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Strafgebührenfalle Klassenwechsel

22.01.2013 | 24 Kommentare

Es gibt Schnellzüge und es gibt Bummler. Der Schnellzug zeichnet sich dadurch aus, dass er nur an wichtigen Ortschaften hält und folglich – oh Wunder – schnell ist. Genau das Gegenteil gilt beim Bummler: Er lässt kein noch so kleines Bahnhöfchen aus und braucht eine gefühlte Ewigkeit für die gleiche Strecke. Es gibt auch noch einen anderen Unterschied: In Schnellzügen kann man gegen einen Zuschlag ein Billet lösen, in Bummlern nicht. So habe ich es als Kind gelernt.

Nun hat sich das geändert. Die SBB haben im Rahmen ihres Dienstleistungsabbaumarathons die glorreiche Idee umgesetzt, in allen Zügen die Möglichkeit zu streichen, Billete zu lösen. Mit einer Ausnahme: Klassenwechsel sollen weiterhin möglich sein.

Ich wohne in Ipsach, habe seit Jahren das Generalabonnement und fahre seit denselben Jahren regelmässig mit dem Zug durch die Schweiz. In Biel gibt es unter anderem einen Schnellzug nach Zürich, einen nach Lausanne und einen nach Basel. Ausserdem ist da die S3 (ein Bummler) sowie der Schnellzug nach Bern. Die S3 hält wie für einen Bummler üblich in allen möglichen Dörfern, wohingegen der Schnellzug genau in Lyss und Bern einen Stop einlegt.

Der Schnellzug von Biel nach Bern war mal ein Interregio (IR). Vor ein paar Jahren wurde er dann umbenannt zu einem Regioexpress (RE). Ausser dieser Umbenennung blieb aber alles beim Gleichen. Ok, nicht ganz. Das Rollmaterial hat gewechselt – es sind nun haargenau die gleichen Eisenbahnwagen wie die, welche einmal die Stunde nach Zürich fahren.

Da ich oft unterwegs bin, kommt es auch immer mal wieder vor, dass ich mir einen Klassenwechsel gönne. Manchmal ist der Zug einfach zu voll und man ist gerade nicht in der Laune, auf Sardine in der Büchse zu machen. Das ist auch gar nicht so teuer wie es klingt: Nach Bern kostet es mit dem GA 5 Franken, nach Zürich 15. Diese Klassenwechsel konnte man immer im Zug lösen, auch heute ist das in Schnellzügen noch möglich. Ich habe das über die Jahre immer mal wieder getan, zweitweise hatte ich sogar monatliche Klassenwechsel. Letztes Jahr kam das weniger vor – es hat sich mal nach Zürich ergeben, aber nie nach Bern.

Letzten Freitag war es dann mal wieder so weit. Der Schnellzug von Biel nach Bern war voll und ich war müde und wollte mich etwas entspannen. Ich setzte mich also – wie schon duzende Male zuvor – spontan in die erste Klasse und legte den Fünfliber bereit. Als dann der Kontrolleur kam zeigte ich wie immer das GA mit dem Fünfliber zusammen und bestellte einen Klassenwechsel. Genau so, wie ich es ein paar Monate zuvor im Zug von Biel nach Zürich erfolgreich getan hatte – im haargenau gleichen Rollmaterial mit der gleichen Beschriftung von wegen Selbstkontrolle.

Doch an diesem Freitag blieb der Erfolg aus. Der Zugbegleiter verweigerte den Klassenwechsel. Da der Schnellzug von Biel nach Bern ein Regioexpress ist, sei es nicht möglich, einen Klassenwechsel zu lösen. Ich war natürlich verwirrt und fragte ihn, was der Unterschied zwischen einem Schnellzug nach Bern und einem Schnellzug nach Zürich sei. Den Unterschied verstehe ich eigentlich immer noch nicht, aber ich halte nun eine Busse von 70 Franken in Händen. Eine Frechheit! Ich kam mir einfach nur verarscht vor. Ich komme mir auch heute noch einfach nur verarscht vor.

Natürlich will ich das nicht auf mir sitzen lassen. Bis gestern ist es mir nicht gelungen, mit der Inkassostelle der SBB die Sache anzuschauen. Als ich Freitag anrief hiess es, die Bussen werden jeweils um Mitternacht übermittelt. Ich soll also Montag noch einmal anrufen. Gut, das kann ja passieren. Als ich gestern anrief, war immer noch nichts im System. Heute hat es dann geklappt. Die Dame hat mir auf meine freundliche Anfrage, ob sie mir die Busse wegen dem offensichtlichen Missverständnis nicht erlassen können, wörtlich gesagt:

Nein, Sie müssen sich im Voraus ekundigen, jetzt sind Sie halt 75Fr los.

Nicht nur dass ich hier alles andere als wie ein Kunde behandelt werde, die Dame am Telefon hat mir auch noch Schwachsinn erzählt. Sie behauptete, man könne nur in den Zügen Klassenwechsel lösen, wo kein Selbstkontrolle-Zeichen ist. Das ist definitiv falsch – ich konnte im genau gleichen Rollmaterial (also folglich auch mit genau den gleichen Symbolen) von Biel nach Zürich in die erste Klasse sitzen und 15 Franken für einen Klassenwechsel bezahlen.

Nicht einmal die Angestellten der SBB kommen mit dem neuen Gebührenchaos der SBB klar. Wie soll da ein Zugpassagier wissen, wann man einen Klassenwechsel lösen kann und wann man stattdessen 70 Franken Busse aufgedrückt bekommt? Doch es kommt noch schlimmer. Auf Twitter hat mir gestern @railservice verraten, dass es auch RE gibt, wo ein Klassenwechsel möglich ist:

Es gibt aber Ausnahmen: Die RE der BLS nach NE, LU und Lötschberg sind begleitet und auch der SOB Voralpenexpress.

Ich fasse zusammen. Es ist seit einem Jahr nicht mehr möglich, in Zügen Billete zu lösen. Ausser es ist ein Klassenwechsel – dann geht es nämlich bei Schnellzügen. Allerdings gibt es richtige Schnellzüge und Pseudoschnellzüge. RE sind meistens Pseudoschnellzüge und man kann dort keine Klassenwechsel lösen. Ausser der Zug fährt nach Neuenburg, Luzern oder Lötschberg oder es ist der SOB Voralpenexpress. Das sieht man von aussen dem Zug allerdings nicht an. Wer sich dieser logischen und einfachen Regel</ironie> nicht bewusst ist, schlägt sich dann mit dem Inkassobüro herum, welches einem auch noch frech kommt. Ausserdem weiss das Personal selber nicht, welche Regeln gerade gelten.

Gratuliere, liebe SBB. Ihr habt erfolgreich demonstriert, wie ein Monopolist seine Kunden ausnehmen und wie Dreck behandeln kann. Mich sähet ihr in der Privatwirtschaft als Kunde nie wieder!

Kommentare

24 Responses to “Strafgebührenfalle Klassenwechsel”

  1. Philippe Wampfler
    January 22nd, 2013 @ 11:22

    Ich verstehe deinen Ärger. Aber die SBB handeln korrekt: Selbstkontrolle = keine Tickets im Zug. Unwissenheit – und seien die Regeln noch so kompliziert (das ist hier nicht mal der Fall) – schützt nicht vor Strafe. “RE” steht nicht nur auf dem Zug, sondern auch im Fahrplan und auf der Perronanzeige. Du hast eine Annahme getroffen und die war falsch. Das hat weder mit der Monopolstellung der SBB noch mit dem Rollmaterial etwas zu tun.

  2. Denis Simonet
    January 22nd, 2013 @ 11:25

    Ich finde, das ist sehr verwirrend deklariert! Die Selbstkontrolle ist offensichtlich nicht ausschlaggebend für den Klassenwechsel. Daran konnte ich mich nicht orientieren. Und dass ein RE kein Schnellzug ist sollte klar deklariert werden. Meiner Meinung nach braucht es ein Symbol, das anzeigt, ob der Klassenwechsel erlaubt ist oder nicht.

  3. Adrian Brand
    January 22nd, 2013 @ 12:14

    Ja, ich bin auch für ein Symbol! Ich hätte dann noch gerne eins, das mir zeigt, wie warm es im Zug ist, eins das anzeigt ob ich ungestört essen darf, eins das anzeigt ob ich auf der strecke tadellosen handyempfang habe, eins das anzeigt ob die toilette einen tank hat, oder ob die hinterlassenschaften immer noch auf den geleisen verteilt werden und dann noch eins, dass mir zeigt, wo all die anderen Symbole sind, die leider keinen platz mehr hatten auf der aussenseite des Wagens…

  4. Alexander
    January 22nd, 2013 @ 12:14

    Was ist verwirrend deklariert? Es ist doch klar deklariert – Wenn Zug = RE, dann kein Klassewechsel (wobei diese Ausnahmen da abgeschafft werden sollten).

    Wie schon auf Google+ geschrieben, so muss ich mich leider Philippe anschliessen. Die Regeln sind mMn recht einfach; auf der SBB Seite http://www.sbb.ch/bahnhof-services/dienstleistungen/kundendienst/reisen-ohne-gueltigen-fahrausweis-haben-sie-ein-billett-geloest.html findet man:

    Unterschied Regional- und Fernverkehr.

    Im Fernverkehr (IC, ICN, IR und internationale Züge) ist es weiterhin möglich, ohne Zuschlag einen Klassen- oder Streckenwechsel im Zug zu lösen. Der Mindestpreis für einen Klassenwechsel beträgt CHF 10.–. Im Regionalverkehr (RE, R, S, SN) ist dies ausgeschlossen.

    Das ist einfach. Wenn Zug = Fernverkehr (IR, IC, ICN bzw. International), dann Klassenwechsel möglich. Andernfalls nicht.

    Dieses “Selbstkontrolle Piktogramm” besagt nur, das man gar nicht erst ohne Ticket einsteigen darf. Es sagt nicht, das ein Klassenwechsel (un-)möglich sei.

    Ich mein, ich verstehe ja, das die 70 CHF schmerzen. Aber, ja, nun, Unwissenheit und erst recht Fehlinterpretation von Regeln schützt vor Strafe nicht. Die Regeln sind, was das anbelangt, nun wirklich nicht schwer.

    Was das “wie soll ich RE erkennen” anbelangt. Nun, indem man die Augen nutzt :) Es steht am Gleis. Es steht im Fahrplan. Und häufig (immer?) auch am Zug selber.

    PS: Ich arbeite nicht bei der SBB und bin eigtl. auch kein Bahnfan ;)

  5. Alexander
    January 22nd, 2013 @ 12:16

    Mal ehrlich – komm von diesem komischen “Schnellzug” ab. Was ist denn ein “Schnellzug”?

    Relevant ist, ob das Fernverkehr ist, bzw. ob der Zug ein IC, ICN oder IR ist. Nichts sonst.

  6. Chris
    January 22nd, 2013 @ 12:25

    Das wusste ich auch nicht, dass RE keine richtigen Schnellzüge sind und dass man da keinen Klassenwechsel lösen kann. Ich hab das Problem so gelöst dass ich alle Tickets online auf dem iPhone löse.

  7. Denis Simonet
    January 22nd, 2013 @ 12:49

    Adrian, ich habe das Gefühl, du meinst das ironisch :P. Aber im Ernst: Wofür gibt es Selbstkontrollezeichen, wenn man dadurch die eigentlich wichtige Frage nicht beantwortet bekommt?

    Alexander, für viele ist ein IR, IC, ICN und RE ein Schnellzug. In den Köpfen passiert da kein Unterschied. Ich bin überzeugt, dass es viele andere Menschen gibt, die darauf auch noch reinfallen könnten und werden!

  8. Alexander
    January 22nd, 2013 @ 12:52

    Wofür das Selbstkontrollezeichen steht, ist klar. Dafür, das man nicht ohne Ticket rein darf. Wer sich informiert, weiss das.

    Die Unterscheidung “Klassenwechsel möglich: ja/nein” wird nicht daran fest gemacht, ob es ein nicht definiertes “Schnellzugsdinges” ist, sondern ob der Zug im Fernverkehr fährt oder ob nicht.

    Wer sich informiert, der weiss das.

    Sich nicht zu informieren und dann auch noch den offensichtlichen eigenen Fehler zu bestreiten ist etwas “komisch”…

    Fakt ist, die SBB haben da keinen Fehler gemacht.

    Fakt ist, Du hast was Falsch gemacht. Unter anderem, anzuerkennen, das Du uninformiert bist. Du hilft kein noch so grosses “mimmi-mimmi-mimmmi”.

  9. Denis Simonet
    January 22nd, 2013 @ 12:56

    Geh an den Bahnhof Biel. Frag die Passanten, ob der Zug nach Zürich ein Fernverkehrszug ist. Und dann frag ob es der nach Bern ist. Wetten, die meisten werden bei beiden ja sagen?

  10. Alexander
    January 22nd, 2013 @ 13:01

    Egal was die Leute sagen. Mag sein, das viele so uninformiert sind wie Du. Oder gar noch uninformierter. Ist sicherlich so. Ist natürlich kein Argument.

    Steht da IR/IC/ICN dran? Ja/Nein? Wenn ja, dann Klassenwechsel.

    Ehrlich – ich fahre auch täglich Zug. Allerdings nur Winterthur Zürich. Ich weiss nicht, wie ich “Schnellzug” erkennen sollte. Fernverkehr erkennen? Easy. Da steht nämlich IC/ICN/IR dran. Nahverkehr? Easy. Da steht S oder RE dran.

    Jedenfalls habe ich ein Problem damit, sich nicht zu informieren und dann sich auch noch hinzustellen und zu jammern, das man nicht informiert ist und “früher war doch alles besser” zu sagen.

    Gerade bei einem, der auch noch das Piratenlogo führt!

    Das passt nicht.

  11. Denis Simonet
    January 22nd, 2013 @ 15:39

    Ja, ich weiss es jetzt auch. Aber viele andere bestimmt nicht. Ergo: Die SBB muss das besser kommunizieren.

  12. Damian
    January 22nd, 2013 @ 18:02

    Interessanter Beitrag – Wusste nicht, dass ich Klassenwechsel immernoch im Zug lösen kann :-)

    Quitzfrage:
    Was ist der RegioExpress St. Gallen – Chur?
    Ist Fernverkehr (SG-Chur), ist Schnellzug, beinhaltet aber “Regio” im Namen…
    Meiner Meinung müsste es auch ein IC sein, da bedient und kein IC ect. auf dieser Strecke vorhanden (Schnellster Zug auf Strecke)…aber austesten will ich nicht – zu teuer!

  13. Alexander
    January 22nd, 2013 @ 18:14

    Wenn das ein RegioExpress ist, ist es ein RE und somit muss man vorher das billet haben. Nicht von diesen Begriffen wie Schnellzug und so von Denis verwirren lassen. Eigentlich doch einfach :-)

  14. Denis Simonet
    January 22nd, 2013 @ 19:14

    Nein, es gibt RE wo man Klassenwechsel lösen kann. Siehe Tweet von railservice.

  15. Alexander
    January 22nd, 2013 @ 21:51

    Egal. Damian, wie gesagt, lass Dich am besten nicht durch Denis verwirren.

    Besser man geht davon aus, das “keine Billets im Zug kaufbar” _immer_ bedeutet, das man keine Billets im Zug kaufen kann – wenn man in Zügen des Regionalverkehr (RE, R, S, SN) fährt.

    Irgendwelche Spitzfindigkeiten sollte man nur dann bringen, wenn man gut informiert ist. Sonst fällt man damit böse hin und muss gar 70,- Franken Gebühr zahlen. Weil man sich nicht richtig informiert hat.

    Gemäss derzeit verfügbarer, belastbarer Information (-> http://www.sbb.ch/bahnhof-services/dienstleistungen/kundendienst/reisen-ohne-gueltigen-fahrausweis-haben-sie-ein-billett-geloest.html) kann man im RE keinen Klassenwechsel lösen. Von mehr würde _ich_ *nicht* ausgehen.

    Die Regeln sind sehr einfach und gut kommuniziert. Nicht immer nach Spitzfindigkeiten suchen.

  16. Denis Simonet
    January 22nd, 2013 @ 21:58

    @railservice ist der offizielle Twitter-Account der SBB. Wenn man dem nicht glauben kann wem dann?

  17. Alexander
    January 22nd, 2013 @ 22:14

    Egal. Besser auf die sichere Seite gehen und nicht auf so eine Ausnahme bauen. Das würde ich mir eher noch schriftlich holen.

  18. Denis Simonet
    January 22nd, 2013 @ 22:15

    Twitter ist schriftlich und öffentlich ;).

  19. Alexander
    January 22nd, 2013 @ 22:45

    Dann berufe dich darauf, fall hin und jammere wieder rum, weil du dich nicht ausreichend oder überhaupt informiert hast.

    Als Ratschlag für andere taugt das eher nicht.

  20. Denis Simonet
    January 22nd, 2013 @ 23:02

    Das ist lächerlich. Der Webmaster kann genau gleich Fehler machen wie der Sachbearbeiter, der im Namen der SBB auf Twitter die Kunden berät oder der Angestellt, der einem am Schalter Auskunft gibt. Man ist ausreichend informiert, wenn man im Voraus die Firma anfrägt und das würde vor jedem Gericht stand halten.

  21. Alexander
    January 22nd, 2013 @ 23:10

    Was lächerlich ist, musst du ja genau wissen.

    Eine solche Seite wird eher nicht durch einen Fehler gepostet. Posts bei Twitter sind da viel weniger vertrauenswürdig. Aber das wirst du natürlich wild stampfend bestreiten und nicht verstehen.

    Das da oben als Ratschlag zu posten ist jedenfalls kein guter Ratschlag.

  22. Denis Simonet
    January 22nd, 2013 @ 23:11

    Natürlich sind Tweets vertrauenswürdig. Sie kommen von SBB-Mitarbeitern.

  23. Alexander
    January 22nd, 2013 @ 23:22

    qed.

  24. Unerwartete Wendung : Denis Simonet
    February 2nd, 2013 @ 00:06

    [...] mein Erlebnis in der ersten Klasse des Regioexpress von Biel nach Bern habe ich ja berichtet. Nun gibt es Neuigkeiten, die ich unbedingt mit dem Internet teilen [...]

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