WeltraumlaborColumbia - keiner will sie

Die Idee klang gut: Forschen im All, schwerelos Erkenntnisse gewinnen zum Wohle der Menschheit. Das Columbus-Modul sollte es möglich machen. Die eine Milliarde Euro teure Röhre ist der europäische Beitrag zur Internationalen Raumstation (ISS). Ursprünglich war ihr Start für 2004 geplant. Doch er verzögert sich um Jahre, weil es Probleme mit den Space Shuttles gibt. Sie sollen Columbus nun 2008 in die Umlaufbahn hieven. Doch mittlerweile sind die Experimente veraltet und die Forscher frustriert. Schade um die Arbeit und das viele High Tech.

Seinen Jungfernflug hat das Weltraumlabor Columbus schon hinter sich. Er führte im Mai aber nicht ins All, sondern an Bord eines Transportflugzeugs von Bremen nach Cape Canaveral in Florida. Anfang September wurde Columbus dort staubdicht verpackt, Anfang 2008 soll das Labor zur Internationalen Raumstation (ISS) starten.

So ist es jedenfalls geplant. Doch nach Plan läuft der Aufbau der in 400 Kilometer Höhe um die Erde kreisenden ISS längst nicht mehr. Eigentlich sollte Columbus schon seit November 2004 im Orbit schweben. Doch als der Spaceshuttle Columbia am 1. Februar 2003 während seiner Rückkehr aus dem All verglühte, war klar, dass daraus nichts wird.

Das fast fertig gestellte Weltraumlabor wurde erst einmal wieder zerlegt, um die mehr als 300 Ingenieure, die Columbus gebaut hatten, zu beschäftigen. Sonst hätten viele gekündigt, und ihr Know-how wäre beim Start nicht mehr verfügbar. Der Bau des Labors hatte schon eine Milliarde Euro gekostet, da machten die weiteren 100 Millionen für das »Überbrückungsprogramm« auch nichts mehr. Und wieder stellten die Mitgliedsstaaten der Europäischen Raumfahrtagentur (Esa) einen Scheck aus.

»Für die Ingenieure ist die Wartezeit frustrierend«, sagt Columbus-Koordinator Helmut Luttmann vom Hersteller EADS Space in Bremen. Und nicht nur für sie. Rund 1900 Wissenschaftler haben Experimente aus Medizin, Biologie, Physik und Materialwissenschaft für den europäischen Teil des Weltraumlabors vorbereitet, manche davon schon vor über zehn Jahren. Leicht angestaubt ist auch der Columbus-Zentralrechner. Er arbeitet noch mit 486er-Prozessoren.

Drei Astronauten können gleichzeitig im Columbus-Modul arbeiten. Die Schlüsselrolle in der Montage und Inbetriebnahme des Labors soll Hans Schlegel übernehmen, ein deutscher Astronaut, schließlich wurde Columbus zur Hälfte von Deutschland bezahlt. Sechs der zwölf Laborregale werden trotzdem der Nasa zur Verfügung stehen - als Gegenleistung für den Transport und die Betriebskosten der Forschungsröhre. Nahrungserzeugung im All, Astronautentraining und -medizin stehen im Mittelpunkt der amerikanischen Forschungspläne. Sie dienen vor allem der Vorbereitung eines bemannten Marsfluges.

Von den 404 von der Esa ausgewählten Experimenten stehen ebenfalls manche im Dienst der Raumfahrt. Die meisten Vorhaben nutzen die besonderen Bedingungen im All jedoch, um irdische Prozesse besser zu verstehen. So wollen zum Beispiel Geophysiker der Technischen Universität Cottbus die Strömungsverhältnisse im Erdinneren anhand eines Modells mit dickflüssigem Silikonöl erforschen. Den Verhältnissen unter der Erdkruste entspricht das Experiment aber nur, wenn es in der Schwerelosigkeit durchgeführt wird. Auch das Mischungsverhalten von Flüssigkeiten und die Prinzipien der Kristallbildung lassen sich im All besonders gut studieren.

Anwendungsnahe Forschung oder gar Produktion wird es an Bord des Weltraumlabors dagegen auf absehbare Zeit nicht geben. Zwar will die Esa ein Drittel ihrer Forschungskapazitäten an die Industrie verkaufen, bisher konnte sie aber noch kein einziges Unternehmen dafür gewinnen. Auch für die oft beschworene Herstellung hochwertiger Materialien und neuer Medikamente gibt es bisher keine Kunden. Derzeit fehlt der Esa sogar ein Ansprechpartner für interessierte Unternehmen - die zuständige Abteilung wird gerade umstrukturiert.

Dabei sind der industriellen Forschung und der Nutzung von Columbus als Reklameträger kaum Grenzen gesetzt. Die Esa-Statuten schließen lediglich Vorhaben aus, die in irgendeiner Form mit Waffen, Pornografie, Politik, Drogen, Glücksspiel, Alkohol oder Tabak in Verbindung stehen.

Umso abschreckender ist der Preis der Weltraumforschung. Unter 100.000 Euro geht gar nichts. Wer ein Experiment mit dem Platzbedarf eines Schuhkartons für drei Monate an Bord von Columbus durchführen will und dafür drei Astronautenstunden und 100 Kilowattstunden Energie benötigt, zahlt rund eine Million Euro. Rücktransport des Experiments inklusive. Dabei lassen sich kürzere Versuche in der Schwerelosigkeit auch viel einfacher durchführen, nämlich mit kleinen unbemannten Raketen, an Bord von Parabelfliegern oder in der Kapsel des 145 Meter hohen Bremer Fallturms. Dort dauert die Schwerelosigkeit zwar nur knapp zehn Sekunden, kostet dafür aber auch nur 3000 Euro.

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  • Quelle ZEIT Wissen 06/2006
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