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Innovativ sein ihr müsst, ehrwürdige Verlage.

02.12.2012 | 9 Kommentare

Schweizer Verleger haben der Wurzel allen Übels den Krieg erklärt. Wer das angeblich Offensichtliche nicht selber zu sehen vermag, dem möge gesagt sein, dass bösen Zungen zufolge die Suchmaschinen an allem schuld sind. Ringier-Chef Marc Walder behauptet sogar, Google fördere indirekt das Zeitungssterben. Verleger Hanspeter Lebrument kündigt deshalb heute in der SonntagsZeitung an, beim Bundesrat vorstellig zu werden. Seine ehrenhafte Mission: die Schweizer Zeitungen retten.

Was in Deutschland schon länger diskutiert wird, hat nun also wenig überraschend die Schweiz erreicht. Doch so schön die Kampfparolen auch klingen, Marc Walder und seine Gefährten haben die Orientierung verloren. Ich will mit diesem Beitrag versuchen, die Krieger wieder auf den richtigen Weg zu führen.

Beginnen wir mit der folgenden Aussage:

Was Suchmaschinenbetreiber machen, ist eine moderne Art des Diebstahls.

Wie Marc Walder im Interview mit der SonntagsZeitung sagt, sei dies das nächste zentrale Thema des Verbands Schweizer Medien. Zusammengefasst gehe es um Piraterie im Internet. Die Zeitungs- und Zeitschriftenverlage müssen gegen die unlautere Ausbeutung ihrer geistigen Inhalte durch Suchmaschinen wie Google geschützt werden, so Walder.

Ja, es ist einfach mit dem Finger auf Marktgiganten zu zeigen. Da Google sowieso als Datenkrake gilt und von vielen kritisch beäugt wird, ist es ein scheinbar einfaches Spiel, auf diese Art an zusätzliches Geld zu kommen. Auch ich bin der Meinung, dass Google beispielsweise bei Youtube ruhig einen Teil der Werbeeinnahmen an die Urheber abgeben soll. Doch beim Kerngeschäft, der Vermittlung von Inhalten, liegt eine total andere Situation vor. Als direkte Antwort auf die obigen Kampfparolen sage ich deshalb: Unsinn!

Zuerst einmal muss festgehalten werden, dass man mit einem einfachen Vorgang Google anweisen kann, die Inhalte einer Website nicht zu indizieren. Habt ihr also ein Problem damit, dass Google euch in die Suchresultate einbezieht, dann verbietet es einfach. Das bedeutet auch, dass keinesfalls von Aneignung die Rede sein kann – die Verlage haben die Wahl.

Allerdings ist es aus diversen Gründen eine schlechte Idee, Inhalte der Öffentlichkeit vorzuenthalten. Einerseits leidet dadurch die Vielfalt, andererseits blieben viele Besucher aus, die auch den Zeitungen Werbeeinnahmen generieren. Laut Matthias Meyer, Sprecher von Google Schweiz, vermitteln Google-Dienste immerhin bis zur Hälfte der Leser.

Unabhängiger Qualitätsjournalismus ist wichtig für eine gute Demokratie. Doch es sprechen viele Gründe gegen die Einführung einer «Schwerverkehrsabgabe» im Internet. David Herzog hat das ausführlich betrachtet und es ergibt keinen Sinn, seine Punkte hier zu wiederholen. Stattdessen will ich noch ein paar Gedanken zu Paywalls loswerden.

Die Idee einer Paywall halte ich für sinnvoll. Doch Achtung: Bezahlung ist nicht dasselbe wie finanzielle Zuwendung. Mehrwerte für eine Zeitung können auch Verbreitung, Werbeeinnahmen oder gute Kommentare sein. Diese sollten als Zahlungsmittel akzeptiert werden. Das gilt übrigens auch für Musik. Die Band Dope Stars Inc. hat das erkannt und bezieht die Community gekonnt zu ihrem Vorteil ein.

Eine Paywall darf nicht mit einem Kinoeintritt verglichen werden. Was spricht dagegen, die Benutzer eine bestimmte Anzahl Artikel am Tag ohne Bezahlung lesen zu lassen? Wer mehr will, sollte bereit sein, etwas zu bezahlen. Ausserdem muss es eine einfache Möglichkeit geben, für einzelne Artikel zu bezahlen. Wer will schon eine ganze Zeitung kaufen, um genau einen Text darin zu lesen? Eine Möglichkeit ist auch, nur für besonders aufwändige Artikel eine Bezahlung zu verlangen.

Eine Mischung dieser Ideen ist möglich und sinnvoll. Doch das funktioniert nur richtig, wenn Suchmaschinen oft auf die Inhalte verweisen. Es ist der falsche Weg, Google zur Kasse zu bitten. Viel mehr sollte das Internet als Potenzial für ungeahnte Möglichkeiten gesehen werden.

Nun denn, liebe Kämpfer des Verbands Schweizer Medien. Wie das Orakel zu sagen pflegt: Ich kann euch nur den Weg zeigen. Beschreiten müsst ihr ihn selber.

Kommentare

9 Responses to “Innovativ sein ihr müsst, ehrwürdige Verlage.”

  1. Geri
    December 3rd, 2012 @ 21:38

    Habe gerade einen Artikel auf NZZ.ch gesucht; keine Chance, mit Google wars der erste Hit …

  2. igwigg
    December 5th, 2012 @ 02:44

    Was nicht vergessen gehen sollte: Die Verlage wollen ja auch gegen Google-News vorgehen, obwohl Google mit diesem Angebot nicht direkt Geld verdient, respektive keine Werbeeinblendungen hat. Desweiteren haben die Verlage auch die Möglichkeit dort austragen zu lassen. Also sehe ich eigentlich kein Problem…
    Aber anscheinend wollen sie sich jetzt auf der “Geld her, wir sind die Armen”-Schiene bewegen (bzw, stehen bleiben), anstatt sich mal kurz hinzusetzen und eine einfache, schnelle und für alle Beteiligten nützliche Lösung zu suchen.

    Warum nur fühle ich mich durch diese ganze Diskussion an die Musikindustrie erinnert?

  3. Denis Simonet
    December 5th, 2012 @ 16:56

    Es muss diesbezüglich keine Lösung gesucht werden. Ausser Google will in Zukunft Geld von den Verlagen.

  4. robots.txt for Dummies (Verlage) : Denis Simonet
    December 6th, 2012 @ 00:59

    [...] Trauerspiel Leistungsschutzrecht hat den absoluten Tiefpunkt erreicht. Der Deutsche Bundestagspräsident Norbert Lammert empört [...]

  5. Bobo
    December 6th, 2012 @ 14:23

    [Denis Simonet]
    Es muss diesbezüglich keine Lösung gesucht werden. Ausser Google will in Zukunft Geld von den Verlagen.
    [/Denis Simonet]

    Das wäre dochein probates Mittel seitens Google, gegen das schwachsinnige Verhalten der Verlage vorzugehen! ;)

  6. Denis Simonet
    December 6th, 2012 @ 14:24

    Ja, nur wäre es der Sache wohl nicht förderlich… Ich hoffe mal stark, dass das in der Schweiz nicht so weit kommt wie in Deutschland.

  7. Bobo
    December 6th, 2012 @ 14:40

    Deshalb das “:)” am Rande

  8. Denis Simonet
    December 6th, 2012 @ 14:59

    Ah :). Dich könnte übrigens dieser Beitrag von mir noch interessieren: http://www.denissimonet.ch/2012/04/25/das-internet-ist-kein-nazi-regime/

  9. Inkompetenz oder Habgier? : Denis Simonet
    December 9th, 2012 @ 12:41

    [...] den abenteuerlichen Ausführungen von letzter Woche in der SonntagsZeitung äussert sich der Verband Schweizer Medien auch heute [...]

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