut nehmen lassen, damit ihr BPS (gesprochen BiPiEss) bestimmt werden kann. BPS ist der Bio-Psycho-Sozio-Fussabdruck aller Einwohner unseres Landes, die älter sind als 16 Jahre. Ich habe die Ziffer 476 zugeteilt bekommen und bin damit recht zufrieden.

Dieser Bio-Psycho-Sozio-Fussabdruck sagt aus, wer und wie ich bin, was ich leiste, was ich der Gesellschaft schulde und was diese wiederum von mir zu erwarten hat. Mit drei Ziffern zwischen 0 und 9 wird mit dieser Matrix ausgedrückt, wie ich in der jeweiligen Altersphase von jeweils 5 Jahren einzustufen bin. Das Gewicht von Bio (Somatik, Genetik) drückt sich in der ersten, dasjenige von Psycho (Emotionalität, Stress-Belastungsfähigkeit) in der zweiten und das von Sozio (Solidaritätspotential, kollektives Bewusstsein) in der dritten Ziffer aus. Die erste Ziffer (bei mir eine 4) steht also für mein biologisches Profil, ihre Einheit ist das «Soma». Die zweite Ziffer steht für die psychische Qualifikation und wird mit der Währung «Limbo» dargestellt (7 davon für mich); die dritte Ziffernstelle beschreibt meine in der Einheit «Nostra» ausgedrückte soziale Kompetenz, sie beträgt in meinem Profil 6 Einheiten.

Dass ich heute die Matrixziffer 476 zugeteilt bekommen habe, will heissen, ich sei im Vergleich zum mittleren Sample meiner Altersgruppe (mit der Matrix 555) 1 Soma im Minus, 2 Limbo und 1 Nostra im Plus. Somit schulde ich der Matrix-Zentralkasse 1 Soma (gegenwärtiger Börsenwert 14 800 Euro), habe aber dafür ein Guthaben von 2 Limbo (à 6500 Euro) und 1 Nostro (à 4000 Euro). Wichtig ist ausserdem, dass meine drei Ziffern möglichst nahe beieinanderliegen, so dass ich auf dem Stellen-, Partner- oder Prognosemarkt als «ausgeglichen» gelten kann. Abweichungen zwischen den Ziffern von mehr als 3 Punkten verpflichten mich, bei einem der eidgenössisch diplomierten und eurozertifizierten Kalibristen um Schutz und Hilfe nachzusuchen, denn das gesellschaftliche Kollektiv erträgt auseinanderdriftende Qualifikationen (es sind dies die «Drifties») nur schlecht.

Erstaunlich ist, dass das Bio-Psycho-Sozio-Modell bereits seit über vierzig Jahren besteht. Noch im letzten Jahrhundert wurde es von Psychiatern und Sozialarbeiterinnen als fortschrittlich gefeiert, weil es die Menschen «ganzheitlich» erfasse und ausserdem mit der WHO-Gesundheitsdefinition übereinstimme, die Gesundheit als Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens definiert.

So also, präziser noch als mit den alten Blutgruppen, wird der Mensch in seinen wichtigsten Funktionen endlich transparent, vermessbar, regulierbar, verwaltbar und verbesserbar. Anders als einst Nietzsche behauptete, ist der Mensch nun «das festgestellte Tier». Und sagen Sie nicht, lediglich 3 Ziffern seien doch zu grob und zu ungenau, um einen Menschen so folgenschwer zu evaluieren – denken Sie doch mal daran, wie sehr bei Standard & Poor’s zum Beispiel ein kleines B+ genügt, um ganze Volkswirtschaften ins Wanken zu bringen.

Mit meiner diesjährigen Matrix von 476 kann ich also sehr zufrieden sein – sie hat mir unter anderem ermöglicht, eine Folio-Wette zu gewinnen.

Berthold Rothschild ist Psychoanalytiker; er lebt in Zürich.

…wir nur noch Genfood essen?

Die spanischen Eroberer mussten 1537 nicht schlecht gestaunt haben, als die einheimische Bevölkerung grausige Knollen aus dem Boden grub, um sie zu verzehren. Allerdings wurde damals in dem Andendörfchen Sorocaba etwas entdeckt, was gar nicht zu entdecken war, hatten doch bereits die Inkas 200 vor unserer Zeitrechnung die Kartoffel für sich entdeckt. Nun müsste man denken, dass eine Pflanze mit dermassen viel Kohlenhydraten, dazu leicht anzubauen, einen raschen Siegeszug antreten würde. Weit gefehlt! Es vergingen 200 Jahre, bis sich die Skepsis gegenüber diesem Novel Food verflüchtigt hatte. Bei Genfood wird dies in den nächsten 20 Jahren geschehen.

Kartoffeln seien giftig oder des Teufels, hiess es einst. Ganz ähnlich ist die Argumentation, die wir von Umweltorganisationen in Bezug auf Genfood kennen. Die Skepsis unserer Vorfahren war berechtigter, schliesslich assen damals einige Menschen anstelle der Knollen die giftigen Früchte. Selbst heute kann man an Dummheit sterben, falls man Unmengen roher Kartoffelschalen verspeist. Damals behauptete man auch, Kartoffeln würden Lepra oder Syphilis hervorrufen. Heute glauben viele, Genfood enthalte unabsehbare Risiken. Noch taucht alle paar Monate eine Studie auf, die zeigen soll, dass Marienkäfer oder Ratten an Genfood erkranken. Keine davon hatte Bestand, meist wurden sie innerhalb einer Woche von anderen Wissenschaftern widerlegt.

Es war letztlich der Hunger in Europa, der den Kartoffeln zum Durchbruch verhalf. Friedrich II. befahl 1764 den Verzehr der Knollen. Wer sich weigerte, dem wurde die Nase abgeschnitten. Heute werden wir mit Bio zwangsgefüttert, obwohl es eigentlich unmöglich ist, «Biokartoffeln» zu ernten. Die Knolle braucht nämlich sehr viel Zuneigung in Form von Pestiziden. Trotzdem droht demjenigen, der über Bio lästert, einiges. Urs Niggli, Direktor des quasireligiösen Forschungsinstituts für biologischen Landbau, oder Ruedi Baumann, ehemaliger Präsident der Grünen und Biobauer, hatten einmal laut darüber nachgedacht, ob der Einsatz von Gentechnik bei Kartoffeln allenfalls nicht sinnvoll wäre. Diesen «Bio-unkorrekten» Gedanken mussten beide zurücknehmen, um nicht geteert und gefedert zu werden. Ich sollte in diesen Wunden nicht mehr herumstochern und den Biobauern Zeit lassen, bis sie selbst zur Gentechnik finden. In der Analytik haben sie es ja längst getan: Die Biobauern wenden Gentechnik an, wenn es darum geht, ihre Züchtungen zu überprüfen. Vor jeder transgenen Pflanze scheuen sie sich aber wie der Teufel vor dem Weihwasser.

Nüchtern betrachtet ist die Gentechnik auch in der Landwirtschaft eine Erfolgsgeschichte. Bereits heute sind 82 Prozent der Baumwolle, die weltweit wächst, gentechnisch verändert. Vom Tampon bis zur Unterwäsche und den Jeans trägt die Anti-Gentech-Protestbewegung Gentechnik und scheint sich davor nicht zu fürchten. Weltweit sind 75 Prozent der Soyabohnen gentechnisch verändert, 32 Prozent des Maises und 26 Prozent des Rapses. Bei uns wird dies verdrängt, auch wenn es heute schwierig ist, irgendein Naschprodukt am Kiosk zu kaufen, in dessen Produktion die Gentechnik keine Rolle spielte. Im Stolz der Schweizer, der Schokolade, findet sich meist Lecithin als Emulgator, das aus gentechnisch veränderten Soyabohnen stammt. Inzwischen kann man das Lecithin so gut reinigen, dass keine Spuren der Genveränderung nachweisbar sind.

So wie heute niemand mehr weiss, warum die meisten Schweizer aufgehört haben, Aluminium zu sammeln, wird mit den Jahren die Furcht vor Genfood verschwinden. Es wird sich niemand mehr finden, der einst gegen die Gentechnik war. Die Furcht wird sich allerdings langsam legen. Gentechpflanzen werden zunächst die Böden rund um die Autobahnen sanieren und die Bahnborde in Blumenbeete verwandeln. Dann wird die erste Erdbeere auf den Markt kommen, die nicht mehr nach Karton schmeckt, sondern wie eine echte Walderdbeere. Die Konsumenten werden begeistert zugreifen. Dass es sich dabei um Genfood handelt, kümmert keinen mehr.

Die Klimaveränderung verlangt ohnehin nach angepassten Pflanzen. Auf den winzigen Äckern, die im zubetonierten Land noch übriggeblieben sind, werden Spezialitäten für die Pharma- und Kosmetikindustrie wachsen, etwa Impfstoffe und Produkte, die ein ewiges Leben versprechen. Tomaten werden sich nicht nur farblich und im Geschmack unterscheiden, den Konsumenten wird auch vorgegaukelt werden, sie würden Krebs und Alzheimer verhindern. Ein Grossteil der Produktion der eigentlichen Lebensmittel ist derweil in die Entwicklungsländer verlagert worden, wo Genfood längst eine Selbstverständlichkeit ist.

Beda Stadler ist Professor für Immunologie an der Uni Bern.

…künstliche Organe gezüchtet werden?

Noch ist es eine Vision: Leber, Lunge oder Herz, künstlich hergestellt und massgeschneidert für den Patienten, der ein Transplantat benötigt. Aber schon bald könnte das Realität werden, dank Tissue-Engineering, einer Technik, mit der lebende Organe im Labor gezüchtet werden: Menschliche Ersatzteile wachsen aus Zellen in den Brutschränken der Spitäler heran, bis sie dem Bedürftigen eingesetzt werden. Wartelisten gehören der Vergangenheit an. Vergessen ist die Angst vor Abstossungen des Immunsystems, denn das neue Körperteil lebte nicht zuvor in einem anderen Organismus. Vielmehr stammt das Ausgangsmaterial vom Patienten und gelangt, nach einem Umweg durch Nährmedien, ausgeformt und aufgerüstet, zurück an seinen Ursprung.

Ein komplettes Herz im Brutschrank zu züchten ist für Simon Hoerstrup, Leiter des Zentrums für Regenerative Medizin des Universitätsspitals und der Universität Zürich, ein grosser Traum. Dar­auf wetten, dass dies auch gelingt, möchte er nicht. Noch nicht. Aber er nähert sich seinem Ziel. Einen seiner nächsten Schritte geht er gemeinsam mit dem Kinderspital Zürich: Kinder mit schweren Herzfehlern werden bald gezüchtete Lungenarterien erhalten. Die neuen Adern sollen nicht nur perfekt einheilen, sie werden sogar mit dem Kind mitwachsen. «Wir hoffen, in wenigen Jahren bereits zur Geburt eines Kindes mit Herzfehler die fertige Lungenarterie liefern zu können», sagt der Forscher.

In der Disziplin des Tissue-Engineering verschmilzt das Expertenwissen verschiedenster Fachgebiete. Zellbiologen liefern die lebenden Bauteile. Hier ist die Stammzellforschung weit gediehen. So lassen sich während der Schwangerschaft Zellen eines Fötus aus dem Fruchtwasser gewinnen, aus denen Hoerstrup Arterien für das heranwachsende Baby bauen kann. Dass auch Zellen von Erwachsenen umprogrammiert werden können, um neue Gewebe zu bilden, ist eine Erkenntnis, für die 2012 der Nobelpreis für Medizin verliehen wurde. Mechanobiologen gewinnen derzeit erste Eindrücke, wie wesentlich die Umgebung einer Zelle für ihre Entwicklung ist. So benötigen Herzmuskelzellen bestimmte mechanische Reize, damit sie lernen, gemeinsam zu schlagen. Aber nur, wenn auch ein Cocktail aus Hormonen und Botenstoffen ihnen ihre Aufgaben einflüstert, reifen die Zellen aus.

Ein immer noch ungelöstes Problem ist die Blutversorgung eines künstlichen Organs. Jede im Körper wachsende, dickere Struktur ist von einem feinen Netz aus Gefässen durchzogen, das Sauerstoff und Nahrung verteilt. Ein dreidimensionales Netzwerk künstlich zu erzeugen ist eine derart schwierige Aufgabe, dass die Lösung seit Jahren auf sich warten lässt. Eine momentan in der Forschung erprobte Möglichkeit besteht darin, mit Drei-D-Druckverfahren ein Netz aus Zuckerfäden auszubringen. Sobald sich Zellen stabil in das Netz fügen, wird der Zucker aufgelöst. Zurück bleiben Kanäle zwischen Zellschichten, welche die Versorgung gewährleisten. Ein anderes Verfahren in der Entwicklungsphase setzt auf künstliche Gerüste, die mit chemischen Botschaften gespickt sind. Diese «intelligenten» Gerüste locken Zellen an, die für den Bau von Blutgefässen nötig sind, so dass sich ein Gefässgeflecht um das Gerüst legt.

Diese Technik öffnet den Organzüchtern einen alternativen Weg: Würde dem Patienten ein Gerüst eingepflanzt, das Zellen für Blutgefässe und Muskeln aus dem Körper zieht, wüchse das neue Herz direkt in der Brust statt im Brutschrank. «Ein Herz im Brutschrank schlagen zu lassen ist eine zu komplexe Aufgabe für die nahe Zukunft», sagt Hoerstrup. Herzklappen, Muskeln und Gefässe einzeln zu züchten lasse sich aber bereits in 5 bis 10 Jahren verwirklichen. So könne man dem Patienten die Einzelteile implantieren.

Tissue-Engineering kommt einer Gralssuche gleich, denn es lockt ewige Jugend und Gesundheit, sobald der Wiederaufbau von Organen steuerbar wäre. Bis dahin schielen die Forscher neidisch auf den Schwanzlurch Axolotl, der verlorene Gliedmassen problemlos neu ausbildet.

Andrea Six ist Wissenschaftsjournalistin der NZZ am Sonntag.

…die Computermaus mausetot ist?

Es gibt heute mehrere Milliarden davon, es werden laufend mehr, und doch ist das Ende nah, ein Massensterben scheint unausweichlich: Die Computermäuse werden nicht überleben. Es wird schon in zehn Jahren schwierig sein, ein solches Computerperipheriegerät zu kaufen, in zwanzig Jahren werden Eltern Mühe haben, ihren kleinen Kindern anhand eines Demonstrationsobjekts zu erklären, was eine Computermaus war.

Um Menschen und Computer einander näherzubringen, experimentierte der kalifornische Ingenieur Doug Engelbart zu Beginn der 1960er Jahre mit neuartigen Eingabegeräten, etwa einem Joystick, einem Hebel unter dem Tisch, der mit dem Knie bedient wurde, oder einem Gerät, das das Wackeln der Nasenspitze auf den Bildschirm übertrug. Die besten Resultate lieferte aber ein Holzklotz auf zwei Rädchen, der von allen Maus genannt wurde. ­Engelbart und sein Mitarbeiter Bill English liessen die Maus 1964 als «XY-Position Indicator for a Display System» patentieren.

Es dauerte noch fast zwanzig Jahre, bis mit Apple eine Firma sich daranmachte, dieses Gerät im grossen Stil zu vermarkten. Als Zulieferer von Apple und als Hersteller von Computermäusen errang die Schweizer Firma Logitech bald Weltgeltung. Die 1981 gegründete Firma brauchte laut Wikipedia mehr als zwanzig Jahre, bis 2003 die fünfhundertmillionste Maus verkauft werden konnte, für die nächsten 500 Millionen waren nur noch fünf Jahre nötig. Bei den «Zeigegeräten» verzeichnet auch noch der jüngste Logitech-Geschäftsbericht einen Umsatzzuwachs im niedrigen zweistelligen Bereich. Es dürfte heute in den entwickelten Volkswirtschaften keinen Büro-Arbeitsplatz mehr geben und kein Home-Office, in dem nicht eine Computermaus greifbar ist. Trotzdem wird dieses Eingabe­gerät bald verschwinden.

Bei mobilen Computern – Smartphones, Tablets oder Notebooks – dient der Finger als Zeigegerät, und auch Tischrechner, deren Absatz rückläufig ist, werden immer öfter mit einem berührungsempfindlichen Bildschirm ausgestattet. Der Finger dient als Maus, oder der Computer selber ist das Eingabegerät: Smartphones und Tablets spüren dank eingebauten Inertialsensoren, was die Hand, die sie trägt, mit ihnen anstellt, wie sie gedreht werden oder gewendet, gekippt oder geschüttelt.

2011 brachte Microsoft zunächst für Gamer ein Kinect genanntes Peripheriegerät auf den Markt, das mit einer Kombination von Kameras und Distanzmessern Gesichter, Gesten und Körperhaltungen erkennen kann. Bald dürfte diese Technik auch bei Bürocomputern vermehrt zum Einsatz kommen, bald wird sie kleiner werden und billiger, um selbstverständlicher Bestandteil der meisten Bildschirme zu sein. Dann werden wir angesichts von Computern gestikulieren, Grimassen schneiden, mit der Nasenspitze wackeln und sie mit einer Kusshand in den Schlafmodus versetzen.

Stefan Betschon ist Informatikredaktor der NZZ.

…sich Mensch und Tier vermischen?

Es heisst Piggy. Oder Porky. Oder, falls einer der verantwortlichen Forscher einen Hang zu mittlerweile antikem Heavy Metal hat, auch Lemmy: das erste lebensfähige Mensch-Tier-Mischwesen der Geschichte. Es besteht zu 99,9 Prozent aus einem Menschen und zu 0,1 Prozent aus einem Schwein. Keine menschliche Sau in Gerhard Polts Sinn, sondern im wörtlichen. Piggy geht aufrecht, trägt Schuhe, spricht, er grunzt aber zwischen den Sätzen, die er seltsam nuschelt. Insofern wäre der Name Lemmy gar nicht so falsch.

Schon Jahrzehnte zuvor hatte die Forschung damit begonnen, menschliche und tierische Anteile zu vermengen, damals noch zu hehren Zwecken wie der Krebsforschung oder der Stammzellentherapie, streng reglementiert und begrenzt durch Gesetze, Ethikkommissionen oder schlicht die technischen Möglichkeiten. Aber Phantasien und Sehnsüchte kennen keine EU-Normen. Wer hätte nicht gern einen Mann mit einem Tiger-Gen oder eine Frau mit Kuheutern? Kinder, die so leise sind wie Fische. Ist doch alles genauso legitim wie kernlose Mandarinen oder zahnlose Kampfhunde.
Und so forschte und züchtete man im Verborgenen. Notfalls würde man sich herausreden: «reine Zufallskreatur, entstanden aus einem Versehen», die Putzfrau hat hineingespuckt, der Wärter die Gläser vertauscht, und jetzt haben wir den gemischten Salat aus Putzfrau Margrit und einer Laborratte.

Aber so war es bei Piggy nicht. Seine Zeugung aus menschlichen Hautzellen und der Eizelle einer Sau musste niemand verschämt vor einem Ethikrat verantworten. Sie wurde von Beginn weg inszeniert als gigantischer medialer Zirkus, gesponsert von einem chinesischen Grosskonzern, aufbereitet als Taschenversion der Schöpfungsgeschichte. Piggy ist Volksheld, Freakshow und Erlebnispark in einem. Jeder seiner Entwicklungsschritte wird zum Medienereignis. Die Zeugung wurde direkt übertragen, die Einpflanzung der drei befruchteten Embryonen in den Uterus einer menschlichen Leihmutter ebenfalls. Zwei verkümmerten, einer nistete sich ein und wuchs heran, wurde geboren und vermessen. Piggy würde schneller altern als ein Mensch, aber intensiver leben, erfuhr man. Es habe die Fähigkeit zur Lautsprache, aber nur begrenzt jene zu moralischem Denken. Nichts sei ihm peinlich. Aus PR-Gründen spricht man von einem undefinierten Geschlecht.

Männer wollen mit Piggy Sex haben und bieten dafür all ihr Geld. Es werden dieselben sein, die sich in den Jahrzehnten davor nach Abenteuern mit aufgespritzten Pornostarlets oder mit Nutten ohne Problemzonen sehnten, animalische Wollust, frei von der menschlichen Fähigkeit zur Scham. Frauen wollen Piggy heiraten oder adoptieren. Es sind dieselben, die früher verurteilte Mörder in Todeszellen ehelichen wollten, sich als Retterin des Verlorenen wähnend, dabei die eigene Bedeutungslosigkeit überspielend. Erhabenheit durch grenzenlose Barmherzigkeit.

Einige sehen in Piggy eine Metapher für den menschlichen Machbarkeitswahn, andere für die endgültige Kapitulation der Religion, den Sieg des Menschen über Gott. Und wieder andere wollen das Wesen nur streicheln oder sich ein Autogramm ergattern. Piggy ist der perfekte Star: alles freundlich erduldend, wenn er dafür nur mit einem guten Essen belohnt wird. Dann hört man ein wohliges Grunzen, aus dem – rückwärts gespielt – einige Fans gar ein Polt-Zitat herausgehört haben wollen: «Es ist gar nicht so wichtig, die Sau kulturhistorisch aufzuarbeiten.»

Güzin Kar ist Autorin und Kolumnistin; sie lebt in Zürich.

…ein Computer den Pulitzerpreis gewinnt?

«Analysten rechnen damit, dass die Firma Tyco International (TYC) einen geringeren Gewinn melden wird, wenn sie am Mittwoch die Zahlen für das vierte Quartal vorlegt. Trotzdem sind sie generell optimistisch bezüglich dieser Aktie…»
Die vorangegangenen Sätze wurden von einem Computer geschrieben und auf Forbes.com veröffentlicht. In der Autorenzeile steht statt eines Namens «Narrative Science». So heisst nämlich die Firma, die den Code für das Schreibprogramm entwickelt hat. Wird diese Software vielleicht irgendwann nicht nur über Börsenkurse schreiben, sondern eine erschütternde Reportage? Und dafür einen Pulitzerpreis bekommen, die höchste journalistische Auszeichnung der USA?

Ich hatte diese Frage eigentlich ironisch gemeint. Aber Larry Birnbaum störte sich nicht daran. Birnbaum, ein bärtiger, lebensfroher Informatikprofessor aus Chicago, ist Mitgründer der Firma Narrative Science. Er ist einer der Autoren, die die Autorensoftware geschrieben haben, die wiederum vollautomatisch Artikel wie den obigen verfasst. Gerade hatte er seinen Vortrag beendet, Ende September auf der Litflow, einem Festival zum Thema Literatur und Internet, in einem heruntergekommenen Gebäude im Schatten des Fernsehturms in Berlin. Pulitzerpreis, warum nicht, sagt Larry Birnbaum und dachte kurz nach: Innerhalb von 5 Jahren, sagte er. Sollte das ein Witz sein?

Rückblende. Vor 17 Jahren sass ich mit ein paar Freunden bei einer ähnlichen Konferenz namens Softmoderne im Haus gegenüber, auf der anderen Strassenseite. Damals ging es um dieses skurrile akademische Nischenmedium namens Internet. Der Facebook-Gründer Mark Zuckerberg ging noch zur Schule, Google gab es noch lange nicht, auch keine iPads oder Smartphones. Und Fotos machte ich auf Film und vergrösserte sie in meiner Dunkelkammer.

17 Jahre später, im September 2012, haben wir es bei der Litflow-Konferenz – rein äusserlich betrachtet – nicht weiter geschafft als fünfzig Meter, auf die andere Strassenseite eben. Aber innerlich leben wir in einer anderen Welt, die aus damaliger Perspektive wie Science-Fiction gewirkt hätte.

Damals redeten wir über Cyborgs, heute sind wir selbst welche: Wir fühlen uns amputiert ohne das Smartphone, und wenn wir keine Anrufe bekommen, haben wir das Gefühl von Phantomanrufen. Wenn wir eine Frage haben, plaudern wir einfach drauflos mit Spracherkennungssoftware wie Siri oder Google Translate. Der Superrechner Watson gewann 2011 eine Million Dollar, als er die Allgemeinwissens-Quizshow «Jeopardy» gewann gegen die damals amtierenden menschlichen Meister. Und fahrerlose Google-Autos haben über 300 000 Meilen zurückgelegt – unfallfrei. Bald könnten sich Autofahrerwitze nicht mehr gegen die Einparkkünste von Frauen richten, sondern gegen die Verkehrstauglichkeit des Homo sapiens: Warum leben Menschen länger als Maschinen? Weil ihnen der Herrgott die Zeit gutschreibt, die sie beim Einparken vertun.

«Computer», so nannte man vor 150 Jahren die unterbezahlten Büroangestellten, die per Hand Rechenaufgaben lösten. Wird das Wort Reporter eine ähnliche Sprachentwicklung nehmen? Elektronische «Reporter» hätten viele Vorteile, sie schlafen nicht, trinken nicht, verlangen keine Lohnerhöhung.

Roboterjournalismus ist heute bereits Alltag. Viele Hunderttausend «Artikel» schreibt Birnbaums Software mittlerweile pro Jahr. Er unterrichtet an der Northwestern University Informatik und Journalismus. «Stats Monkey» hiess die Software zunächst, Zahlenfuchser. Noch 2009 diente sie lediglich dazu, Bibliothekskataloge und Filmarchive zu durchforsten. Doch bald stellte Birnbaum fest, dass seine Nutzer statt Tabellen lieber ausformulierte Texte lesen. Er frisierte seine Zählmaschine um zur Erzählmaschine.

Bisher funktioniert das Übersetzen von Tabellen in Texte ausschliesslich in wenigen zahlendominierten Nischen: Börsenkurse, Firmenergebnisse, Baseballspiele. Die Kunden können auswählen, ob sie einen atemlos-aufgeregten Tonfall bevorzugen oder staubtrockene Sachlichkeit. Besonders gefragt ist Optimismus: «Wir haben schnell festgestellt, dass etwa bei Spielen der Jugendmannschaften niemand von Fehlern und Misserfolgen lesen will, sondern lieber von heldenhaftem Einsatz und herzzerreissenden Niederlagen», sagt Birnbaum: «Unsere Software stellt nun immer das Positive, Heroische heraus.» Das Genre der Spielzusammenfassung sei altehrwürdig, es wurde vor etwa 130 Jahren erfunden. Der Sound der Robotertexte erinnert dabei ein wenig an den klassisch-breitbeinigen Tonfall eines Ring Lardner, einer Sportreporterlegende des frühen 20. Jahrhunderts.

In ein paar Jahren werde ein Grossteil journalistischer Artikel von Textrobotern verfasst, glaubt Birnbaum. Schon sind ihm Konkurrenzfirmen auf den Fersen. Automated Insights aus North Carolina zum Beispiel «schreibt» bereits Millionen von «Artikeln» über Sport. Aber Birnbaum sieht all das nicht als Bedrohung für den Journalismus, sondern als Befreiung: Journalisten könnten sich in Zukunft stärker um die wirklich wichtigen Themen kümmern. Ausserdem entsteht eine neue Berufsgruppe: «Metaschreiber», die Maschinen mit Erzählbogen und Textbausteinen füttern. Auch journalistisch denkende Programmierer sind gefragt, denn bis jetzt kann seine Software nur eng umrissene Tabellen auslesen; neue Themen wie etwa Klimaforschung oder Kriminalstatistiken, geschweige denn Essays in der Ich-Form, würden aufwendige Anpassungen erfordern.

Der Homo narrans, das geschichtenerzählende Tier, erschafft Maschinen in seinem Ebenbild, wie sollte es auch anders sein. Analyse-Bots helfen schon heute beim Auswerten riesiger Datenmengen, zum Beispiel, um Qualitätsmängel in Dialysekliniken zu erkennen. Die Geschichte der Erzählmaschinen steht noch am Anfang, aber schon jetzt zeichnet sich eine ironische Pointe ab: Wenn es so weit ist, dass eine Schreibsoftware für einen Artikel einen Preis bekommt, werden wir die Erzählmaschinen gar nicht mehr als fremde, künstliche Intelligenz wahrnehmen, sondern als banales Werkzeug. Wie eine Suchmaschine. Oder einen Bleistift. Und meine heute gewagt gemeinte Vorhersage dürfte schon bald rührend antiquiert wirken. Binnen 20 Jahren wird eine Erzählmaschine einen Pulitzer bekommen. Und daraufhin eine automatisch generierte Dankesrede halten. Und kaum jemand wird sich noch darüber wundern.

Hilmar Schmundt ist Journalist beim deutschen Nachrichtenmagazin «Der Spiegel».

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